Sachstand zur kulturellen Nutzung der Kongresshalle im Kulturausschuss am 14.
Oktober 2022
1. Ermöglichungsräume für Kunst und Kultur
Im Zuge der Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 entstand 2019 die Idee, vier der insgesamt 16 Segmente des Kongresshallen-Rundbaus baulich für eine Nutzung durch die Künste und Kulturen zu ertüchtigen. An entsprechenden künstlerischen Produktions- und Präsentationsräumen für die visuellen Künste, die Musik, die Literatur und für Theater und Tanz herrscht in Nürnberg großer Mangel, wie die Ergebnisse der im Dezember 2020 präsentierten Vorstudie zeigen (vgl. Beschlussvorlage Kulturausschuss vom 04.12.2020). Darüber hinaus wurden multifunktional nutzbare Präsentations- und Meetingflächen, Arbeitsräume für temporäre transdisziplinäre wie internationale Zusammenarbeit sowie Lager- und Depotflächen gefordert. Auf Basis der ausgeführten Bedarfe gab das Hochbauamt der Stadt Nürnberg eine bauliche Machbarkeitsstudie in Auftrag. Zentral war hierbei eine wirtschaftliche, ortssensible und denkmalgerechte Erschließung. Die Möglichkeiten der Raumeinteilung und der Belichtung wurden ebenso bearbeitet wie Fragen der Bauphysik, Deckenlast, Schallentwicklung, Erschließung und Fluchtwege sowie die Erfüllung der Brandschutzauflagen. Abschließend spricht die Machbarkeitsstudie eine klare Empfehlung für die angedachte Nutzung für Kunst und Kultur in einem Rundbausegment aus.
Im Oktober 2021 hat der Kulturausschuss auf der Grundlage der ersten baulichen Machbarkeitsstudie und einer unter ausgewählten Kulturschaffenden durchgeführten Bedarfsanalyse die Verwaltung mit der Konkretisierung der baulichen und inhaltlichen Umsetzung beauftragt.
Die Ergebnisse der Bedarfsanalyse und der Machbarkeitsstudie wurden 2021 und 2022 im Rahmen unterschiedlicher Formate konkretisiert. Das bislang in Workshops mit Stakeholdern der Künste und Kulturen in Nürnberg entwickelte Nutzungskonzept wurde in einem breit aufgestellten partizipativen Prozess ausgearbeitet: Unter anderem ermöglichten Informationstage zur Kongresshalle mit kostenlosen Rundgängen Einblicke in sonst für die Allgemeinheit nicht zugängliche Bereiche zu erhalten. Die Besuchenden waren im Rahmen von „Try out Kongresshalle“ am 13. November 2021 und „Open up Kongresshalle“ am 20. November 2021 eingeladen, ihre Ideen zur Zukunft der Kongresshalle zu formulieren. Der Response-Point brachte ein klares Stimmungsbild: Die Befragten wünschen sich ein neues Nutzungskonzept für die Kongresshalle – 75 Prozent der Befragten nennen explizit eine kulturelle Nutzung in diesem Zusammenhang. Da die Nachfrage nach öffentlichen Rundgängen durch die Kongresshalle weiterhin hoch ist, konnte mit dem „Open-Day Kongresshalle“ am 20. August 2022 der Öffentlichkeit abermals ein Einblick in das Gebäude ermöglicht werden. Ein weiterer Rundgangstag befindet sich bereits für den 19. November 2022 in Planung. Das World Café zur Zukunft der Kongresshalle am 30. November 2021 brachte Vertreter*innen aus Kunst und Kultur, Politik und Wissenschaft zusammen, um die Potentiale der zukünftigen kulturellen Nutzung der Kongresshalle – insbesondere die Verbindung von Erinnerungskultur und Kunst – zu diskutieren. Durchaus kontrovers wurde über den Zusammenhang von Erinnerungskultur und kultureller Nutzung diskutiert; abschließend herrschte große Zustimmung zur Etablierung der Ermöglichungsräume in der Kongresshalle. Die Einrichtung von Flächen für künstlerische Produktion aller Art und deren
Präsentation versteht sich als ein weiterer Schritt im Sinne einer zukunftsgerichteten Erinnerungskultur am Standort Kongresshalle. Die Diskursveranstaltung „Wie viel Kunst darf sein?“ am 18. Juli 2022 mit Vertreter*innen aus Politik, Kunst, Architektur und Philosophie trug dazu bei, künstlerische Zugänge zur Kongresshalle sichtbar zu machen und das mögliche Raumprogramm in der Kongresshalle zu konkretisieren. Die Doppelausstellung im K:osk93 und im Offenen Büro des Stadtplanungsamtes zeigte zwischen dem 24. Januar und 20. Februar 2022, wie vielfältig der Blick von visueller Kunst, Architektur, Musik und Film auf die Architekturrelikte des Nationalsozialismus in Nürnberg ist.
