Sachverhaltsdarstellung
Vorstellung der Fachstelle Psychiatrie: Ihre Aufgaben und die aktuellen Themen
Aufgaben allgemein
Die Fachstelle Psychiatrie ist Ansprechpartnerin für alle Einrichtungen, Dienste, Mitarbeitenden, Bedarfsträger und Interessierte in Sachen Gemeindepsychiatrie1. Ihr Aufgabenbereich umfasst die Koordination, Vernetzung und konzeptionelle Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung und der Suchthilfe. Sie nimmt Hinweise, Beschwerden und Kritik an der gemeindepsychiatrischen Versorgung in Nürnberg entgegen und bemüht sich um Hilfestellungen und Klärung. Die Fachstelle kooperiert mit dem Bezirk Mittelfranken, den Trägern der freien Wohlfahrtspflege, den regionalen Fachkliniken für (Kinder- und Jugend-) Psychiatrie, der Suchtbeauftragten der Stadt Nürnberg sowie des Jugendamtes und weiteren Versorgern aus dem Bereich der Jugendhilfe. Ebenso findet eine Vernetzung mit den überregionalen Psychiatriekoordinatorinnen und -koordinatoren statt. Antistigma-Arbeit2 wird aktiv vorangetrieben und unterstützt. Fachbereichsübergreifende Aufgaben: Mitarbeit in politischen Gremien Aufbau einer aktiven, entstigmatisierenden Öffentlichkeitsarbeit: o Nürnberger Woche der seelischen Gesundheit o Weiterentwicklung und Koordination des Präventionsprojektes „Verrückt? Na und!“ o Kooperation und Vernetzung in stadtinternen Gremien zum Thema, wie bspw. der Umsetzung des Aktionsplanes zur UN-Behindertenrechtskonvention. Organisation und Durchführung des Psychose-Trialog Nürnberg Mitwirkung an / Initiierung von Fachtagen referats- und ämterübergreifende Zusammenarbeit zu Themen der Psychosozialen Versorgung Zusammenarbeit mit der GesundheitsregionPlus Zusammenarbeit mit „Grow Happy – Gesund Aufwachsen im Stadtteil“ Fachliche Einschätzung von Anträgen im Zuschusswesen
Psychiatriekoordination, Bereich Erwachsene
Sie verfügt über umfassende Kenntnis der psychiatrischen Versorgungslandschaft in der Stadt Nürnberg und darüber hinaus, sowohl im ambulanten, wie auch im stationären Bereich
1 „Der Begriff ‚Gemeindepsychiatrie‘ bezeichnet ambulante und lebensweltorientierte Angebote für psychisch erkrankte Menschen und ihre Familie, welche die sozialen Ursachen psychischer Erkrankungen in den Fokus nehmen. Neben medizinischen Gründen werden auch die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Lebenswelt des Erkrankten als Einflussfaktoren für die seelische Gesundheit betrachtet. Gleichzeitig wird eine wirksame Einbindung in soziale Bezüge – etwa in der Familie, im Wohnquartier und in der Arbeitswelt – als positiv und genesungsfördernd gefördert.“ (Psychiatrienetz/Gemeindepsychiatirie, 2024) 2 Gemeint ist die Arbeit gegen die Vorurteile und Diskriminierung, welche Menschen erleiden, die von psychischer Erkrankung betroffen oder davon bedroht sind.
