Beilage: zur Sitzung des Sozialausschusses am 08.12.2022
Bewertung des Projektes „Begleitetes Wohnen für Obdachlose in Pensionen“
Am 6.3.2008 wurde vom Sozialausschuss der Stadt Nürnberg das Modellprojekt „Begleitetes Wohnen für Obdachlose in Pensionen“ eingerichtet.
Nach einer öffentlichen Ausschreibung wurden die Stadtmission Nürnberg e.V. und der Caritasverband Nürnberg e. V. ausgewählt, die Bewohnerinnen und Bewohner von vier Pensionen sozialpädagogisch zu begleiten. Vorrangiges Ziel der Maßnahme ist es, die Verweildauer der Pensionsbewohnerinnen und -bewohner zu beschränken und sie (wieder) in privatrechtliche Mietverhältnisse zu vermitteln.
Nach 2-jähriger Evaluierung wurde das Modellprojekt verstetigt und seit nunmehr 13 Jahren werden verschiedene Pensionen vor Ort begleitet. Im Laufe der Zeit mittlerweile auch von Hängematte e.V., Krisendienst Mittelfranken, Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.- Regionalverband Mittelfranken und AWO Kreisverband Nürnberg e.V.. Anzumerken ist hierbei, dass Johanniter (QuarTier) und Arbeiterwohlfahrt (Frauenpensionen) nicht nur die Pensionen begleiten, sondern vielmehr eigenverantwortlich betreiben. Darüber hinaus betreiben Hängematte e.V. (Menschen im Suchtmittelkontext) und Don Bosco Jugendwerk Nürnberg (Jugendliche) pensionsähnliche Projekte.
Insgesamt gibt es 13 Einrichtungen im Kontext einer pensionsartigen Unterbringung – zu unterscheiden sind hierzu stationäre Angebote – die sozialpädagogisch begleitet werden. Bei insgesamt 43 Pensionen entspricht dies nahezu einem Drittel der Objekte. In diesen 13 Objekten wohnen über 500 Personen und somit fast die Hälfte der in Obdachlosenpensionen untergebrachten Menschen (1100).
Eine jeweilige Einschätzung der beauftragten Trägerschaft1 findet sich im folgenden Abschnitt und gibt die Erfahrungen der einzelnen Träger wieder. Eine fachliche Bewertung seitens der Verwaltung erfolgt am Ende der Darstellung.
Caritasverband Nürnberg:
Seit Beginn hat der Caritasverband 1.965 Bewohnerinnen und Bewohner unterstützt und bewertet die Entwicklung des „Begleiteten Wohnens für Obdachlose in Pensionen“ ausgesprochen positiv.
Durch die Präsenz der Mitarbeiter vor Ort werden viele zusätzliche Wohnungslose erreicht und die Lebenssituation dieser Menschen durch geeignete Hilfen entscheidend verändert. Den Sozialpädagoginnen und -pädagogen gelang es oft, die prekäre Wohnsituation in den Pensionen entscheidend zu verbessern und 396 Klientinnen und Klienten (seit Beginn der Begleitung) in eigenen Wohnraum zu vermitteln. Die finanzielle, familiäre und gesundheitliche Situation der Bewohnerinnen und Bewohner hat sich durch die Begleitung meist wesentlich verbessert.
Die größten Probleme waren die Beschaffenheit der Wohngebäude, Zimmer und Sanitäranlagen in den Pensionen und die differenzierten besonderen sozialen Schwierigkeiten nach § 67 SGB XII der Pensionsbewohner auf engstem Raum (Sucht- und psychische Erkrankung,
1 Quelle: Abfrage der Trägerschaft 2021/22
körperhygienische Verfassung und Verwahrlosung, Straffälligkeit und finanzielle Problematik, Migrationshintergrund).
Aufgrund der Lebenslagen und der persönlichen massiven Schwierigkeiten der Bewohner war es notwendig, viele weitere sozialpädagogische Hilfen anzubieten, unter anderem:
Psychosoziale Beratung; Krisenintervention; Umgang mit Behörden jeglicher Art; Schuldnerberatung; Vermittlung an Sucht- und andere Hilfsangebote; Hilfe beim Umzug in eine eigene Wohnung; Unterstützung bei der Zimmerhygiene; Freizeitangebote.
Begleitetes Wohnen in Pensionen hat sich mittlerweile bewährt, wurde erweitert und sollte dauerhaft aufrechterhalten werden, um zumindest einem Teil dieser Menschen wieder zu einem Leben in der eigenen Wohnung zu verhelfen.
