Sachverhaltsdarstellung
Antrag der Stadtratsfraktion der SPD vom 02.02.2022 zu den Auswirkungen der Corona-
Pandemie auf den Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen: Ernährung und
Übergewicht
- Die Verwaltung berichtet über mögliche Erkenntnisse und Zahlen hinsichtlich der Adipositasprävalenz bei Kindern und Jugendlichen in Nürnberg.
Eine der wichtigsten Datenquellen in Deutschland zur Erhebung soziodemographischer und medizinischer Parameter von Kindern im Vorschulalter stellt die Schuleingangsuntersuchung (SEU) dar, da sie die einzige regelmäßige Vollerhebung der Daten eines gesamten Jahrganges ist. Das Verfahren zur Schuleingangsuntersuchung und die Teilnahme daran sind gesetzlich geregelt (Art. 80 BayEUG, Art. 12 GDG, SchulgespflV). Eigentliche Hauptaufgaben der SEU sind die Beurteilung der Schulfähigkeit der Kinder, die Erkennung von gesundheitlichen Beeinträchtigungen, Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen, die Feststellung eines etwaigen vorliegenden Förderbedarfes und der Kinderschutz.
Aufgrund der personellen Auswirkungen der SARS-CoV-2-Pandemie auf das Nürnberger Gesundheitsamt (Gh) wurde die letzte vollständige –und damit vollständig auswertbare - SEU im Schuljahr 2018/2019 (SEU 2019) durchgeführt. Seit diesem Zeitpunkt konnte die SEU größtenteils nur in der vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege vorgesehenen, reduzierten Form durchgeführt werden. Hierbei wurden nur das Kinder- Untersuchungsheft des jeweiligen Kindes und der Impfausweis gesichtet. Eine Untersuchung der Kinder durch Gh und damit eine Ermittlung von aktuellem Gewicht und aktueller Größe, bzw. dem BMI, wurde überwiegend nur bei Kindern ohne vorliegende U9 durchgeführt. Entsprechende Auswertungen wären deshalb nicht repräsentativ.
In früheren Jahren erfolgte durch die Abteilung für Gesundheitsberichterstattung des Gesundheitsamtes regelmäßig alle 5 Jahre eine Auswertung der SEU auch hinsichtlich des Vorliegens von Übergewicht und Adipositas – auch stadtteil- bzw. schulsprengelbezogen. Die letzte Auswertung umfasste den Zeitraum bis einschl. 2015/2016. Aufgrund der personellen Auswirkungen der SARS-CoV-2-Pandemie konnte seitdem keine Auswertung durchgeführt werden. Zudem ist die Stelle der Gesundheitsberichterstattung derzeit nicht besetzt.
Die letzten vorliegenden Daten zur Adipositasprävalenz in Nürnberg stellen somit den Stand 2015/2016 dar. Diese Zahlen wurden bereits 2018 vom damaligen Leiter des Gesundheitsamtes, Herrn Dr. Beier, im Ausschuss vorgestellt. Deshalb an dieser Stelle nur eine kurz gefasste Übersicht in Tabelle 1.
Tab. 1: Die „Gewichtssituation“ SEU 2004/05 bis SEU 2010/11 und SEU 2011/12 bis SEU 2015/16 (gültige %)
| Jungen | Mädchen | ||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| SEU 2004/05 bis | SEU 2011/12 bis | SEU 2004/05 bis | SEU 2011/12 bis | ||||||
| SEU 2010/11 | SEU 2015/16 | SEU 2010/11 | SEU 2015/16 | ||||||
| Normalgewicht | 82,2 | 80,2 | 80,3 | 80,9 | |||||
| Moderates | 5,7 | 6,2 | 5,8 | 6,1 | |||||
| Übergewicht | |||||||||
| Starkes Übergewicht | 4,8 | 4,9 | 4,4 | 4,2 |
Die Arbeitsgemeinschaft für Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) teilt z.B. 3-7-jährige
Jungen ab einem BMI von etwa 18 als (moderat) übergewichtig ein, ab einem BMI von etwa 19-20
gelten sie als adipös/stark übergewichtig - hier empfiehlt sich spätestens ein Einschreiten. Für
Mädchen dieses Alters gelten die gleichen Werte
In der Einzelauswertung der Daten der SEU 2015/16 zeigte sich, dass in Nürnberg 11,5% der Jungen und 10,1% der Mädchen zum Zeitpunkt der SEU übergewichtig oder adipös waren, bayernweit waren in diesem Zeitraum nur 8% der Einschulkinder übergewichtig oder adipös.
