Sachverhaltsdarstellung: Verfügungsfonds der Techniker Krankenkasse (TK) zur
Umsetzung von Angeboten und Maßnahmen der geschlechtersensiblen Prävention, insb. der Jungen- und Männergesundheit in Nürnberg / Zwischenbericht zur Bestands-
und Bedarfserhebung
1. Hintergrund
Das drittmittelgeförderte Projekt „Kommunale Koordinierung Jungen- und Männergesundheit in Nürnberg“ startete ursprünglich 2018 als Kooperation des Gesundheitsamtes sowie der Gleichstellungsstelle der Stadt Nürnberg mit der Techniker Krankenkasse (TK). Grundlage für eine Projektförderung stellt das Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention (PrävG / SGB V §20a) dar, mit dem Ziel, Lebensbedingungen zu gestalten und einen gesundheitsförderlichen Lebensstil zu unterstützen. Das Präventionsgesetz sieht vor, Angebote der Verhaltens- und Verhältnisprävention in der Lebenswelt der Menschen, d.h. dort wo sie wohnen, spielen, lernen und arbeiten, zu implementieren sowie die Zusammenarbeit der Einrichtungen, Akteurinnen und Akteure1 in der Prävention und Gesundheitsförderung zu stärken. „Kommunen stehen hierbei im Fokus, weil sie einerseits als Akteure von Public Health betrachtet werden können und andererseits zentrale Orte der Umsetzung von Public-Health- Maßnahmen sind (…). In einem System der Prävention und Gesundheitsförderung ist es notwendig, die Zielgruppen oder –regionen mit den höchsten Bedarfen bzw. Risiken zu identifizieren und so die vorhandenen begrenzten Ressourcen, die für Maßnahmen zur Verfügung stehen, effizient einzusetzen“2.
Ziel des Projekts ist es unter anderem, die gesundheitliche Lebensqualität von Jungen und Männern nachhaltig zu verbessern, die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern zu erhöhen sowie die Inanspruchnahme von Vorsorge- bzw. Früherkennungsuntersuchungen durch Männer zu steigern, denn diese werden von anspruchsberechtigten Männern bisher kaum genutzt3. Die Notwendigkeit einer geschlechtsbezogenen Gesundheitsförderung ergibt sich aus den Tatsachen, dass Männer im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen sterben, bei vielen Erkrankungen Männer benachteiligt sind und ein risikobehaftetes Verhalten zeigen, dass die Gesundheit beeinträchtigt4. Gleichwohl werden Männer bisweilen mit Angeboten der Prävention und Gesundheitsförderung kaum erreicht5. Bisher gibt es in Nürnberg nur vereinzelt spezifische Maßnahmen zur Primärprävention und Gesundheitsförderung für Jungen und Männer, die zudem nicht miteinander abgestimmt, wenig vernetzt und koordiniert sind6.
1 Als Akteur*innen werden z.B. handelnde Personen in Stadtteilen, Netzwerke oder gemeinnützige Organisationen bzw. freie Träger, Beschäftigte aus Einrichtungen oder Institutionen betrachtet 2 De Bock, F. (2021): Evidenzbasierung: Theoriebildung und praktische Umsetzung in Prävention und Gesundheitsförderung in Bundesgesundheitsblatt, S. 512 3 Bay.StM f. Umwelt u. Gesundheit (2012): Gesundheit, Männer! Bayerische Initiative zur Männergesundheit 4 Faltermaier, T. in Altgeld, Th. (2004): Männergesundheit, S.13ff und Stiftung Männergesundheit 5 Neubauer, G. et al. (2019): Helpmen. Gesundheit als Thema der Grundbildung für Männer in Europa weiterentwickeln, S.30 6 Infos auch unter: Jungen- und Männergesundheit - Gesundheitsamt Nürnberg (nuernberg.de)
Aus diesem Grund wurde der Aufbau einer Koordination Jungen- und Männergesundheit im Gesundheitsamt in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsstelle in der Stadt Nürnberg durch den Stadtrat im Gesundheits- und Sozialausschuss am 21.06.2018 beschlossen. Die Gleichstellungsstelle ist mit acht Wochenarbeitsstunden zur Mitarbeit und im Sinne der Vernetzung an der Koordination Jungen- und Männergesundheit beteiligt.
Im bisherigen Förderzeitraum sollen schwerpunktmäßig eine Bestands- und Bedarfserhebung durchgeführt und Kooperationen aufgebaut werden.
Das bisherige Finanzvolumen für das Projekt beläuft sich auf eine Gesamtsumme von 405.644 Euro, davon wurden 294.734 Euro durch die TK gefördert.
