Beilage 4.2
zur Sitzung des Jugendhilfeausschusses vom 27.07.2023
Sachverhaltsdarstellung
Corona, Krieg und Klima: Wie geht es jungen Menschen nach und in aktuellen Krisen?
Aktuelle Berichte und Einschätzungen aus Handlungsfeldern der Nürnberger Kinder- und
Jugendhilfe
1. Einleitung/Hinführung
Junge Menschen sehen sich nach der Corona-Pandemie, den Folgen des Ukrainekriegs, der Klimakrise, der Inflation mit vielseitigen persönlichen Belastungen und zunehmenden Herausforderungen konfrontiert. Die Pandemie ist formal beendet, die Folgen und Nachwirkungen werden noch lange bestimmend sein. Und die Häufung der Krisen zeigen massive Beeinträchtigungen auf die Lebenssituation und die Lebensentwürfe junger Menschen. Zum Glück zeigt die Resilienzforschung, dass viele Kinder und Jugendliche Krisen durchaus gut durchleben und teilweise innerlich gereift und gestärkt aus diesen Situationen herausgehen können. Aber für junge Menschen, die bereits vor den Krisenjahren in der Teilhabe eingeschränkt und belastet waren oder in deren Familien es weitere Risikofaktoren gibt, haben diese Krisen teilweise dramatische und langandauernde Folgen.
In dieser Situation ist die Jugendhilfe mit allen Kooperationspartnern, Trägern der freien und freigemeinnützigen Wohlfahrtspflege, den Verbänden und ehrenamtlich Tätigen gefordert, mit ihrem breiten Hilfe-, Beratungs- und Unterstützungsangeboten diese jungen Menschen aufzufangen und gemeinsam an der Bewältigung bzw. Überwindung der Krisenfolgen zu arbeiten. Doch hier befindet sich die Jugendhilfe in Nürnberg, aber auch bundesweit, in einem Dilemma:
Nach dem langjährigen massiven Aufbau von Stellen in der Jugendhilfe fehlen an vielen Stellen Fachkräfte. Fast alle Träger verzeichnen eine hohe Fluktuation und die Tendenz zur Reduzierung der Arbeitszeit auf Teilzeit. In der stationären und teilstationären Jugendhilfe wie auch in den ambulanten Maßnahmen wurden Kapazitäten zurück- statt ausgebaut, mit fatalen Auswirkungen auf eine angemessene Versorgung von jungen Menschen und ihren Familien. Dieser Punkt wurde ausführlich im Bericht zu Top 2 ausgeführt. Die Tarifabschlüsse der letzten Jahre haben die Arbeitsfelder der sozialen Arbeit und in den Kitas deutlich attraktiver für (potentielle) Mitarbeitende gemacht, ein wichtiger Beitrag, um das Berufsfeld zu stärken. Die Ausgaben für die Hilfen zur Erziehung, für Zuschüsse und die Kita-Versorgung werden dadurch aber massiv steigen, auch ohne dass die Angebote wesentlich ausgeweitet werden. Eine weitere neue Tarifregelung ist die Gewährung von sog. Regenerationstagen (zwei pro Vollzeit- MA) und Umwandlungstagen (bis zu zwei pro Vollzeit-MA) für Beschäftigte im SuE-Tarifbereich. Auch dies ist eine sehr unterstützende Maßnahme für diese belasteten Berufsfelder. Gleichzeitig reduziert sie aber die zur Verfügung stehenden personellen Ressourcen in den bestehenden Angeboten.
Auch ist Nürnberg in den letzten Jahren wieder gewachsen und wächst weiter, dies bedeutet einen wachsenden Bedarf an sozialer Infrastruktur und insbesondere bedeutet dies auch wachsende Ressourcenanforderungen bei den Leistungen und Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe. Parallel dazu befindet sich die Kinder- und Jugendhilfe in einer sehr dynamischen fachlichen Weiterentwicklungsphase mit zahlreichen neuen gesetzlichen Regelungen und Pflichtaufgaben (z.B. Kinder- und Jugendstärkungsgesetz, Umsetzung der Inklusion, Ganztagsrechtsanspruch), die umzusetzen sind. Viele Bürgerinnen und Bürger sehen sich nicht mehr vorrangig selbst in der Lage, in Eigenverantwortung ihre Probleme zu lösen, sondern fordern und brauchen Unterstützung vom Staat und, da im direkten Lebensumfeld, von der Kommune. Entsprechend hoch sind die Erwartungen von Eltern, aber auch von der Politik, mit den Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe diese Probleme zu lösen. Auf der anderen Seite erleben wir in der Jugendhilfe wie auch andere helfende Arbeitsfelder (Feuerwehr, Rettungsdienste etc.) immer häufiger ein unangemessenes Verhalten von Bürgerinnen und Bürgern, bis hin zu konkreten Bedrohungen. Durch die Krisen und aufgrund wachsender Aufgaben ist der Haushalt der Stadt Nürnberg akut und strukturell erheblich belastet. Zum Haushalt 2023 wurden daher spürbare Konsolidierungsmaßnahmen beschlossen, die – wenn auch in abgemilderter Form – auch das Jugendamt betreffen. Die laufenden Konsolidierungsvorgaben erfüllen wir, so lag die Freihaltequote im Mai im Jugendamt bei knapp über 12%, wobei hier auch vielfach Nachbesetzungsprobleme und lange Verfahrenswege wegen Engpässen in anderen Dienststellen zur Nichtbesetzung und damit zur Einsparung (auch in eigentlich von der Konsolidierung ausgenommenen Bereichen) beitragen. Im Raum steht aber weiterhin der mittelfristig geforderte Abbau von 38 Vollkraftstellen, der auch die Jugendhilfeangebote und nicht nur die Verwaltungsstrukturen treffen wird. Die bereits seit mehreren Jahren greifenden Budgetkürzungen (z.B. bei den Sachkosten, Honoraren), die teilweise deutlich über die stadtweit geforderten 10% hinausgehen, schränken Angebote zusätzlich ein und nehmen dem Jugendamt die Möglichkeit, auf kurzfristige Sondersituationen flexibel zu reagieren.
Die Gemengelage aus deutlich gestiegenen Anforderungen, Sparzwängen, Fachkräftemangel und hohen fachlichen Anforderungen, aber auch Erwartungen ist aus der Kinder- und Jugendhilfe alleine nicht auflösbar. Es drohen mittel- und langfristige Folgen für viele junge Menschen, Familien aber auch für das gesellschaftliche Miteinander in der Stadt insgesamt. Nürnberg zeichnet sich bisher durch einen guten sozialen Frieden und Miteinander aus, trotz der Vielfalt und der großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Dies ist aus Sicht des Jugendamts in Gefahr.
2. Sachstandsberichte aus verschiedenen Handlungsfeldern
Um die Herausforderungen und Belastungen in den Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe zu verdeutlichen, stellt die Verwaltung des Jugendamts in diesem Bericht Einblicke aus den verschiedenen Aufgabenbereiche zusammen. Diese teils dramatischen Veränderungen sollen Bedarfe aufzeigen, die über das normale Maß der Anforderungen hinausgehen. Die Zusammenstellungen erfolgen blitzlichtartig, erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Gleichzeitig sind in der Fachöffentlichkeit eine Reihe von empirischen Erhebungen und Empfehlungen verfügbar, die im fachlichen Diskurs aufgegriffen werden und unsere Erfahrungen bestätigen.
Ziel dieses Berichts ist es somit, einen Einblick in die veränderten Notwendigkeiten zu geben, damit aus fachlichen Einschätzungen auch rechtzeitig die erforderlichen Handlungsschritte gemacht und die (fach-)politischen Schlussfolgerungen gezogen werden können.
