Entscheidungsvorlage
Ágnes Rózsa (geb. Halász) wurde am 17. Dezember 1910 in Großwardein (damals Österreich-Ungarn) geboren und gehörte der jüdischen Gemeinde an. Nach dem Schulbesuch studierte sie Jura und bekam 1931 das Juradiplom. Anschließend setzte Ágnes Rózsa ihr Studium für drei Jahre in Dijon in Frankreich fort. Zurückgekehrt in ihre Heimatstadt arbeitete sie als Angestellte und für die Zeitung „Szabad Szó“ (Freies Wort), für die sie Artikel aus den Zeitschriften „Die Weltbühne“, „Das Blaue Heft“ oder „L’Humanité“ übersetzte. Ágnes Rózsa beherrschte mehrere Sprachen, darunter auch Deutsch. Seit 1941 war sie als Lehrerin am örtlichen Kecskeméti-Lipót-Gymnasium tätig. Am 26. Dezember 1938 hatte Ágnes Rózsa den Kunst- und Literaturlehrer Gyula Schapira geheiratet. Die ungarische Regierung zog ihn kurze Zeit später zu einem Arbeitsbatallion ein. Er verstarb kurz nach seiner Heimkehr.
Am 19. März 1944 wurde Ungarn durch die Wehrmacht besetzt und eine neue, deutschfreundliche Regierung eingesetzt. Im Mai 1944 erfolgte schließlich die zwangsweise Einquartierung der jüdischen Bevölkerung in Gettos. In Großwardein mussten sich die Jüdinnen und Juden ab dem 4. Mai 1944 in festgelegten Straßenzügen bzw. Sammellagern einfinden. Am 16. Mai begannen die Deportationen nach Auschwitz. Ágnes Rózsa kam am 1. Juni 1944 gemeinsam mit ihren Eltern in Auschwitz an. Ihre Eltern wurden bereits am 4. Juni 1944 dort ermordet. Ágnes Rózsa wurde an der Rampe durch einen SS-Arzt als „arbeitsfähig“ eingestuft. Die Nationalsozialisten verbrachten sie in das Lager Auschwitz- Birkenau und dort in das Durchgangslager B III. Am 12. Oktober musste Ágnes Rózsa mit rund 600 anderen Frauen in einen Zug in Richtung Nürnberg steigen, um im Außenkommando des Konzentrationslagers Flossenbürg für die Siemens-Schuckert-Werke AG zu arbeiten. Die Frauen kamen am 16. Oktober 1944 in Nürnberg an und wurden in das sogenannte „Südfriedhoflager“ an der Katzwanger Straße 150 (heute im Bereich Julius- Loßmann-Straße) gebracht. Die unzureichende Kleidung, die mangelnde und schlechte Ernährung, Misshandlungen sowie Demütigungen und die Unterbringung in zugigen Baracken machten die Zwangsarbeiterinnen krank. Eine medizinische Versorgung war dort nicht gegeben. Ágnes Rózsa führte ab dem 5. Dezember 1944 Tagebuch. Die in Form von Briefen an ihren Mann abgefassten Einträge wurden für sie das „Mittel zum Überleben“. Das Schreiben half ihr dabei, das Grauen zu ertragen. Ágnes Rózsa verwahrte ihr Buch in einem selbst genähten grauen Beutel, den sie stets versteckte und so nach dem Krieg mit nach Hause bringen konnte. Beim Luftangriff am 2. Januar 1945 wurde die Werkstattbaracke schwer beschädigt und die Produktion musste vorübergehend eingestellt werden. Bei einem weiteren Angriff am 21. Februar 1945 wurden die Unterkünfte und Produktionsstätten im Lager völlig zerstört. Am 3. und 6. März 1945 mussten die Zwangsarbeiterinnen erneut Züge besteigen, die sie nach Mehltheuer bei Plauen bzw. nach Holleischen im Sudetenland brachten. Ágnes Rózsa gehörte zu den Häftlingen, die nach Holleischen geschickt wurden, wo sie in einer Werktstatt und auf dem Feld arbeitete. Auch hier bestimmten Hunger, Gewalt und Kälte den Lageralltag. Am 4. Mai 1945 trafen ukrainische Partisanen ein. Am 5. Mai 1945 erreichten schließlich die Amerikaner das Lager. Nach der Befreiung verließ Ágnes Rózsa mit einer Gruppe Frauen das Lager. Mit zwei Freundinnen irrte sie noch zwei Tage umher, wurde mit dem Tod bedroht und musste sich verstecken bis sie schließlich am 7. Mai in Stankau ankam, wo sie und ihre Freundinnen von den Amerikanern in einem Hotel untergebracht und versorgt wurden.
Nach ihrer Heimkehr erwarb Ágnes Rózsa noch 1945 ihr zweites akademisches Diplom in Englisch, Französisch und Ästhetik an der Universität im Kreis Cluj (heute Babeș-Bolyai- Universität). Von 1945 bis 1948 war sie in Großwardein als Lehrerin am Handelslyzeum, am Jüdischen Gymnasium und am Ungarischen Mädchenlyzeum tätig. 1949 zog Ágnes Rózsa nach Klausenburg und leitete dort das Ungarische Mädchenlyzeum (heute Apácai-Csere- János-Lyzeum). Ab 1953 unterrichtete sie außerdem am Ady-Sincai-Lyzeum. In dieser Zeit heiratete sie auch ihren zweiten Mann Jenö Rósza. Von 1957 bis zu ihrer Pensionierung 1968 arbeitete Ágnes Rózsa als Lektorin an der Universität in Klausenburg. Außerdem war sie weiterhin als Übersetzerin aus dem Französischen tätig. Da Ágnes Rózsa das Tagebuch als sehr persönlich betrachtete, entschloss sie sich erst spät und auf Anraten ihres zweiten
Mannes, der den historischen Wert ihrer Aufzeichnungen erkannte, ihr Buch zu veröffentlichen. Es erschien erstmals 1971 unter dem Titel „Jövölesök“ (Die auf die Zukunft hoffen) beim Kriterion Verlag in Bukarest. 1978 folgte die zweite Ausgabe beim Budapester Magvetö Verlag als „Nürnbergi Napló“ (Nürnberger Tagebuch). Die „Budapester Zeitung“ schrieb, man könne dieses Buch „mit dem Tagebuch der Anne Frank auf eine Stufe stellen“.
Ágnes Rózsa verstarb am 30. Juli 1984 in Klausenburg, wo sie am 3. August auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt wurde.
Es wird vorgeschlagen, den von der Paumannstraße nach Nordosten bis zur Julius- Loßmann-Straße verlaufenden Fußgängerweg als
Ágnes-Rózsa-Weg
(nach der ungarisch-rumänischen Schriftstellerin Ágnes Rózsa, 1910-1984)
zu benennen.
Hinweis zur Benennung von mehr Straßen nach Frauen:
In der Sitzung des Verkehrsausschusses vom 15.11.2018 haben Stadtverwaltung und Stadtratsmitglieder einmütig bekundet, dass mehr Straßen nach Frauen benannt werden müssen. Dies wurde auch in dem vom Stadtrat verabschiedeten Gleichstellungsaktionsplan festgelegt.
Von den im Zeitraum 01/2018 - 09/2023 beschlossenen 51 Straßenbenennungen erfolgten 39 nach Personen, davon 22 nach Frauen.