Der Projektzeitraum betrug ursprünglich 36 Monate. Aufgrund von Verzögerungen in der Stellenbesetzung mangels Fachkräfte, der Aufgaben in der Pandemiebewältigung seit 2020, bei der das Projektteam von März 2020 bis einschließlich Juni 2021 in der Bearbeitung der Sars-CoV2-Pandemie eingesetzt war, und dem Entgegenkommen der Techniker Krankenkasse (TK) wird das Projekt derzeit bis zum 31.12.2023 verlängert.
Für die zielgerichtete Umsetzung und Koordination von Angeboten und Maßnahmen soll ein Folgeantrag ab 01.01.2024 bei der TK für weitere vier Jahre in 2023 gestellt werden.
Aufgrund der engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen dem Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg und der TK in den vergangenen Jahren unterbreitete diese den Vorschlag, zusätzlich zu der bisherigen Förderung sowie einem Folgeantrag einen Verfügungsfonds bereitzustellen.
2. Verfügungsfonds der TK für Nürnberg
Seitens der TK wird im Rahmen des § 20 SGB V ein Verfügungsfonds für das Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg ab 2023 in Aussicht gestellt, um kurzfristig und bedarfsgerecht Angebote und Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen. Freie Träger, Vereine, Verbände und auch die Stadtverwaltung selbst haben so die Möglichkeit, geschlechtersensible Projekte in Nürnberg zu realisieren, die zu 90% von der TK über diesen Verfügungsfonds finanziert werden. 10% sind von dem jeweiligen Antragsteller bzw. der Antragstellerin zu tragen. Der Verfügungsfonds wird jährlich bei der TK beantragt. Projekte können stets im jeweiligen Haushaltsjahr realisiert werden. Koordiniert wird dies durch die kommunale Koordinierung Jungen- und Männergesundheit im Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg, die voraussichtlich via Folgeantrag an die TK i.R.d. PrävG verlängert wird, sowie dem Sachgebiet Kommunale Präventionsstrategie des Bereichs Gesundheitsförderung und –planung des Gesundheitsamts.
Der Verfügungsfonds versteht sich als ein flexibles und wirkungsvolles Instrument der Engagement- und Gesundheitsförderung. Akteurinnen und Akteure vor Ort, wie bspw. freie Träger, Verbände und Vereine, können sich hier um eine Förderung bewerben. Es handelt sich dabei eher um kleinere Maßnahmen, die schnell und unbürokratisch realisiert werden sollen, wie bspw. ein Projekt zur Förderung der psych. Gesundheit für eine Gruppe von 10 Jungen. Es dient u.a. der Anschubfinanzierung gesundheitsförderlicher (Mikro-)Projekte. Die hochschwellige Antragstellung für Projekte i.R.d. PrävG würden hierdurch entfallen.
Für 2023 stellt die Techniker Krankenkasse voraussichtlich erstmals 30.000 Euro für (Mikro-) Projekte der geschlechtersensiblen Prävention, insbes. der Jungen- und Männergesundheit in Nürnberg zur Verfügung.
Antragsformulare und fachliche Beratung für den Verfügungsfonds gibt es folglich bei der Koordinierungsstelle Jungen- und Männergesundheit bzw. des Sachgebiets Kommunale Präventionsstrategie des Gesundheitsamts der Stadt Nürnberg. Die Anträge werden mit der Techniker Krankenkasse stets abgestimmt.
Um einen Verfügungsfonds einzurichten und dieses Verfahren zu nutzen, bedarf es des Beschlusses seitens Stadtrat. Dieser wird hiermit beantragt. Kosten für die Kommune fallen nicht an, soweit diese nicht selbst (Mikro-)Projekte umsetzt.