Kindertageseinrichtungen
Seit September 2022 befinden sich die Kindertageseinrichtungen wieder zunehmend im „Normalbetrieb“ und die Inanspruchnahme der Plätze nahm wieder deutlich zu, wie auch die Nachfrage nach Kitaplätzen zum neuen Kita-Jahr 2023/2024. Das jetzt zu Ende gehende Kita-Jahr war geprägt von ungewöhnlich hohen krankheitsbedingten Fehl- und Ausfallzeiten, sowohl bei den Fachkräften wie auch den Kindern. Entsprechend hoch waren die Belastungen für die Aufrechterhaltung des laufenden Betriebs und das „Zurückkehren“ in den vorpandemischen Kita-Alltag. Hinzukam, dass die Auswirkungen und Konsequenzen aus den Maßnahmen zur Reduktion der Covid-19-Pandemie zeitversetzt bei den Kindern sichtbar wurden und einen vermehrten Unterstützungsbedarf erkennen ließen.
Viele Kinder litten unter diesen Einschränkungen und die damit verbundene Beschneidung ihrer kindlichen Bedürfnisse nach Bewegung, nach altersgerechtem Spiel, sozialem Kontakt mit Gleichaltrigen und Vorbereitung auf den wichtigen Übergang zur Schule bzw. Unterstützung bei schulischen Aufgaben. Bis zum Herbst 2022 haben viele Kinder deutlich mehr Zeit in ihren Familien verbracht, mit zum Teil sehr beschränkten Zugängen zu Außenflächen, Freizeitaktivitäten und sozialen Kontakten außerhalb der Familien. Im Gegenzug erhöhte sich nachweislich das Medienrepertoire und damit verbunden auch der Medienkonsum. Die städtischen Kitas beobachten bereits mit Wegfall der Besuchseinschränkungen, dass sich viele Kinder mit dem Ankommen in der Kita schwertun. Bekannte Beziehungsstrukturen mussten wieder neu aufgebaut, Kontakte wieder geschlossen werden. Gerade im frühkindlichen Bereich wurde eine zweite Eingewöhnung notwendig, um Kinder wieder an das tagtägliche Umfeld Kita heranzuführen.
Insbesondere die soziale Kontaktaufnahme wurde als große Herausforderung erlebt, da Kinder zum Teil sehr distanziert auftraten und sich emotional als nicht sehr zugänglich erwiesen. Ein weiterer Teil von Kindern zeigte sich mit den Abläufen und Strukturen der Kita überfordert und reagierten verstärkt aggressiv, sowohl gegen sich selbst als auch gegenüber Dritten. Der Aufwand an individueller Betreuung nahm deutlich zu, was aber aufgrund der bereits genannten personellen Engpässe nicht immer gewährleistet werden konnte. Die Fachkräfte verzeichneten häufig sprachliche Rückschritte und auffallende Konzentrationsprobleme und -defizite bei den Kindern. Einerseits nahmen die Kinder z.B. die Hausaufgabenbetreuung wieder gerne in Anspruch, auf der anderen Seite wurde aber auch schnell deutlich, dass die Kinder häufig neben sozial-emotionalen Entwicklungsverzögerungen auch Entwicklungsdefizite im kognitiven Bereich zeigen, vor allem hinsichtlich Konzentrationsfähigkeit und Lösungsorientierung. Auch wenn es keine verifizierbare Erhöhung von häuslicher Gewalt gibt, berichteten die Einrichtungen dennoch spürbar häufiger von massiven erzieherischen Problemen in den Familien. Gleichermaßen nahmen damit auch die Beratungen der Familien zu, die sich in ihrer Not zwangsläufig zuerst an die Kita wenden.
Wie bereits seit Jahren zu beobachten ist, stieg auch die Anzahl der inklusiven Kinder in den kommunalen Einrichtungen. Waren es im Jahr 2021 noch 111 Kinder, waren es ein Jahr später 133, aktuell sind es 154 Kinder mit besonderem Förderbedarf. Die städtischen Kitas waren immer wieder mit besonderen Fällen von Kindern konfrontiert, die bereits einen oder zum Teil auch mehrere Kita- Abbrüche hinter sich hatten und für die sie als Auffangeinrichtung einspringen mussten.
Die nachpandemische Zeit wird von den Fachkräften als außergewöhnlich belastend wahrgenommen, aufgrund der oben genannten Herausforderungen und Entwicklungen. Hinzu kommt, dass sich die Kitas mit einem sicherlich nachvollziehbaren Erwartungsdruck von Familien und Politik / Gesellschaft auf einen „normalen“ Kita-Alltag konfrontiert sehen, der aber nur bedingt erfüllbar ist. Das „Hochfahren“ der gewohnten Angebote, Projekte, Ausflüge etc. war schlicht nicht möglich, da die Kinder erst wieder an bestimmte Abläufe und Rituale herangeführt werden mussten. Hinzu kam, dass gerade auch die so wichtige Zusammenarbeit mit der Schule unter den personellen schulischen Engpässen leidet, die sich
nicht nur auf das Angebot „Vorkurs Deutsch“ auswirkt, sondern auch generell auf die Kooperation zum Übergang zwischen Kindergärten und Grundschulen und in der Zusammenarbeit von Grundschulen und Horten.
Auch nach dem ersten Jahr „nach Corona“ stellen die Bewältigung der oben genannten Auswirkungen einen gewichtigen Bestandteil der Kita-Arbeit dar. Es betrifft sicherlich die Kitas in unterschiedlicher Intensität, aber dennoch fast flächendeckend. Erschwerend kommt hinzu, dass der Fachkräftemangel zunimmt, gleichzeitig die Nachfrage nach Ausbildungs- und Praktikumsplätzen im Erziehungswesen abnimmt und es auch bei wichtigen Kooperationsstellen in Gesundheits- und Therapiewesen an notwendigen Ressourcen mangelt.
Jugendsozialarbeit an Schulen
Nach den langen Zeiten des individualisierten Lernens über das Homeschooling und der damit verbundenen Zunahme der Mediennutzung, dem oft damit verbundenen Gefühl von Einsamkeit und Stress, den fehlenden sozialen Kontakten und den eingeschränkten Möglichkeiten Beziehungen zu knüpfen und aufrecht zu erhalten ist zu beobachten, dass bei einer großen Anzahl von Schülerinnen und Schülern daraus aktuelle Problemlagen resultieren. So haben bei einigen Schülerinnen und Schülern die Corona-Maßnahmen auch zu einer Einsamkeits- und Distanzproblematik geführt. Beispiele dafür sind ein geringeres Zugehörigkeitsgefühl innerhalb von Klassenstrukturen verbunden mit einem geringeren sozialen und informellen Austausch und daraus resultierend einer geringeren sozialen Verbindung zu den Mitschülerinnen und Mitschülern. Die Sorglosigkeit und Unbeschwertheit, die Nutzung von gewohnten Möglichkeiten des sozialen Austauschs oder auch die spontanen Treffgelegenheiten und Unternehmungen mit Freundinnen und Freunden haben während der Corona- Pandemie besonders stark gelitten.
Die Coronazeit als auch die aktuellen Belastungen durch den Ukrainekrieg und die veränderten schlechteren wirtschaftlichen Möglichkeiten führen bei den Kindern und Jugendlichen zu eingeschränkteren Lebenswelten und lassen sich, zumindest zum Teil, auch in einer verlangsamten und sensibilisierten Entwicklung beobachten. Es zeigt sich deutlich, dass sich materielle Sorgen, von schon vorher benachteiligten sozialen Gruppen, verschärfen und beschleunigen. Darüber hinaus bestimmt eine Kombination aus Zukunftsungewissheit, Ängsten sowie sozialen und individuellen Problemen generell das Lebensgefühl von Kindern und Jugendlichen.
Besonders bei den sozial benachteiligten und individuell beeinträchtigen jungen Menschen führen die zusätzlichen Belastungen zu einem stark erhöhten Unterstützungsbedarf in unterschiedlichen Lebensbereichen und in der individuellen Persönlichkeitsentwicklung. Eben dieser Zielgruppe nach § 13 SGB VIII widmet sich die Jugendsozialarbeit an Schulen schwerpunktmäßig in der Lebenswelt Schule. Die beschriebenen Belastungen von Kindern und Jugendlichen zeigen sich deshalb auch deutlich in einer gestiegenen Inanspruchnahme der Jugendsozialarbeit in der Lebenswelt Schule, weil dort etwaige Auffälligkeiten entsprechend wahrgenommen werden und weil Hilfe und Unterstützung durch JaS sehr niedrigschwellig in Anspruch genommen werden kann.