und pflegt die Miniwebseite Die PSAG Nürnberg - Psycho-Soziale Arbeitsgemeinschaft (nuernberg.de). Sie vernetzt allgemein und themenbezogen Akteure des sozialpsychiatrischen Versorgungssystems. Sie führt die Geschäfte der PSAG (Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft) Nürnberg: Sitzungsorganisation und Leitung, Vorstandssitzungen, Antragsberatung, Entgegennahme und Sichtung von Anträgen an die Bezirksverwaltung, Pflege des Mitgliederverteilers. Sie arbeitet eng zusammen mit dem Psychiatriekoordinator des Bezirk Mittelfranken sowie den anderen PSAG/RSV3 Geschäftsführern/Geschäftsführerinnen in Mittelfranken. Dabei werden aktuelle Themen und Problemlagen aufgegriffen, und ggf. regionale und/oder überregionale Arbeitskreise zur vertieften Bearbeitung der Themen eingerichtet. Weitere Aufgaben: Mitarbeit in politischen Gremien (Bezirk Mfr: Planungs- und Koordinierungsausschuss und Sozialausschuss, PSAG Mittelfranken, Landesregierung: Expertenkreis Psychiatrie) Vertretung der psychisch Kranken im Forum Inklusion des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Antistigma Arbeit: Engagement für die EX-IN Bewegung (Einbezug von Betroffenenkompetenz in Versorgungseinrichtungen der Sozialpsychiatrie)
Themenbeispiele
Versorgungsschlüssel SpDi und PSB
Für die Sozialpsychiatrischen Dienste (SpDi, Beratungsstelle für psychisch belastete/erkrankte Erwachsene) und die Psychosozialen Beratungsstellen (PSB, Beratungsstellen für suchterkrankte Menschen und deren Angehörige) galten in der Vergangenheit Versorgungsschlüssel, an denen sich der Bezirk Mittelfranken hinsichtlich Stellenplanung orientiert hat. Diese erschienen den Fachleuten innerhalb der PSAG nicht mehr zeitgemäß. In einem konsensualen umfangreichen Arbeitsprozess wurde die Historie der Beratungsstellen aufgerollt sowie die Veränderungen der Bedarfe analysiert. Das Ergebnis des Arbeitsprozesses wurde im Herbst 2022 der Bezirkspolitik vorgestellt und floss in eine neue Richtlinie für die Personalausstattung der Dienste.
Heimplatzmoratorium, „Fehlbeleger“
2022 erarbeitete eine Arbeitsgruppe unter der Führung des Psychiatriekoordinators des Bezirk Mittelfranken und unter Mitwirkung der Nürnberger Psychiatriekoordinatorin eine aussagekräftige Bestandsanalyse der Wohnplätze in besonderen Wohnformen (vormals „Heime“) sowie eine Bedarfsanalyse der psychisch kranken Menschen, die aufgrund besonderer Bedarfe schwer bis gar nicht eine Wohnmöglichkeit finden. Angestoßen wurde diese Analyse durch Dringlichkeitsmeldungen der Kliniksozialdienste bei der Psychiatriekoordinatorin; es seien Menschen in den Kliniken, die man nicht weitervermitteln könne, obgleich die Notwendigkeit für eine stationäre Behandlung nicht mehr bestand. Diese Menschen blockierten Behandlungskapazitäten. Es erfolgte eine ad hoc Abfrage bei den mittelfränkischen Kliniken seitens der Psychiatriekoordinatorin, bei der deutlich wurde, dass die Thematik alle Kliniken
3 Die RSV ist synonym zur PSAG zu betrachten und steht ausgeschrieben für Regionaler Steuerungsverbund.
betrifft. Die Bestands- und Bedarfsanalyse, in der sichtbar wurde, dass beschützte Wohnangebote für chronifizierte psychisch erkrankte Menschen mit sehr herausforderndem Verhalten (Selbst,- und/oder Fremdverletzung) fehlen, wurde im Herbst 2023 der Bezirkspolitik vorgestellt und dient als Grundlage für weitere Entscheidungen. Eine Arbeitsgruppe wurde vom Sozialausschuss des Bezirk Mittelfranken beauftragt, Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Somit wurde das seit 19 Jahren bestehende „Heimplatzmoratorium“, der Beschluss, keine weiteren stationären Wohnplätze zu schaffen, zur Diskussion gestellt.