3. Zwischenbericht zur Koordination Jungen- und Männergesundheit
3.1 Grundlagen einer Jungen- und Männergesundheit
„Männergesundheit umfasst diejenigen Dimensionen von Gesundheit und Krankheit, die insbesondere für Männer und Jungen relevant sind. Gesundheit ist physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden, das aus einer Balance von Risiko- und Schutzfaktoren entsteht, die sowohl in individueller, partnerschaftlicher, als auch kollektiver Verantwortung liegen (…). Die gesundheitlichen Probleme der Männer bedürfen im gesamten Lebenslauf besonderer Präventions- und Versorgungsangebote, die größtenteils noch zu entwickeln sind7.“
Jungen- und Männergesundheit definiert sich vornehmlich über die physiologischen, psychologischen, sexuellen und sozialen Besonderheiten des Geschlechts8 und somit: über die spezifischen Geschlechtsorgane (z.B. Hoden, Prostata) über die spezifische (Sexual-) Erziehung und Sozialisation über die Identität als Mann („Jungesein“, „Mannsein“) über die typischen bzw. tradierten Rollenbilder von Männlichkeit und Weiblichkeit und dies über die Abgrenzung zum weiblichen Geschlecht und in der Varianz zur Vielfalt der Geschlechter und Identitäten
Das Thema Männergesundheit spielte bis vor ein paar Jahren in Medizin, Medien oder Politik kaum eine Rolle9. Es war ein vernachlässigtes Forschungs- und Handlungsfeld in Deutschland10. Die Datenlage zur geschlechtsspezifischen gesundheitlichen Situation von Jungen gilt ebenso als sehr lückenhaft11. Jungengesundheit wird als ein „blinder Fleck“ in der Public-Health-Forschung und für den Öffentlichen Gesundheitsdienst beschrieben“12. Daher ist es kaum verwunderlich, dass die Genderperspektive nun zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die ersten Lehrstühle wurden in den vergangenen Jahren eingerichtet.
7 Definition der Stiftung Männergesundheit, 2013 8 Männergesundheitsfenster lt. Helpmen 2019, S.46f 9 Stiehler, M. in Hornberg, C. et al. (2016): Medizin - Gesundheit - Geschlecht. Eine gesundheitswissenschaftliche Perspektive, S.56 10 Hornberg, C. et al. (2016): Medizin - Gesundheit - Geschlecht. Eine gesundheitswissenschaftliche Perspektive, S.4 11 Schroll, E. in Stier, B./Winter, R. (2013): Jungen und Gesundheit. Ein interdisziplinäres Handbuch für Medizin, Psychologie und Pädagogik, S.21 12 Altgeld, Th. in Stier, B./Winter, R. (2013): Jungen und Gesundheit. Ein interdisziplinäres Handbuch für Medizin, Psychologie und Pädagogik, S.169
In der Praxis ist jedoch wenig von geschlechtersensibler Prävention und Gesundheitsförderung angekommen. Dabei besteht ein hoher Bedarf, geschlechterorientierte Maßnahmen zu entwickeln13. Maßnahmen der Gesundheitsförderung, Prävention und Versorgung sind bei Personen unterschiedlichen Geschlechts nicht immer gleich wirksam14 und werden weitestgehend „geschlechtsneutral“ angeboten. "Bei der Inanspruchnahme primärpräventiver Programme zeigen sich allerdings drastische Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Diese Programme werden von Männern deutlich seltener angenommen, was zu der Forderung führte, dass diese oder ähnliche Angebot dringend geschlechtssensibel gestaltet werden müssen, um eine Chancengleichheit der Geschlechter zu erzielen."15 Ebenso fehlt es noch an der nötigen Sensibilisierung der Zielgruppe der Männer für gesundheitliche Themen. Während sich die Frauengesundheit aus der Frauenbewegung heraus über Jahrzehnte entwickelt hat, ist die Thematik beim Mann eher ein Top-Down- Prozess.
3.2 Vorgehensweise und erste Erkenntnisse der Erhebungsphase
Bislang gibt es keine Erhebung der Bedarfe von Jungen und Männern hinsichtlich deren Gesundheit oder systematische Bestandserhebung in Deutschland16. Dies soll anhand des Projektes verändert werden. Zunächst wurden Konzepte zur Bedarfs- und Bestandserhebung sowie zum Aufbau von Kooperationen erarbeitet, die als Basis des weiteren Projektverlaufs dienen.
Als Grundlage des gesamten Vorgehens dient ebenso der gesundheitspolitische Aktionszyklus bzw. der „Public Health Action Cycle“.
