7t, K.g. 1 fc Dez:
Tischvorlage
Sitzung des Stadtrats am 15. Dezember 2021
Ö 4 Standort einer Ausweichspielstätte für die Musik- und Tanztheatersparten
des Staatstheaters Nürnberg während der Durchführung des Bauvorhabens
Opernhaus
hier: Bürgerdialog zur erweiterten kulturellen Nutzung der Kongresshalle
Die Opernhaus-Kommission hat in ihrer Sitzung vom 22. Oktober 2021 empfohlen, „kurzfristig eine strukturierte Beteiligung von Bürgerschaft, Kulturschaffenden, Mitwirkenden an der Erinnerungsarbeit und weiteren Interessierten“ durchzuführen. Diesem Anliegen ist der Geschäftsbereich Kultur der Bürgermeisterin in den vergangenen Wochen mit der Durchführung unterschiedlicher Informations- und Diskursveranstaltungen nachgekommen. Sowohl die Erweiterung der kulturellen Nutzung um Ermöglichungsräume für Kunst- und Kulturschaffende, als auch die künftige Verödung eines Operninterims markierten zentrale thematische Akzente der Kommunikations- und Informationsformate, die allgemein zugänglich sowie adressatenorientiert konzipiert waren. Die bislang durchgeführten Formate verstehen sich als Auftakt und Impulsgeber für den weiteren Dialogprozess. Alle Veranstaltungen waren kostenfrei und z. T. online zu verfolgen. Bild- und Tondokumentationen sind auf der Website „nuernbergkultur“ unter: www.nuernberq.de/internet/nuernberqkultur/veranstaltunqsreihe konqresshalle 2021 2022. html einsehbar.
Alle Anregungen, Wünsche und Erwartungen aus der Bürgerschaft wurden dokumentiert und grundieren den 2022 fortzuführenden Diskurs mit. Die Beteiligung am Diskurs wurde von Bürgerinnen und Bürgern, städtischen und externen Fachleuten über Vertretungen aus Politik und Verwaltung bis hin zu internationalen Positionen aktiv aufgegriffen. Diskussionsverlauf und Meinungsbildung fanden breite mediale Aufmerksamkeit, auch in den bundesdeutschen Leitmedien.
1. Rundgangstage Kongresshalle am 13. und 20. November 2021
Am 13. und 20. November 2021 wurden Rundgänge in bisher nicht öffentlich zugänglichen Bereichen des Rundbaus der Kongresshalle angeboten. Konzeption und Organisation lagen bei 2. BM bzw. 2. BM/ZEP. Die Durchführung leisteten 2. BM/PBH, Ref. VI/PBD, H/R, 2. BM und 2. BM/ZEP. Der Hauptakzent lag auf Informationen zu baulichen und inhaltlichen Perspektiven einer erweiterten kulturellen Nutzung der Kongresshalle mit Blick auf Ermöglichungsräume für die Künste und Kulturen sowie das mögliche Operninterim. Insgesamt wurden an beiden Tagen 40 Rundgänge mit über 600 Teilnehmenden durchgeführt. Alle Rundgangsangebote waren ausgebucht. Die Besucherstruktur reichte neben der interessierten Bürgerschaft von Mitgliedern des Stadtrats über Vertretungen benachbarter bzw. angrenzender Einrichtungen wie dem Bürgerforum Dutzendteich e.V., der Bundesanstalt für Arbeit oder der NürnbergMesse über Einrichtungen der Wissenschaft wie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Technischen Hochschule Nürnberg bis hin zu einer großen Anzahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Staatstheaters Nürnberg sowie weiteren Kunst- und Kulturschaffenden. An einer
Informations- und Rückmeldestation (Response-Station) am Ende des Rundgangs konnten die Teilnehmenden ihre Meinungen zum künftigen Umgang mit der Kongresshalle äußern und schriftlich hinterlassen. Zudem standen städtische Mitarbeiterinnen für Rückfragen und zur Diskussion zur Verfügung. Es konnten sowohl antwortoffene Rückmeldungen als auch beantwortete Fragekarten hinterlegt werden. [Fragekarte 1: IVas verbinden Sie mit der Kongresshalle am ehemaligen Reichsparteitagsgelände? Welche kulturellen Nutzungen können Sie sich für diesen von den Nationalsozialisten erbauten Ort vorstellen? Welche Nutzungen sind hier Ihrer Meinung nach nicht vorstellbar? Fragekarte 2: Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft der Kongresshalle? Was soll sich an diesem Ort verändern? Was sollte Ihrer Meinung nach weiterhin erkennbar sein?]