Im nächsten Schritt zur Planung der Ermöglichungsräume wurden nun in einem weiteren, breit aufgestellten partizipativen Prozess von April bis September 2022 die Vorarbeiten zur Nutzungskonzeption mit Stakeholdern der Kunst und Kultur in Nürnberg weiter ausgearbeitet und konkretisiert. Dazu hat die Stadt Nürnberg die Kulturberatung actori GmbH mit dem Projekt „Konkretisierung des Nutzungskonzepts für die Ermöglichungsräume der Kongresshalle Nürnberg“ beauftragt. Früher als erwartet liegen bereits erste Ergebnisse vor. Den ersten Teil der Bedarfermittlung bildete eine partizipative Veranstaltung in Form eines World-Cafés unter dem Titel „Open-Space“ am 27. Juli 2022 im Z-Bau in Nürnberg. Über 100 Spartenvertreterinnen und Spartenvertreter der Künste und Kulturen und Künstlerinnen und Künstler waren als Multiplikatoren ihrer künstlerischen Sparte geladen, um im Fish-Bowl Format die spezifischen Anforderungen an Räumlichkeiten und Nutzungen der Kongresshalle zu formulieren. Als Ergebnis verschiedener Themenkreise stand eine differenzierte Sammlung von Anforderungen, Räumlichkeiten und Rahmenbedingungen. Im zweiten Teil wurden die Ergebnisse des „Open-Space“ mittels einer Interview-Umfrage präzisiert. Insgesamt wurden 22 digitale Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern der Künste und Kulturen durchgeführt, sodass möglichst alle künstlerischen Sparten abgedeckt werden konnten und die Kunst- und Kulturlandschaft Nürnbergs repräsentativ vertreten wird.
Die Fragen richteten sich nach den detaillierten Anforderungen, wie beispielsweise Raumgröße, Ausstattung, Zugänglichkeit oder Licht auf Basis der bereits identifizierten Anforderungen. Die aufgenommenen Räumlichkeiten wurden auf Grund ihrer spezifischen Anforderung, möglichen Synergien zwischen Nutzenden der künstlerischen Sparten und ihrer Lage bzw. räumlichen Anbindung in Cluster eingeteilt. Dies betrifft jeweils die Produktions- und Präsentationsräume. Beispielsweise benötigt eine Fotografin oder ein Fotograf einen Raum mit einer Größe von 40-50 qm, einer Höhe von mindestens 3,5 m, einen White Cube für höchste Flexibilität, verteilte Steckdosen im ganzen Raum und eine gute Grundbeleuchtung bzw. Tageslicht. Als Synergie zwischen den Nutzenden kann das Fotostudio auch von anderen Sparten zum Fotografieren genutzt werden. Bezüglich der räumlichen Anbindung bestehen keine spezifischen Anforderungen.
Neben den unterschiedlichen Anforderungen an Räumlichkeiten wurden auch inhaltliche Fragen nach Synergien mit dem Operninterim und dem Umgang mit der Erinnerungskultur gestellt. Dazu gab es diverse Vorschläge mit dem Opernhaus zusammenzuarbeiten und sich in einem erinnerungskulturellen Kontext mit dem Ort der Kongresshalle auseinanderzusetzen. Außerdem äußerte ein Großteil der Befragten den Wunsch die Betriebsstruktur der Ermöglichungsräume zeitnah zu klären und die partizipative Einbindung von Künstlerinnen und Künstlern fortzusetzen.
