Entscheidungsvorlage
Benjamin Ferencz wurde am 11. März 1920 als Sohn jüdischer Eltern in Großhorn in Siebenbürgen (damals Ungarn) geboren. Infolge des Ersten Weltkriegs wurde Großhorn Teil des Königreichs Rumänien. Nationale Minderheiten, die nun im Staat Rumänien lebten, sollten die vollen staatsbürgerlichen Rechte erhalten, was in Rumänien jedoch umstritten war. Auch hatten die Juden unter Anfeindungen zu leiden, weshalb die Eltern von Benjamin Ferencz für sich keine Perspektive mehr in ihrer alten Heimat sahen und sich entschlossen in die Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern. Dort wuchs Benjamin Ferencz mit seiner zwei Jahre älteren Schwester unter ärmlichen Verhältnissen in New York City auf.
Am City College studierte Benjamin Ferencz Soziologie und Kriminologie. 1940, im Alter von 20 Jahren, schloss er das City College mit einem Bachelor of Social Sciences ab. Anschließend wollte Benjamin Ferencz Jura studieren und bewarb sich ausschließlich in Havard, da er es sich zum Ziel gesetzt hatte, der beste Student der weltweit besten juristischen Fakultät zu werden. Obwohl Benjamin Ferencz es nicht zu hoffen gewagt hatte, wurde er in Havard angenommen. Benjamin Ferencz war besonders am Strafrecht interessiert und gehörte zu den besten Studenten. 1943 schloss er sein Jurastudium ab und meldete sich zur US-Army.
In der 115. Flugabwehr-Einheit der US-Armee war Benjamin Ferencz im Rang eines Korporals der Versorgung zugeteilt. 1944 wurde er der Judge Advocation Section - der obersten juristischen Instanz der Streitkräfte der USA - zugeteilt, um für die War Crimes Branch - eine Abteilung des amerikanischen Kriegsministeriums - Material zu Kriegsverbrechen zu sammeln. Zunächst untersuchte Benjamin Ferencz die Todesumstände alliierter Piloten, die nach Notlandungen durch Deutsche getötet worden waren. Hierzu befragte er Zeugen vor Ort. Kurz nach Kriegsende fanden im Konzentrationslager Dachau vor einem improvisiert eingesetzten Militärgericht Verfahren gegen Kriegsverbrecher statt, an denen Benjamin Ferencz anfangs beteiligt war. Er suchte dann weitere Konzentrationslager auf, um Unterlagen und Beweismaterial für Kriegsverbrechen zu sammeln. Die grauenvollen Bilder aus Mauthausen, Buchenwald und Flossenbürg begleiteten ihn ein Leben lang. Schließlich hatte Benjamin Ferencz nur noch den Wunsch, Deutschland zu verlassen. Ende 1945 kehrte er in die USA zurück und verließ die US-Army.
Einige Wochen später meldete sich die Armee bei ihm und bat ihn, wieder in ihren Dienst zu treten. Benjamin Ferencz sollte nach Deutschland zurückkehren und bei den Dachauer Prozessen - die von November 1945 bis August 1948 abgehalten wurden - für die US-Armee arbeiten. Er akzeptierte und machte sich mit seiner Frau Gertrude nach Deutschland auf. Benjamin Ferencz betrachtete die Reise als verlängerte Flitterwochen und er beabsichtigte zunächst nicht, sich hier weitergehend zu engagieren. Schließlich blieb Benjamin Ferencz zehn Jahre in Deutschland - seine vier Kinder kamen in Nürnberg zur Welt. 1946 wurde er nach Berlin geschickt, wo er sich mit einem eigenen Mitarbeiterstab, der überwiegend aus Deutschen bestand, die hatten fliehen müssen, daranmachte, Unterlagen für die Prozesse zu recherchieren und auszuwerten. Ein Fund verlieh seinem weiteren Leben eine bedeutende Wendung: Einer seiner Mitarbeiter brachte ihm im Frühjahr 1947 drei Leitzordner mit der Beschriftung „Ereignismeldungen aus der UdSSR“. Diese Meldungen aus dem Zeitraum Juni 1941 bis Mai 1943 dokumentierten, welche Einheiten der Sicherheitspolizei und des SD, die von Heinrich Himmler (1900-1945) in seiner Funktion als Reichsführer SS eingesetzt worden waren, wie viele Menschen und zu welchem Zeitpunkt in der Sowjetunion ermordet hatten. Benjamin Ferencz flog umgehend nach Nürnberg und legte die gefundenen Papiere vor. Er verlangte ein zusätzliches Gerichtsverfahren, was zunächst mit Verweis auf das Pentagon abgelehnt wurde. Doch Benjamin Ferencz ließ nicht locker - die Verantwortlichen für diesen Massenmord mussten zur Rechenschaft gezogen werden. Er überzeugte seinen Vorgesetzten mit den Worten: „It is an easy case“. Die beteiligten Gruppen und Personen waren in den Berichten genau benannt und Benjamin Ferencz erklärte sich bereit, die Vorbereitung des Prozesses zu übernehmen. Mit gerade einmal 27 Jahren wurde er zum Chefankläger im sogenannten Einsatzgruppenprozess. Der Fall „The United States of America vs. Otto Ohlendorf, et al“ war der neunte der zwölf