Wohnmöglichkeiten für (alte) Menschen mit psychischer Erkrankung und /oder Sucht
plus Pflegebedarf
Ein deutliches Ergebnis der oben genannten Analyse sind die hohen Zahlen von chronisch psychisch kranken Menschen, die bereits in besonderen Wohnformen leben („Heime“) und die infolge ihres steigenden Lebensalters Pflegebedarfe entwickeln. Das Thema beschäftigt zum Beispiel den PSAG Arbeitskreis Gerontopsychiatrie schon mehrere Jahre lang. Nun wurde das Problem auch durch Zahlen untermauert. Für diese Zielgruppe passende Wohnangebote zu schaffen, ist aufgrund der Schnittstellenproblematik der Sozialgesetzgebung schwierig (Abgrenzung Eingliederungshilfe und Pflege). Auch für diese Thematik soll die oben genannte Arbeitsgruppe, an der die Psychiatriekoordinatorin mitwirkt, Lösungsvorschläge erarbeiten.
Ambulant psychiatrischer Pflegedienst (ApPD)
Dieser wichtige Baustein in der Versorgungslandschaft fehlte lange. Jahrelange Bemühungen der Psychiatriekoordinatorin um verschiedene Einrichtungen, die solch einen Dienst aufbauen könnten, blieben erfolglos, die Finanzierungsgrundlagen erschienen den Einrichtungen wirtschaftlich zu unsicher. Nach einer erfolgten Richtlinienänderung ging im Frühjahr 2023 ein ApPD in der Trägerschaft von Dr. Loew, soziale Dienstleistungen4 an den Start. Die Psychiatriekoordinatorin unterstützte die Etablierung dieses Angebotes durch die Organisation von Infoveranstaltungen für das Hilfesystem. Dieser ApPD ist nun neben einem in Oberbayern der zweite seiner Art in Bayern. Ein ApPD hilft, Klinikeinweisungen zu verringern und psychisch kranken Menschen den Verbleib in der eigenen Häuslichkeit zu ermöglichen.
Arbeitsplätze für psychiatrieerfahrene Menschen im Versorgungssystem:
EX-IN Genesungsbegleiter/Genesungsbegleiterinnen
EX-IN ist die englische Abkürzung für Experienced Involvement – Beteiligung Erfahrener. Dahinter steckt die Idee, dass Psychiatrie-Erfahrene zu bezahlten Fachkräften im psychiatrischen System qualifiziert werden. In anderen Bundesländern sind diese ausgebildeten Expertinnen und Experten durch Erfahrung bereits überall dort tätig, wo Menschen mit psychischen Schwierigkeiten begleitet und unterstützt werden; an Kliniken, an Sozialpsychiatrischen Zentren, im Bereich der beruflichen Rehabilitation, als Dozierende bei Weiterbildungsträgern, in der Jugendhilfe. In Bayern kommt die Bewegung langsam in Gang. Auch durch die Arbeit des Nürnberger PSAG EX-IN Arbeitskreises, aus dem heraus stetige Anregungen kamen, entstand ein Handbuch „Ex-In Genesungsbegleiter“. An einigen Sozialpsychiatrischen Diensten (SpDi) sind bereits Genesungsbegleiterinnen und -begleiter tätig. Die Richtli-
4 Dr. Loew soziale Dienstleistungen ist ein Unternehmen, welches Menschen mit psychischen und geistigen Einschränkungen, Senioren und Jugendliche betreut und versorgt.
nie des GBA vom 01.01.2023 über die Ausstattung der stationären Einrichtungen der Psychiatrie und Psychosomatik gibt vor, in der Erwachsenenpsychiatrie und Psychosomatik zusätzlich zu den bisherigen Berufsgruppen ab sofort auch Genesungsbegleitende auf den Stationen einzusetzen. Auf dieser Grundlage hat das Bezirksklinikum Ansbach Stellen ausgeschrieben. Aktuell bemüht sich die Psychiatriekoordinatorin in Gesprächen mit etlichen potentiellen Bildungsanbietern um eine Wiederaufnahme der Ausbildung in Nürnberg. Im Sozialausschuss wurde im Herbst 2022 die Bezuschussung der EX-IN Ausbildung beschlossen. 18.000 Euro stellt der Bezirk Mittelfranken dafür zur Verfügung. Dieser Zuschuss wird es leichter machen, die Ausbildungskosten aufzubringen.