So wurden im Jahr 2022 in der Jugendsozialarbeit an Schulen 4.288 Schülerinnen und Schüler beraten und unterstützt. Der konzeptionell festgelegte Anteil von Einzelfallhilfen von mindestens 60% der Jahresarbeitszeit lag im Jahr 2022 über alle Schularten hinweg bei durchschnittlich 70,8%. Dies zeigt, dass an allen Einsatzorten der Jugendsozialarbeit an Schulen die Unterstützungsleistungen weiterhin auf einem sehr hohen Niveau sind. Zudem ist zu beobachten, dass neben der quantitativen hohen Auslastung der Fachkräfte die Themen der Beratungsanlässe auch qualitativ immer komplexer und
anspruchsvoller werden. So stieg beispielsweise der Anteil schwieriger Beratungsanlässe1 in der Einzelfallhilfe von 2021 auf 2022 von einem schon hohen Anteil von 57,6% auf 60,9% der Einzelfälle, als auch der Anteil von Schülerinnen und Schüler mit besonders auffälligem Verhalten2 in der Einzelfallhilfe von 2021 auf 2022 von 41,1% auf 43,7% an.
Die fünf häufigsten Hauptanlässe für die Beratung von Kindern und Jugendlichen in der Jugendsozialarbeit an Schulen sind dabei aktuell „Konflikte mit Mitschülern“ (19,7%), „Schulschwierigkeiten“ (17,3%), „Familiäre Probleme“ (15,1%), „Psychische Probleme“ (11,7%), sowie „Probleme in der Persönlichkeitsentwicklung“ (9,6%). Auch dies unterstreicht nochmals qualitativ den erhöhten Bedarf, da es insbesondere bei Themen wie familiären und psychischen Problemen erfahrungsgemäß einer kontinuierlichen und engmaschigen Begleitung und Unterstützung von Schülerinnen und Schülern über einen längeren Zeitraum bedarf um eine Verbesserung erreichen zu können. Beispielsweise bei psychischen Problemen ist es erforderlich, dass über die JaS hinaus auch entsprechende weitere professionelle Hilfen von den JaS-Fachkräften vermittelt und implementiert werden. Ebenso wie bei den Kapazitäten der Jugendsozialarbeiterinnen und Jugendsozialarbeiter an den Schulen zeigt sich hier jedoch inzwischen auch ein hoher, stetig steigender Bedarf, welcher einem begrenzten fachlichen Angebot gegenübersteht.
Für die Jugendsozialarbeit an Schulen erscheint es deshalb sinnvoll in den nächsten Jahren, trotz geringer werdender finanzieller Spielräume der Stadt, den bedarfsgerechten Ausbau, insbesondere an den Grundschulen, in einem angemessenen Umfang kontinuierlich fortzusetzen, wie es in der Bedarfsund Ausbauplanung 2019 und 2020 vom gemeinsamen Jugendhilfe- und Schulausschuss beschlossen wurde. Darüber hinaus müsste langfristig auch an einigen großen Schulstandorten, über die begrenzten Fördermöglichkeiten des Bayerischen Sozialministeriums hinaus, den erhöhten Bedarfen Rechnung getragen werden.
Offene Kinder- und Jugendarbeit
Die Corona-Pandemie mit ihren Auflagen, Begrenzungen, emotionalen Codierungen und dem täglichen Erleben brachte für junge Menschen wohl die größten Einschränkungen: Kontaktverbote, Homeschooling, gesperrte öffentliche Frei-, Bewegungs- und Spielflächen, Wegfall von Sport-, Musik-, Kultur- und Bildungsangeboten, sowie sozialen Treffpunkten. Der Verlust persönlicher Kontakte bedeutete das Aussetzen von Entwicklungsaufgaben, von sozialem Lernen, dem Ausprobieren in der Gruppe, Meinungsbildung und Diskussion mit Anderen, von Verhaltensrepertoire, von Frustrationstoleranz und Resilienz in sozialen Gefügen. Viele sind ängstlicher geworden, fühlen sich einsam und haben auf Grund von Bewegungsdefiziten gesundheitliche Probleme, viele zeigen vermehrt Suchtverhalten. Betroffen sind allerdings nicht alle jungen Menschen gleichermaßen. Diejenigen, die bereits vor der Pandemie in prekären Lebenslagen aufwuchsen, müssen mit einer weit höheren Wahrscheinlichkeit mit negativen Folgen der Pandemie leben und kämpfen. So kumulieren Belastungen und lassen eine lebenswerte Zukunft in weitere Ferne rücken.
Seit Jahreswechsel 2022/ 2023 bewegen sich die Nutzungszahlen der Einrichtungen auf das Vor- Pandemie-Niveau zu. Neben den Besucher-/innenverlusten der letzten Jahre kommen aber immer wieder neue Gruppierungen in die Einrichtungen, insbesondere jüngere Jugendliche suchen vor allem Anlaufstellen, Orte, an denen sie sich treffen können und sich wohlfühlen. Es finden relativ viele
1 Hierunter werden zum Beispiel Probleme im Aufbau und/oder im Halten sozialer Beziehungen, Probleme in der Persönlichkeitsentwicklung, Sprachprobleme, psychische Probleme, familiäre Probleme, Schulschwierigkeiten, Probleme mit dem Arbeitgeber/mit der Ausbildungsstelle verstanden. 2 Hierzu zählen zum Beispiel Schulverweigerung, physische Gewalt, Mobbing, autoaggressives Verhalten, Suizidandrohungen, Drogenmissbrauch, Verwahrlosung, Straffälligkeit sowie Schülerinnen und Schüler mit psychischen Belastungen aber auch Kinder und Jugendliche die selbst Opfer von Gewalt oder von sexuellen Übergriffen geworden sind.
zusätzliche/ besondere Angebote und Veranstaltungen statt, die mit Begeisterung angenommen werden (Halloween-Partys, Junior Dance Festival, Sportangebote wie Mitternachtssport oder Parcours- Training). Die Gemeinsamkeit all diese Angebote ist die enge Anbindung an Einrichtungen, also an den Besucher/-innen wohl bekanntes Personal und räumliche Lage. Darüber hinaus beteiligen sich Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene gerne an besonderen Aktionen und Angeboten. Sie zeigen Interesse an jugendkulturellen Ausdrucksformen, an künstlerischer Gestaltung, Tanzen und Musikmachen im weitesten Sinn. Erlebnispädagogische Aktionen bringen Freude, ebenso Wochenendund Ferienfahrten im bekannten Gruppenumfeld sowie die Teilnahme an internationalen Mobilitätsmaßnahmen. Die Teilnahme von vielen an Aktionen des Mitternachtssports im Stadtgebiet und anderer zentraler sportlicher Aktionen zeigt die Notwendigkeit der Konzeptionierung, Koordinierung und Weiterentwicklung dieser Angebote (Jugendhilfe und Sport). Wieder stark nachgefragt sind auch eigenständige Raumnutzungen und regelmäßige Selbstverwaltung durch junge Menschen. Den Kontrapunkt bilden jedoch, deutlich erkennbar, relativ viele Besucher/-innen, die Probleme im sozialen Miteinander zeigen, sie kommen nach wie vor in einer Gruppe nicht gut zurecht.
Junge Besucher/-innen konnten in der kritischen Pandemiezeit, u.a. dank intensiver Förderung in Einrichtungen, Schulabschlüsse erwerben, ihre Berufsausbildungen abschließen oder Ausbildungsund Arbeitsstellen antreten. Und auch 2023 finden viele junge Menschen mit Prüfungsvorbereitung, Lernhilfen und Unterstützung bei der Berufsorientierung und Bewerbungen in den Einrichtungen tatkräftige Begleitung. Zahlreiche Jugendliche schafften aber den Sprung in eine Lehrstelle nicht, eine Tendenz, die sich wohl auf Grund nach wie vor sichtbarer schulischer Defizite und Nachholbedarfe noch eine Zeitlang fortsetzen wird. Hier galt, und gilt es auch weiterhin für die pädagogischen Fachkräfte, Frustrationen aufzufangen, gemeinsam Defizite abzubauen und durch die Förderung von Kompetenzen aufzuwiegen, junge Menschen und ihren Lebensmut zu stärken und mit ihnen Perspektiven zu entwickeln.