Nürnberger Nachfolgeprozesse und fand vom 15. September 1947 bis zum 10. April 1948 im Schwurgerichtssaal 600 des Justizpalastes statt. Als verantwortliche Kommandeure für die Taten der Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion waren 24 ehemalige SS-Führer angeklagt. Nach der Auswertung der Einsatzgruppen-Meldungen ging die Anklage von mehr als einer Million Opfern aus. Benjamin Ferencz berichtete nicht ohne Genugtuung, dass er als leitender Staatsanwalt nach nur zwei Tagen Beweisaufnahme und nach der Anhörung von lediglich zwei Zeugen alle Angeklagten überführen konnte. Alle Angeklagten wurden schließlich verurteilt, 14 von ihnen zum Tod. Vier Todesurteile wurden vollstreckt - und die weiteren SS-Führer zu Haftstrafen verurteilt, wobei bis 1958 die letzten Häftlinge entlassen wurden. Nach dem Prozess blieb Benjamin Ferencz weiter in Deutschland und arbeitete ab 1948 als Generaldirektor für die Jewish Restitution Successor Organization (JRSO). 1952 wurde er zum Direktor der Conference on Jewish Material Claims against Germany und kurz darauf zum Direktor der 1948 gegründeten United Restitution Organization (URO). Als Vertreter der JRSO nahm Benjamin Ferencz an den Reparationsverhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland, dem Staat Israel und der Jewish Claims Conference teil. In den 1950er-Jahren war er mit Wiedergutmachungsangelegenheiten befasst. Benjamin Ferencz kümmerte sich um Entschädigungszahlungen deutscher Wirtschaftsunternehmen an überlebende KZ-Häftlinge für geleistete Zwangsarbeit.
In den Jahren 1997 und 1998 war Benjamin Ferencz an den Verhandlungen zum „Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs“ beteiligt, das zur juristischen Grundlage des 2002 eröffneten Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag wurde.
Benjamin Ferencz wurde vielfach ausgezeichnet. 2010 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland für seinen Einsatz für das Völkerrecht, 2013 gemeinsam mit dem Internationalen Strafgerichtshof die Dag-Hammarskjöld-Ehrenmedaille, die für „hervorragende Verdienste um die Förderung der Lösung der Weltprobleme durch das System der Vereinten Nationen“ vergeben wird. 2021 war Benjamin Ferencz der erste Preisträger des Pahl Peace Prize in Liechtenstein, der Personen ehrt, die sich um „die Erhaltung des Weltfriedens verdient gemacht haben“.
Benjamin Ferencz, der Nürnberg immer wieder besuchte, sagte rückblickend: „Nürnberg ist für mich ein Symbol. Hier wurde den schlimmsten Massenmördern in der Geschichte der Prozess gemacht. Jetzt engagiert sich die Stadt für die Menschenrechte. Das erfüllt mich mit großer Befriedigung.“ Benjamin Ferencz verstarb am 7. April 2023 im Alter von 103 Jahren in Boynton Beach in Florida.
Es wird vorgeschlagen, den neu zu gestaltenden Platz vor dem Memorium Nürnberger Prozesse als
Benjamin-Ferencz-Platz
(nach dem Chefankläger einer der Nürnberger Prozesse Benjamin Ferencz, 1920-2023)
zu benennen.
Hinweis zur Benennung von mehr Straßen nach Frauen:
In der Sitzung des Verkehrsausschusses vom 15.11.2018 haben Stadtverwaltung und Stadtratsmitglieder einmütig bekundet, dass mehr Straßen nach Frauen benannt werden müssen. Dies wurde auch in dem vom Stadtrat verabschiedeten Gleichstellungsaktionsplan festgelegt.
Von den im Zeitraum 01/2018 - 11/2023 beschlossenen 53 Straßenbenennungen erfolgten 41 nach Personen, davon 23 nach Frauen.