Eine Ausweitung auf zumindest alle größeren Pensionen und personelle Verstärkung wäre wünschenswert und sinnvoll, da erfahrungsgemäß hier der größte Hilfebedarf zu finden ist. Eine Verbesserung der Unterbringung von Familien und Menschen mit Migrationshintergrund oder Pflegebedarf ist aufgrund der Erfahrungen des Caritasverband Nürnberg dringend geboten.
Statistik:
| Platzzahl in Pensio- nen: 168-182 | Jahr | Vermittlung in Privatwohnung | Vermittlung in anderes (Wohn)Angebot |
|---|---|---|---|
| 2020 | 41 | 17 | |
| 2019 | 43 | 13 | |
| 2018 | 24 | 13 | |
| 2017 | 27 | 20 | |
| 2016 | 26 | 16 |
Stadtmission:
Die Begleitung von Obdachlosenpensionen wurde in den letzten Jahren zunehmend relevanter. Der knappe Wohnungsmarkt in Verbindung mit multiplen Problemlagen der Bewohnerinnen und Bewohner führte zu immer längeren Verweildauen in den Unterkünften und erforderte eine stetige sozialpädagogische Betreuung.
Diese Problematik wird sich in Zukunft mit Blick auf bezahlbaren Wohnraum weiterhin verschärfen. Die Zunahme von Langzeitbewohnerinnen und -bewohner in den Pensionen in Verbindung mit dem allgemeinen demographischen Wandel hat ergänzend zur Folge, dass immer mehr Menschen in Pflege vermittelt oder entsprechende Unterstützungsangebote vor Ort notwendig werden.
Zudem fallen immer mehr Klientinnen und Klienten durch schwere psychiatrische Erkrankungen auf, welche eine niedrigschwellige, unkomplizierte Unterstützung in ihrem Lebensumfeld dringend erforderlich machen. Jede einzelne Person in den Unterkünften befindet sich aufgrund der Obdachlosigkeit in einer prekären Lebenslage, oftmals auch in einer Lebenskrise.
Die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen vor Ort sind Krisenhelfer, Gesprächspartner, Vermittler, Begleiter, Streitschlichter, Stabilisator und vieles mehr. Sie vermitteln in unterschiedlichste Angebote, wie die der Schulden-, Sucht- oder Migrationshilfe (hier u. a. Unterstützung bei Sprachbarrieren) oder unterstützen bei der Anbindung an gesetzliche Betreuungen, falls nötig. Nicht nur die Vermittlung in Wohnraum, sondern auch in betreute Wohnformen (wie § 67 ff. SGB XII bzw. § 90 ff. SGB IX), stationäre Wohneinrichtungen wie Pflegeheime, oder Langzeittherapien sind Alltag.
Nur in seltenen Fällen kehren ehemalige Klientinnen und Klienten in die Wohnungslosigkeit zurück, dies geschieht z. B., wenn sie zwar aus der Pension ausziehen, nach wie vor aber latent wohnungslos sind (d. h. ohne abgesichertes Mietverhältnis bei Freunden/Bekannten unterkommen) oder die finanzielle Absicherung des Wohnraums nicht dauerhaft funktioniert.
Die Sozialarbeit in den Pensionen fungiert außerdem als Bindeglied zwischen Bewohnerinnen und Bewohnern und den Betreibenden (oftmals die Eigentümer oder Eigentümerinnen) der Häuser. So können Konflikte vor Ort oftmals schon vor Eskalation geschlichtet werden, u. a. sind weniger Polizeieinsätze die Folge. Kündigungen wegen Missverständnissen oder mangelnder/fehlerhafter Kommunikation wird vorgebeugt, Bewohnerinnen und Bewohner können eher zur Ruhe kommen und es wird vermieden, dass sie von einer Pension zur anderen „springen“ und dort immer wieder dieselben Problemlagen auftreten. Die hygienischen Rahmenbedingungen konnten sich in den von der Stadtmission betreuten Pensionen durch Gespräche mit den Betreibenden bzw. den eingesetzten Hausmeistern und Hausmeisterinnen verbessern. Unterschiedliche Interessen der Sozialarbeit und der wirtschaftlichen Hausverwaltung stellen die Arbeit vor Ort immer wieder vor Herausforderungen und machen es nötig, in einem ständig währenden Prozess in Kommunikation mit den Betreibenden zu bleiben.
