Ausführliche Erläuterungen des Sachverhaltes:
Mit dem Kauf des Grundstücks Johannisstraße 41 durch die Stadt Nürnberg kann der Bebauungsplan Nr. 4159 von 1983 umgesetzt werden und ein vierter Hesperidengarten als öffentliche Grünfläche entstehen. SÖR wurde mit der Planung und der baulichen Umsetzung des neuen Hesperidengartens beauftragt und hat seit Dezember 2021 mit vorbereitenden Untersuchungen begonnen.
Die aus dem Bebauungsplan abzuleitende Planungsaufgabe ist „eine beispielhafte Wiederherstellung der historischen Nürnberger Gartenkultur (Hesperidengärten)“. Um diese Aufgabe besser einordnen zu können und sie als Planungsauftrag für die weitere Planung zu konkretisieren, fand am 12.04.2022 ein von SÖR initiiertes Experten-Hearing statt.
Das Expertengremium setzte sich zusammen aus Ferdinand Hirschfelder (1. Vorsitzender Bürgerverein St. Johannis-Schniegling-Wetzendorf e.V.), Jochen Martz (Landschaftsarchitekt Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur), Gerhard Arnold (stellvertretender Geschäftsführer Congress- und Tourismus-Zentrale Nürnberg) und Prof. Gerd Aufmkolk (Landschaftsarchitekt WGF Nürnberg GbR). Kurzfristig verhindert waren Prof. Dr. Iris Lauterbach (Gartenhistorikerin Zentralinstitut für Kunstgeschichte München) und Dr. Claudia Maué (Stadtheimatpflegerin).
Der fachliche Diskurs wurde ergänzt durch Oberbürgermeister Marcus König sowie Bürgermeister und Erster SÖR-Werkleiter Christan Vogel, geladene Stadtratsmitglieder und einige ausgewählte weitere Experten als Sachverständige im Plenum. Die Öffentlichkeit war über einen Live-Stream mit Chat - Funktion, über die Fragen gestellt und Anregungen eingebracht werden konnten, eingebunden.
Zusammenfassung des Hearings:
SÖR sind keine historischen Dokumente bekannt, auf deren Basis eine Rekonstruktion einer historischen Schicht des Gartens möglich wäre. Die schlechte Quellenlage wird von den Experten betätigt.
Die bestehenden drei Hesperidengärten sind frei interpretierte Stilgärten, wie man sich in den 1980er Jahren einen Barockgarten vorgestellt hat. Solche Barockgärten hat es, den Ausführungen von Herrn Martz zufolge, in Nürnberg nie gegeben. Es besteht im Expertengremium Einigkeit, dass man sich bei der Gestaltung des neuen Hesperidengartens nicht an der Gestaltung der bestehenden drei Gärten orientieren sollte, sondern an der Grundidee der Nürnberger Hesperidengartenkultur.
Als Grundidee der Hesperidengartenkultur wird von den Experten die Idee eines bürgerlichen Gartens als Rückzugsraum, als Ruhezone und Möglichkeit, in eine andere Welt inmitten der Stadt einzutauchen, beschrieben.
Als Ansatzpunkt für die Neuinterpretation eines barocken Hesperidengartens wird von Prof. Aufmkolk die vernunftgeprägte, rationale Auseinandersetzung barocker Gärten mit der Natur genannt. Wie Herr Prof. Aufmkolk ausführt, war es „um 1700 eine Revolution solche Gärten zu bauen - bestimmt von der Ratio, von dem Willen, die Welt mit Verstand, mit Ratio durchdringen zu wollen. […] Das war ein unglaublich revolutionärer Gedanke, vernünftig, vernunftgesteuert mit der Natur umzugehen. Und das ist eine Botschaft, die auch sehr aktuell sein kann. […] Vernünftig mit der Natur umzugehen“.
Themen wie Klimaanpassung, Schwammstadt und Biodiversität können durch diese Interpretation mitgedacht werden und in die Neuplanung einfließen. Ein vernunftgeprägter Umgang mit der Natur bedeutet auch, dass behutsam mit dem Baumbestand umgegangen werden soll.
Wichtiger Teil der Hesperidengartenkultur war auch das Thema Zitrusfrüchte, den goldenen Äpfeln der Hesperiden. Herr Martz sieht den neuen Garten als Möglichkeit, einen Schwerpunkt im Bereich der Zitruskultur zu setzen. Die Erfahrungen mit öffentlich zugänglichen Zitruspflanzen sind schlecht. Pflanzen werden oft beschädigt und Früchte noch vor deren Reife abgerissen. Im Rahmen der Planung kann jedoch geprüft werden, in welchem Rahmen Zitruspflanzen möglich sind.
