Beilage 6.1
zur Sitzung des Jugendhilfeausschusses vom 29.09.2022 Entscheidungsvorlage
Internationale Jugendarbeit: Lokaler Entwicklungsplan für Nürnberg
Die wesentlichen Inhalte des Lokalen Entwicklungsplans (LEP) für Nürnberg sind im Folgenden zusammengefasst. Dabei wird sich an der Gliederung des LEP orientiert, damit Inhalte im Dokument leichter wiedergefunden werden können. Der LEP wurde in der Gesamtkoordination durch die Projektgruppe Internationale Jugendarbeit (Jugendamt) unter Beteiligung des Amts für Internationale Beziehungen, des Kreisjugendrings Nürnberg- Stadt und der Bayerischen Sportjugend Nürnberg erstellt und aktualisiert den LEP von 2013, der im Zusammenhang mit dem Programm „Kommune goes International“ (KGI) der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. (IJAB) entstand.
Einführung
Internationale Jugendarbeit (IJA) als ein wichtiger Schwerpunkt der Kinder- und Jugendarbeit beinhaltet internationale Jugend- und Fachkräftebegegnungen, Workcamps oder Freiwilligendienste im In- und Ausland. Internationale Jugendarbeit schafft dabei Gelegenheiten zur Begegnung und zum Austausch von jungen Menschen mit unterschiedlichen sozialen, nationalen und kulturellen Hintergründen. Die Teilnahme an Mobilitätsmaßnahmen fördert den Erwerb von sozialen und interkulturellen Kompetenzen zu einer langfristigen Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen und unterstützt in vielfältiger Form die Ausbildung von Offenheit, Solidarität und bürgerschaftlichem Engagement. Internationale Jugendarbeit leistet damit einen Beitrag bei der Entwicklung von Schlüsselqualifikationen in einer modernen, globalisierten Gesellschaft und trägt zur Stärkung der europäischen Identität bei. Die im lokalen Entwicklungsplan von 2013 formulierten drei Ziele (Aufbau eines Netzwerkes; eine Bestands- und Bedarfsanalyse; Unterstützung und Qualifizierung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern) wurden nur teilweise erreicht. Besonders der Netzwerkausbau und die Unterstützung und Qualifizierung von Fachkräften konnte dabei nicht ausreichend realisiert werden.
- Einbettung des Lokalen Entwicklungsplans in jugendpolitische Programme auf nationaler und
europäischer Ebene
Das Jugendamt Nürnberg ist in die folgenden zwei Programme eingebunden. Als eine von 22 Modellkommunen war und ist Nürnberg Mitglied der bundesweiten jugendpolitischen Initiative „Kommune goes International“ des IJAB. Die intensive Unterstützung durch das IJAB während des ersten Projektzeitraums von 2011 bis 2014 führte zu einer intensiven Netzwerkarbeit und zu einer fachlichen Weiterentwicklung in der Internationalen Jugendarbeit in Nürnberg. In diesem Zusammenhang wurde 2013 auch unter Beteiligung der Netzwerkpartnerinnen und -partner ein erster Lokaler Entwicklungsplan erstellt, der mit der hier aktualisierten Fassung nun die Zielrichtung für die nächsten Jahre aufzeigen soll. Darüber hinaus ist das Jugendamt Nürnberg eines von 26 ausgewählten Projekten der „Fachkräfteintiative.International“, die ebenfalls durch das IJAB gefördert wird. Im finanziell geförderten Projektzeitraum von 2021 bis 2022 konnten befristete Personalanteile beim Jugendamt geschaffen werden, die die Projektgruppe Internationale Jugendarbeit bilden. Eine Fortführung des Programms durch das IJAB ist leider nicht geplant. Die Projektgruppe ist auch mit der deutschen Nationalagentur JUGEND für Europa in regelmäßigem Kontakt, die die zukünftige inhaltliche und strukturelle Orientierung ihrer Programme, wie zum Beispiel „EuropaLokal“ auch stärker mit der Unterstützung kommunaler Prozesse ausrichten möchte.
Die Zugangsstudie 2019 mit dem Titel „Warum nicht? Studie zum Internationalen Jugendaustausch: Zugänge und Barrieren“, die von transfer e.V koordiniert und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert wurde, hat die Zugangsbarrieren für junge Menschen analysiert und daraus Handlungsempfehlungen abgeleitet. Die so genannte Zugangsstudie formuliert als jugendpolitische Vision, dass jeder junge Mensch die Möglichkeit einer Auslandserfahrung haben sollte.