Neueinzüge in eine Pension schaffen anhaltend neue Dynamiken und machen eine kontinuierliche Erfassung von persönlichen Hilfebedarfen notwendig. Hierbei ist es ein wichtiger Pfeiler der Arbeit, direkt bei den Menschen vor Ort zu sein und sie in ihrem Sozialraum „abzuholen“ - die durch die Corona-Pandemie notwendige, vorübergehend ausschließlich fernmündliche Beratung der Stadtmission machte dies mehr als deutlich. Einige Betroffene schafften den Weg in eine Beratungsstelle aufgrund physischer oder psychischer Problematiken teilweise nicht.
Wünschenswert für die Unterbringung wohnungsloser Menschen ist es, weg von Mehrbettund hin zu Einzelzimmern zu kommen, im Idealfall das Angebot „Housing First“ flächendeckend umzusetzen. Pflichtschulungen über Kommunikation und (psychiatrische) Krankheitsbilder für die eingesetzten Hausmeister vor Ort wären eine große Bereicherung für alle Unterkünfte, genauso wie Sozialarbeit, im Optimalfall multiprofessionelle Teams, in jeder Pension im Stadtgebiet. Eine bessere Grundausstattung der Pensionen, wie z. B. kostenloser WLAN-Zugang, sollte standardisiert werden.
Statistik:
| Platzzahl in Pensionen: 127 | Jahr | Vermittlung in Privatwohnung | Vermittlung in anderes (Wohn)Angebot |
|---|---|---|---|
| 2020 | 25 | 11 | |
| 2019 | 29 | 12 | |
| 2018 | 39 | 12 | |
| 2017 | 27 | 11 | |
| 2016 | 23 | 7 |
AWO
Der Sozialdienst für die drei Frauenpensionen wurde erst im Mai 2020 installiert. Deshalb kann kein Bezug auf die Erfahrung der letzten Jahre genommen werden.
Die Begleitung von Obdachlosenpensionen ist ein äußerst wichtiges Aufgabenfeld. Zum einen benötigen unsere Klientinnen Hilfe bei verschiedenen Ämterangelegenheiten, zum anderen ist eine psychosoziale Beratung für die meisten Frauen unabdingbar. Die Hilfe zur Alltagsbewältigung und zur Selbsthilfe, ermöglichen den Frauen sich für ihr weiteres Leben,
bzgl. Wohnen oder Arbeit, vorzubereiten. Für die Frauen mit Kindern helfen wir z.B. auch bei der Kindergarten- oder Hortplatzsuche. Auch die Vermittlung und Zusammenarbeit mit anderen Vereinen oder Einrichtungen ist ein wertvoller Teil unserer Arbeit, von dem die wohnungslosen Klientinnen profitieren können. Viele Frauen sind mit der drohenden oder bestehenden Obdachlosigkeit überfordert und benötigen jemanden, der ihnen beim Aufbau von Struktur und Netzwerken hilft.
Bei Streitigkeiten in den Pensionen, kann der Sozialdienst als „Streitschlichter“ ebenso fungieren.
Für die Zukunft ist es aus genannten Gründen sinnvoll, die Klientinnen weiterhin professionell zu unterstützen.
Durch die Begleitung haben sich folgende Punkte maßgeblich verbessert:
Das Zusammenleben in der Pension Einhaltung der Hausordnung Termine werden selbstständig vereinbart und wahrgenommen Auszug in Privatwohnungen Durch Zusammenarbeit mit dem Krisendienst, bei einigen Frauen, die psychische Verfassung Betreuer und Betreuerinnen konnten installiert werden Ämterangelegenheiten werden geregelt (Bsp.: Jobcenter; Ausfüllen von Formularen) Persönliche Problemlagen werden besprochen; durch Zuspruch und Motivation geht es den Frauen besser Gespräche mit ISKA (Institut für Soziale und Kulturelle Arbeit; u.a. Träger Schuldnerberatung) Ordnung der Schulden Installation von SPFH (Sozialpädagogische Familienhilfen) bei Frauen mit Kindern
Die Arbeit in der Pension war durch nachfolgende Aspekte erschwert:
Kommunikationsschwierigkeiten- z.B. Frauen ohne Handy; Grenzen der Hilfe bei psychischen Erkrankungen - auch Verweisen an andere Stellen oft erfolglos Fehlende Mietzahlung oder Kostenübernahmen
Trotz dieser Schwierigkeiten wird die Begleitung der betroffenen Frauen in der Pension als zielführend bei der Lebensbewältigung und Stabilisierung angesehen. Die professionelle Unterstützung durch den Sozialdienst gibt den Bewohnerinnen Sicherheit. Außerdem können zwischenmenschliche Konflikte in den Pensionen besser begleitet und im besten Fall geschlichtet werden.
