Beilage 4.1
zur Sitzung des Jugendhilfeausschusses vom 27.07.2023
Zusammenfassung
Corona, Krieg und Klima: Wie geht es jungen Menschen nach und in aktuellen Krisen?
Aktuelle Berichte und Einschätzungen aus Handlungsfeldern der Nürnberger Kinder- und Ju-
gendhilfe
1. Einleitung/Hinführung
Junge Menschen sehen sich nach der Corona-Pandemie, den Folgen des Ukrainekriegs, der Klimakrise, der Inflation mit vielseitigen persönlichen Belastungen und zunehmenden Herausforderungen konfrontiert. Die Pandemie ist formal beendet, die Folgen und Nachwirkungen werden noch lange bestimmend sein. Und die Häufung der Krisen zeigen massive Beeinträchtigungen auf die Lebenssituation und die Lebensentwürfe junger Menschen. In dieser Situation ist die Jugendhilfe mit allen Kooperationspartnern, Trägern der freien Wohlfahrtspflege, den Verbänden und ehrenamtlich Tätigen gefordert, mit ihrem breiten Hilfe-, Beratungs- und Unterstützungsangeboten diese jungen Menschen aufzufangen und gemeinsam an der Bewältigung bzw. Überwindung der Krisenfolgen zu arbeiten. Doch hier befindet sich die Jugendhilfe in Nürnberg, aber auch bundesweit, in einem Dilemma: Die Gemengelage aus deutlich gestiegenen Anforderungen, Sparzwängen, Fachkräftemangel und hohen fachlichen Anforderung, aber auch Erwartungen ist aus der Kinder- und Jugendhilfe alleine nicht auflösbar. Es drohen mittel- und langfristige Folgen für viele junge Menschen, Familien aber auch für das gesellschaftliche Miteinander in der Stadt insgesamt. Nürnberg zeichnet sich bisher durch einen guten sozialen Frieden und Miteinander aus, trotz der Vielfalt und der großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Dies ist aus Sicht des Jugendamts in Gefahr.
2. Sachstandsberichte aus verschiedenen Handlungsfeldern
Um die Herausforderungen und Belastungen in den Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe zu verdeutlichen, stellt die Verwaltung des Jugendamts in diesem Bericht Einblicke aus den verschiedenen Aufgabenbereiche zusammen. Diese teils dramatischen Veränderungen sollen Bedarfe aufzeigen, die über das normale Maß der Anforderungen hinausgehen. Ziel dieses Berichts ist es somit, einen Einblick in die veränderten Notwendigkeiten zu geben, damit aus fachlichen Einschätzungen auch rechtzeitig die erforderlichen Handlungsschritte gemacht und die (fach-)politischen Schlussfolgerungen gezogen werden können.
3. Expertisen und Empfehlungen aus der Wissenschaft
Einschätzungen und Empfehlungen aus der Wissenschaft sind in diversen, teils fachöffentlich relevanten teils breit massenmedial gestreuten Medien publiziert worden. Zum Beispiel: „Die negativen Folgen der Covid-19 Pandemie wirkten sich insbesondere auf die Bereiche soziale Interaktion, emotionale Entwicklung, körperliche Aktivität, Bildung sowie physisches und psychisches Wohlbefinden aus. Bestehende Ungleichheiten nahmen zu und verringerte Teilhabe- und Chancengerechtigkeit zeigten sich noch deutlicher. Besonders herausfordernd war die Situation für jene junge Menschen, die in belasteten Verhältnissen aufwachsen.“ (Landesjugendämter G. P., 2021) Die „Bedarfslagen junger Menschen haben sich bedingt durch die Pandemie klar erkennbar verändert. Diese Entwicklung erfordert eine Strategie des Wiederaufbaus und der Erneuerung, um die Infrastruktur für junge Menschen offensiver und nachhaltig zu sichern.“ (Jugendkomission, 2022). Die veränderten Bedarfslagen der jungen Menschen erfordern Konsequenzen für den zukünftigen Blickwinkel der Jugendhilfe. Der Deutsche Ethikrat veröffentlichte im November 2022 einen Bericht über
„Pandemie und psychische Gesundheit“ aus dem Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft abgeleitet werden. Angesichts des diesbezüglichen Fachkräftemangels braucht es offensivere Strategien zur Personalgewinnung. Um besonders belastete Familien, Kinder und Jugendliche unterstützen zu können, braucht besonders die Kinder- und Jugendhilfe Ressourcen. (Ethikrat, 2022)
Diesen Empfehlungen von Wissenschaft und Verbänden ist gemein, dass sie darauf hinweisen, dass eine Weiterentwicklung der Jugendhilfestrukturen trotz angespannter Haushaltslage erforderlich ist, das beinhaltet konkret eine wirksame Strategie zur Fachkräftegewinnung, Zugang zu nötigen Fort-und Weiterbildungen für die Fachkräfte, schnelle Besetzung freier Stellen, um die vorhandenen Fachkräfte nicht an Erkrankungen, Burn-Out oder andere Berufsfelder zu verlieren, und eine Strategie auf Bund- und Länderebene, um die Mängel in der psychosozialen Versorgung für Kinder und Jugendliche und Erwachsene zu beheben.