Des Weiteren hat der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages in seiner Sitzung am 19. September 2022 explizit für die Förderung des Vorhabens der Ermöglichungsräume
20 Millionen Euro aus dem Programm KulturInvest der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien bewilligt.
2. Depot- und Lagerfläche
Die Kongresshalle soll sich neben der Produktion und Präsentation von Kunst auch der Bewahrung und Sicherung von Kunst- und Kulturgütern widmen. Für die städtischen Museen, städtische Sammlungen und das Stadtarchiv wird seit vielen Jahren ein dringender Bedarf an Lager- und Depoträumen festgestellt. Bestehende Depots entsprechen nicht den Standards und sind voll. Der Kulturausschuss des Stadtrats hat die Verwaltung bereits im Jahr 2016 damit beauftragt, die Kongresshalle auf ihre Eignung als Ort für ein städtisches Zentraldepot zu untersuchen. Entsprechende Untersuchungen in Zusammenarbeit mit der TU Dresden erbrachten positive Ergebnisse. Die bauliche Machbarkeitsstudie 2020 unterstrich diese Ergebnisse. Für die Nutzung als Lager oder Depot stünden Flächen in sechs der insgesamt 16 Sektoren zur Verfügung. Ein Teil der Kongresshalle soll daher nun als Depot- und Lagerraum für die städtischen Sammlungen und das Stadtarchiv ertüchtigt werden und soll darüber hinaus auch für Zwecke außerhalb von Kunst- und Kulturgütern genutzt werden.
Die bestehenden Lager- und Depotflächen der kulturhistorischen Sammlungen von den Museen der Stadt Nürnberg und der Stadtarchive wurden geprüft, klimatische und technische Anforderungen an neue Lagerräume ermittelt und ein neuer Flächenbedarf inkl. des erwarteten Zuwachs der kommenden 30 beziehungsweise 40 Jahre aufgestellt. Die Museen der Stadt Nürnberg konkretisierten daraufhin ihren Bedarf an Depot- und Lagerflächen: Die Kunstsammlungen benötigen eine Fläche von 3.090 qm, das Spielzeugmuseum 500 qm, das Deutsche Spielearchiv 600 qm, das Museum der Industriekultur 1305 qm. Insgesamt ergibt dies eine Fläche von 6.000 qm inkl. möglicher Gemeinschaftsräume von 505 qm. Das Stadtarchiv entwarf unterschiedliche Szenarien mit verschiedenen Regalsystemen. Beispielsweise wird bei der Verwendung von Fahrregalen auf drei Ebenen (3 x 325 cm) ein Magazin mit einer Fläche von 1.008 qm benötigt. Hinzu kommt ein Arbeitsbereich von 100 qm und ein Quarantäneraum von 150qm.
Das Amt für Kultur und Freizeit (KuF) benötigt für die Einlagerung von Exponaten, Materialen und Technik eine Fläche von 1370 qm mit einer Rampe beziehungsweise einem Türzugang mit einer Höhe von 3,5 m und für das Museum im Koffer im Erd- oder Sockelgeschoss 170 qm. KuF/Zeltnerschloss benötigt eine Fläche von 60 qm. Insgesamt meldet KuF einen Bedarf von 1.600 qm an.
Der benötigte Flächenbedarf kann in der Kongresshalle abgebildet werden, allerdings muss geprüft werden, ob die technischen Anforderungen wirtschaftlich realisierbar sind.
3. Nächste Schritte
Auf Basis der partizipativen Konkretisierung des Nutzungskonzepts für die Ermöglichungsräume der Kongresshalle Nürnberg und der ermittelten Bedarfe und technischen Voraussetzungen für die Depot- und Lagerflächen wird der begonnene Planungsprozess fortgesetzt. Die Wirtschaftlichkeit der technischen Anforderungen der Lager- und Depotflächen muss geprüft werden. Nach Vorlage möglicher baulicher Planungsvorschläge können Fragen nach der Ausstattung und Positionierungen konkret
diskutiert und beantwortet werden. Neben technischen und bauplanerischen Aspekten werden inhaltliche Fragen nach einer Betriebsstruktur, Synergien und erinnerungskultureller Aspekte vertieft. Beteiligungs- und Diskursformate werden dabei auch zukünftig zentral sein. Nach einer Konkretisierung des Raumprogramms durch die Planerinnen und Planer soll in der Kulturausschuss-Sitzung am 25. November 2022 eine Beschlussvorlage bezüglich des Raumprogramms vorgelegt werden.