Betreuungsrechtsreform
Das Betreuungsrecht wurde zum 01.01.2023 reformiert. Zusammen mit der Leiterin der Betreuungsstelle der Stadt Nürnberg und dem Vorstand der PSAG organisierte die Psychiatriekoordinatorin Infoveranstaltungen für verschiedenen Zielgruppen, um die Änderungen im Zuge der Reform bekannt zu machen.
Hintergrund der PSAG Nürnberg
Die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft (PSAG) Nürnberg ist ein Gremium zur trägerübergreifenden Vernetzung, Planung und Koordination der psychiatrischen Versorgung in der Stadt Nürnberg, sowie zur Intensivierung der Zusammenarbeit aller an der psychiatrischen Versorgung beteiligten Institutionen. Das Ziel ist, die Versorgung psychisch kranker Menschen im außerklinischen Bereich zu verbessern. Hierbei geht es um die Prüfung von Konzepten und die Feststellung des Bedarfs von Einrichtungen des ambulanten psychiatrischen Versorgungsbereichs. Außerdem werden im Rahmen der PSAG neue Projekte initiiert, Fachtagungen durchgeführt und diverse PSAG-Arbeitskreise organisiert, moderiert und protokolliert. Die „Grundsätze zur Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in Bayern“ beschreiben den Auftrag der PSAG. Die Organisationsstruktur ergibt sich aus der Geschäftsordnung. Die PSAG Nürnberg ist eine von sieben PSAGen/ RSVen in Mittelfranken. Die Aufgaben werden in enger Abstimmung mit den Gremien des Bezirk Mittelfranken und den übrigen mittelfränkischen PSAG/RSVen wahrgenommen.
Die Geschäftsführung der PSAG ist seit 1990 mit dem 2. Bayerischen Psychiatrieplan (Psychiatriegrundsätze) als Aufgabe den Gesundheitsämtern zugeordnet. Auch in der derzeitigen Überarbeitung der Psychiatriegrundsätze wird wieder ein Kapitel PSAG/RSV enthalten sein.
Arbeitskreise der PSAG Nürnberg
AK Arbeitsplätze AK Beratungsstellen AK Borderline AK Depression AK Doppeldiagnosen AK Essstörungen AK EX-IN AK Frauen und Seelische Gesundheit AK Gemeindepsychiatrie AK Gerontopsychiatrie
AK interdisziplinär gegen sexuelle Gewalt an Kindern AK Kinder seelisch kranker Eltern AK Sucht
Psychiatriekoordination, Kinder und Jugendliche
Der Bedarf an Förderung von Vernetzung und Versorgungsstrukturen für Kinder und Jugendliche ist Thema in allen Fachgremien, Arbeitskreisen, wie auch Ausschüssen. Gleichzeitig fehlt es den Handlungsträgern im Hilfesystem an zeitlichen Kapazitäten, diese aktiv voranzubringen. Zu nennen sind hier beispielsweise die psychiatrische Versorgung von Heranwachsenden, stationäre Entgiftungsplätze für unter 18jährige und die Weiterentwicklung präventiver Ansätze. In diese Lücke stößt die Stelle des Kinder- und Jugendpsychiatriekoordinators und soll schrittweise eine Vernetzungsstruktur zwischen Institutionen der Gesundheitshilfe, Jugendhilfe, Ärzten, Schulen, Krankenkassen und weiteren Stakeholdern aufbauen.
Basis dessen ist das Bündnis für seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Nürnberg, kurz: Nürnberger Bündnis junge Psyche. Entstanden aus einem Stadtratsantrag wird das Bündnis seit Januar 2020 durch das Gesundheitsamt mit 19,5 Wochenarbeitsstunden (WAS) koordiniert. Die Stelle eines Kinder- und Jugendpsychiatriekoordinators ist überregional betrachtet eine Besonderheit. Nur wenige Kommunen können in Bezug auf den Bereich Psychiatriekoordination einen Schwerpunkt auf den kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich vorweisen. Zwischen den Jahren 2020 und 2022 ruhte die Arbeit großenteils, da die Personalkapazität zur Bewältigung der Corona-Pandemie eingesetzt werden musste. Die Struktur des Nürnberger Bündnisses junge Psyche bietet sich als Grundstein für die oben beschriebenen aufzubauenden Vernetzungsstrukturen an.