Bei der Begleitung kommen verschiedene weiterführende Hilfs- und Regelangebote zum Tragen, an die je nach Bedarfslage vermittelt wird, wie beispielsweise Wohnungsvermittlung, Infothek der AWO (Hilfe bei Bewerbung und Wohnungssuche), Krisendienst (Bereich ‚Hilfe für Menschen in Wohnungsnot‘), Sozialpädagogischer Fachdienst, ISKA, ASD/Jugendamt, Mudra, Lilith, Betreuungsstelle, Sprachkurse.
Statistik:
| Platzzahl in Pensionen: 48 | Jahr | Vermittlung in Privatwohnung | Vermittlung in anderes (Wohn)Angebot |
|---|---|---|---|
| 2020 | 8 | 2 |
Krisendienst
In der Pension „Holzschuherstraße“ leben 22 Männer und 22 Frauen in Einzelzimmern. Das Hauptaugenmerk der Arbeit der Krisendienst-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter ist es, dass dort auch Menschen mit komplexen psychischen Erkrankungen und / oder problematischen Verhaltensweisen einen Platz für sich finden können. Einen Platz um zur Ruhe zu kommen, so sein zu dürfen wie sie sind und Unterstützung in Anspruch nehmen zu können, sobald sie sich dazu in der Lage fühlen. Bei dieser Gruppe von Klienten und Klientinnen ist das vorrangige Ziel der Arbeit vorerst, einen Verbleib in der Pension zu ermöglichen. Durch das „zur Ruhe kommen“ und die regelmäßigen, konstanten Unterstützungsangebote und schon allein durch die Anwesenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist es auch Personen, die zuvor diverse Pensionen / soziale Einrichtungen verlassen mussten, schon mehrfach gelungen sich zu stabilisieren, sich psychiatrisch behandeln zu lassen und sich ein Hilfesystem aufzubauen mit dem sie sicherer und zufriedener leben können. Aber auch Klienten und Klientinnen (mit psychiatrischen Erkrankungen, aber oftmals ohne Krankheitseinsicht) die keine psychiatrische Unterstützung annehmen leben zum Teil seit Jahren in der Pension und können ihr Leben dort selbstbestimmt leben.
Für die Sicherstellung dieser Plätze ist eine enge Zusammenarbeit mit dem Hausmeister der Pension notwendig. Der Hausmeister wurde durch eine Fortbildung mit den besonderen Forderungen der Arbeit in der Wohnungslosenhilfe, sowie über psychiatrische Erkrankungen geschult und fortwährend beraten und unterstützt um den jeweiligen Personen und ihren Bedürfnissen und Bedarfen verständnisvoll entgegen treten zu können. Häufig müssen beispielsweise auch bei der Hausordnung Individuallösungen gefunden werden. Personen mit Einschränkungen verschiedenster Art ist es beispielsweise nicht möglich die Reinigung der Gemeinschaftsräume durchzuführen. Hier fehlt es an Unterstützungsangeboten wie z. B. anleitenden hauswirtschaftlichen Hilfskräften. Auch die Weitervermittlung älterer Bewohner und Bewohnerinnen in beispielsweise Senioreneinrichtungen stellt uns vor große Schwierigkeiten, da die Versorgungslandschaft in diesem Bereich nicht ausreichend ist.
Aber auch die Klienten und Klientinnen, bei denen die Arbeit nicht durch eine (psychiatrische) Erkrankung geprägt ist, benötigen Unterstützung in diversen Belangen, z. B. bei Postund Behördenangelegenheiten, insbesondere der Sicherung des Lebensunterhalts, Klärung von offenen Forderungen, bei Krisen, im Umgang miteinander und bei ihrem Weg aus der Wohnungslosenhilfe. Wir sind Mo - Fr in der Pension anwesend und sind so für all unsere Bewohner und Bewohnerinnen zeitnah greifbar für entlastende Gespräche, Krisenintervention, Informationen über mögliche weiterführende Hilfsangebote und alle weiteren Belange des Lebens.
Wichtige Kooperationspartner sind unter vielen anderen der Sozialpädagogische Fachdienst, die Pensionszuweisungsstelle, gesetzliche Betreuung, Kliniken, Institutsambulanzen, Straßenambulanz, diverse Anbieter im Bereich des persönlichen Budgets, Suchtberatungsstellen, Wärmestube, uva..