2. Bestandsaufnahme und -analyse der Internationalen Jugendarbeit in Nürnberg
In der Systematik einer SWOT-Analyse beschäftigt sich die Bestandsaufnahme und –analyse mit der in Nürnberg vorgefundenen Situation im Arbeitsfeld der Internationalen Jugendarbeit.
Unter 2.1 Soziodemographische Umweltfaktoren und Einflüsse zur Realisierung der Internationalen Jugendarbeit in Nürnberg werden die Chancen und Risiken gegenübergestellt. Zu den aufgeführten Chancen zählen, dass Nürnberg als heterogene Stadtgesellschaft mit seiner besonderen Bedeutung in Bezug auf seine Stadtgeschichte vielerlei Anknüpfungspunkte für internationale Mobilitätserfahrungen bietet. Auch die Schwerpunktsetzung in der Jugendhilfeplanung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Nürnberg auf dieses Arbeitsfeld in Verbindung mit der großen Anzahl von Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in kommunaler, verbandlicher und freier Trägerschaft sind sehr gute Voraussetzungen, um deren Zusammenarbeit und Vernetzung für internationale Aktivitäten zu nutzen. Zu den herausgearbeiteten Risiken zählen die sozialpolitischen Herausforderungen, wie z.B. Jugendarbeitslosigkeit und fehlende Bildungs- und Chancengleichheit, sowie die jeweilige kommunale Haushaltssituation und besondere gesellschaftliche Krisen, wie die Coronapandemie und der Krieg in der Ukraine. Die hohe Arbeitsbelastung und die vorhandene Fluktuation bei Fachkräften wird als weiteres Hemmnis in der Umsetzung internationaler Aktivitäten aufgeführt.
2.2 Erfahrungen in Nürnberg im Kontext der Internationalen Jugendarbeit formuliert ebenfalls die Stärken und Schwächen in Nürnberg. Unter Stärken finden sich die relativ große Zahl an Austauschmaßnahmen in den vergangenen Jahren durch die unterschiedlichen Anbieter (Jugendamt, Kreisjugendring und seine Verbände sowie freie Träger). Auch die vorhandenen kommunalen Förderstrukturen werden als positive Voraussetzungen benannt. Das Vorhandensein von personellen Strukturen wird ebenfalls als Grundlage nachhaltiger Wirksamkeit in der Internationalen Jugendarbeit formuliert, auch wenn sie nicht ausreichend sind. Und nicht zuletzt ist die 2020 neugegründete Netzwerkinitiative joiN (jung – offen – international – Nürnberg) die Basis für gute Vernetzung der Akteurinnen und Akteure und eine hilfreiche Informationsplattform. Manche als Stärken aufgeführte Aspekte finden sich allerdings bei genauerer Betrachtung auch bei den Schwächen wider. So ist die relativ große Anzahl an Mobilitätsangeboten in Nürnberg noch deutlich ausbaufähig für die Größe der Stadt und für die breite Aufstellung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Nürnberg, vor allem, da sie zuletzt rückläufig waren. Auch ist der Zugang zu bildungsfernen jungen Menschen für die Motivation zur Teilnahme an Austauschmaßnahmen noch zu gering. Der vorhandene große Nachholbedarf bei der Akquise von Fördermitteln in Kombination mit fehlenden Erfahrungen und Kompetenzen bei vielen Fachkräften hemmen die Aktivitäten in der Internationalen Jugendarbeit zusätzlich. Das neue Netzwerk joiN befindet sich gerade erst im Aufbau und muss erst nach und nach die zuvor brüchige Vernetzungslandschaft ersetzen. Schließlich braucht es die nötige gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung der Internationalen Jugendarbeit, an der denen es allerdings oft noch mangelt.
In der tabellarischen Übersicht unter 2.3 Zusammenfassung der Bestandsaufnahme und -analyse zur Internationalen Jugendarbeit in Nürnberg werden die Chancen und Stärken sowie die Risiken und Herausforderungen gegenübergestellt.
