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Stellungnahme Projektbeirat

Anlage · 10.11.2022 · PDF ansehen · Originaldokument im RIS ↗

Stadtentwicklung & Planung Soziales & Gesundheit

Maschinell extrahierter Text. Verbindlich ist das Originaldokument.

„Gesundheitsförderung für Gesundheitliche Chancengleichheit“

Stellungnahme aus dem Beirat des Nürnberger Projekts „Gesundheit für alle im Stadtteil“ 1

Die Notwendigkeit der Förderung gesundheitlicher Chancengleichheit ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer weiter ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Zuletzt hat die Corona-Pandemie deutlich sichtbar gemacht, dass Gesundheitsrisiken ungleich verteilt sind und Menschen aus sozial benachteiligten Milieus diesen stärker ausgesetzt sind. Gerade in Großstädten wie Nürnberg, wo Menschen unterschiedlichster sozialer und kultureller Herkunft zusammenleben, werden die besonderen Herausforderungen deutlich, denen eine Gesundheitsförderung begegnet, die sich die Reduktion gesundheitlicher Ungleichheit und ihrer Folgen zur Aufgabe macht. Vielfältige und heterogene Lebenswelten und Sozialräume erfordern differenzierte Ansätze zur Förderung gleicher gesundheitlicher Lebensbedingungen. Hier sind einerseits verhältnispräventiv strukturelle Rahmenbedingungen, d.h. lokale gesundheitliche und soziokulturelle Versorgungsstrukturen sowie Wohn(umfeld)- und Umweltbedingungen, zu entwickeln. Andererseits sind verhaltenspräventiv niedrigschwellige Angebotsstrukturen zu schaffen, die individuelles Gesundheitswissen und Gesundheitsverhalten verbessern können. Gesundheitsförderung ist als wesentlicher Bestandteil kommunaler Daseinsvorsorge insgesamt zu konzipieren und zu implementieren. „Health in All Policies“ heißt, Gesundheit in allen kommunalen Politikbereichen und Aufgabenfeldern zu berücksichtigen und in strategische Planung und operative Maßnahmenentwicklung und -gestaltung aktiv und wirksam miteinzubeziehen. Dabei ist den Herausforderungen einer zeitgemäßen sowie effektiven und effizienten Gesundheitsförderung nicht mittels zeitlich begrenzter Einzelprojekte zu begegnen. Es bedarf stattdessen des Aufbaus von Strukturen, die bestehende und neu zu schaffende Ressourcen nachhaltig integrieren. In Nürnberg wurden seitens des Gesundheitsamtes mit dem durch das Präventionsgesetz geförderten Projekt „Gesundheit für alle im Stadtteil“ erste wichtige Weichenstellungen für eine dezentrale stadtteilbezogene Gesundheitsförderung vorgenommen. Darüber hinaus werden im Rahmen des ÖGD-Paktes zur Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes neue Stellen, unter anderem zur Gesundheitsförderung und Prävention, geschaffen.

Wir plädieren als Beiräte des Projekts „Gesundheit für alle im Stadtteil“ dringend dafür, diesen Schwung für weitere Anstrengungen eines nachhaltigen Strukturaufbaus zur Etablierung von Gesundheitsförderung als stadtweites Querschnittsthema zu nutzen, und möchten im Folgenden dieses Plädoyer in drei Empfehlungen präzisieren.

1. Stadteilbezogene Gesundheitsförderung

Erfolgsversprechende Gesundheitsförderung ist darauf angewiesen, lokale Lebenswelten, Sozialräume und Besonderheiten zu berücksichtigen und städtische wie zivilgesellschaftliche Akteur*innen in den Stadtteilen in die Gestaltung gesundheitsförderlicher Lebensbedingungen einzubinden. In dem Projekt „Gesundheit für alle im Stadtteil“ sind erfolgversprechende erste Schritte zur Etablierung der Perspektive der Gesundheitsförderung in lokale Strukturen gemacht worden. In enger Kooperation mit dem Quartiersmanagement des Stadtplanungsamts, der Stadtteilkoordination des Sozialreferats und der Netzwerkkoordination des Seniorenamtes konnte in zahlreichen stadtteilbezogenen Arbeitskreisen und Netzwerken die Sensibilität für gesundheitliche Frage- und Problemstellungen