Im Falle von Auszügen besteht ein enger Austausch mit dem ambulanten Bereich der Wohnungslosenhilfe des Krisendienstes. Klienten und Klientinnen, die die Pension verlassen müssen, können so in andere passende Angebote (Soziotherapie, andere Pensionen, betreutes Wohnen, etc.) vermittelt werden oder in der eigenen Wohnung vorübergehend weiter begleitet werden bis sie sich dort ein Unterstützungsnetzwerk aufgebaut haben. Aus dem ambulanten Bereich werden auch häufig Klienten und Klientinnen mit einem besonderen Bedarf in die Pension vermittelt.
Rückkehrer in die Pension gibt es immer wieder, insbesondere nach JVA Aufenthalten. Auch hier ist uns ein enger Austausch sehr wichtig, damit Klienten und Klientinnen bei ihrer Inhaftierung nicht all ihr Hab und Gut verlieren, sondern die wichtigen persönlichen Unterlagen,
wenn möglich, gesichert werden können. Auch aus eigenen Wohnungen sind Personen (z. B. nach psychotischem Erleben dort) wieder in die Pension zurückgekehrt.
Wir bieten für alle Bewohner und Bewohnerinnen aktive Begleitung bei Ämtergängen, zu Ärzten, zu diversen Beratungsstellen, zu (freien und unterstützten) Wohnangeboten, etc. und sind auch während Klinikaufenthalten für unsere Klienten und Klientinnen erreichbar und unterstützen eine Rückkehr oder die Klärung der jeweiligen Perspektive.
Statistik:
Von den Personen, die im Jahr 2021 auszogen, zogen ca. 55% in eine eigene Wohnung, 15% wurden inhaftiert, 10% in eine stationäre Einrichtung, 10% in eine andere Obdachlosenpension, 0,5% verstarben, beim Rest ist der Verbleib unbekannt. (Alle Prozentangaben sind gerundet.)
Hängematte
Die Mitarbeitenden des Hängematte e.V. sehen die Pensionsbegleitung als wichtige Unterstützung und Ansprechmöglichkeit für die in der Pension wohnhaften Klienten und Klientinnen. Dabei sind dem „Vor-Ort-Sein“ als Alleinstellungsmerkmal im Sinne der Lebensweltorientierung, der Niedrigschwelligkeit des Angebotes sowie „kurze Wege“ als wichtiges Bindeglied zu weiterführenden Hilfen besondere Bedeutung beizumessen.
Durch die intensive Begleitung konnte die Fluktuation in den Pensionen durch Konfliktvermittlung, Haftzeitvermeidung und Vermeidung von Problemverschleppungen, nachhaltig verringert werden. Darüber hinaus konnte auch eine „Befriedung“ der Pension und des unmittelbaren Umfeldes durch Krisenintervention und Mittlerposition der Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen erreicht werden. Durch die aufsuchende Arbeit konnte der Kontakt zu Bewohnern und Bewohnerinnen aufgebaut werden (und folgend weitergehende Beratung angeboten werden), welche Beratungsstellen von sich aus nicht besuchen würden. Durch entsprechende Nachbetreuung von Personen außerhalb der Pension (nach Auszug) konnte erneuter Wohnungsverlust und Zwangsräumung vermieden werden.
Die Schwierigkeiten innerhalb der Pension sind vor allem an folgenden Aspekten festzumachen:
Konfliktpotential in Mehrbettzimmern Vorbehalte und Stigmatisierung gegenüber suchterkrankter Klientel (Alkohol- oder Drogenabhängigkeit) durch Dritte Zunahme psychischer Erkrankungen bei der Klientel erschwert Kontaktaufnahme u. pflege Zunahme älterer Klienten und Klientinnen mit Pflegebedarf teilweise kurze Verweildauer in den Pensionen infolge von Kündigung bei Regelverstößen
Eine Begleitung der Pensionen ist mittlerweile unerlässlich geworden,
da Sozialarbeiter und -innen häufig die einzigen konstanten Ansprechpartner und -innen außerhalb der (Wohnungslosen/Obdachlosen-) Szene bzw. der Mitbewohnerschaft sind (Vertrauensverhältnis), da eine niedrigschwellige Hilfe für Klienten und Klientinnen wichtig ist, die häufig Probleme im Bereich Termintreue, Verlässlichkeit und Motivation haben, da die Wahrscheinlichkeit Klienten und Klientinnen an andere notwendige Hilfsangebote erfolgreich zu vermitteln steigt,
da kosten- und zeitintensiver Konsequenzen wie Haft oder Kündigung abgewendet werden können.