Laut der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) Welle 2 (2014 –2017) des Robert Koch-Instituts sind in Deutschland 1,0% der Jungen und 3,2% der Mädchen im Alter zwischen 3 und 6 Jahren adipös. Im Schulalter steigen die Adipositasprävalenzen bei Jungen und Mädchen. Im Alter von 11 bis 17 Jahren sind 8,7% der Jungen und 7,2% der Mädchen adipös. Lt. KIGGS-Studie zeigen die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen, nach einer Abfrage im Jahr 2017, dass sich die Adipositasprävalenzen von Kindern im Einschulungsalter regional unterscheiden. Für Bayern insgesamt lag sie zu diesem Zeitpunkt zwischen 3 und 4 %.
Über die Auswirkungen der SARS-CoV-2-Pandemie auf die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter gibt es derzeit deutschlandweit noch keine belastbaren Daten und Auswertungen, sondern nur einzelne Hinweise aus unterschiedlichen Quellen.
Der DAK Kinder- und Jugendreport 2021 beleuchtet die Entwicklung von Adipositas nach Bundesländern. Dort heißt es für die Auswertung für Bayern: Mehr Grundschulkinder sind neu an Adipositas erkrankt und in ärztlicher Behandlung als im Vorjahr. Mit einer Zunahme von 14% neu als adipös diagnostizierten Kindern im Alter von fünf bis neun Jahren liegt die Entwicklung in Bayern jedoch geringfügig unterhalb des Bundesdurchschnittes (+16%). Die Aussage beruht auf der Analyse aller Abrechnungsdaten DAK-versicherter Kinder und Jugendlicher zwischen 0 bis 17 Jahren aus den Jahren 2019 bis 2020.
Im Kinder- und Jugendreport der DAK 2022 wird im Vergleich der Jahre 2019 und 2021 von einem Anstieg der neu diagnostizierten Adipositaserkrankungen bei Jungen im Alter von 5 bis 9 Jahren um 15% in Deutschland berichtet. Es wird dort jedoch nicht nach einzelnen Regionen differenziert. Insgesamt stellt der Bericht fest, dass in diesem Zeitraum die Adipositasprävalenz durch vermehrte Kalorienzufuhr insbesondere bei Jungen ansteigt, während Mädchen häufiger Essstörungen zeigen.
Da, zumindest im Vergleich zu Gesamtbayern, die Nürnberger Kinder in den vergangenen Jahren häufiger übergewichtig u. adipös waren, ist leider davon auszugehen, dass sich für Nürnberg ähnliche Ergebnisse ergeben würden. Wichtig wäre somit eine regelrechte Durchführung der SEU ab November 2022 in Nürnberg, um exakte Daten für die Nürnberger Kinder im Vorschulalter zu erhalten.
2. Die Verwaltung berichtet über den möglichen Stellenwert der
Schuleingangsuntersuchungen zur Früherkennung von Ernährungsproblemen und
der Möglichkeit, über diesen Weg Daten zu erheben.
Bei regelhafter Durchführung der SEU ist eine Datenerhebung zu bestehendem Übergewicht bzw. Adipositas bei den Nürnberger Kindern als Hinweis auf bestehende Ernährungsprobleme sehr gut möglich. Durch die gleichzeitig durchgeführte gezielte Testung der Motorik ergeben sich auch Hinweise, ob auch z.B. Bewegungsmangel zusätzlich zur Entstehung des Übergewichtes beiträgt. Ein gezieltes Abfragen von Ernährungsweisen erfolgt im Rahmen der SEU zwar im Regelfall nicht, wird jedoch bei bestehenden Gewichtsauffälligkeiten zusätzlich zum normalen schulärztlichen Untersuchungsprogramm durchgeführt. Bei der daraus folgenden schulärztlichen Beratung werden auch etwaige anamnestisch bestehende Erkrankungen und Auffälligkeiten bei der körperlichen Untersuchung zusätzlich noch mit einbezogen. So können schon frühzeitig, bei noch moderatem Übergewicht, Maßnahmen durch die Eltern ergriffen werden, noch bevor eine Adipositas entsteht. Es werden Empfehlungen zur Ernährung und zu Förder- und niedrigschwelligen, stadtteilbezogenen Sport- und Bewegungsmöglichkeiten gegeben (z.B. Flyer zum RüBe-Turnen, Kids aktiv-Bewegungsbroschüre) und bei ausgeprägten Befunden eine schriftliche Empfehlung zur Vorstellung beim Kinderarzt/bei der Kinderärztin ausgestellt.
Durch die geplante Vorverlegung des Untersuchungszeitpunktes der Schuleingangsuntersuchung im Rahmen der Einführung der reformierten SEU (rSEU) um ein Jahr können bestehende Probleme noch früher erkannt und Gegenmaßnahmen früher eingeleitet werden. Dies ist von besonderer Bedeutung, da sich im Kindergartenalter erlernte Ernährungs- und Verhaltensweisen später verfestigen und so ein Gegensteuern mit steigendem Lebensalter der Kinder immer schwieriger wird.
- Die Verwaltung berichtet über Strukturen der Beratung von betroffenen Kindern und Jugendlichen sowie ihrer Familien und legt dar, falls diese nicht ausreichend vorhanden
sind, welche Notwendigkeiten seitens der Stadtverwaltung (Referatsübergreifend)
bestehen.