Weitere Aufgaben: Koordination und Geschäftsführung des „Nürnberger Bündnis junge Psyche“: Sitzungsorganisation und Leitung, Weiterentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit Mitarbeit in politischen Gremien (Ausschüsse, Landesregierung: Expertenkreis Psychiatrie) enge Kooperation mit dem Jugendamt (bspw. Frühe Hilfen), dem Sozialamt (bspw. Suchtbeauftragte), dem Klinikum Nürnberg und weiteren städtische Diensten wie dem Sozialpsychiatrischen Dienst oder der Fachstelle Trauma themenbezogene Vernetzung der Akteure des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Versorgungssystems, Aufgreifen aktueller Problemlagen und Themen und ggf. Einrichtung von Arbeitskreisen Initiierung, Begleitung und Weiterentwicklung wie auch die Vernetzung von präventiven Projekten mit dem Schwerpunkt seelische Gesundheit bzw. psychische Gesundheitskompetenz (bspw. Verrückt? Na und!“)
Nürnberger Bündnis junge Psyche
Das Nürnberger Bündnis junge Psyche traf sich im Januar 2017 zum ersten Mal. Zielstellung des Bündnisses ist, die Vernetzung der Handlungsakteure zu optimieren, den Weg zur bestmöglichen Hilfe für Betroffene zu erleichtern und für das Thema psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu sensibilisieren. Erfolgreich wurden Jugendamt, die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikum Nürnberg, die Schulpsychologie, die Polizei und das Gesundheitsamt enger miteinander vernetzt. Durch die regelmäßigen Treffen und das Kennen
der Ansprechpersonen ist die Zusammenarbeit verbessert worden. Sichtbar wird das bspw. an der verstärkten Mitwirkung der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Arbeitskreisen, wie zum Beispiel dem PSAG-Arbeitskreis Kinder seelisch kranker Eltern. Auf den Netzwerktreffen und daraus entstehend konnten Versorgungsthemen aufgegriffen und vorangetrieben werden.
Entwickelt und entstanden aus der Bündnisarbeit ist am 13.10.2023 ein Fachtag durchgeführt worden. Inhalt und Titel war „Schulabsentismus begegnen – Wir betrachten Ursachen und Handlungsmöglichkeiten“. Neben einem theoretischen Input durch den Chefarzt am Klinikum Nürnberg, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter wurde die Veranstaltung mit verschiedenen Workshops ergänzt. Durchführende Workshop-Referentinnen und -Referenten wurden gestellt von der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Nürnberg, der Erziehungs-, Paar- und Lebensberatung der Stadtmission Nürnberg, dem Institut für Pädagogik und Schulpsychologie der Stadt Nürnberg, dem staatlichem Schulamt Nürnberg, dem Jugendamt der Stadt Nürnberg und damit auch Vertreterinnen des Kooperationsbündnisses Polizei-Jugendhilfe- Schule. Eingeladen und anwesend waren neben Fachkräften aus der Jugendhilfe, Gesundheitshilfe, Prävention, Schule auch Eltern und Interessierte Bürgerinnen und Bürger. Die Resonanz zeigt, dass hier ein relevantes Thema aufgegriffen wurde, dass viele verschiedene Beteiligte zusammenkommen ließ.
