Bericht der aktuellen Situation Charkiw (Zerstörung und Wiederaufbau) 27.03.22
Die Partnerstadt Charkiw ist mit 1,5 Mio. Einwohner*innen die zweitgrößte Stadt in der Ukraine und erstreckt sich auf 350 km². Mit 142 Forschungs- und 45 höheren Bildungsinstituten gehört sie zu den wichtigsten Industrie- und Forschungszentren des Landes.
Seit 1990 besteht die Städtepartnerschaft zwischen Charkiw und Nürnberg. Sie entstand im
Zuge der Perestroika, und eines ihrer wichtigsten Anliegen war Versöhnung beim Gedenken
der Schrecken des 2. Weltkriegs. Die Partnerschaft wird von vielen Beteiligten getragen. In
der Vergangenheit gab es zahlreiche Begegnungen von Jugendgruppen, Schulklassen,
Künstlerinnen und Künstlern, Fachleuten und Bürgerinnen und Bürger.
Als sich ein Ende der Coronapandemie abzeichnete war die Hoffnung auf eine
Wiederbelebung des persönlichen Austausches groß. Der Beginn des russischen
Angriffskrieges am 24.02.2022 auf die Ukraine beendete schlagartig diese Hoffnung.
Charkiw stellte in der Anfangsphase des Krieges eines der Hauptangriffsziele Russlands dar.
Aufgrund des hohen Widerstands durch die ukrainischen Truppen, konnten die Angreifer
zurückgedrängt werden, jedoch erlebte Charkiw im Jahr 2022 nahezu tägliche
Bombenangriffe, die zum Tod von hunderten von Zivilisten und großen Schäden im
Stadtgebiet führten.
Zum Jahrestag des Kriegsbeginns schickte Charkiws Oberbürgermeister Terechov eine Grußbotschaft nach Nürnberg und erläuterte darin die Schäden. Demnach wurden seit Kriegsbeginn über 5600 Gebäude der Infrastruktur zerstört. Damit gehört Charkiw zu den am stärksten betroffenen Städten des russischen Angriffskrieges. Zu den zerstörten Gebäuden gehören 5000 Wohnhäuser, 136 Schulen, 109 Kindergärten, 77 Krankenhäuser und 300 Verwaltungsgebäude. 20 Prozent aller Hochhäuser sind somit nicht mehr bewohnbar. Nach dem Stand der Bilanz vom 21.12.22 belaufen sich die Schäden im Wohnungsbau auf 2 870 096 203 € und die der sozialen Infrastruktur auf 626.110.818 €. Bei Objekten der Versorgungsinfrastruktur (Energieversorgung, Wasser, Heizsysteme) beträgt die Schadenssumme 2.366.276.901 €, im Bereich des Öffentlichen Nahverkehrs 1.513.451.023 € und im Gesundheitssektor 234.115.596 €. Schäden im Straßennetz und Beleuchtungssystem betragen 1.087.346.445 € und die Restauration von Freizeitanlagen/Grünflächen 423.790.188 €.
Nach aktuellen Angaben unserer Ansprechpartnerin für Hilfslieferungen in Charkiw hat sich die Lage in Charkiw stabilisiert und die Stadt selbst steht nicht mehr unter täglichem Beschuss. Jedoch werden noch regelmäßig Angriffe in der Region verübt. Nachdem zunächst viele Menschen aus Charkiw geflohen sind, kommen die Menschen vermehrt zurück in die Stadt. Derzeit wird von einer Bevölkerung von 1,1 Mio. Personen ausgegangen.
Trotz diesen erschütternden Zahlen der Zerstörung wurde bereits tatkräftig mit Wiederaufbaumaßnahmen begonnen. In einem Wiederaufbauplan vom September 2022 sind 207 neue Wohngebäude, 207 Schulen und Kindergärten, 55 Medizinische Einrichtungen, 14 Universitäten, 3,4 km Fahrradwege und 25 km bewaldete Parkzonen in Planung. Der Anspruch der Stadtverwaltung ist es, alte Fehler auszubessern und den Wiederaufbau als Chance zur Weiterentwicklung zu sehen. Nach Infrastrukturellen Baumaßnahmen, wie der Wiederherstellung des U-Bahnnetzes, soll das Heizsystem der Stadt verbessert und mehr Wert auf Autonomie in der Energieversorgung gelegt werden. Charkiw möchte zudem mehr Grünflächen, und einen höheren Einbezug der Natur in der Stadtplanung umsetzen (Bericht vom 28.09.22). Unsere Ansprechpartnerin der Städtepartnerschaft betonte bei einem Gespräch am 27.03.23, dass die Herausforderung im
Wiederaufbau besonders in der Konzeption und Planung liegt, da der Zugang zu Experten auf diesem Feld derzeit kriegsbedingt erschwert ist.
