Demokratische Meinungsbildung und Beteiligung der
Bürgerschaft brauchen Zeit
Die angedachte Nutzung des Bautorsos der Kongresshalle als Ausweichspielstätte und Ersatzarbeitsplatz für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Staatsoper und die Schaffung von „Ermöglichungsräumen“ für Kunst und Kultur wäre eines der größten Nürnberger Kulturprojekte der Nachkriegszeit.
Die Kongresshalle ist einer der wichtigsten Bauzeugen des Nationalsozialismus in Deutschland und keine beliebig nutzbare Immobilie. Unser zukünftiger Umgang mit diesem Denkmal für die Zeit des Nationalsozialismus, einem Denkmal für dessen monumentalen, totalitären Herrschaftsanspruch und für dessen Scheitern, wird international Beachtung finden. Als Teil einer Erinnerungslandschaft steht das Gebäude in direkter Beziehung zu anderen Relikten des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes und kann daher nicht isoliert gesehen werden.
Der zukünftige Umgang mit der Kongresshalle wird sich auch an dem messen lassen müssen, was bisher an Erinnerungsarbeit in Nürnberg geleistet wurde. Wir dürfen den guten Ruf, den sich Nürnberg in der Auseinandersetzung mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit in den letzten Jahrzehnten erarbeitet hat, nicht leichtfertig verspielen.
Eine gründliche Diskussion der vielen anstehenden offenen Fragen, auch mit überregionaler Beteiligung, kann und darf nicht in so kurzer Zeit geleistet werden. Die Bürgerinnen und Bürger Nürnbergs und alle Betroffenen der Folgen dieser dunklen Epoche deutscher Geschichte haben schlicht ein Recht darauf, dass eine derart wichtige Entscheidung nicht unter enormem Zeitdruck gefällt wird – zumal die Frage der Opernhaussanierung seit mindestens zehn Jahren auf dem Tisch liegt.
Die Entscheidung über das Operninterim muss daher von der Tagesordnung des Stadtrats am 15. Dezember 2021 genommen und um ein halbes Jahr auf den Mai 2022 vertagt werden.
In der gewonnenen Zeit können die vielen offenen Fragen ergebnisoffen von Politik, Bürgerschaft und regionalen /nationalen /internationalen Experten aus dem Bereich Kultur, Geschichte, Erinnerungsarbeit, Architektur etc. diskutiert und im besten Fall geklärt werden.
Zeitgleich sollten Prüfaufträge an die Stadtverwaltung gestellt werden und unter anderen die folgenden grundsätzlichen Fragen öffentlich diskutiert werden:
- Wie wurden andere Standorte für das Operninterim und die
„Ermöglichungsräume“ geprüft? Die Chancen für eine positive Stadtentwicklung liegen zukünftig vor allem in Konversionsflächen. Die Stadt muss diese künftig aktiv im Sinne aller weiter entwickeln.
- Warum existiert derzeit keine Bewertung von Aufwand und Nutzen, die vor
allem auch gemeinwohlorientierte Aspekte in den Mittelpunkt rückt? Eine vorausschauende, gemeinwohlorientierte Stadtentwicklungsplanung berücksichtigt auch die integrationsfördernde Verteilung in den Stadtteilen. Investitionen dieser Größenordnung können sinnvollerweise für eine Aufwertung von vernachlässigten Stadtteilen genutzt werden.
- Falls die Kongresshalle als Standort des Operninterims und Arbeitsplatz der
Opernhaus-Geschäftigen ausgebaut wird, was passiert nach deren Auszug in das sanierte Opernhaus mit den Räumlichkeiten? Braucht Nürnberg, konzentriert an diesem Standort, dann wirklich ein derart großes Kunst- und Kulturzentrum? Wäre eine Verteilung auf verschiedene Stadtteile nicht viel sinnvoller?
- Eine mögliche Nutzung der Kongresshalle als Ort für Kunst, Kultur und
Künstler kann nur in Verbindung mit der Arbeit des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände und der erinnerungskulturellen bzw. historischpolitischen Arbeit gedacht werden. Gäbe es hier überhaupt Synergieeffekte und wenn ja welche? Wie muss eine zukunftsgerichtete Erinnerungskultur konkret aussehen?
- Muss nicht das gesamte ehemalige Reichsparteitagsgelände in den Blick
genommen werden, das heißt neben dem Täter- auch der Opferort? Wie kann die Stadtgesellschaft den „Bahnhof Märzfeld“ als dem Deportationsort der Nürnberger Jüdinnen und Juden zu einem würdigen Gedenkort machen? Wie das Kriegsgefangenenlager Langwasser mit seinen Tausenden von Opfern?
- Soll überhaupt eine „Transformation“ des Denkmals Kongresshalle in Richtung
eines Kulturorts angestrebt werden oder besser nicht? Was genau ist unter einer derartigen „Transformation“ zu verstehen?
- Würde eine Lagernutzung (wie es das bereits jahrzehntelang tat) nach einer
notwendigen brandschutzgemäßen Ertüchtigung den langfristigen Unterhalt des denkmalgeschützten Baukörpers finanzieren?
- Welcher Betrag wird für den möglichen Umbau der Kongresshalle zur
Umsetzung der „Ermöglichungsräume“ beziffert? Wieviel davon müsste die Stadt Nürnberg stemmen?
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Welche Kalkulationen liegen für die Mietkosten der Räume und Ateliers vor?
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Wie soll perspektivisch eine hinreichende Finanzierung der
„Ermöglichungsräume“ und ihres Angebotes gewährleistet werden? Inwieweit wären gleichzeitig Arbeit und Angebote sowie die Existenz der bestehenden Freien Kulturstätten in Nürnberg finanziell gesichert? Wie kann das der Haushalt der Stadt Nürnberg auf Dauer tragen?
Nürnberg, den 21. November 2021
Unterzeichner:
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BauLust e.V. – Initiative für Architektur und Öffentlichkeit
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Die Guten e.V.
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Drozak, Jean-Francois, Projektleitung Jesuran – Nordkurve Kulturföderverein e.V.
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Geschichte Für Alle e.V. – Institut für Regionalgeschichte
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Grillmeyer, Siegfried, Akademiedirektor Caritas-Pirckheimer-Haus