Beobachtung der Mitarbeitenden zeigen: Zahlreiche junge Menschen lassen gestiegenes Aggressionsund Gewaltpotential erkennen. Es kommt immer wieder zu Reibereien, auch zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen jungen Menschen. Sie sofort zu schlichten, zu beenden ist unabdingbar, um das Ausmaß möglichst beeinflussbar zu halten. Ebenso sichtbar ist die Zunahme des Drogenkonsums junger Menschen. Diese Beobachtungen müssen nicht zwingend zu „strafrechtlichen Verfahren“ führen. Die Entwicklung muss aber weiterhin gut im Auge behalten werden. Die Offenen Treffs als Schutzraum, als Freiraum und mit Wohlfühlcharakter zu gestalten, ist für die pädagogischen Fachkräfte somit deutlich schwieriger und anstrengender geworden. Steigend ist mit Anwachsen der Inflation der Wunsch nach gemeinsamen Kochen und warmen Mahlzeiten. Insbesondere in Brennpunktgebieten schlagen sich Kostensteigerungen in der Lebenshaltung im Familienbudget nieder, Essen in der Einrichtung kann auch die einzige warme Mahlzeit des Tages bedeuten.
Tatsächlich scheinen, zumindest in den sozial höher belasteten Stadtgebieten, der starke Bedarf und die Nachfrage nach Beratung in den Einrichtungen konstant zu bleiben. Damit findet zumindest temporär eine veränderte Priorisierung einzelner Angebote innerhalb der Häuser inkl. des erhöhten und intensiven Einsatzes personeller Anforderungen statt. Flächendeckend zu Alltagsthemen firmieren Schulprobleme, Ausbildungs- und Arbeitssuche, Konsum legaler und illegaler Suchtstoffe, finanzielle Sorgen, Gewalterlebnisse, auch sexuelle Übergriffe und etliche weitere kritische Lebenslagen. Leider gilt das auch für beachtenswerte Defizite im sozialen Miteinander, die in den letzten drei Jahren entstanden, und die nicht rasch genug aufgeholt werden können und sich manifestieren. Selbstverletzungen und psychische Störungen nehmen in Quantität und Qualität kritische Formen an. Die Weitervermittlung an Fachstellen kann selten stattfinden, da Therapeut/-innen und Kliniken kaum
freie Plätze anbieten können. Die dringend nötige Unterstützung der jungen Menschen bleibt somit Aufgabe der Einrichtungen. Hinzu kommen Ängste, die durch die Klimakrise, Krieg etc., aktuell auch mit Naturkatastrophen entstehen. Gerade die letzten Erdbeben in Türkei/Naher Osten lösten wegen direkter oder indirekter Betroffenheit tiefe Verstörungen bei vielen jungen Menschen aus. Im Ergebnis beeinflussen die hohen Belastungen und auch Frustrationen im Leben von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen und ihre Befindlichkeiten die Atmosphäre in Einrichtungen, verändert Gruppengefüge und Verhalten. Die Situationen lösen Umstrukturierungen in Setting, Inhalt und im Aufwand der pädagogischen Arbeit aus. Sie erhöhen den Personalbedarf für den bedarfsgerechten, reibungsarmen und für die Besuchenden sicheren und bedürfnisorientierten Rahmen. Sie führen zu veränderten pädagogischen Zielsetzungen, Angeboten und Öffnungszeiten in den Einrichtungen, zur nötigen Anpassung der Fortbildungsbesuche, zu neuen oder verstärkten Vernetzungen in den Stadtteilen mit Schulen und sozialen Diensten, etc. Hervorzuheben sind intensivierte Kontakte zu JaS-Mitarbeiter/-innen, Vereinbarungen zur Zusammenarbeit, zu Angeboten an Schulen, zur freien Raumnutzungen der Kinder- und Jugendeinrichtungen durch Schulklassen. In der Tendenz ungewöhnlich hoch sind nach wie vor in den Teams der Einrichtungen Krankheitsausfälle. In Kombination mit unbesetzten Stellen, u.a. wegen langen Bewerbungsverfahren, und sehr vielen unbesetzten Praktikumsstellen, sind die Einschränkungen gerade in kleineren und kleinen Einrichtungen nicht unerheblich. Es können weniger Offene Treffs angeboten werden, die niedrigschwellige Anlaufstelle jeder Einrichtung. Die Mitarbeitenden ermöglichen stattdessen Gruppenangebote, zum Teil nutzen junge Erwachsene Räume in Selbstverwaltung, insbesondere Tanzgruppen, Bands, einzelne Interessierte wenn gegeben Tonstudios, etc. Je nach Haus bieten Mitarbeiter/-innen Neigungsgruppen an, machen Hausaufgabenhilfen, unterstützen bei Bewerbungen. Deutlich sichtbar werden Inflation und Teuerungsrate in allen Bereichen. Junge Besucher/-innen können sich oftmals keine Getränke und Snacks mehr leisten, es gibt einen erhöhten Bedarf an Kochangeboten und kostenlosen Getränken (wie Tee) und Essensangeboten (wie Obst). Demgegenüber stehen Budgeteinsparungen, die es schwermachen, den täglichen Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen nachzukommen.
Unabdingbar ist es, Angebote zur Resilienzstärkung auszubauen. Junge Menschen sollen befähigt werden, ungeachtet des Grades ihrer Belastung, mit innerer Widerstandskraft Stress und Krisen ohne Schäden für sich selbst zu bewältigen und Vertrauen in ihr Handeln und Können zu entwickeln. Dazu brauchen sie Gemeinschaft in ihren Altersgruppen/Freundschaftskreisen, stabile und vertrauensvolle Beziehungen zu Erwachsenen und sichere Rückzugsräume, wie sie es in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit vorfinden und kennen. Junge Menschen sollen sich ernst genommen, verstanden und unterstützt fühlen, positive Bestätigung erfahren, sich als Personen wohlfühlen und als „richtig und gut so wie sie sind“ wahrnehmen. In dem notwendigen Umfang erfordert dies ggf. eine (temporäre) Verschiebung und Gewichtung von Angeboten der Einrichtungen und der personellen Ressourcen.
Zu beachten ist: bei gleichen Nutzungszahlen sind somit ein gesteigerter Einsatz von Personalkapazitäten, zeitlichen und finanziellen Ressourcen auf Grund der Lebenslagen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen erforderlich geworden.
Pädagogisch betreute Spielplätze
Die betreuten Spielplätze mussten während Corona ihre Angebote mehrfach umstrukturieren und den neuen Bedarfen anpassen. Nach der Pandemie standen so bald wie möglich wieder die klassischen Angebote vor Ort im Fokus Denn die Kinderbedürfnisse haben sich nicht geändert. Nach wie vor stehen die Angebote der Offenen Tür wie beispielsweise Hüttenbauen, Feuer machen, sich mit Freunden treffen, Selbstwirksamkeit erfahren, auf Bäume klettern, sich beteiligen und Einfluss auf Angebote und
Regeln nehmen können, hoch im Kurs. Es ist allgemein bei den Zielgruppen der betreuten Spielplätze festzustellen, dass sich Kindheit verändert. Kinder haben oftmals nur noch kurze Zeitfenster zur freien Gestaltung ihrer Freizeit zur Verfügung. Damit sie diese für sich und ihre selbstbestimmten Aktivitäten nutzen können, werden passgenaue Angebotsstrukturen mit dem Fokus auf die Bedarfe von Kindern und Familien im jeweiligen Standort entwickelt. So erproben einige Einrichtungen gerade Samstagsöffnungen bzw. verlängerte Öffnungszeiten in den Ferien.