Nach Kenntnis der Verwaltung bestehen in der Region derzeit folgende Beratungsmöglichkeiten bei Adipositas im Kindes- und Jugendalter:
Adipositas-Beratungsstelle in der Kinderklinik des Klinikums Nürnberg Süd
https://www.klinikumnuernberg.de/DE/ueber_uns/Fachabteilungen_KN/kliniken/kinder/sprechstunden/Adi positas-Beratungsstelle.html
https://www.klinikumnuernberg.de/DE/ueber_uns/Fachabteilungen_KN/kliniken/kinder/_Dokumente_Bilder /Flyer_Adipositas_Beratung.pdf
Es besteht eine 3-monatige Wartezeit.
Adipositas-Schulung in der Kinderklinik des Klinikums Fürth (ab 8 Jahren)
Adipositas-Schulungsprojekt „Raupe Nimmerdick“ (klinikum-fuerth.de)
Ernährungsberatung für Kinder in der Kinderklinik des Klinikums Fürth (bei Übergewicht und Adipositas) Ernährungsberatung für Kinder (klinikum-fuerth.de)
über die niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte im Rahmen des PaedNetz Bayern in Zusammenarbeit mit der AOK (ab 8 Jahren, nur für AOK-Versicherte) https://www.paednetz.de/fuer-aok-versicherte/adipositas-programm/
Weitere bisher bestehende Angebote, die noch online zu finden sind, können nach Rücksprache mit den Anbietern (niedergelassene Kinder- und Jugendärzt*innen und ambulante Adipositastrainerin), überwiegend aus personellen Gründen, derzeit oder dauerhaft nicht mehr durchgeführt werden.
Zusätzlich zu den obigen Beratungsstellen bestehen noch niedrigschwellige Angebote mit einem präventiven Ansatz, in welchen ebenfalls eine Ernährungsberatung, bzw. eine Information zu gesunder Ernährung enthalten ist, um der Entstehung von Übergewicht und Adipositas schon vorbeugend zu begegnen:
Informationen zu gesunder Ernährung im Rahmen des Unterrichtes zur Kariesprophylaxe des Zahngesundheitsdienstes des Gesundheitsamtes der Stadt Nürnberg in Kindergärten, Grundschulen und Förderzentren. Dieses Angebot war aus personellen Gründen während der SARS-CoV-2-Pandemie ausgesetzt. Seit September 2022 wird es nun wieder angeboten.
In Kooperation mit Krankenkassen bietet das Gesundheitsamt zwei Projekte für Kindertagesstätten an (Gesundheit in der Kita - Gesundheitsamt Nürnberg (nuernberg.de):
„Gesunde Kita – Jolinchen Kids“: Für Kinder von 0-6 Jahren mit den Schwerpunkten Ernährung, Bewegung, Entspannung, Seelisches Wohlbefinden und Erzieherinnengesundheit.
„Wachsen mit Bewegung - Bewegte Kita“, für Kinder von 0-6 Jahren mit den Schwerpunkten Bewegung und Entspannung.
Ansprechpartner bei Fragen zu Lebensmitteln und Ernährung ist auch die Verbraucherzentrale Bayern. Über das Lebensmittel-Forum der Verbraucherzentrale können kostenlos Fragen zu Lebensmitteln und Ernährung gestellt werden, die zeitnah beantwortet werden.
Große Bedeutung haben natürlich in diesem Zusammenhang auch die nachfolgend aufgeführten, niedrigschwelligen Bewegungsangebote als präventive Maßnahme gegen Adipositas und Übergewicht:
Rücken- und Bewegungsturnen des Gesundheitsamtes (RüBe) (Kinder ab dem Vorschulalter) Rücken- und Bewegungsturnen ("RüBe") - Gesundheitsamt Nürnberg (nuernberg.de)
Sport für Kinder – Kids aktiv Sport für Kinder - Kids aktiv - SportService Nürnberg (nuernberg.de)
Bezüglich der Frage nach Notwendigkeiten seitens der Stadtverwaltung wird auf Punkt 5 verwiesen.
4. Die Verwaltung berichtet, wie eine Vernetzung der bereits vorhandenen Akteure
(städtisch wie auch externe) gesteuert wird/werden könnte.
Eine Vernetzung ist im Rahmen der Projekte „Gesundheitsregionplus“ und „Gesundheit für alle im Stadtteil“ denkbar.
- Die Verwaltung berichtet über erste mögliche Handlungsansätze, um dem Problem zu
begegnen
Erstes Ziel sollte es sein, Bedarf und Angebot transparent gegenüberzustellen. Anhand dieser Gegenüberstellung kann der weitere Handlungsbedarf (z.B. weitere Vernetzung, Notwendigkeit weiterer Angebote im Stadtgebiet) abgeleitet werden.
11.10.2022/Gh