Aus diesen Gründen sollte eine flächendeckende Begleitung von Pensionen eingeführt werden, denn gerade die Niedrigschwelligkeit und spontane Erreichbarkeit sind für einen Großteil der Klientel essenziell, um überhaupt Hilfe in Anspruch nehmen zu können
Wichtige Angebote und Hilfen an die vermittelt werden sind Schuldnerberatung, psychosoziale Beratung, Unterstützung und Vermittlung im Umgang mit Institutionen (z.B. Jobcenter und Krankenkasse, Gerichten und Betreuung, Ämtern und Konsulaten), Zugang zu Infrastruktur wie PC, Telefon, Fax, E-Mail, Substitutionsvermittlung, Job- und Ausbildungssuche, Abholung bei Haftentlassung als Übergangsmanagement, Begleitung bei Umzügen und Nachbetreuung in der eigenen Wohnung.
Verbesserungsbedarf wird seitens der Hängematte in den nachfolgenden Punkten gesehen:
Ausbau der Pensionsplätze speziell für Konsumierende illegaler Drogen sowie für psychisch belastete Klientel größere Zahl an Einzelzimmern (Einzelzimmer als Standard) verbindliche Standards bzgl. Ausstattung, Zustand und Betrieb der Pensionen einheitliches Vorgehen bei Kündigungen (Fristen bzgl. Auszug, Einbeziehen der Sozialarbeiter/innen)
Der Verein der Hängematte würde sich einen kommunalen Betrieb der Pensionen wünschen.
Statistik:
| Platzzahl in Pensionen: 65 | Jahr | Vermittlung in Privatwohnung | Vermittlung in anderes (Wohn)Angebot |
|---|---|---|---|
| 2020 | 5 | 4 | |
| 2019 | 4 | 2 | |
| 2018 | 5 | 2 | |
| 2017 | 9 | 17 | |
| 2016 | 8 | 12 |
Modell QuarTier – Pension für obdachlose Personen mit Hund
Das Projekt QuarTier für Nürnberger Obdachlose mit Hund begann offiziell am 1. Dezember 2020 mit Start des Förderzeitraumes. Aufgrund der schwierigen, langwierigen Suche nach einer geeigneten Immobilie konnte das Haus in der Bucher Straße 123 erst ab Januar 2021 renoviert und eingerichtet werden. Dies musste im kompletten Lockdown stattfinden, so dass vor allem die Organisation der handwerklichen Leistungen und das Besorgen und Aufstellen der Einrichtung eine Herausforderung für das Projekt und die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen darstellte.
Trotz der Erschwernisse durch den Lockdown, konnten im März 2021 die ersten Bewohner und Bewohnerinnen mit Hunden einziehen. Zunächst dauerte es, bis sich die neue Wohnmöglichkeit in der Obdachlosen-Community herumgesprochen hatte. Auch Werbemaßnahmen waren aufgrund der Pandemiesituation teils schwer umsetzbar, da viele etablierte Einrichtungen der Obdachlosenhilfe geschlossen waren.
Bis August 2021 war das Haus mit bis dato 22 belegbaren Plätzen nicht voll ausgelastet, was aber auch der warmen Jahreszeit geschuldet war. Durchschnittlich wohnten bis zu diesem Zeitpunkt 16 Personen im QuarTier. Bis Ende des Jahres nahmen die Einzüge dann zu.
Ende des Jahres verzeichnete das QuarTier insgesamt 35 Einzüge. Demgegenüber standen bis zum Jahresende insgesamt 10 Auszüge.
Im Schnitt war das Haus ab August/September mit 20-22 Personen belegt. Die Gesamtkapazität liegt inzwischen bei 26 Regelplätzen und einem „Notzimmer“, in welchem kurzfristig zwei obdachlose Menschen mit Hund unterkommen können. Insgesamt zogen mit den Menschen im Jahresverlauf 24 Hunde mit ein und 11 Hunde verließen das QuarTier. Besonders häufig wurden obdachlose Menschen ohne Hund durch Vermittlung des Krisendienstes Mittelfranken im QuarTier vorstellig. Gerade die Unterbringung der Bewohnerinnen und Bewohner in Einzelzimmern und die fachliche Begleitung der Menschen wurde für eine Unterbringung von Klienten und Klientinnen des Krisendienstes als vorteilhaft angesehen.
Von den Auszügen 2021 konnten 5 Personen in eigene Wohnungen umziehen. Die anderen 5 Auszüge konnten nicht verortet werden, da die Bewohnerinnen und Bewohner den neuen Aufenthaltsort nicht benannten. Der Großteil davon musste seitens des Hausbetreibers ausziehen, da Hausregeln grob missachtet wurden und auch nach wiederholten Gesprächen und Ermahnungen keine Verhaltensänderungen einsetzten.