Die Verwendung anderer essbarer Pflanzen, bei denen das Ernten erlaubt ist, wäre aus Expertensicht denkbar. Die historischen Hesperidengärten waren auch Nutzgärten, daher wäre dies kein Widerspruch zur Grundidee der Hesperidengärten. Herkömmliche Obstgehölze, Beerenobst oder Gemüsepflanzen sind in der Regel einfacher zu verwenden als Zitruspflanzen. Da jedoch auch solche Pflanzen einen hohen Unterhaltsaufwand darstellen, muss auch hier geprüft werden, in welchem Rahmen sie verwendet werden können.
Grundsätzlich soll der Garten ein Garten für alle Bürgerinnen und Bürger sein. Auf Spielgeräte, Bewegungsparkelemente oder ähnliche Ausstattung soll jedoch bewusst verzichtet werden. Dies würde dem Charakter des Gartens wiedersprechen. Das Angebot für Kinder soll durch den Umbau des benachbarten Parkplatzes als Erweiterung des Spielplatzes verbessert werden. Dieser Umbau ist nicht Teil der Planung des Hesperidengartens.
Die Wünsche des Altstadtfreunde Nürnberg e.V., historische Objekte aus anderen barocken Gärten als Gestaltungselemente des neuen Hesperidengartens zu verwenden, wird von den Experten zum Teil sehr kritisch bewertet.
Der Obelisk aus Volkamers Garten, der aktuell im Industriegut Hammer steht, sollte nach Einschätzung der Experten nicht in den neuen Garten versetzt werden. Volkamers Garten war ein besonderer Ort mit einem völlig anderen Charakter als die Nürnberger Hesperidengärten.
Eine Nachbildung des Brunnens aus Pellers Garten wird nicht als sinnvoll erachtet. Es ist durchaus denkbar, im neuen Garten einen oder mehrere Brunnen anzuordnen. Auf eine Rekonstruktion eines Brunnens, der nie an diesem Ort stand, sollte aus gartendenkmalpflegerischer Sicht jedoch verzichtet werden.
Bei der möglichen Verwendung des schmiedeeisernen Tors aus dem Sichardschen Garten (Johannisstraße 15), das sich im Besitz der Altstadtfreunde befindet, gibt es ein differenzierteres Meinungsbild: Herr Martz erläutert, dass das Tor nur in der Schnittstelle zwischen Hof und Garten platziert werden kann. Da sich Haus und Hof jedoch in Privatbesitz befinden und es keinen Durchgang vom Garten zum Haus geben wird, kann das Tor jedoch dann nicht in der Funktion eines Tores verwendet werden. Prof. Aufmkolk ist der Auffassung, dass die Verwendung dieses authentischen Originals aus dem frühen 18. Jahrhundert auch an anderer Stelle gelingen kann.
Als Ergebnis des Expertenhearings sollen folgende Leitgedanken für die Planung des vierten Hesperidengartens, in der Johannisstraße 41 festgesetzt werden:
Die Gestaltung des zukünftigen Gartens ist eine gestalterische Neuschöpfung. Es ist keine klassische Rekonstruktion einer historischen Anlage und ist keine einfache Fortführung der drei bestehenden Gärten aus den 1980er Jahren.
Die Gestaltung soll sich mit der Nürnberger Hesperidenkultur und dem Zeitgeist des Barock auseinandersetzen und diese zeitgemäß interpretieren.
Es soll ein besonderer einmaliger Ort geschaffen werden, der die Idee eines historischen Hesperidengartens, als bürgerlichen Garten, als Rückzugsraum, als Ruhezone und Möglichkeit, in eine andere Welt inmitten der Stadt einzutauchen, abbildet.
Der vernunftgeprägte Umgang mit der Natur, der der barocken Gartenplanung zu Grunde liegt, soll Ansatzpunkt der Neuplanung sein. Die Planung soll behutsam mit dem vorhandenen Baumbestand umgehen und und diesen nach Möglichkeit in eine neue Anlage integrieren sowie Aussagen zu Klimaanpassung und Biodiversität beinhalten.
Das Sichardsche Tor, welches die Nürnberger Altstadtfreunde zur Verfügung stellen würden, soll als Gestaltungselement bei der Gartengestaltung verwendet werden.