Wie bereits bei der Offenen Kinder- und Jugendarbeit beschrieben, können auch bei den Besucher/innen der betreuten Spielplätze ein erhöhter Bedarf an psychosozialer Unterstützung festgestellt werden. Die Bedürfnisse von Kindern mit Problemen, Sprachschwierigkeiten und Unterstützungsbedarf bei schulischen Fragen finden auch hier selbstverständlich ihren Platz. So gibt es an einigen Plätzen niederschwellige, bedürfnisorientierte, kostenlose Mittagsversorgung und Hausaufgabenbetreuung. Die niederschwelligen Angebote am Nachmittag zu gesunder Ernährung, Vorleseprojekte, Tierhaltung, begleitetes Spiel mit Risikofaktoren helfen ebenso wie Fahrten, Ausflüge und Naturerlebnisse die Selbstwirklichkeit und das Selbstvertrauen von Kindern zu fördern. Bei Bedarf können sich Kinder niederschwellig durch die Fachkräfte bei ihren Fragen beraten lassen. In manchen Stadtteilen wurden Kooperationen mit Flüchtlingsunterkünften oder Unterstützungsorganisationen geknüpft um Kindern und ihren Familien das Angebot „betreuter Spielplatz“ bekannt zu machen und zu eruieren wie ggf. Schwellen abgebaut werden können. Auf einigen Aktivspielplätzen sind ukrainische Kinder mittlerweile regelmäßige Stammgäste.
Auf den einzelnen Aktivspielplätzen ist durch die eben beschriebene Angebotserweiterung ein erhöhter personeller Aufwand verbunden. Die personellen Ressourcen von i.d.R. zwei Vollzeitstellen sind ausgelastet, die Praktikantenstellen können nicht immer besetzt werden. Derzeit kann nur durch vermehrtes ehrenamtliches Engagement und Drittmittelakquise die personelle Situation ausgeglichen werden. Eine eventuell daraus abgeleitete Ausbauplanung soll im Rahmen der Fortschreibung der Jugendhilfeplanung Spielen in der Stadt 2024 vorgestellt werden.
Ferien in Nürnberg – Ferienbetreuung und Ferienprogramm
Das Ferienprogramm bietet in Kooperation mit zahlreichen Anbietern in den Pfingst- und Sommerferien spannende und erlebnisreiche Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 16 Jahren an. Im Jahr 2023 umfasst dies ca. 370 Angebote mit ca. 6000 Plätzen beispielsweise aus den Bereichen Sport, Kreatives, Ausflüge, Natur, Technik und Umwelt. Im Bereich der Ferienbetreuung werden in allen Ferien (außer an Weihnachten) insbesondere berufstätigen Eltern ganztägige und verlässliche Wochenveranstaltungen ohne Übernachtung für die Betreuung ihrer Kinder angeboten, Schwerpunkt liegt hierbei bei den Grundschulkindern. Im Jahr 2023 stehen bis zu 3500 Teilnahmeplätze zur Verfügung. Das Format "Winter in Nürnberg" beinhaltet die Online-Darstellung von über 100 ausgesuchten Weihnachts-, Kreativ- und Erlebnisangeboten sowie Tipps zu Ausflügen und Sportaktivitäten für den Zeitraum Dezember bis März. Während der pandemischen Lage konnten die Ferienangebote nicht oder nur unter strengen Auflagen angeboten werden. Die Programme waren und sind, sofern sie stattfinden konnten, aber ungebrochen gut ausgelastet. Dennoch lassen sich gerade im Buchungsverhalten der Familien durch die Pandemie Veränderungen feststellen. Es zeigen sich immer mehr kurzfristige, spontane Anmeldungen vor und während der Ferien. Vermutlich aufgrund von Corona hat sich das Anmeldeverhalten auch zunehmend in den Online-Bereich verlagert. Der telefonische Beratungsbedarf ist dadurch im Gegenzug gestiegen. In und nach der Pandemie sind ein Teil der Veranstalter weggebrochen oder bieten Veranstaltungen in vermindertem Umfang an. Die Ferienangebote wurden im vergangenen Jahr vermehrt auch von ukrainische Familien angenommen. Auch die aktuelle wirtschaftliche Lage hat direkte Auswirkungen auf das Freizeitverhalten vieler Familien. Insbesondere kostengünstige Angebote rücken in den Fokus der
Zielgruppe und werden vermehrt nachgefragt. Dies kollidiert mit den oft steigenden Preisen der Veranstalter und den knappen städtischen Ressourcen. Schwerpunktsetzungen im Angebotsportfolio, angemessene Preise für alle Familien und Preisreduzierungen für Familien mit Nürnberg Pass sind daher nötig. Aktuell müssen die Entwicklungen und Regelungen bezüglich der Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung für Kinder in Bayern ab 2026 abgewartet werden.
Für das ehrenamtliche Gremium der Kinderkommission und deren Geschäftsführung gab in den letzten Jahren große Herausforderungen, welche zum Teil mit viel persönlichen Engagement und guten Netzwerken bewältigt wurden. Im zweiten Halbjahr 2022 gingen die Kinderversammlungen wieder in Präsenz an den Start. Nach einer kurzen Anlauf- und Übergangsphase erfreuen sich die Kinderversammlung einer guten Beteiligung und sind seit einiger Zeit wieder auf dem Stand vor der Pandemie angekommen. Die Gelingensfaktoren für diese Beobachtung lassen sich wie folgt benennen: alle, egal in welcher Rolle und Funktion, haben trotz aller Krisen kontinuierlich und wiederkehrend der Kontakt zu den Kindern gesucht und gehalten. Das Team rund um die Kinderversammlungen ist trotz der Widrigkeiten der vergangenen Jahre stabil geblieben und wieder gemeinsam an den Start gegangen, um nur einige Punkte zu nennen. Dies hat dazu geführt, dass die Kinder und die Erwachsenen das Vertrauen in die Formate der Kinderkommission, als verlässliche Partner/-innen nicht verloren haben.
Erziehungsberatung
Die Erziehungsberatungsstelle des Jugendamtes hat von Januar bis Ende Mai 2023 227 mehr laufende Fälle in Bearbeitung als im gleichen Zeitraum des Vorjahres 2022. Das ist eine Steigerung um über 50%. Die extreme Auslastung der Beratungsstelle hat zu einer Verlängerung der Wartezeit auf über 6 Wochen geführt. Vergleichbare Entwicklungen werden auch aus den nicht städtischen Erziehungsberatungsstellen berichtet.
48 Eltern stehen auf einer Warteliste für unseren „Kinder-im-Blick“-Kurs. Diese Eltern warten z.T. seit 1-2 Jahren auf die Teilnehme an diesem Kurs, weil während der Corona-Pandemie keine Kurse angeboten werden konnten. Etliche Eltern haben sich beim Familiengericht verpflichtet einen „Kinderim-Blick“-Kurs zu besuchen.
Auch die Anmeldungen bei Teilleistungsstörungen nach § 35a SGB VIII Legasthenie, Dyskalkulie, Beeinträchtigung der Teilhabe und drohender seelischer Behinderung sind auf einem sehr hohen Niveau. Die Wartezeit in unserer Beratungsstelle beträgt z.Z. bis zu 5 Monate. Eigentlich sollen 3 Monate die gerade noch zumutbare Obergrenze für die anmeldenden Eltern und ihre Kinder sein.
Nicht nur die Menge der Anmeldungen, sondern auch die Schwere der Problemlagen hat deutlich zugenommen. Bei den Teilleistungsstörungen ist festzustellen, dass die Lernrückstände der Kinder auf bis zu 9 Monate angewachsen sind. Die Maßnahmen während der Corona-Pandemie mit Schulschließungen und Homeschooling hat die sozial und lernmäßig schwächeren Schülerinnen und Schüler besonders hart getroffen. Sehr gravierend stellt sich ein „Demotivationssyndrom“ dar, das besonders ältere Kinder und Jugendliche betrifft. Sie haben sich aus der Schule, dem Lernen und der sozialen Umwelt verabschiedet und versinken im exzessiven Medienkonsum. Es bedarf harter Arbeit aller Beteiligten Änderungsimpulse zu setzen. In Deutschland ist der Anteil von Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, besonders hoch.
