Offener Brief an die Mitglieder des Nürnberger Stadtrats
Sehr geehrte Mitglieder des Nürnberger Stadtrats,
wir, die Unterzeichnenden, sind als Rundgangsleiter*innen für Geschichte Für Alle e.V. auf dem Reichsparteitagsgelände tätig. Wir verstehen uns als aktiver Teil der Nürnberger Erinnerungskultur, die sich rund um das Reichsparteitagsgelände entwickelt hat und bis heute gepflegt wird. Wir möchten mit diesem Schreiben unsere Besorgnis und unsere Kritik äußern, die wir bezüglich des geplanten Baus einer Opernhaus-Interimsstätte im Innenhof der Kongresshalle hegen und einen Aspekt zur Diskussion einbringen, der unserer Ansicht nach bislang kaum Beachtung fand.
Seit der Eröffnung des Dokumentationszentrums im Jahr 2001 strömten Millionen Besucher*innen aus dem In- und Ausland nach Nürnberg, um sich über die Geschichte des Nationalsozialismus weiterzubilden und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Allein 2019, im Jahr vor der Corona-Krise, haben wir von Geschichte Für Alle e.V. rund 100.000 interessierte Menschen internationaler Herkunft über das Gelände und durch das Dokumentationszentrum sowie die Kongresshalle geführt, darunter ein erheblicher Anteil Schülerinnen und Schüler.
Unsere Aufgabe besteht darin, den Besucher*innen Orientierung zu bieten, Fakten zu vermitteln, Diskussionen zu fördern und Denkanstöße zu geben. Vor allem aber Hilfestellung zu leisten, die Gebäude des Reichsparteitagsgeländes und ihre architektonische Botschaft zu verstehen und einzuordnen. Hierbei ist der unverstellte Blick auf die authentischen Fassaden und in den Innenhof der Kongresshalle als sinnlich erfahrbares Symbol des Größenwahns, aber auch seines Scheiterns, ein wichtiger Bestandteil des pädagogischen Konzeptes unserer Führungen.
Für Günther Domenig, den Architekten des Dokumentationszentrums, war die Kongresshalle nicht nur Standort, sondern wichtigstes Ausstellungsstück. Entscheidend für ihn war, dass die ursprüngliche Architektur unverändert zur Schau gestellt und der Blick darauf nicht verstellt wird. Dabei kommt dem Innenhof besondere Bedeutung zu: Wenn am Ende des Ausstellungswegs die Besucher*innen des Dokumentationszentrums auf die Spitze des 130 Meter langen Pfahls geführt werden, der die rechtwinklige Geometrie des NS-Baus aufbricht, schweben sie über dem Innenhof der Kongresshalle. Die Monumentalität und gleichzeitige Ödnis des Ortes haben eine starke Wirkung auf die Betrachter*innen. Diese körperlich spürbare Erfahrung unterstützt uns in besonderer Weise bei der Vermittlung von Inhalten und Zusammenhängen.
So lassen sich das „Führerprinzip“ und sein pseudoreligiöser Charakter, die angestrebte Gleichschaltung der Massen, die Ausgrenzung Andersdenkender und „Andersartiger“, die Einschüchterung des sich winzig und machtlos fühlenden Individuums und vieles mehr, hier nachhaltig veranschaulichen. Andererseits erzählt gerade die Ruinenhaftigkeit der Szenerie vom Scheitern dieser Ideologie, von ihrer Abgründigkeit, Hohlheit und Leere.
Beim Betreten des Innenhofes beobachten wir immer wieder, wie stark die Gäste auf die Dimension des leeren Raumes reagieren. Gerade diese einzigartige Wirkung würde durch einen architektonischen Eingriff zerstört.
Wir bitten Sie, unsere Einwände zu berücksichtigen und von der Kongresshalle als Standort für das Opernhaus-Interim Abstand zu nehmen.
Ralf Arnold (58), Rundgangsleiter Michael Berngruber (36), Beamter Patrick Blos (34), Dozent an der FAU Alex Büttner (41), Historiker Janet Christel (64), Rundgangsleiterin Andreas Clemens (48), Bildungsreferent Samuel da Silva (22), Student Ilka Dege (48), Texterin Ann-Christin Doyen Eva Eschler (47), Diplom-Sozialpädagogin und Diplom-Europa-Betriebswirtin (FH) Alexander Estel (43), Historiker Laura Faber (31), Referentin für Internationales Marco Faller (36), Freischaffender Künstler Werner Fiederer (63), Sinologe Doris Förster (65), Beeidigte Übersetzerin Gudrun Frank (66), Dipl. Pädagogin a.D. Brigitta Freckmann, (59), Flüchtlings- und Integrationsberaterin Christoph Funk (31), Student Stefanie Gemählich Emilia Gerstel (36), Ethnologin Armin Glass (63), IT-Manager Esther Guckenberger (44), Lehrerin Fiona Haberland (61), Übersetzerin Ruth Hapke (75), Lehrerin a.D. Sigrun Hassel (37), selbständig Ulrike Hauffe, Rundgangsleiterin Anne M. Hayner (59), Freiberuflerin Hartmut Heisig (58), Historiker Elisabeth Hirthammer (58), Sprachdozentin Martin Ides (41), Basketball-Trainer Dr. John Jenkins (63), Dozent und Übersetzer Cornelia Kist (67), Rentnerin Joonas Klier (33), Abteilungsleiter Markus Klinger (56), Gesundheits- und Krankenpfleger Silvia Kowalewski (38), Rundgangsleiterin Andreas Krätzer (42), Bautechniker Rabea Kroth (32), Wissenschaftliche Mitarbeiterin FAU und Uni Bamberg David Linley (67), Rundgangsleiter Claudia Löffler (42), Historikerin Thorsten Lunz (47), Sozialpädagoge Dr. Alexander Mayer (61), Historiker Dr. Pascal Metzger (43), Historiker Stefan Meusert Andreas Neuner (53), Immobilien-Unternehmer und Fremdenführer Jennifer Oevermann (32), Wissenschaftliche Mitarbeiterin Alexander Passaris, Lehrer Johannes Pechstein (51), Lehrer Magdalena Pechstein (27), Studentin Stephanie Preylowski (53), Büroangestellte Christian Schirmer (38), Kulturveranstalter
Thomas Schmechtig (52), Dipl.-Kaufmann Norbert Schneider Bettina Schoene (56), PR-Referentin Dr. Werner Schwarz (62), Buchbinder und Kunsthistoriker Dagmar Seck (36), Kulturreferentin Holger Seikat (48), Lehrer für Deutsch als Zweitsprache Lisa Sherwood-Berndt Stefan Spangler (33), Bürokraft Markus Stich (37), Historiker und Baufinanzierungsberater Lena Thiessen (26), Studentin Frank Venjakob (60), Kfm. Angestellter Melitta Vogel-Singethan (75), Rentnerin Marleen Waffler (28), Wissenschaftliche Mitarbeiterin Silvia Weißhaar Christa Wild (59), Reiseverkehrskauffrau