1. Nürnberger Woche der seelischen Gesundheit unter der Schirmherrschaft von
Oberbürgermeister Marcus König
Die Woche der seelischen Gesundheit ist eine Aktionswoche, die deutschlandweit in einigen Städten ausgerufen wird. Im Zuge des Aktionsplanes zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) und die finanzielle Unterstützung durch den damit zusammenhängenden städtischen Verfügungsfond im Sozialamt konnte das Gesundheitsamt diese wichtige Aktionswoche erstmals initiieren. Stattgefunden hat sie vom 10. bis 20.10.2023. Koordiniert wurde der Rahmen und die Angebote durch die Fachstelle Psychiatrie in enger Zusammenarbeit mit dem Bereich Gesundheitsförderung/ Gesundheitsplanung des Gesundheitsamts. Durch gute Vernetzung und die aktive Anbieterlandschaft innerhalb der Stadt Nürnberg ist ein großer Schritt zu mehr Sichtbarkeit von Angeboten und Themen der psychischen Gesundheit gelungen:
80 Veranstaltungen und Veranstaltungsreihen 120 Termine Mehr als 50 unterschiedlichen Veranstalter Presseerwähnungen am 11.08.2023 und am 10.10.2023 Plakatkampagne über Litfaßsäulen, Großflächen und kleinen Mehrfachplakatwänden im ganzen Stadtbild verteilt 4-wöchige Bewerbung zur Aktionswoche auf den Infobildschirmen in den öffentlichen Verkehrsmitteln der VAG Große Angebotsvielfalt mit Angeboten für Kinder, Jugendliche, Eltern, Erwachsene, Senioren, Betroffene, Angehörige, Fachkräfte und allgemein Interessierte
Alle Veranstaltungen waren kostenfrei und hatten den Anspruch, Bürgerinnen und Bürger möglichst niederschwellig zu erreichen. Das Gesundheitsamt eröffnete gemeinsam mit dem Schirmherren Oberbürgermeister Marcus König und der Referentin für Umwelt und Gesundheit Britta Walthelm die Aktionswoche in den Räumlichkeiten des Künstlerhauses im Kunst- KulturQuartier in der Königsstraße 93. Während der Woche liefen viele kostenlose Projekttage für Grundschulen zum Thema Resilienz. Am 20.10.2023 feierte das stadtteilorientierte Projekt Grow Happy NBG seinen fachlichen Auftakt mit knapp 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Durch die positive Resonanz wurde die Entscheidung getroffen die Nürnberger Woche der seelischen Gesundheit im Jahr 2024 erneut zu organisieren. Stattfinden wird sie vom 10. bis 20.10.2024. In die Planungen werden erneut der Behindertenrat und eine Steuerungsgruppe mit Akteuren der Anbieter- und Versorgungslandschaft eingebunden.
Weitere Themen und Handlungsfelder, die bearbeitet werden
Koordination des Projektes „Verrückt? Na und!“
Das seit 2017 in Nürnberg bestehende Präventionsprojekt wird organisiert und koordiniert durch die Leitung des Gesundheitsstudios und die Fachstelle Psychiatrie. Vorrangige Zielstellung des Projektes ist die Förderung der psychischen Gesundheitskompetenz. In aktuellen Forschungskontext wird hierzu von „Mental Health Literacy“ gesprochen. Dabei geht es darum die Fähigkeiten, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und für gesundheitsbezogene Entscheidungen anzuwenden, zu fördern.5 Es wird Wissen vermittelt über psychische Gesundheit, Krankheit, (Selbst-)Hilfemöglichkeiten sowie förderliche Einstellungen und Kompetenzen, um Hilfe zu suchen und in Anspruch zu nehmen. Die große Besonderheit und Stärke des Projektes ist, dass ein Tandem-Team aus zwei Personen an die Schulen kommt, welches zwei Rollen erfüllt: fachliches Expertenwissen durch Ausbildung/ Studium/ Berufserfahrung (bspw. Soziale Arbeit) und persönliches Expertenwissen durch gemeisterte Krisenerfahrung (bspw. psychische Erkrankung). Dabei trägt das Projekt einen großen Anteil zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen in der Stadtgesellschaft bei.