Mit verbesserten Witterungsbedingungen soll in den Frühlings- und Sommermonaten zudem vermehrt mit der Rekonstruktion begonnen werden.
Eine Zusammenfassung der Schäden und des Wiederaufbaus kann auch in der Videobotschaft von Charkiws Oberbürgermeister Ihor Terechow eingesehen werden: Videobotschaft aus Charkiw - YouTube
Die guten partnerschaftlichen Beziehungen haben dazu beigetragen, dass zahlreiche Spenden eingeworben werden konnten und Projekte mit den langjährigen Partnerinnen und Partnern sofort umgesetzt werden konnten.
Stadt Nürnberg und Partnerschaftsverein Charkiw-Nürnberg haben gemeinsam für Spenden auf das Konto des Vereins geworben und bis März 23 konnten inzwischen 2.925.244 € vereinnahmt werden. Über 2,5 Mio. € wurden bereits für Hilfsprojekte ausgegeben.
Die damit finanzierten Projekte sind in der Anlage dargestellt. Jeweils aktualisiert kann die Liste und weitere Aktivitäten auf der Internetseite Start - Partnerschaftsverein Charkiw - Nürnberg e.V. (www.charkiw-nuernberg.de) eingesehen werden.
Die Liste umfasst eine Vielzahl von verschiedenen Unterstützungsleistungen. Nach wie vor werden mit Finanzierung aus Nürnberg monatlich über 2.000 Lebensmittelpakete an Bedürftige von Partnern vor Ort verteilt. Doch die Strom- und Wärmeversorgung ist ein ebenso wichtiger Schwerpunkt. Es wurde ein komplettes Heizwerk wiederaufgebaut, das ein Wohngebiet und ein großes Krankenhaus mit Wärme versorgt. Zudem wurden beheizbare Zelte, Generatoren und medizinische Güter finanziert. Die PreussenElektra stellt als
Betreiberin des stillgelegten Kernkraftwerks Grafenrheinfeld (KKG) vier Diesel-
Notstromgeneratoren für die ukrainische Millionen-Metropole zur Verfügung. Zwei Aggregate
sind bereits beim Blockheizkraftwerk TEZ-5 in Charkiw eingetroffen. Die Belegschaft des
ukrainischen Kraftwerks arbeitet mit Hochdruck daran, die Notstrom-Generatoren zu
installieren. Diese können im Falle eines kompletten Netzausfalls durch die russischen
Angriffe auf die Infrastruktur zugeschaltet werden und wichtige Hilfssysteme versorgen.
Erfreulich sind ebenso die erfolgreichen Hilfsmaßnahmen des Partnerschaftsvereins Charkiw-Nürnberg in dem bereits vor dem Krieg unterstützten Kinderförderzentrums. Es bietet inzwischen wieder einen aktiven Betrieb der Freizeitangebote an mit Tanz, Akrobatik, Kunst, etc. und ist damit auch eine wichtige psychosoziale Unterstützung. Hier werden Räume für Kinder und Jugendliche geschaffen, die den Kriegsalltag einen Moment hinter sich lassen können und Gelegenheit geben mit Gleichaltrigen in Kontakt zu treten. Mehr als 250 Kinder nehmen inzwischen diese Angebote wahr. Da derzeit der Unterricht der Schulen ausschließlich Online stattfindet und keine Kindertagesstätten geöffnet sind, ist dies von besonderem Wert. Das Zentrum besitzt nebstdem einen integrierten Schutzbunker für den Notfall, den der Partnerschaftsverein ebenfalls im Sommer 2022 finanziert hat.
Über ein aktuelles Projekt der GIZ konnte IB sehr unbürokratisch Multifunktionsgeräte (Bagger, Hebebühne etc.) im Wert von 130.000 Euro bestellen.
Abschließend seien noch zwei große Projekte von städtischen Töchtern erwähnt:
Das Klinikum konnte 1000 Krankenhausbetten nach Charkiw und weitere Städte abgeben, die von den Krankenhäusern dringend benötigt wurden. Von November bis März wurden jede Woche Transporte von Alexander Lissak organisiert und vom Partnerschaftsverein finanziert. Die Verladung besorgten geflüchtete ukrainische Jugendliche auf freiwilliger Basis.
Die VAG wird im Laufe des Jahres 2023 über 40 Dieselbusse durch Elektrobusse ersetzen. Die Dieselbusse werden der Stadt Charkiw übergeben, die ersten drei Busse sind bereits in Charkiw angekommen und haben den Betrieb aufgenommen.
Angesichts des anhaltenden Krieges und der bereits jetzt vorhandenen Schäden ist mit einer sehr langen Wiederaufbauzeit zu rechnen und eine dauerhafte Unterstützung auch durch die Partnerstädte weiterhin dringend erforderlich.