Gesundheitspolitischer Aktionszyklus (Rosenbrock 1995)
13 Stier, B. (2013): Jungen und Gesundheit. Ein interdisziplinäres Handbuch für Medizin, Psychologie und Pädagogik, S. 164 14 BZgA 2019 15 Kupfer, J. in Harth, W. et al. (2012): Praxishandbuch Männergesundheit, S.27 16 Ergebnis einer Internetrecherche und Abfrage bei Institutionen, die sich mit Männergesundheit befassen (z.B. Stiftung Männergesundheit)
Dieser umschreibt „ein idealtypisches Vier-Phasen-Modell, das zur theoretischen Analyse sowie zur Planung, Umsetzung und Bewertung von Gesundheitsinterventionen auf allen gesellschaftlichen Ebenen einsetzbar ist – von der Intervention mit Projektcharakter bis zur politischen Gesamtstrategie.“17
Zunächst wird zwischen der Bestands- und der Bedarfserhebung unterschieden. Die Bestandserhebung erfolgt durch eine Datensichtung und –analyse sowie der Recherche von wissenschaftlichen Beiträgen, Studien und weiterführender Literatur, die hinsichtlich der Männergesundheit und insbesondere der Jungengesundheit besonders schmal ist18. Siebzehn Fachliteraturquellen wurden systematisch und Weitere punktuell ausgewertet und bspw. nach benannten Bedarfen der Zielgruppe oder männerspezifische Angebote gefiltert. Der Bedarf an geschlechtersensiblen Maßnahmen wird als wichtig erachtet, allerdings gibt es kaum derartige Angebote in Deutschland. "Offen bleibt bislang auch weitgehend, welche Zugänge, Themen, Methoden und Praxisformate sich als besonders geeignet für Männer erwiesen haben. Eine Suche in den bekannten Praxisdatenbanken (z.B. auf www.gesundheitlichechancengleichheit.de) führt kaum zu einschlägigen Treffern"19. Die Zitate und in den Fußnoten benannten Quellen entstammen der systematischen Literaturrecherche.
Des Weiteren wurde das Internet nach Keywords im Sinne evidenzbasierter Public Health durchforstet20. Die Analyse wurde mit den gleichen Schlüsselworten und Wortkombinationen, wie z.B. Gesundheit und Männer oder geschlechtsspezifische Prävention, für Deutschland, Bayern und Nürnberg durchgeführt. Unter Verwendung der Onlinesuchmaschinen Google, Bing und Ecosia wurden die Treffer der Keywords in einer Matrix dokumentiert und analysiert. Die häufigsten Treffer der Internetrecherche waren hierbei Onlineapotheken, Verlage oder Amazon und Wikipedia. Darüber hinaus fanden sich auch vereinzelt Arztpraxen, Kliniken, Krankenkassen, freie und kirchliche Träger, sowie staatliche und kommunale Einrichtungen. Das Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg wurde dabei häufig als Treffer angezeigt.
Die Themenschwerpunkte dieser Bestandserhebung liegen mit Fokus auf Jungen vor allem in der Sexualpädagogik, der Chancengleichheit und der Psychischen Gesundheit. Bei Männern sind die Themen Krebsvorsorge, Depression und die sexuelle Gesundheit sehr stark bei den Suchmaschinen repräsentiert. Eine Mehrzahl der Treffer war hingegen den Bereichen Marketing, Produktplatzierungen und kommerziellen Websites zuzuordnen.
17 Rosenbrock, R. (2022): Public Health Action Cycle / Gesundheitspolitischer Aktionszyklus unter bzga.de 18 Neubauer, G. et al. (2019): Helpmen. Gesundheit als Thema der Grundbildung für Männer in Europa weiterentwickeln, S.36 19 Neubauer, G. et al. (2019): Helpmen. Gesundheit als Thema der Grundbildung für Männer in Europa weiterentwickeln, S.33 20 De Bock, F. et al. (2021): Evidenzbasierte Public Health: Perspektiven und spezifische Umsetzungsfaktoren in Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, Ausgabe 5/2021
Im Rahmen der Bedarfserhebung wurden und werden weiterhin Interviews durchgeführt. Dieses qualitative Verfahren ist für die Thematik der Jungen- und Männergesundheit sowie für die Zielgruppe der Jungen und Männer einmalig in Deutschland. Bisher gibt es keine ähnliche Befragung zu den Bedarfen von Männern hinsichtlich deren Gesundheit.
Aus diesem Grund mussten auch die Fragebogen erst entwickelt und getestet werden. Nun existieren zwei standardisierte Leitfragebogen: Ein Fragebogen für Fachkräfte und ein Kurzinterview-Fragebogen für die Zielgruppe selbst. Hierfür wurde die Fachliteratur und die vorhandene Fachexpertise der beteiligten Kooperationspartnerinnen und –partner im kommunalen wie bundesweiten Setting herangezogen. Im Anschluss wurden Fragen nach Items zugeordnet und abschließend bewertet, um einen möglichst kurzen und gleichzeitig facettenreichen Fragebogen zu erhalten, mit denen standardisierte Interviews durchgeführt werden können und den bestmöglichen Output liefern.
In der vorab gestellten Zielformulierung wurden als Richtgröße mindestens 15 Fachkräfte- Interviews und mindestens 25 Zielgruppen-Interviews angegeben, was mit Blick in die Fachliteratur und im bundesweiten Austausch mit Expertinnen und Experten als ambitioniert gelten darf, gerade weil Männer hinsichtlich ihrer Gesundheit als besonders schwer erreichbare Zielgruppe gelten21.