Durchgeführt wird das Projekt durch eine Gruppe aus Mitarbeitenden auf Honorarbasis, die durch die Gesundheitsförderung und Fachstelle Psychiatrie begleitet werden (aktuell ca. 30 bis 35 Personen). Ein kleiner Teil der Mitarbeitenden ist auch durch Institutionen der Stadtmission, AWO, arbewe oder Caritas auf Arbeitszeit entsendet, ebenso ist das staatliche Schulamt und das städtische Institut für Pädagogik und Schulpsychologie aktiv beteiligt. Hiermit wird die Wirkung noch einmal verstärkt, weil tatsächliche Ansprechpersonen von Einrichtungen wie bspw. einer Erziehungsberatungsstelle kennengelernt werden.
Seit 2018 hat das Gesundheitsamt insgesamt 164 Projekttage „Verrückt? Na und!“ durchgeführt und dabei ca. 3.700 Schülerinnen und Schüler erreicht. Allein im Kalenderjahr 2023 sind 65 Projekttage an verschiedenen Nürnberger Schulen ab der 8. Klasse durchgeführt worden (Mittelschule, Förderzentren, Gymnasien, Berufsschulen). Ebenso wurde pilothaft mit Unterstützung durch die AOK Bayern, Direktion Mittelfranken das Projekt durch Einbindung und Fortbildung der Lehrkräfte und Eltern erweitert.
5 Robert Koch Institut (2023) Gesundheitskompetenz / Health Literacy (RKI - Gesundheitskompetenz)
Eine langfristige Weiterentwicklung ist sinnvoll. Bisher konnte jedoch noch keine regelhafte Finanzierung gefunden werden. Die Akquise von Geldern aus Drittmitteln ist eine ständige Aufgabe, da es keine kommunale oder auf Drittmitteln basierende Regelfinanzierung gibt.
Enge Vernetzung und Kooperation mit den Frühen Hilfen und dem Jugendamt
Workshops zum Thema „Sichere Bindung in Nürnberger Familien“ In Kooperation mit dem Jugendamt (Frühe Hilfen, Fachstelle Inklusion) wurden seit Oktober 2023 fünf Workshops zum Thema „Sichere Bindung in Nürnberger Familien“ durchgeführt. Hintergrund: Fachkräfte machen immer wieder die Erfahrung, dass Familien mit Neugeborenen oder kleinen Kindern erst dann auf das Thema aufmerksam werden, wenn Auffälligkeiten ihres Kindes bereits Hinweise auf eine mögliche Bindungsunsicherheit oder -störung geben. Unter Einbezug der im Feld aktiven Institutionen wurden Problembereiche, Anknüpfungspunkte und Schnittstellen analysiert. Hieraus entstanden drei Schwerpunktthemen die laufend bearbeitet und entwickelt werden: o Angebotsübersicht (Kooperation mit Studierenden der TH Nürnberg) o Entwicklung eines Präventionsangebots für alle (werdenden Eltern) o Sensibilisierung von Fachkräften Beteiligung an den Jugendhilfeplanungen der frühen Hilfen Teilnahme an der Unterarbeitsgruppe Sichere Bindung im Zuge des Nürnberger Aktionsplanes zur Umsetzung der UN-BRK unter Leitung der Frühen Hilfen
Nürnberger Aktionsplan Umsetzung UN-BRK: unterstützende Koordination und Mode-
ration der AG Teilhabe von Menschen mit psychischen Behinderungen
Unter Leitung des Bürgermeisteramtes geht es in diesem AK darum, die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit psychischen Behinderungen und Beeinträchtigungen stärker in den Fokus zu nehmen. In einer erst stadtinternen und im weiteren Verlauf geöffneten (bspw. für Betroffenen- und Angehörigenvereine) Arbeitsgruppe wurden die Themen Antistigma-Arbeit und Wohnen mit erster Priorität versehen und bearbeitet. Ein entsprechender Sachbericht wurde dem Sozialausschuss in seiner Sitzung am 07.12.2023 vorgestellt.