Auch die Anmeldungen mit schweren seelischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen haben deutlich zugenommen. Ängste, Zwänge, selbstverletzendes Verhalten bis zu Suizidgedanken usw. machen einen beträchtlichen Teil der Anmeldungen aus. Diese Auffälligkeiten sind fast immer mit einem erzieherischen Bedarf in der Familie verbunden. Die Erziehungsberatungsstelle mit ihrem
familientherapeutischen, systemischen und lösungsorientierten Arbeitsansatz kann hier gute Hilfestellungen anbieten. Aber das ist intensiv und zeitaufwändig. Die als repräsentativ für Bayern geltenden Abrechnungsdaten der Krankenkasse DAK geben genau diese Situation wieder. Demnach sind psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen bei Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren zwischen 2019 und 2021 massiv gestiegen. (Nürnberger Nachrichten 06.06.23, S.12)
Die Erziehungsberatungsstelle muss z.T. auch die Überlastung beim ASD auffangen. Eltern, die sich mit einem Beratungsbedarf nach §16,17,18 SGB VIII an den ASD wenden, werden in manchen Teams sofort an die EB weiterverwiesen, weil dort keinerlei Kapazität mehr für Beratungsarbeit vorhanden ist.
Präventive Kinder- und Jugendhilfe
Auch in den anderen Arbeitsfeldern der Präventiven Kinder- und Jugendhilfe konnten in den letzten Jahren vielfältige Auswirkungen der pandemischen, volkswirtschaftlichen und geopolitischen Herausforderungen auf die Zielgruppen und Angebote beobachtet werden. Im Folgenden werden die zentralen Punkte dargestellt: Beim ordnungsrechtlichen Jugendschutz gibt es auffällige Veränderungen und neue Herausforderungen für das Arbeitsfeld zu beschreiben. Die Pandemie und die damit einhergehenden Einschränkungen haben die Digitalisierung im stationären Handel und im Veranstaltungssektor deutlich vorangetrieben. Insbesondere haben digitale Kleinstsupermärkte und Automatenbetriebe einen regelrechten Boom erfahren. Beide Betriebsarten bieten eine breite Produktpalette, darunter insbesondere auch alkoholische Getränke, CBD-Produkte, elektronische Rauchprodukte sowie Nikotin- Beutel an. Die Nachfrage insbesondere bei Jugendlichen und sehr jungen Erwachsenen ist hoch, die Hemmschwelle des altersunzulässigen Produkterwerbs aufgrund fehlender persönlicher Kontrolle durch Verkaufspersonal niedrig. Immer mehr Supermärkte verzichten zunehmend auf Verkaufspersonal und etablieren digitale Bezahlkassen, die entsprechende Jugendschutzkonzepte voraussetzen. Tickets für Veranstaltungen werden zwischenzeitlich zu 90% auf digitalem Weg verkauft. Die Gewerbetreibenden und die Veranstaltenden sind in der Verantwortung, die Vorgaben des Jugendschutzgesetzes und ggf. individuelle Auflagen nach § 7 JuSchG strengstens zu überwachen. Durch die umfassenden Änderungen der letzten Jahre besteht besonders hoher Sensibilisierungs-, Beratungs- und Kontrollbedarf.
Der Jugendmedienschutz (JMS) beinhaltet die Konzeptionierung und Entwicklung von Angeboten des erzieherischen JMS für Fachkräfte überwiegend der Jugendhilfe, Eltern, Kinder und Jugendlichen, die fachliche Begleitung von Projekten und Strukturen verschiedener Institutionen. Während der Pandemie gab es bei Kindern und Jugendlichen eine starke Verlagerung von Offline Aktivitäten auf den Online-Bereich. Freizeitaktivitäten und soziale Kontakte finden seitdem immer noch vielfach verstärkt über das Internet statt. Nahezu alle Kooperationspartner melden eine deutlich erhöhte psychische Belastung in den letzten Jahren bei Kindern, Jugendlichen und Familien. Die veränderte qualitative und quantitative Mediennutzung kann dabei Ursache oder symptomatischer Ausdruck dieser Belastungen darstellen. Allgemein ist festzuhalten, dass alle bisherigen Zielgruppen des JMS einen deutlich erhöhten Bedarf an Unterstützungsangeboten hinsichtlich einer souveränen Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen zeigen. Der Jugendmedienschutz im Onlinehandel realisiert die Überwachung der Einhaltung des Jugendschutzgesetzes im Onlinehandel notwendig ist, so müssen Jugendschutzkontrollen und ggf. Ordnungswidrigkeitsanzeigen erfolgen, wenn beispielsweise Medien, Alkoholika oder Tabakwaren an Minderjährige verkauft werden. Die Vielzahl der Onlinehändler sowie die unterschiedlichen Altersverifikationssysteme und der damit verbundene technische Aufwand machen eine darauf spezialisierte Stelle notwendig. Die Stelle wurde zu Beginn der Pandemie besetzt. Der steigende Onlinehandel während der Pandemie hat dieser Aufgabe seitdem nochmals eine wichtige Bedeutung verliehen. Auch wurden viele technische Weiterentwicklungen beobachtet. Der Jugendmedienschutz im Onlinehandel muss diese Veränderungen in der Beratung und Kontrolle der
Gewerbe berücksichtigen. Im Bereich von Altersverifikationssystemen (welche für die technische Umsetzung relevant sind) ist diese Entwicklung besonders deutlich. Nach eigener Recherche verdoppelte sich im Zeitraum von September 2020 bis Januar 2023 die Anzahl der durch die KJM (Kommission für Jugendmedienschutz) als positiv bewerteten Altersverifikationssysteme.
Das Arbeitsfeld der Alkoholprävention richtet sich u.a. mit Informationsmaterial, Ausstellungen, Fortbildungen, Veranstaltungen und fachlicher Beratung an Nürnberger Bürger*innen jeglichen Alters sowie darüber hinaus mit Fachtagungen an Interessierte und pädagogische Fachkräfte aus der Jugendhilfe, Schule und Ehrenamt. Auch werden Projekte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit oder der Jugendsozialarbeit an Schulen unterstützt und fachlich begleitet. Die Netzwerkarbeit mit regionalen und überregionalen Institutionen sowie die Beteiligung an lokalen / landes- und bundesweiten Kampagnen zählen ebenfalls zum Tätigkeitsfeld. Ziel der Alkoholprävention ist es, Kinder und Jugendliche vor einem Konsumeinstieg zu schützen bzw. diesen zu verzögern, Alkoholsubstanzstörungen entgegenzuwirken und einer Abhängigkeit vorzubeugen. Nichtkonsumenten sollen in ihrer Haltung bestärkt werden. In Krisenzeiten wie der Corona Pandemie oder anderen belastenden Ereignissen können verschiedene Faktoren das Konsumverhalten beeinflussen. Hierbei spielen individuelle Umstände, gesellschaftliche Einflüsse und persönliche Bewältigungsstrategien eine Rolle. Es gibt keine einheitliche Reaktion auf Krisen, und die Auswirkungen können von Person zu Person unterschiedlich sein. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass während der Corona Pandemie einige Veränderungen im Konsumverhalten von Alkohol bei verschiedenen Altersgruppen, einschließlich Jugendlichen, aufgetreten sind. Gerade während der COVID-19 Pandemie hat sich in den Jahren 2020-2023 das Trinkverhalten der Jugendlichen und jungen Menschen aufgrund der eingeschränkten Kontakte und Konsumanlässe und der damit einhergehenden sozialen Kontaktbeschränkungen temporär verändert.