Im Jahr 2022 verzeichnete das QuarTier insgesamt weniger Zu- und Auszüge als 2021. Ein Teil der Bewohnerschaft befindet sich nun schon seit einem Jahr oder länger in der Pension und gemeinsam wurde eine Hausgemeinschaft gebildet.
Der überwiegende Teil der Bewohner und Bewohnerinnen des QuarTiers ist erwerbslos und steht im Leistungsbezug. Der Aufnahme einer geregelten Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt stehen meist große Hemmnisse entgegen, wie Drogen-/ Alkohol-abhängigkeit, massive gesundheitliche (körperliche und psychische) Einschränkungen, Langzeiterwerbslosigkeit, fehlende Qualifikation, aber häufig auch ausgeprägte Antriebslosigkeit und die Unfähigkeit, sich in soziale Systeme wie eine Firma oder einen Betrieb einzufügen. Im QuarTier versuchen die Fachkräfte, zusammen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern, Ordnung in die Vielzahl der Problemstellungen zu bringen und diese der Reihe nach in zu bewältigenden Schritten anzugehen. Ein männlicher Bewohner konnte direkt in eine Anstellung vermittelt werden. Ein weiterer Klient wurde durch regelmäßige Gespräche mit der Hausleitung (Traumapädagogin) so stabilisiert, dass er sich nach dem Einzug einen Minijob suchen konnte.
Viele Bewohner und Bewohnerinnen nutzen den Aufenthalt um zur Ruhe zu kommen. Sie fügen sich in die Hausgemeinschaft ein und haben immer einen Ansprechpartner, wenn sie es wünschen. Mit längerer Verweildauer im QuarTier steigt bisweilen dann die Bereitschaft und Fähigkeit sich zu sortieren und aktiv an Zukunftsplänen mitzuwirken, wodurch die Auszüge in eigene Wohnungen und die Vermittlung in Arbeit zunehmend gelingen kann.
Die gemeinsame Unterbringung mit den Hunden spielt für die Bewohner und Bewohnerinnen eine ausschlaggebende Rolle dafür, dass sie überhaupt zur Ruhe kommen und sich regenerieren können. Da die Hunde wichtige Sozialpartner sind, ist durch die sichere Unterbringung der Vierbeiner den Klienten und Klientinnen eine existenzielle Sorge genommen. Die Versorgung mit Hundefutter, wenn dies durch die Besitzer oder Besitzerinnen nicht geleistet werden kann, sowie die Unterstützung durch Übernahme von tierärztlichen Behandlungskosten erleichtert Mensch und Tier zusätzlich das Leben.
Zwar gelingt der Zugang durch gemeinsame pädagogische Angebote für Hund und Hundehalter sowie Hundehalterinnen nur selten (der menschliche Part ist hierfür meist zu phlegmatisch und erkennt den Nutzen nicht), aber es zeigt sich ein anderer positiver Effekt. Die Hundebesitzer und -besitzerinnen solidarisieren und helfen sich gegenseitig mit ihren Vierbeinern, wenn jemand erkrankt oder anderweitig nicht in der Lage ist, sich um den Hund zu
kümmern. Man übernimmt das Füttern, Gassi gehen und Betreuen füreinander und miteinander.
Die Hunde als weitere Bewohner im QuarTier bringen nur wenige Probleme mit. Durch das Hygienekonzept gab es nur in den Anfängen vereinzelte Ungezieferfälle, die schnell eingedämmt waren. Die Hunde untereinander vertragen sich bzw. wird die Leinenpflicht im Haus berücksichtigt, so dass es nach anfänglichen wenigen Auseinandersetzungen von Hunden keine Zwischenfälle mehr gibt.
Die Tierarztkosten sind durch Kooperationen mit Praxen und durch Geldspenden zu bewältigen. Zwei Hunde sind bislang im Haus verstorben. Einem Besitzer ermöglichten wir auf seinen Wunsch hin eine würdevolle Bestattung seines geliebten Tieres. Er übernahm dann den Zweithund einer Bewohnerin, die ohnehin mit der Betreuung beider Hunde überlastet war.