1 Der Projektbeirat setzt sich zusammen aus städtischen und externen Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis. Diese Stellungnahme stammt von den externen Beiräten: Ullrich Böttinger (Amtsleitung Soziale und Psychologische Dienste, Leiter Frühe Hilfen und Präventionsnetzwerk Ortenaukreis (PNO)); Prof. Heike Köckler (HS Gesundheit Bochum); Prof. Ruth Limmer (TH Nürnberg).

erhöht werden. Zudem konnte in gemeinsamen Veranstaltungen und Maßnahmen mit unterschiedlichsten Akteur*innen Gesundheitsförderung als wichtiger Baustein sowohl der Stadtteilund Netzwerkarbeit als auch der verwaltungsinternen Abstimmung und Zusammenarbeit etabliert werden.

Um das Ziel der gesundheitlichen Chancengleichheit in Nürnberg zu erreichen, empfehlen wir, die anspruchsvollen und intensiven Kooperationen und Beteiligungen an lokalen Netzwerken und Arbeitskreisen seitens der Gesundheitskoordinator*innen zu verstetigen und auszubauen. Ebenso übernahm die Gesundheitskoordination neben der Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Gesundheit Konzeptionsarbeit zur Umsetzung von niedrigschwelligen gesundheitsförderlichen Maßnahmen in der Lebenswelt, die in hohem Maße genutzt wurden. Nachhaltige lokale und niedrigschwellige Gesundheitsförderung ist nur durch (mit)gestaltende Präsenz vor Ort, in den Stadtteilen, zu gewährleisten. So können Synergien bestmöglich erschlossen und in einem Gesamtkonzept verfolgt und auch besonders belastete Zielgruppen erreicht werden.

2. Sektorenübergreifende Gesundheitsförderung

Gesundheitsförderung ist nicht nur auf der operativen Ebene vor Ort, in den Stadtteilen, auf vielfältige Kooperation mit städtischen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen angewiesen. Die nachhaltige Etablierung von Gesundheit als Querschnittsthema ist auf der Ebene strategischer Planung, der Konzept- und Maßnahmen- wie Projektentwicklung genauso auf sektorenübergreifende Kooperation in dauerhaften Strukturen angewiesen. Bei der (Weiter-)Entwicklung der Kommune Nürnberg als gesunde Stadt ist die Administration – wie bei nahezu allen drängenden Herausforderungen – noch mehr als in der Vergangenheit aufgefordert, gute Strukturen der Zusammenarbeit zwischen Abteilungen, Ämtern und Referaten zu entwickeln und zu fördern. Andernfalls bleiben gelingende Kooperationen zufällig und das Wissen der Beteiligten um die Erfolgsfaktoren geht nach jedem einzelnen Projekt oder Personalwechsel verloren.

Um das Ziel gesundheitlicher Chancengleichheit in der Stadt Nürnberg zu erreichen, empfehlen wir, in Kooperation mit den Leitungsebenen der relevanten Ämter und Referate entsprechende Informations- und Entscheidungsstrukturen aufzubauen, um dem Auftrag des „Health in All Policies“ nachhaltig gerecht zu werden. Wir empfehlen Gesundheit auch in übergreifende Stadtentwicklungsprogramme sowie die raumbezogenen Fachplanungsprozesse (z.B. Lärmaktionsplanung, Grün- und Freiraumplanung) fundiert zu integrieren und sektorübergreifende Zusammenarbeit zu fördern2. Die Förderung gesundheitlicher Chancengleichheit ist eine Daueraufgabe, die in der Verwaltung nicht nur personell verankert sein muss, sondern auch mittels systematischer referatsübergreifender Konzeptualisierung. Hierzu ist unseres Erachtens auch eine wissenschaftliche Prozessbegleitung und Unterstützung in Erwägung zu ziehen, wie sie zum Beispiel in Leipzig, Bochum oder im Ortenaukreis beim Aufbau entsprechender Strukturen sehr hilfreich war.3

2 Eine Fachpublikation mit Handlungsempfehlungen zu „Gesundheit in der Planung“ DIFU ist in Bearbeitung, voraussichtl. Erscheinungstermin November 2022 3 Leipzig: Leistner u.a. (2020): Von der Vision zur Wirklichkeit: Etablierung einer Koordinierungsstelle kommunale Gesundheit in Leipzig. In: Böhm u.a. (Hrsg.): Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Bochum: Köckler u.a. (2022): Bochum-Wattenscheid Mitte: Integrierte gesundheitsfördernde Stadtteilentwicklung. In: Department of Community Health (Hrsg.): Community Health. Ortenaukreis: Böttinger (2020): Das Präventionsnetzwerk Ortenaukreis (PNO): Eine kommunal verankerte Strategie der Gesundheitsförderung in Kindertageseinrichtungen und Schulen. In: Böhm u.a. (Hrsg.): Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