Nach der Analyse der aktuellen Situation in Nürnberg erfolgt unter 3. Zielsetzungen des Lokalen Entwicklungsplans für Internationale Jugendarbeit in Nürnberg der Blick in die nähere und weitere Zukunft. Hier werden Ziele für drei Bereiche formuliert: Zielsetzungen in Bezug auf junge Menschen, in Bezug auf Fachkräfte und in Bezug auf die strukturelle Verankerung der Internationalen Jugendarbeit. Durch bi- und multilaterale Begegnungen, vor allem mit den Partnerstädten, durch den Ausbau von Mobilitätsformaten in den Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, aber auch durch die Stärkung der Angebote der Jugendverbände sollen „Mehr internationale Mobilitätsangebote für junge Menschen in Nürnberg“ als erste Zielsetzung erreicht werden. Ergänzt sollen diese durch den Aufbau von noch zu schaffenden neuen Einsatzstellen und Projekten im Rahmen des Europäischen Solidaritätskorps mit den Partnerstädten. Die zweite Zielsetzung „Vernetzung, Qualifizierung und Unterstützung der lokalen Fachkräfte“ soll vor allem mittels verlässlicher und nachhaltiger Netzwerkstrukturen (z.B. joiN), durch eine verstärkte Unterstützung und Qualifizierung von Fachkräften, auch mit Hilfe von internationalen Fachkräftetrainings erreicht werden. Dadurch sollen die Fachkräfte auch in ihrem Diversitätsbewusstsein gestärkt und bei der Nutzung von Fördermitteln unterstützt werden. Als dritte Zielsetzung ist die „Strukturelle und personelle Verankerung – die Schaffung einer Fachstelle für Internationale Jugendarbeit in Nürnberg“ formuliert. Beispiele der Jugendämter in Wiesbaden und Leipzig, die in den vergangenen Jahren eigene Fachstellen für Internationale Jugendarbeit in ihren Jugendarbeitsstrukturen der Kommune geschaffen haben, zeigen deutlich auf, dass damit nachhaltige Entwicklungen umgesetzt werden können und erfolgreich mehr und zielgruppenadäquate Begegnungsprojekte für mehr junge Menschen angeboten werden können. Nürnberg würde mit der Schaffung einer Fachstelle für Internationale Jugendarbeit diesem bundesweit modellhaften Weg folgen. Zentrale Aufgaben der Fachstelle werden dabei die Beratung und Unterstützung von Fachkräften, die nachhaltige Pflege der Netzwerkstruktur, der Kontaktaufbau und die Kontaktpflege zu den Fachkräften in den Partnerstädten sowie die Erstellung von fachlichen Standards, Strategien und Konzepten, um die Internationale Jugendarbeit in Nürnberg weiterzuentwickeln. Damit mehr junge Menschen die Möglichkeit haben an Mobilitätsformaten teilzunehmen, sollen insbesondere der Zugang zu jungen Menschen verbessert und neue Begegnungsprojekte entwickelt sowie die Finanzierung der vermehrten Austauschmaßnahmen mittel- und langfristig über Förderprogramme gesichert werden.
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Grafische Darstellung des zukünftigen Netzwerkaufbaus bis 2027 verdeutlicht in einem Schaubild, wie die aktuelle Vernetzung im Jahr 2022 den kleinen Kern von aktiven Akteuren bis 2027 auf einen größeren Kreis erweitert und darüber hinaus mit einer engeren Anbindung als bisher die anderen Kooperations- und Netzwerkpartner einbinden wird. Die Verbreiterung des Netzwerks wird sowohl den Fachkräften selbst, als auch den jungen Menschen in Nürnberg zugutekommen.
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Die zusammenfassende Schlussbewertung verdeutlich, dass Nürnberg sehr gute Voraussetzungen und Grundstrukturen hat, um die Internationale Jugendarbeit erneut zu vertiefen und verbreitern. Das Netzwerk joiN wird dabei eine wesentliche Rolle spielen. Auch die Teilnahme an den Förderprogrammen „Kommune goes International“ und „Fachkräfteinitiative.International“ bieten wertvolle Kontakte und Unterstützungsmöglichkeiten. Allerdings werden die aufgebauten Strukturen und Entwicklungen nicht aus dem Bestand zu halten sein. Gerade die Förderung personeller Strukturen durch das Programm „Fachkräfteinitiative.International“ bis Ende 2022 zeigt deutlich auf, dass ein Mehr an Internationaler Jugendarbeit nur durch ein Mehr an personellen Ressourcen erreicht werden kann. Die Zugangsstudie 2019 fordert daher: „Dafür ist eine Stärkung der Jugendarbeit notwendig, damit diese vor allem auf lokaler Ebene ausreichend Ressourcen zur Verfügung hat, um eine lebensweltliche Anbindung internationaler Jugendarbeit zu ermöglichen und jungen Menschen damit außerdem partizipative, d.h. selbstgestaltete Zugänge zu internationalen Formaten zu erleichtern.“
Damit der in Nürnberg begonnene Prozess der Internationalisierung in der Kinder- und Jugendarbeit auch weiterhin und damit auch nachhaltig fortgeführt werden kann, ist die Schaffung von personellen Strukturen notwendig.