Da das Modelprojekt nach Einschätzung der Verwaltung erfolgreich verläuft und eine Angebotslücke im System der Obdachlosenhilfe geschlossen wurde, ist es seitens der Verwaltung beabsichtigt die Personalkosten – die bisher durch eine einmalige Förderung durch das Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales getragen wurden – ab 2023 in eine dauerhafte kommunale Finanzierung zu überführen um das Angebot langfristig zu sichern. Die hierfür erforderlichen Haushaltsmittel wurden im Haushalt 2023 bereits berücksichtigt.
Einschätzung der Verwaltung
Die Ergebnisse und Einschätzungen der Träger zeigen, dass die sozialpädagogische Begleitung von (Obdachlosen-) Pensionen und deren Bewohnerinnen und Bewohner eine wichtige Funktion erfüllt. Neben der grundsätzlichen Anbindung an das Hilfesystem ist für das Sozialamt vor allem die Reintegration in den Wohnungsmarkt ein maßgeblicher Indikator. Die Unterbringung in einer Pension soll ein temporäres Angebot in akuter Wohnungsnot sein, denn nur der (Wieder-) Bezug einer eigenen Wohnung beendet die Obdachlosigkeit bzw. Wohnungslosigkeit dauerhaft und entlastet das für eine vorübergehende Unterbringung angedachte System dauerhaft. Selbstverständlich wäre eine höhere Reintegrationsquote der Betroffenen in den Wohnungsmarkt wünschenswert, es gilt aber zu berücksichtigen, dass neben Vermittlungshemmnissen wie bspw. Suchtproblematik oder Schufa-Eintragungen, eben auch eine marginalisierte Gruppe auf einen ohnehin angespannten Wohnungsmarkt trifft. Ohne sozialpädagogische Hilfestellung ist davon auszugehen, dass die Quote deutlich niedriger wäre. Ein Ansatz um die Vermittlung zu verbessern stellt Housing First dar und wird seit August 2022 in Nürnberg durch einen sozialen Träger - Verbund (Hängematte e.V. – Lilith e.V. – mudra e.V. – Straßenkreuzer e.V.) in Kooperation mit dem Sozialamt angeboten.
Trotz dieser Bemühungen wird auch ein System der vorübergehenden Unterbringung notwendig sein – auch wenn die vorbeugende Obdachlosenhilfe (Hilfen der Fachstelle für Wohnungsfragen und Obdachlosigkeit bei Kündigung, Räumungsklage und Zwangsräumung) versucht drohenden Wohnungsverlust abzuwenden – um akute Notfälle zu versorgen. Die Zielsetzung des Sozialamts ist den Unterbringungsstandard deutlich zu heben. Entsprechende Defizite wurden, wie oben aufgeführt, von den Trägern benannt. Angestrebt sind zukünftig eine Einzelzimmerunterbringung und eine weitere Verbesserung der Infrastruktur. Als Musterbeispiel und angestrebten Standard kann hier die Pension „QuarTier“ genannt werden. In einer der folgenden Sitzungen des Sozialausschusses im ersten Halbjahr 2023 wird seitens der Verwaltung über die aktuell geplante Neufassung des strategischen Rahmenkonzepts zur Unterbringung und Wohnungsmarktintegration berichtet.
Eine Ausweitung der sozialpädagogischen Begleitung erscheint auf Grundlage der aufgeführten Erfahrungen erforderlich – insbesondere da weiterhin eine Mehrzahl der untergerbachten Personen kein Beratungsangebot vor Ort hat. Sicherlich nutzen diese Menschen
auch Beratungsangebote, die zentral angeboten werden wie beispielsweise „Hilfen für Menschen in Wohnungsnot“ der Stadtmission, jedoch zeigen die Rückmeldungen der Träger, dass eine niedrigschwellige Beratung vor Ort – in den Pensionen – gerade die Menschen an das Hilfesystem heranführt, für die der Weg zu einer Beratungsstelle eine Barriere darstellt oder die bisher aus sonstigen Gründen (Motivation, Stigmatisierung etc.) keine Beratung wahrgenommen haben. Ein weiterer nicht unerheblicher Aspekt ist, dass die Sozialberatung vor Ort auch bei Konflikten mit dem nachbarschaftlichen Umfeld vermitteln kann.
Für eine umfassende Begleitung wären aus fachlicher Sicht die Finanzierung von mindestens sechs weitere Vollzeitstellen bei den beauftragten Trägern nötig. Für eine mobile Beratung, d.h. die bisher unbetreuten Pensionen werden in einem regelmäßigen Turnus durch ein Springerteam aufgesucht, wären zumindest zwei Vollzeitstellen notwendig.
November 2022 Amt für Existenzsicherung und soziale Integration – Sozialamt