4. Fazit
Zusammengefasst und überspitzt könnte man sagen, es gibt eine nahtlose Übereinstimmung von wissenschaftlichen Empfehlungen und den dargelegten Einschätzungen aus den Praxisfeldern der Kinderund Jugendhilfe: Ein bloßes „Weiter so!“ ohne Konsequenzen kann es danach nicht geben. Es braucht einen Austausch über diese neue Lage, über diese teils dramatischen Veränderungen und die jungen Menschen und ihre Familien brauchen mehr Hilfe, mehr Unterstützung. Dazu müssen bestehende Ressourcen umgesteuert, aber auch gesichert und ausgebaut werden.
Angesichts der von vielen Mitarbeiter/innen und Leitungskräften der Kinder- und Jugendhilfe als dramatisch wahrgenommenen Situation sieht sich die Verwaltung des Jugendamtes veranlasst, diese Situationsbeschreibung öffentlich zu machen. Sie ist auch ein Ruf nach Hilfe und Unterstützung an die zuständige Fach- und Kommunalpolitik.
Einsparungen sind nach dieser Situationsbeschreibung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe kaum möglich, im Gegenteil, die dargestellten dramatischen Veränderungen und Herausforderungen brauchen Antworten und Lösungen, auch an die Mitarbeiter/-innen und die jungen Menschen und ihre Familien in unserer Stadt. Die Referentin für Jugend, Familie und Soziales hat daher auf Veranlassung der Verwaltung des Jugendamts trotz der Vorgaben zur Haushaltskonsolidierung dringende Stellenschaffungsanträge zum Haushalt 2024 gestellt, die zu den aufgrund neuer Einrichtungen ohnehin zu schaffenden Stellen hinzukommen müssen. Ganz besonders prioritär wäre demnach:
Personeller Ausgleich/Ersatz in allen Bereichen des Jugendamtes (ohne Kita-Personal), der durch die Umsetzung des SuE-Tarifabschluss 2022 (Regenerations/Umwandlungstage) entsteht. Umsetzung neuer/erweiterter gesetzlicher Aufgaben im ASD (Care Leaver, …), beim Jugendmedienschutz und der Suchtprävention. Sicherung der Strukturen für Inobhutnahmen (KJND) und der Frühen Hilfen.
Um den besonderen Bedarfen der Kinder- und Jugendlichen und der Familien, die sich krisenbedingt deutlich erhöht haben, zu begegnen, müssen auch im Sinne einer möglichst frühzeitigen Intervention bzw. Prävention die bewährten Angebotsstrukturen abgesichert und gestärkt werden, dies wären insb.
Absicherung der Angebote und Strukturen der Kinder- und Jugendarbeit (flexible Reserve, Ausstattung gemäß der beschlossenen personellen Standards in Kinder- und Jugendhäusern, Koordinierungsstelle Sport und Jugendhilfe, Fachstelle Internationale Jugendarbeit) Bedarfsgerechter Ausbau der Jugendsozialarbeit an Grundschulen.
Unterstützung und Entlastung der Erziehungsberatung, der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, des ASD und des Kita-Bereichs durch zusätzliche Verwaltungsressourcen.
Auch bei den bereits mehrfach gekürzten Sachmitteln, die über dem Haushalt für die Angebote zur Verfügung stehen, ist vielfach ein Punkt erreicht, der dringend eine Erhöhung verlangt, um zum Beispiel die stark gestiegenen und weiter steigenden Kosten für Material, Lebensmittel oder Honorare zu finanzieren. Auch die teils deutlichen Einsparungen im Bereich der Fort- und Weiterbildung werden sich kontraproduktiv auswirken und die genannten negativen Spiralen fortsetzen.