Die Suchtprävention richtet sich mit Informationsmaterial, Ausstellungen, Fortbildungen, fachlicher Beratung und Fachtagungen an Nürnberger Kinder, Jugendliche, Eltern, Lehr- und pädagogische Fachkräfte. Es werden pädagogische Projekte in der Kinder- und Jugendhilfe unterstützt und fachlich begleitet. Für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in verschiedenen Settings stehen vielfältige Angebote und Veranstaltungen zur Verfügung.
Besonderes Thema ist Cannabiskonsum, daneben gibt es aber auch von der Öffentlichkeit bisher zum Teil unbeachtet, weitere, Problemstellungen: teilweise frei verkäufliche Produkte mit Psychoaktiven Substanzen sind verstärkt auf den Markt. Aktuelle Beispiele sind Vape-Pens (Einweg-E-Zigaretten), Nikotin- oder Koffeinbeutel. Gemein haben all diese Produkte, dass diese gesundheitlich sehr bedenklich sind, aber mit Aufmachung und Werbebotschaften bewusst junge Zielgruppen ansprechen wollen. Auch ist aktuell wieder ein Anstieg des Konsums von Zigaretten bei jungen Menschen zu beobachten. Die Sonderauswertung Kinder-und Jugendgesundheit in Zeiten der Pandemie in Bayern des DAK-Kinder- und Jugendreport 2022 stellt eine deutliche Zunahme neudiagnostizierter Essstörungen bei Mädchen (+130% bei 15 bis 17jährigen Mädchen, Trend 2019-2021), eine anhaltende Zunahme der Depressions-Inzidenz bei Mädchen (+40% bei 15 bis 17jährigen Mädchen, Trend 2019- 2021), eine anhaltende Zunahme der Neuerkrankungsrate von Angststörungen bei jugendlichen Mädchen (+51% bei 15 bis 17jährigen Mädchen, Trend 2019-2021), eine allgemeine Zunahme der Adipositas-Neuerkrankungen fest.
Bei all den eben dargestellten Entwicklungen ist Prävention dringend angeraten. Es ist somit wenig verwunderlich, dass der Bedarf an Angeboten für die Zielgruppen aktuell sehr hoch ist. Im Jahr 2022 wurden, trotz der Kontaktbeschränkungen aufgrund der Pandemie im ersten Quartal, über 160 Angebote der Suchtprävention für jungen Menschen und Multiplikator/-innen durchgeführt. So gab es Workshops, Ausstellungen, Präventionswettbewerbe und diverse Fortbildungen. Die Nachfrage,
insbesondere bei Angebote für Schulklassen kann, trotz des umfangreichen Angebots, mit den vorhandenen Ressourcen nicht gedeckt werden.
Dazu kommt die geplante Legalisierung von Cannabis, die weitreichende Veränderungen im (gesundheits-) politischen, gesellschaftlichen Diskurs mitbringen und sich auf die Gesetzgebung auswirken wird. Von diesem Vorhaben werden die Kommunen in vielfältiger Form betroffen sein. Die Umsetzung muss durch ausreichende Präventions- und Hilfsmaßnahmen begleitet werden. Präventive Angebote zu Cannabis werden zukünftig als kommunale Pflichtaufgabe nach dem §14 SGB VIII verstärkt vorzuhalten sein. Es wird mit einer deutlichen Aufgabenmehrung und somit deutlich erhöhten Personalbedarf gerechnet.
Radikalisierungsprävention als Teil der präventiven Kinder- und Jugendhilfe, hat die Informationsaufbereitung zu konkreten Fragestellungen aus dem Bereich Radikalisierung und Extremismus, die fachliche Unterstützung von Projektideen mit Bezug zur Radikalisierungsprävention, die Bereitstellung und Entwicklung von Fortbildungs- und Informationsangeboten für Fachkräfte, die Vermittlung und Entwicklung von Gruppenangeboten für junge Menschen und die fachlich begleitende Unterstützung und Expertinnen- und Expertenvermittlung in der Einzelfallarbeit zur Aufgabe.
Während der Pandemie waren auch in diesem Arbeitsfeld zeitweise Angebote für junge Menschen und Multiplikatoren aufgrund der unterschiedlichen Kontaktbeschränkungen nicht möglich oder weniger bzw. nur als Onlinevariante nachgefragt. Dieser Effekt ist nicht mehr zu beobachten, Angebote für junge Menschen und Multiplikatoren werden wieder sehr gut angenommen. Im Jahr 2022 hatten hierbei viele Anfragen eher Bezug zur Gewaltprävention, da es nach der „Wiedereröffnung“ der Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe/Schule zu einem regelrechten „Storming“ und gruppendynamischen Herausforderungen in den verschiedenen Einrichtungen kam. Das stellt sich im Jahr 2023 anders dar, insbesondere gibt es einen deutlichen Anstieg von intensiven Fallkonstellationen, d.h. Fälle mit Verdachtsmomenten oder intensiver Bedarfslagen, die zunächst erhoben, ausgewertet und dann unter Einbezug von Netzwerkpartner*innen bearbeitet werden.
3. Expertisen und Empfehlungen aus der Wissenschaft
Einschätzungen und Empfehlungen aus der Wissenschaft sind in diversen, teils fachöffentlich relevanten teils breit massenmedial gestreuten Medien publiziert worden. Einige Auszüge:
„Die negativen Folgen der Covid-19 Pandemie wirkten sich insbesondere auf die Bereiche soziale Interaktion, emotionale Entwicklung, körperliche Aktivität, Bildung sowie physisches und psychisches Wohlbefinden aus. Bestehende Ungleichheiten nahmen zu und verringerte Teilhabe- und Chancengerechtigkeit zeigten sich noch deutlicher. Besonders herausfordernd war die Situation für jene junge Menschen, die in belasteten Verhältnissen aufwachsen.“ (Landesjugendämter G. P., 2021)
Trotz der durch mehrere Studien dokumentierten, aus der Pandemie resultierenden Belastungen, denen Kinder und Jugendliche immer noch ausgesetzt sind, haben diese den Eindruck, dass sie mit ihren Problemen in der Politik wenig Gehör finden. Viele schildern, dass sie die Empfindung haben, die
| hat in | |||
|---|---|---|---|
| einer Arbeitsgruppe zu gesundheitlichen Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche durch Corona ihre | |||
| Ergebnisse vorgelegt. Demnach dauern die Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche bis heute | |||
| an. Es seien immer noch 73 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychisch belastet, heißt es in dem | |||
| Papier. | (vgl., | Corona-Folgen: 73 Prozent aller Minderjährigen noch immer psychisch belastet - DER | |
| SPIEGEL,08.02.2023, 14.21Uhr) |
Die „Bedarfslagen junger Menschen haben sich bedingt durch die Pandemie klar erkennbar verändert. Diese Entwicklung erfordert eine Strategie des Wiederaufbaus und der Erneuerung, um die Infrastruktur für junge Menschen offensiver und nachhaltig zu sichern.“ (Jugendkomission, 2022).
Sie benötigen nach dieser Zeit besonders verlässliche Ansprechpartner und geeignete individuelle Maßnahmen für ihre spezifischen Problemlagen. Die unterschiedlichen Akteure der Jugendhilfe sollten im Sinne des Jugendlichen ihre Angebote eng abstimmen und eine rechtskreisübergreifende Vernetzung intensivieren. Die Krisenzeiten haben bei vielen Jugendlichen zu erhöhtem Stress und psychischen Belastungen geführt. Die Akteure der Jugendhilfe stehen momentan vor der Herausforderung, dass sich schnelle Lösungsansätze durch die mannigfaltigen Probleme, gepaart mit psychischen Beeinträchtigungen schwer herbeiführen lassen. Beratungen sind in der Regel intensiv, langfristig und oftmals nur in enger Vernetzung mit anderen Hilfesystemen angelegt. Die Einzelfälle werden für die Fachkräfte zunehmend komplexer und zeitintensiver. Hinzukommen Zukunftsängste der jungen Menschen auf Grund von weiteren Krisen (Ukrainekrieg, steigendes Armutsrisiko) (Monitor Jugendarmut 2022, 2023).