3.3 Erste Ergebnisse der Befragungen von Fachkräften und der Zielgruppe
Für eine zielführende Bedarfserhebung sind Fachkräfte, Expertinnen und Experten von großem Wert, da sie vor Ort und direkt mit den Zielgruppen im Austausch stehen. Dabei wurden 26 Fachkräfteinterviews mit Akteurinnen, Akteuren und zentralen Schlüsselpersonen in Nürnberg geführt, um die gesundheitlichen Bedarfe von Jungen und Männern zu identifizieren und gleichzeitig für die Thematik der Jungen- und Männergesundheit zu sensibilisieren. Darunter befanden sich Ärzte aus Praxis und Klinik, Kolleginnen und Kollegen der Stadtverwaltung Nürnberg (z.B. J, JCN, PA) sowie Mitarbeitende von freien Trägern, Vereinen und Verbänden. Aufgrund der Pandemie-Situation und den damit verbundenen Aufgaben des Gesundheitsamtes zur Eindämmung der Verbreitung des Coronavirus pausierte das Projekt von Mitte März 2020 bis Juni 2021. Projektmitarbeiter arbeiteten während dieser Phase fast vollständig in der Pandemiebekämpfung. Dennoch konnten auch in dieser Zeit während der Sommermonate vereinzelt Interviews mit Fachkräften durchgeführt werden.
21 Insbes. das bundesweite Netzwerk Jungen- und Männergesundheit und der bundesweite Zusammenschluss „Männergesundheit fördern im kommunalen Raum“
Dezidierte bzw. bekannte Angebote der Jungen- oder Männergesundheit in Nürnberg konnten seitens der befragten Fachkräfte herauskristallisiert werden. Die häufigsten Nennungen lauten: Gesundheitsamt Nürnberg (insg. 12 Nennungen) Jungenbüro (9 Nennungen) pro familia (9 Nennungen) AIDS-Hilfe (6 Nennungen) Alle weiteren Nennungen erlangten Werte unter fünf und mehrheitlich eine einmalige Nennung.
Bekannte Angebote in Bayern waren bei dieser Befragung hingegen mehrheitlich nicht bekannt (16 Nennungen). Eine Fachkraft umschrieb dies exemplarisch, wie folgt: „Und mir fallen wirklich keine speziellen Institutionen, Einrichtungen, Angebote ein, wo man sagt, ja das ist tatsächlich mal nur für die Jungen oder für die Männer, wo sie sich speziell mit dem und dem Problem hinwenden können. Fällt mir echt nicht ein“.
Bei der Frage nach besonders vulnerablen Teilzielgruppen der Männer wurden mehrheitlich folgende benannt: Jungen und Männer mit Migrationshintergrund (insg. 13 Nennungen) Jungen und Männer mit Fluchterfahrung (insg. 12 Nennungen) Jungen und Männer aus einem geringen sozialen Milieu bzw. prekären Lebensverhältnissen (insg. 9 Nennungen) (junge) Männer mit psychischen Erkrankungen (insg. 8 Nennungen) Jungen und junge Männer allgemein (insg. 8 Nennungen) schwule Jungen und Männer (insg. 7 Nennungen)
Wobei die Gruppe der Jungen und Männer aus einem geringen sozialen Milieu bzw. prekären Lebensverhältnissen durch weitere Nennungen anwächst, wenn man die von den Fachkräften benannten Arbeitslosen bzw. ALG II-Beziehenden (2 Nennungen) und Obdachlose (2 Nennungen) hinzunimmt.
Barrieren und Hindernisse von gesundheitsförderlichen Angeboten für Jungen und Männer werden von den Befragten vornehmlich in der Männlichen Rolle bzw. dem tradierten Männerbild (9 Nennungen) in der Hochschwelligkeit der Angebote (7 Nennungen) aufgrund von Sprachbarrieren (6 Nennungen) aufgrund des Nichtwissens bzw. Unklarheit bezogen auf die Angebote (6 Nennungen) gesehen.