3. Nachhaltige Gesundheitsförderung

Die Stadt Nürnberg und ihr Gesundheitsamt machen sich durch Folgeanträge im Rahmen des Förderprogramms „Gesunde Kommune“ mit der AOK Bayern weiterhin auf den Weg, Ansätze dezentraler Gesundheitsförderung in benachteiligten Stadtteilen voranzutreiben und nachhaltig zu verankern. Gleichwohl sollte auch die Kommune zum jetzigen Zeitpunkt ihren Beitrag leisten und erfolgreiche Elemente solcher nur für einen bestimmten Zeitraum geförderten Projekte zu verstetigen. Aufwändig entwickelte und erfolgreich umgesetzte Angebotskonzepte müssen nachhaltig finanziert werden; sind Menschen erstmal motiviert, ist es wichtig diese auch mit regelmäßigen Angeboten „bei der Stange“ zu halten. Zudem ist es nach außen wenig verständlich, wieso erfolgreich laufende Projekte nach einer gewissen Phase nicht weiterfinanziert werden und teilweise abrupt enden müssen. Die Erfahrung in den Stadtteilen zeigt, dass die Einstellung von Angeboten, die gut und erfolgreich liefen und auf Bedarf im Stadtteil gestoßen sind, bei den Teilnehmenden zu Unverständnis und Enttäuschung führen. Zudem können über solche erfolgreichen Angebote positive Effekte erzielt werden, die dem Ziel der Daseinsvorsorge nachkommen und an anderer Stelle bei der gesundheitlichen Versorgung Kosten einsparen. Neben der Finanzierung von Angeboten ist auch deren Planung, Organisation und Koordination auf lokaler wie übergeordnet strategischer Ebene von entscheidender Bedeutung.

Um das Ziel gesundheitlicher Chancengleichheit in der Stadt Nürnberg zu erreichen, empfehlen wir, weiterhin alle Anstrengungen zu unternehmen, hier langfristige Strukturen zu entwickeln, um mit dauerhafter und verlässlicher Personal- und Finanzausstattung Gesundheitsförderung als Querschnitts- und Daueraufgabe auf der lokalen und operativen Ebene wie der übergeordneten strategischen Ebene zu etablieren. Hier gibt es unterschiedlichste Finanzierungsmöglichkeiten, die in Kooperation mit einzelnen oder mehreren Krankenkassen und Sozialversicherungsträgern im Rahmen des Präventionsgesetzes realisierbar sind. Aber immer wird es nötig sein, dass die Kommune relevante eigene Mittel einbringt; nicht nur zur Ausschöpfung, sondern auch zur Eruierung möglicher weiterer Finanzierungsmöglichkeiten.

Die Stadt Nürnberg blickt auf eine lange Geschichte ambitionierter kommunaler Daseinsvorsorge zurück. Genannt seien hier nur beispielsweise die frühe Öffnung der städtischen Kulturpolitik hin zu einer alltagsnahen soziokulturellen und demokratiefördernden Bildungsarbeit, die etablierte und in regelmäßigen Abständen seit 2007 vom Sozialamt organisierte Armutskonferenz oder die Stadtentwicklung im Rahmen der Förderprogramme „Soziale Stadt“ und „Sozialer Zusammenhalt“. Nürnberg kann auch in der Etablierung kommunaler Gesundheitsförderung als einem zentralen und wesentlichen Bestandteil kommunaler Daseinsvorsorge mit gutem Beispiel vorangehen, wenn es gelingt, hier die entsprechenden Voraussetzungen und Strukturen zu schaffen. Mit unseren Empfehlungen möchten wir hierzu beitragen.

Unterzeichner

Ullrich Böttinger Amtsleitung Soziale und Psychologische Dienste, Leiter Frühe Hilfen und Präventionsnetzwerk Ortenaukreis – PNO Landratsamt Ortenaukreis

Prof. Heike Köckler HS Gesundheit Bochum

Prof. Ruth Limmer TH Nürnberg

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