Die veränderten Bedarfslagen der jungen Menschen erfordern Konsequenzen für den zukünftigen Blickwinkel der Jugendhilfe. Der Deutsche Ethikrat veröffentlichte im November 2022 einen Bericht über „Pandemie und psychische Gesundheit“ aus dem Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft abgeleitet werden. Für die Bereiche der Jugendhilfe fordert der Ethikrat unter anderem: „Niedrigschwellige und flächendeckende schulpsychologische Angebote bzw. psychosoziale Unterstützungsangebote, z. B. durch qualifizierte Schulsozialarbeit, sollten gestärkt und in den Schulalltag und das Schulkollegium als Regelangebot integriert werden. Angesichts des diesbezüglichen Fachkräftemangels braucht es offensivere Strategien zur Personalgewinnung. Weil die Schule für Kinder und Jugendliche ein zentraler Lebensort ist, müssen lebensgestaltende und unterstützende Angebote auch in der Schule vorgehalten werden und mit anderen Unterstützungsangeboten insbesondere der öffentlichen und freien Kinder- und Jugendhilfe sowie des Gesundheitswesens vernetzt werden (…). Trotz des Fachkräftemangels sind personelle Ressourcen schnell auszubauen.
Um besonders belastete Familien, Kinder und Jugendliche unterstützen zu können, braucht besonders die Kinder- und Jugendhilfe Ressourcen. Das schließt eine verbesserte Zusammenarbeit der Berufsgruppen an den Schnittstellen der Hilfesysteme ein. Bestehende Hilfsangebote sollten, soweit dies noch nicht verlässlich geschieht, um umfangreiche, kostenfreie Freizeitangebote ergänzt werden, die sich insbesondere an Kinder in Risikolagen bzw. mit multiplen Problemlagen richten und die besonders schwierige Bewältigung von Übergängen, z. B. der Transition vom Jugendalter ins junge Erwachsenenalter, begleiten und unterstützen (…).
Alle Beratungs- und Hilfsangebote in den Bereichen Schule, Gesundheitswesen sowie Kinder- und Jugendhilfe sollten konsequent systemisch ausgestaltet und dabei die wesentlichen Lebensweltbezüge (z. B. der Familie) einbezogen werden.“ (Ethikrat, 2022)
Diesen Empfehlungen von Wissenschaft und Verbänden ist gemein, dass sie darauf hinweisen, dass eine Weiterentwicklung der Jugendhilfestrukturen trotz angespannter Haushaltslage erforderlich ist, das beinhaltet konkret eine wirksame Strategie zur Fachkräftegewinnung, Zugang zu nötigen Fort-und Weiterbildungen für die Fachkräfte, schnelle Besetzung freier Stellen, um die vorhandenen Fachkräfte nicht an Erkrankungen, Burn-Out oder andere Berufsfelder zu verlieren, und eine Strategie auf Bundund Länderebene, um die Mängel in der psychosozialen Versorgung für Kinder- und Jugendliche und Erwachsene zu beheben.
Das gemeinsame und solidarische Handeln, zu dem Angela Merkel zu Beginn der Pandemie aufgerufen hat, sollte auch nach der Pandemie weitergehen. Junge Menschen als die nächste Generation brauchen Fürsprecher, die sie beim bestmöglich beim Aufwachsen zu eigenständigen Persönlichkeiten unterstützen.
4. Fazit
Zusammengefasst und überspitzt könnte man sagen, es gibt eine nahtlose Übereinstimmung von wissenschaftlichen Empfehlungen und den dargelegten Einschätzungen aus den Praxisfeldern der Kinder- und Jugendhilfe: Ein bloßes „Weiter so!“ ohne Konsequenzen kann es danach nicht geben. Es braucht einen Austausch über diese neue Lage, über diese teils dramatischen Veränderungen, und die jungen Menschen und ihre Familien brauchen mehr Hilfe, mehr Unterstützung. Dazu müssen bestehende Ressourcen umgesteuert, aber auch gesichert und ausgebaut werden.
Angesichts der von vielen Mitarbeiter/innen und Leitungskräften der Kinder- und Jugendhilfe als dramatisch wahrgenommenen Situation sieht sich die Verwaltung des Jugendamtes veranlasst, diese Situationsbeschreibung öffentlich zu machen. Sie ist auch ein Ruf nach Hilfe und Unterstützung an die zuständige Fach- und Kommunalpolitik.
Einsparungen sind nach dieser Situationsbeschreibung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe kaum möglich, im Gegenteil, die dargestellten Veränderungen und Herausforderungen brauchen Antworten und Lösungen, auch an die Mitarbeiter/-innen und die jungen Menschen und ihre Familien in unserer Stadt. Die Referentin für Jugend, Familie und Soziales hat daher auf Veranlassung der Verwaltung des Jugendamts trotz der Vorgaben zur Haushaltskonsolidierung dringende Stellenschaffungsanträge zum Haushalt 2024 gestellt, die zu den aufgrund neuer Einrichtungen ohnehin zu schaffenden Stellen hinzukommen müssen. Ganz besonders prioritär wäre demnach:
Personeller Ausgleich/Ersatz in allen Bereichen des Jugendamtes (ohne Kita-Personal), der durch die Umsetzung des SuE-Tarifabschluss 2022 (Regenerations/Umwandlungstage) entsteht. Umsetzung neuer/erweiterter gesetzlicher Aufgaben im ASD (Care Leaver, …), beim Jugendmedienschutz und der Suchtprävention. Sicherung der Strukturen für Inobhutnahmen (KJND) und der Frühen Hilfen.
Um den besonderen Bedarfen der Kinder und Jugendlichen und der Familien, die sich krisenbedingt deutlich erhöht haben, zu begegnen, müssen auch im Sinne einer möglichst frühzeitigen Intervention bzw. Prävention die bewährten Angebotsstrukturen abgesichert und gestärkt werden, dies wären insb.
Absicherung der Angebote und Strukturen der Kinder- und Jugendarbeit (flexible Reserve, Ausstattung gemäß der beschlossenen personellen Standards in Kinder- und Jugendhäusern, Koordinierungsstelle Sport und Jugendhilfe, Fachstelle Internationale Jugendarbeit) Bedarfsgerechter Ausbau der Jugendsozialarbeit an Grundschulen. Unterstützung und Entlastung der Erziehungsberatung, der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, des ASD und des Kita-Bereichs durch zusätzliche Verwaltungsressourcen.
Auch bei den bereits mehrfach gekürzten Sachmitteln, die über dem Haushalt für die Angebote zur Verfügung stehen, ist vielfach ein Punkt erreicht, der dringend eine Erhöhung verlangt, um zum Beispiel die stark gestiegenen und weiter steigenden Kosten für Material, Lebensmittel oder Honorare zu finanzieren. Auch die teils deutlichen Einsparungen im Bereich der Fort- und Weiterbildung werden sich kontraproduktiv auswirken und die genannten negativen Spiralen fortsetzen.
Literaturverzeichnis
Ethikrat, D. (2022). Pandemie und psychische Gesundheit. Aufmerksamkeit, Beistand und Unterstzützung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in und nach gesellschaftlichen Krisen. AD-HOC-EMPFEHLUNG. Berlin: Deutscher Ethikrat, Berlin. Jugendkommission, N. K.-u. (2022). Chancen für junge Menschen verbessern: Anforderungen an eine Kindheits- und Jugendstrategie 2022 in Zeiten von Post-Covid. Hannover. Landesjugendämter, B. (2020). 5 Thesen zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf Kinder und junge Menschen. Landesjugendämter, G. P. (2021). Was brauchen Kinder, Jugendliche und Familien nach Corona? Konsequenzen für die Kinder- und Jugendhilfe. Monitor Jugendarmut 2022. (16. 06 2023). Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit. Von https://www.bagkjs.de/monitor-jugendarmut-2022/ abgerufen Der Spiegel, (vgl., Corona-Folgen: 73 Prozent aller Minderjährigen noch immer psychisch belastet - DER SPIEGEL,08.02.2023, 14.21Uhr) Nachrichten WDR, Jugendstudie: Junge Generation im Dauer-Krisenmodus - Nachrichten - WDR