Auf die Frage nach den vermuteten und dringend benötigten Bedarfen hinsichtlich der Gesundheit von Jungen und Männern wurden vor allem folgende Aspekte benannt22: Information und gesundheitliche Aufklärung ("Also meiner Meinung nach spielt da Aufklärung immer noch mehr eine extrem große Rolle" oder „Aufklärung ist etwas das wirklich jeder brauchen kann immer und immer wieder“ oder "Und Aufklärung ist für mich noch so ein Thema. Ich glaube, dass es ein ganz hoher Bedarf ist, Aufklärung" oder „Durch Werbekampagnen, also so eine Bewusstseinsänderung, das glaube ich, das wäre tatsächlich sinnvoll“) Niedrigschwellige Anlaufstelle für Jungen und Männer in Nürnberg („Es gibt jemanden in Nürnberg, wo ich als Mann hingehen kann“ oder „eine Art Checkpoint, zentral in der Stadt, niedrigschwellig und kostenfrei für alle Männer“ oder "Man bräuchte auf jeden Fall eine Anlaufstelle" oder "Da ist eine Stelle, eine Beratungsstelle, an die ich mich wenden kann, wenn ich selber keinen Plan hab, zu welchem Arzt ich eigentlich gehen muss") Jungen- bzw. Männersprechstunden („Gesundheitsamt, wo es einfach eine Sprechstunde gibt" / "Oder halt eben auch ein Angebot, wo dein – ja – Gesundheitsamt oder das Jugendamt speziell noch eine Stelle hätte, wo ich mich halt melden kann und Beratung erfahre. Oder eine Hotline" oder „Aber es gibt eigentlich niemanden, der sich um die Jungen, alles was mit Geschlechtsentwicklung und alles was mit, auch mit Pubertät und bis hin zum Erwachsenenalter beschäftigt, die sozusagen diese Knaben dann auch eben ein stückweit begleiten. Und das gibt es einfach nicht. Das empfinden wir als Manko") Jungen- und Männerarzt in Nürnberg ("Meine Vision wäre, dass, wenn ich heute die Gelben Seiten aufschlage, ich eine Arztdisziplin dort finde, wo dort steht, Jungen- und Männerarzt" oder "Ich denk´ ja dauernd, es müsst eigentlich so eine Anlaufstelle, Männerärzte oder irgendwie sowas geben")
Die vollständigen Ergebnisse können erst mit Abschluss der Befragung in 2023 berichtet werden.
Neben der Befragung von Fachkräften sollte auch die eigentliche Zielgruppe der Männer zu Wort kommen. Laut Fachliteratur und Fachleuten ist dieses Unterfangen äußerst schwierig. Bislang wurde bundesweit keine derartige Befragung durchgeführt. Männer gelten als schwer erreichbar, wenn es um deren Gesundheit geht.
22 Zitate entstammen verschiedenen Fachkräfteinterviews aus dem Erhebungszeitraum 2020 bis 2022
So blieben auch die ersten Aufrufe zur Teilnahme erfolglos. Auch bereits interessierte Männer haben ihre Bereitschaft vor Durchführung des Interviews zurückgezogen. Vor allem Männer mit Migrationshintergrund bzw. Fluchterfahrung zeigten Hemmungen bei der Beteiligung, dabei wurde Anonymität und Datenschutz garantiert23. Durch gezieltere Nachfragen bzw. Direktansprache seitens der Projektmitarbeiter, der Kooperationspartnerinnen und –partner sowie bereits beteiligte Interviewpartner, über Netzwerke und Gremien, über Mailing und über Aushänge konnten mit den Monaten einige Männer zum Interview gebeten werden.
Anstatt der 25 angestrebten Kurzinterviews mit der Zielgruppe der Jungen und Männer konnten bereits sogar 32 Stimmen eingefangen werden24. Darunter befinden sich: Männer mit Fluchterfahrung Männer mit Migrationshintergrund Bi-, hetero- und homosexuelle Männer Transmänner Studierende, Arbeitnehmer, Selbständige, Rentner Männer im Alter zw. 21 und 68 Jahren (Durchschnittsalter: 36 Jahre)
Der vorwiegende Bildungsabschluss der Probanden liegt aktuell beim Abitur und/oder einer Hochschulreife (20 P.). Die Mehrheit der Befragten lebt in einer Partnerschaft (18 P.). Jungen unter 20 Jahren konnten bisher nicht befragt werden. Ebenso ist mit Blick auf vulnerable Teilzielgruppen auch der bisher mitgebrachte Bildungsabschluss der Befragten zu hoch. Hier laufen aktuell Bemühungen, weitere Interviews mit jüngeren Männern und Männern mit niedrigem Bildungsniveau zu führen.
Die Befragung von Jungen und Männern wird voraussichtlich bis Ende des Jahres 2022 fortgesetzt. Eine Auswertung erfolgt in 2023, nachdem Transkripte der Interviews angefertigt wurden. Dennoch können erste Ergebnisse beschrieben werden. Gesundheit ist für 24 von 25 der bereits ausgewerteten Interviews von Männern wichtig. Bewegung (21 Nennungen) und gesunde Ernährung (13 Nennungen) wird auf die Frage „Wie halten Sie sich gesund?“ am häufigsten benannt. Befragte schildern mehrheitlich von Stresssituationen, die belastend sind (18 Nennungen). Angst haben die meisten Befragten vor Krebs- (17 Nennungen) und psychischen Erkrankungen (4 Nennungen).