Bislang haben rund 35% bzw. mehr als 200 Personen geantwortet. Alle Antwortkarten sind einzeln online lesbar. Nach einer vorläufigen Auswertung zeichnet sich als Meinungstrend zusammenfassend ab, dass eine erweiterte kulturelle Nutzung gut vorstellbar ist. Rund 75% der Antwortgebenden stehen einer kulturellen Nutzung positiv gegenüber und haben Interesse an der weiteren Erschließung der Kongresshalle für kulturelle und künstlerische Zwecke bekundet. Räume für die Produktion und Präsentation von Kunst sind generell vorstellbar. Ein Operninterim in oder an der Kongresshalle halten viele Besuchende für möglich, sehen dieses aber an die Auseinandersetzung mit dem historischen Ort gebunden. Die Kongresshalle stellt im Bewusstsein der Menschen ein historisches Dokument dar und wird untrennbar mit dem Größenwahn, aber insbesondere auch mit den Verbrechen des Nationalsozialismus verknüpft. Deswegen sind historischer Kontext und Struktur der Kongresshalle zwingend zu erhalten. Zudem ist die erinnerungskulturelle Debatte zu intensivieren. Kommerzielle Nutzungen werden abgelehnt. Es besteht vielmehr der Wunsch nach Nutzung der Kongresshalle durch die Stadtgesellschaft - sei es als Ort der Kultur, sei es als Ort der Begegnung.
2. Fachwerkstatt Stadtentwicklung am 26. November 2021
Das Format markierte den Auftakt eines verwaltungs- und akteursbezogenen Klärungsprozesses zu anstehenden Fragestellungen für unterschiedliche Verwaltungsbereiche. Ein spezifischer Adressatenkreis umfasste stadtinterne und -externe Akteure, u.a. BV Hasenbuck e.V., BV Nürnberg-Langwasser, Stadion Nürnberg Betriebs GmbH, NürnbergMesse GmbH, ARENA Nürnberger Versicherung, Verlag Nürnberger Presse, Nürnberger Symphoniker, 2.BM, 3.BM, 2.BM/PBH, 2.BM/ZEP, KuF, KuM/Dokuzentrum, Stpl, H/R, Koordinierungsgruppe ehern. Reichparteitagsgelände, Ref.VI/PBD, Ref.VII/LA, Th, BgA/Stab Stadtentwicklung, Ref.VI/H, Vpl sowie Vertreterinnen und Vertreter des Stadtrats sowie des Staatstheaters Nürnberg.
Die als analoges Format konzipierte Veranstaltung musste vor dem Hintergrund des Infektionsgeschehens digital durchgeführt werden. Sie wurde extern moderiert von Professor Klaus Overmeyer und dem Büro Urban Catalyst. Hierbei wurde an das Integrierte Stadtentwicklungskonzept Nürnberg-Südost INSEK (Stadtratsbeschluss 16. Dezember 2015) angeknüpft. Im Wesentlichen diskutiert wurde, wie die Kongresshalle in die Kontexte (1) „Kulturraum“, (2) „Stadtraum“ und (3) „Sonstige Nutzungen“ eingebettet ist, welche Funktionen sie aus diesen Perspektiven einnimmt und welche Potentiale damit einhergehen. Als Einschätzungen aus der Fachwerkstatt können zusammenfassend festgehalten werden: Die Kongresshalle kann zu einem verbindenden, völlig neuen Kulturort werden und hat das Potential, sozialräumliche Trennungen aufzuheben, Akzente zu setzen und sowohl räumlich
als auch kulturell zu einem Scharnier zu werden. Für viele Akteurinnen und Akteure aus dem direkten Umfeld rückten erst jetzt angesichts der öffentlichen Diskussion Potentiale und Möglichkeiten zur Nutzung in den Fokus. Die bereits vorliegende Nutzungsdichte ist problematisch und wird durch eine erweiterte kulturelle Nutzung in der Kongresshalle verschärft. Es braucht daher eine intensivere Kommunikation und eine übergreifende Koordinierung der Aktivitäten bzw. die Erarbeitung eines übergeordneten Nutzungskonzeptes in konsequenter Fortschreibung der Leitlinien aus dem Jahre 2004. Schon jetzt ist ein übergreifendes Mobilitätskonzept erforderlich. Der weitere Prozess ist grundsätzlich partizipativ zu gestalten. Dabei ist den Anforderungen des Denkmalschutzes und der Erinnerungskultur Rechnung zu tragen.
