„Erinnerungsort“ Bahnhof Märzfeld
Ideenskizze von Nina Lutz/Alexander Schmidt, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Februar 2022
Der Bahnhof Märzfeld, ein Teil des Reichsparteitagsgeländes, wurde ab 1939 als zentraler Verschiebebahnhof für Menschen aus unterschiedlichen Ländern genutzt, die als Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nach Nürnberg kamen und in Nordbayern Zwangsarbeit leisten mussten. Die beiden ersten großen Deportationen von Juden und Jüdinnen aus Franken gingen ebenfalls von hier ab. Der Bahnhof Märzfeld ist deshalb ein wichtiger Erinnerungsort und sollte entsprechend gestaltet werden.
Der historische Ort – und seine Überreste
Baumodell Bahnhof Märzfeld, um 1938 (Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände DZ-Ph-0876-03)
Fassadenrest des Bahnhof Märzfeld, 1994 und 2022 (Fotos: Alexander Schmidt)
Von dem geplanten Bahnhof zur Erschließung der Teilnehmerlager in Langwasser ist – neben den Gleisanlagen samt den Zugangstreppenhäusern – nur ein kleiner Teil der Schaufassade (im Baumodell ganz oben links) tatsächlich errichtet worden. Dieser Fassadenteil mit einem quer dahinterliegenden Gang wurde durch Bewuchs nahezu unsichtbar. Die Eingänge sind heute mit Blechplatten verschlossen. Dieses Relikt des Bahnhofs Märzfeld bietet eine visuell gut erkennbare Brücke zu der Zeit, aus der das Gebäude stammt, und zu seiner Geschichte.
Erinnerungsort Bahnhof Märzfeld – Konzept und Gestaltungsideen
Der neu gestaltete Erinnerungsort Bahnhof Märzfeld besteht aus
zwei Stelen des Geländeinformationssystems (besser platziert, inhaltlich überarbeitet)
der Fläche vor dem Fassadenteil (tagsüber frei zugänglich)
der Fassade selbst als Informationsträger („Wand der Nationen“) Informationsnischen in den 11 mit Mauerwerk verschlossenen Zugängen einer neu aufgestellten Treppe vor der Fassade als Zugang zu einem abgeschlossenen Bereich mit Blick auf die Gleisanlagen
Stelen des Geländeinformationssystems
Infostelen am Bahnhof Märzfeld 2022 (Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände D-0334)
Die bisher rechts vor der Unterführung direkt vor dem Zaun platzierten und schlecht zugänglichen Stelen des Geländeinformationssystems werden auf die linke Seite in die Nähe der neu zu öffnenden Fläche vor der Fassade versetzt und damit auch auf den Erinnerungsort bezogen. Sie müssen inhaltlich überarbeitet werden. Die beiden Stelen bieten Grundinformationen zum Thema des historischen Bahnhofs Märzfeld im Kontext des Reichsparteitagsgeländes 1933 bis 1945, gewährleisten eine Verortung und fügen sich in das Geländeinformationssystem ein.
Fläche vor dem Fassadenteil
Die Fläche vor dem Fassadenteil wird vom Bewuchs befreit (ist bereits erfolgt), rollstuhlgerecht
befestigt und ist tagsüber frei zugänglich. Nachts wird der Zugang (bestehender Zaun) verschlossen.
In der Böschung zu den Gleisen der U-Bahn sind zwei Stufen eingebracht als Sitzgelegenheit für
Gruppen mit Blick zur Teilfassade. Der Innenbereich hinter der Fassade bleibt verschlossen und wird,
als historisch wenig bedeutsam, nicht bespielt.
Teilfassade als „Wand der Nationen“
Zehntausende Menschen unterschiedlichster Nationen kamen während des Zweiten Weltkriegs unfreiwillig nach Nürnberg, wurden aus ihren Heimatländern zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt und über den Bahnhof Märzfeld ins Lagerareal Langwasser oder zu ihren Arbeitsorten in der Region verbracht. Etwa 5000 Menschen sind im Kontext des Lagerareals Langwasser gestorben. Über 2000 jüdische Deutsche aus Franken gingen von hier aus in Ghettos und Vernichtungslager. Nur wenige von ihnen überlebten. Die Namen aller dieser Menschen zu rekonstruieren ist nicht möglich. Jedoch kann durch die Nationenvielfalt die Dimension dieser Kriegsverbrechen sichtbar gemacht werden. Um die monumental angelegte Schaufassade des Bahnhofs zu konterkarieren, sollte sie deutlich sichtbar für die Erinnerung an die Opfer umgewidmet werden, wodurch die für die Reichsparteitage angelegte Architektur einen gegenwärtigen Nutzen und Bezug erhält. Die Namen der Nationen, aus denen die Kriegsgefangenen sowie die Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen kamen, sollen als Schrift in ihrer Landessprache an der Fassade erscheinen. Hinzu kommt ein Erinnerungszeichen für die jüdischen Deutschen, die von hier aus deportiert wurden.
Informationsnischen
Mit Blechtafeln verschlossene Zugänge in der Teilfassade des Bahnhof Märzfeld mit Blick, 2022 (Foto: Alexander Schmidt)
Die von Blechtafeln befreiten und mit Mauerwerk verschlossenen Zugänge in der Teilfassade dienen der vertieften Darstellung der historischen Themen des Ortes, sind dem Erinnern gewidmet und werfen Schlaglichter auf die Gewaltgeschichte des südlichen Areals des Reichsparteitagsgeländes.
Die historischen Informationen sind knapp gehalten und werden durch Bilder und Texte vermittelt. Die Arbeit mit Zitaten und Aussagen von Opfern ermöglicht einen personalisierten Zugang zur Geschichte. Die sprachliche Vielfalt wird auf den Informationsträgern bereits aufgegriffen und durch beispielsweise QR-Codes weiter ausdifferenziert.
Die Themen könnten wie folgt von rechts vorne nach links hinten auf die Nischen aufgeteilt werden:
Nische 1: Bahnhof Märzfeld für die Reichsparteitage Nische 2-3: Kriegsgefangenschaft (Schwerpunkt sowjetische Kriegsgefangene, Tod und Aussonderungen) Nischen 4-5: Zwangsarbeit (vor allem Bedeutung 1941/42 als zentrale Ankunftsort von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen für den ganzen nordbayerischen Raum) Nischen 6-9: Deportationen (erste und zweite Deportation mir Darstellung der Gewalt an den Zielorten, Zitate von Deportierten) Nischen 10-11: Die Rolle der Reichsbahn (hier könnte sich das DB-Museum einbringen)
Treppe und Aussichtsplattform Gleis
Blick von oben auf den historischen Mauerrest mit den Nischen und Blick auf die Gleisanlage (Fotos: DB Museum/Oliver Götze)
Am Ende der Fassade soll eine Treppe mit Aussichtsplattform den abgeschlossenen Bereich neu erschließen und den Blick auf die Gleisanlage und die Bahnsteige mit den dort noch erhaltenen Bauten freigeben. Die überraschend großräumige Gleisanlage mit acht parallelen Gleisen samt Bahnsteigen mach die Dimensionen deutlich, mit denen hier Menschen hin- und hertransportiert wurden.
Eine Informationstafel verortet die Zugänge welche damals die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen nahmen, verortet den Zugang über die Böschung zu den Gleisen, welchen die Juden und Jüdinnen bei den Deportationen nehmen mussten.
Zudem sollte hier das Thema des Umgangs mit dem Bahnhof nach 1945 beleuchtet werden.