Beteiligung an weiteren verschiedenen AKs themenbezogen oder dauerhaft
PSAG-AK Kinder seelisch kranker Eltern PSAG-AK Doppeldiagnosen PSAG-AK Borderline AK Kind Sucht Hilfe
AOK Netzwerktagung zum Thema Versorgung junger Menschen, Vernetzung und Prä-
vention
Die AOK Bayern, Direktion Mittelfranken hat im November 2022 eine erste Netzwerktagung zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Nürnberg veranstaltet. Neben den Bezirkskliniken und dem Klinikum Nürnberg sind die GesundheitsregionenPLUS ganz Mittelfrankens und die Fachstelle Psychiatrie miteinbezogen. Im März 2023 fand ein zweites Treffen statt. Laufend wird an Themen der Versorgung und Prävention gearbeitet. Diskutiert und bearbeitet wird aktuell eine zentrale, mittelfränkische Koordinierungsstelle für Maßnahmen der Prävention im Rahmen psychischer Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.
Niederschwellige Beratungsmöglichkeiten für Jugendliche bei psychosozialen Krisen
In Nürnberg und vielen weiteren Kommunen fällt auf, dass es an kurzfristigen, niederschwelligen aufsuchenden Kinder- und Jugendpsychiatrischen Versorgungsstrukturen bzw. -möglichkeiten fehlt. Besonders auffällig wird das in der Entwicklungsphase der Adoleszenz und dem Erwachsenwerden. Gerade in psychosozialen und psychiatrischen Belangen bestehen lange Wartezeiten und zu wenig Kapazitäten zur Überbrückung, um bspw. in eine psychotherapeutische Hilfe zu gelangen. Eine Schnittstellenthematik ist die Problematik der Kostenträger. Sozialpsychiatrische Dienste und Suchtberatungen werden bspw. durch den Bezirk Mittelfranken finanziert. Daher richtet sich ihr Angebot an Menschen ab dem 18. Lebensjahr. Die Erziehungs- und Familienberatungsstellen können Heranwachsende auch über das 18. Lebensjahr hinaus begleiten und sind eine niederschwellige Beratungsstelle, jedoch stark ausgelastet und zudem für junge Menschen rein namensbezogen nicht die erste Anlaufstelle. In anderen Bundesländern gibt es hier angedockt an die sozialpsychiatrischen Dienste die Möglichkeit der Beratung und Weitervermittlung für junge Erwachsene. Die GesundheitsregionPlus Fürth prüft die Schaffung eines solchen Angebotes durch runde Tische und Austausch mit dem bayerischen Staatsministerium für Arbeit, Familie und Soziales des Freistaates Bayerns. Die Fachstelle Psychiatrie begleitet den Prozess und prüft entsprechende Möglichkeiten in Nürnberg.
Versorgung von jungen Menschen mit Sucht- und Abhängigkeitsproblematiken
In engem Austausch mit der Suchtbeauftragten der Stadt Nürnberg wird dieses Thema bearbeitet. Hierzu gab es eine Vorlage in der gemeinsamen Sitzung des Gesundheitsausschusses und Sozialausschusses vom 11.05.2023, welche durch Sozialamt und Gesundheitsamt erstellt wurde. Dabei ging dabei um die grundsätzliche Versorgung von jungen Menschen unter 18 Jahren, die mit Suchtproblematiken zu kämpfen haben und im speziellen um deren Möglichkeiten des Entzuges und die entsprechenden Nachsorgemöglichkeiten. Des Weiteren sind die Suchtbeauftragte, das Jugendamt und der Kinder- und Jugendpsychiatriekoordinator des Gesundheitsamtes im Austausch mit der Suchthilfe, um das Thema der Versorgung und die Zusammenarbeit zu verbessern.
Personelle Ausstattung
Die Fachstelle Psychiatrie ist mit insgesamt 1,62 VZÄ besetzt. Für den Bereich der Erwachsenen liegt die aktuelle personelle Besetzung bei 0,62 VZÄ Stellen (24 Wochenstunden), besetzt durch eine Psychologin. Für den Kinder- und Jugendbereich gibt es 1 VZÄ in gleichen Teilen befristet aufgeteilt. Einerseits für die Koordination des Bündnisses junge Psyche und andererseits für die Stelle des Kinder- und Jugendpsychiatriekoordinators, besetzt durch einen Sozialarbeiter (M.A.).