3. World-Cafe am 30. November 2021
Zum vierstündigen World-Cafe-Format in der Meistersingerhalle kamen - pandemiebedingt beschränkt - 60 interessierte Bürgerinnen und Bürger, Expertinnen und Experten sowie Tischgastgeberinnen und -gastgeber zusammen, u.a. Vertretungen der Politik und des Stadtrats, des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände, des Staatstheaters Nürnberg, der Nürnberger Symphoniker, des Stadtseniorenrats, von Baulust e.V., Geschichte Für Alle e.V., Global Art Nürnberg e. V., Fotoszene Nürnberg e. V. sowie Kunstund Kulturschaffende.
Ziel war es, sich zu den Themen (1) Sanierung Opernhaus/Ausweichspielstätte, (2) Kongresshalle als Kulturort mit erweiterter Nutzung, (3) Erinnerungskulturen und (4) Architekturphilosophien in konzentrierten Gesprächsrunden auszutauschen, Anregungen und Thesen zu formulieren. Abschließend wurden die gesammelten Statements und Ideen bewertet. Als „drängendstes Thema“ wurde formuliert: Das Opernhaus am Richard-Wagner- Platz ist nicht geeignet für eine „Neuerfindung“ der Oper. Deshalb bedarf es eines Neubaus statt eines Interims. Für den Fall eines Interims auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände sollte dieses außerhalb der Kongresshalle positioniert werden. Als „innovative Ideen“ wurden verifiziert: Der Frauentorgraben muss autofrei werden, um die Aufenthaltsqualität auf dem Richard-Wagner-Platz zu heben und ihn als Ort erfahrbar zu machen. Die Kongresshalle muss als zentraler Ort der Erinnerungskultur erhalten werden, aber Kunst und Kultur haben das Potential, den Ort neu zu denken. Mutige Visionen für die Kongresshalle sind zuzulassen, die erinnerungskulturelle Debatte ist weiter zu öffnen.
4. Podiumsdiskussion am 3. Dezember 2021: „Erinnerungskultur(en). Neue Wege in
der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus“
In dem hybrid angelegten Podium diskutierten Prof. Dr. Charlotte Bühl-Gramer (FAU, Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte, Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats Erinnerungsort ehemaliges Reichsparteitagsgelände), Dr. Axel Drecoll (Direktor Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Erinnerungsort ehemaliges Reichsparteitagsgelände), Prof. Dr. Claus Leggewie (Justus-Liebig-Universität Gießen) und Prof. Dr. Meron Mendel (Direktor Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt a. M.) über Perspektiven der Erinnerungskultur für das 21. Jahrhundert und erörterten eine Platzierung des Operninterims auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände. Als zentrale Denklinien und Thesen können festgehalten werden: Die heterogene Besucherschaft und multiplen Nutzungsrealitäten (Freizeit, Alltags-, Erinnerungskultur) auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände erfordern Multiperspektivität im Umgang mit dem Gelände.