23 Sieben Männer mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung haben kurzfristig ihre Bereitschaft an der Teilnahme des Interviews revidiert (Stand: 06.09.2022) 24 Stand 07.09.2022
Bei der Frage nach direkten Ansprechpersonen zur Gesundheit („Mit wem sprechen Sie über gesundheitliche Fragen/Themen/Probleme?“) werden folgende Antworten gegeben: Partner*in (insg. 16 Nennungen) Freund*innen (insg. 12 Nennungen) Familienangehörige (insg. 12 Nennungen) Ärzt*innen (8 Nennungen)
Befragt man die Teilnehmer nach den von ihnen bekannten Beratungsstellen, die sich mit der Gesundheit von Männern in Nürnberg beschäftigen, werden v.a. genannt: Keine bekannt (15 Nennungen) Gesundheitsamt (3 Nennungen) Jungenbüro und Fliederlich (je 2 Nennungen) Gerade dieses Ergebnis gibt Anlass zum Handeln, damit Jungen und Männern künftig bekannt ist, dass es zumindest Einrichtungen gibt, die sich um die Gesundheit der Jungen und Männer kümmern, wie das Gesundheitsamt der Stadt. Gleichwohl verdeutlicht es die Aussagen der Fachkräfte, dass es dringend einer Anlaufstelle für Jungen und Männer zu deren Gesundheit bedarf, die dann auch bekannt gemacht werden sollte.
Auf die Frage „Wenn es extra für Männer und deren Gesundheit eine Anlaufstelle/ Einrichtung/ Ansprechperson gäbe, würden Sie dort hingehen?“ antworteten die meisten mit „Ja“ (18 Nennungen) und vier Personen mit „Vielleicht“. Ein Mann erläuterte „ja, sogar lieber als zu ´nem Arzt“.
Auf die Frage, ob die Teilnehmenden gutes Informationsmaterial zur Gesundheit von Männern kennen würden, wird weitestgehend mit „Nein“ (18 Nennungen) geantwortet. Ausnahmen sind dabei die Apothekenumschau und Informationen aus der Arztpraxis.
Zudem wurden die am Interview beteiligten Männer nach deren für sie bedeutsamen Themen in Hinblick auf Männergesundheit befragt. Die Top-Themen sind:
Psychische Gesundheit (10 Nennungen) Fitness und Bewegung (8 Nennungen) Allgemeine Gesundheitsaufklärung / Prävention (8 Nennungen) Vorsorgeuntersuchungen / Check-Up (6 Nennungen) Sexuelle Gesundheit / Sexualaufklärung (6 Nennungen) Suchtprävention (6 Nennungen) Männerrolle (4 Nennungen) Gesunde Ernährung (3 Nennungen)
Eine ausführliche Auswertung der Daten wird in 2023 erfolgen und im Gesundheitsausschuss vorgestellt werden.
3.4 Auf- und Ausbau eines Nürnberger Netzwerks zur Jungen- und Männergesundheit
Im Rahmen der Koordination Jungen- und Männergesundheit ist ein schrittweiser Auf- und Ausbau von Kooperationsstrukturen vorgesehen, die langfristig die Situation von Jungen und Männern in Nürnberg hinsichtlich deren Gesundheit verbessern sollen. Im Austausch mit den einzelnen potentiellen Partnerinnen und Partnern sollen geschlechtsspezifische Angebote entwickelt, ausgebaut oder verzahnt werden. Synergien – u.a. zur Verzahnung zwischen Stadtverwaltung und freien Trägern - sollen hierdurch entstehen bzw. genutzt werden. Durch die Befragungen einzelner Fachkräfte im Rahmen der Bedarfserhebung konnte unter anderem festgestellt werden, dass
ein Interesse an den Gesundheitsthemen für Jungen und Männer besteht, wenig Wissen darüber vorliegt, dass einzelne Träger bereits geschlechtsspezifische Gesundheitsangebote anbieten, ohne es als solche zu betrachten, es bei einer geschlechtsbezogenen Gesundheitsförderung und Prävention auch um die geschlechtliche Vielfalt gehen muss, es wünschenswert ist, nachhaltige Strukturen aufzubauen.
Der künftige Kooperationsverbund soll sowohl
a) innerhalb der Stadtverwaltung aufgebaut, b) mit freien Trägern, Verbänden, Institutionen und ggf. Unternehmen in Nürnberg eingegangen und c) überregional verknüpft werden.