Verwaltung und Politik haben in den vergangenen Jahren intensivste Diskussionen mit Nürnberger Bürgerinnen und Bürgern sowie nationalen und internationalen Fachleuten geführt. Ein zentrales Ergebnis dabei war, dass es ein Gesamtkonzept für das ehemalige Reichsparteitagsgelände nicht geben kann. Es braucht die ständig offene und dynamisch sich entwickelnde Auseinandersetzung. Erinnerungskultur ist Streitkultur. Zu warnen ist nachdrücklich davor, die Kongresshalle symbolisch zu überhöhen und Architekturen eine Bedeutung zuzuschreiben, die ihnen nicht inhärent ist. Es bedarf vielmehr der Weitung der Perspektive der Erinnerungskultur angesichts der sich immer weiter ausdifferenzierenden Gesellschaften. Die Diversität von Gesellschaften muss in den Diskurs Eingang finden. Insofern ist es notwendig, die Diskussion aus der Nürnberger Binnenperspektive zu lösen und das ehemalige Reichsparteitagsgelände als Ort von nationaler und internationaler Relevanz zu begreifen. Kunst und Kultur können zentraler Motor für den zukünftigen erinnerungskulturellen Diskurs sein.
Während des Live-Streams wurden bis zu 75 Zuschauende registriert. Im Live-Chat fand eine äußerst rege Beteiligung an der Diskussion statt. Mittlerweile verzeichnet das Video ca. 450 Aufrufe (Stand 14.12.2021) überden YouTube-Kanal NürnbergKultur.
- Für 2022 geplante Veranstaltungen:
2022 wird es eine Fortführung des Bürgerdialogs geben. Weitere Veranstaltungen und Diskussionsformate befinden sich in der Konzeption. Geplant, aber noch nicht terminiert, sind Rundgangstage zur Begehung des Inneren der Kongresshalle für interessierte Bürgerinnen und Bürger, öffentlich und kostenlos.
„Architektur-Visionen“ im Offenen Büro, Lorenzer Straße und im K:OSK im KuKuQ
Ausstellung in Kooperation mit Stadtplanungsamt
Von 24. Januar - 20. Februar 2022 werden Modelle, Skizzen und Visualisierungen unterschiedlicher Ideen von Architektinnen und Architekten, Studierenden und Künstlerinnen und Künstlern zum möglichen architektonischen Umgang mit der Kongresshalle gezeigt.
„Erinnerungskultur und Perspektive der Künste“, zweitägige Tagung Kurator: Prof. Dr. Jörg-Ulrich Skriebeleit/ Universität Regensburg
„WER IST WIR“, Theaterproduktion Kurator: Jan Philipp Gloger, Schauspieldirektor des Staatstheaters Nürnberg
Ende Mai - Mitte Juli 2022 finden szenisch-installative Rundgänge an mehreren Stationen - Audiowalks, Kurzstücke, musikalische Interventionen und räumliche Installationen, chorische Performances - im ersten Obergeschoss des Rundbaus der Kongresshalle statt.
6. Alle Ergebnisse online
Das gesamte öffentliche Veranstaltungs- und Diskursprogramm wurde durch die Medienwerkstatt Franken medial begleitet sowie über die Internetpräsenz und soziale Medien des Geschäftsbereichs Kultur veröffentlich und distribuiert. Gebündelt sind alle Beiträge unter https://www.nuernberq.de/internet/nuernberqkultur/veranstaltunqsreihe konqresshalle 2021 2022.html
Die Veranstaltungen „Try Out Kongresshalle“ (13.11.21), „Open up Kongresshalle“ (20.11.21), World-Cafe Kongresshalle (30.11.21) sind in Form von redaktionellen Beiträgen nachvollziehbar.
Das Podiumsgespräch „Erinnerungskultur(en). Neue Wege im Umgang mit dem Nationalsozialismus“ (3.12.2021) ist, ebenso wie die einleitende Pressekonferenz (10.11.2021) vollständig abgebildet.
In Planung befindet sich ein Beitrag über den nichtöffentlichen Fachworkshop „Fachwerkstatt Kongresshalle Nürnberg“ (26.11.2021).
Die für den Zeitraum 24.1.22 - 20.2.22 geplante Ausstellung „Architektur-Visionen“ wird in auch Form eines gefilmten Rundgangs zu erleben sein.
Dokumentarisch und vollständig veröffentlicht sind die im Rahmen der angebotenen Führungen durch die Kongresshalle erfolgten Rückmeldungen mit Eindrücken, Meinungen und Anregungen der Teilnehmenden, einzusehen unter: https://www.nuernberq.de/internet/nuernberqkultur/veranstaltunqsreihe konqresshalle 2021 2022.htm l#10