Durch die projektimmanente Zusammenarbeit zwischen dem Ansprechpartner für Männer in der Gleichstellungsstelle und dem Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg bestehen bereits relevante regionale sowie nationale Netzwerke:
Gesundheitsregion plus in Bayern Netzwerk Jungen und Männer in Nürnberg Väternetzwerk Nürnberg
Landesarbeitsgemeinschaft Jungen*- und Männer*arbeit Bayern e.V. Bundesforum Männer Bundesweites Netzwerk Jungen- und Männergesundheit Männergesundheit fördern im kommunalen Raum (bundesweit) Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Stiftung Männergesundheit
Über das bundesweite Forum „Männergesundheit fördern im kommunalen Raum“ ergibt sich ein Bild über die geschlechtersensible Präventionslandschaft auf kommunaler Ebene. Bislang machen sich einzelne Kommunen aus acht Bundesländern Gedanken zur Implementierung von Jungen- und Männergesundheit. Benannt werden können hier vor allem die Landeshauptstädte Dresden und Stuttgart, die hinsichtlich der Thematik Fortschritte erzielen25.
Darüber hinaus lassen sich folgende Erkenntnisse aus den oben genannten Netzwerken ziehen:
der Fachaustausch zu Jungen- und Männergesundheit und die Vernetzung ist wichtig es gibt bisweilen einzelne und eher nicht koordinierte Projekte und Initiativen in Städten, Ländern und auch auf Bundesebene es finden teilweise Aktionen und Angebote zum Weltmännertag (03.11.) statt es finden teilweise Angebote und Beteiligungen an der Internationalen Männergesundheitswoche in Zusammenarbeit mit Global Action of Men´s Health (GAMH) und dem Men´s Health Network (MHN) der USA statt es findet sich bundesweit eher eine Art der „Projektitis“ als einer strukturellen Verankerung von Angeboten es gibt bislang keine standardisierte Bedarfserhebung mit interdisziplinären Fachkräften es gibt bislang keine standardisierte Bedarfserhebung mit der Zielgruppe
Die letzten beiden Aspekte greift Nürnberg auf und setzt es, wie oben beschrieben, um. Damit ist die Koordination Jungen- und Männergesundheit in Nürnberg ein Vorzeige- oder Leuchtturmprojekt.
Am 26.07.2022 konnte das erste Vernetzungstreffen zur Koordination Jungen- und Männergesundheit in Nürnberg mit einigen Fachkräften der Stadtverwaltung und freien Trägern stattfinden. Das Netzwerk wird in den kommenden Jahren sukzessive ausgebaut.
25 https://www.stuttgart.de/buergerinnen-und-buerger/chancengleichheit-und-diversity/maenner.php und https://www.dresden.de/de/leben/gesellschaft/gleichstellung/gesundheit/gesundheit_angebote_maenner.php
3.5 Ausblick
Für den weiteren Fortschritt wird für 2023 unter anderem Folgendes geplant:
Ausbau und Pflege der Kooperationen Organisation weiterer Vernetzungstreffen Durchführen von Fokusgruppen Berichterstellung zur Bedarfs- und Bestandserhebung (inkl. Auswertung der Interviews) Endberichterstellung (Zusammenführung der Ergebnisse) inkl. der grafischen Aufbereitung der Ergebnisse für Publikationen Umsetzung von Medien und Maßnahmen (z.B. Flyer für die Zielgruppen) Beraten von Kooperationspartnerinnen und –partnern hinsichtlich des Verfügungsfonds und der Antragstellung Begleiten von Angeboten Dritter mithilfe des Verfügungsfonds Bildungsarbeit zur Thematik mithilfe von Seminaren und Vorträge
Die Koordination Jungen- und Männergesundheit soll über den 31.12.2023 hinaus fortgesetzt werden, um die bereits geschlossenen Netzwerke auszubauen, notwendige Angebote für die Jungen- und Männergesundheit entwickeln und gezielte Maßnahmen umsetzen. Hierfür wird ein Folgeantrag bei der Techniker Krankenkasse (TK) in 2023 gestellt.
Im Sinne der Nachhaltigkeit wird langfristig eine Verstetigung angestrebt. Hier könnte im Gesundheitsamt eine Fachstelle für geschlechtersensible Prävention entstehen, die neben der Jungen- und Männergesundheit auch die Gesundheit von Mädchen, Frauen und intergeschlechtlichen Menschen in den Blick nimmt und entsprechende Hilfsangebote zur Verfügung stellt. Ein derartiges Angebot gibt es bisher nicht.