Benennung der Straßen im Modul I im neuen Stadtteil Lichtenreuth (Bereich des
Bebauungsplans 4635 westlich der Brunecker Straße) nach Persönlichkeiten des
lokalen und regionalen Widerstands gegen das NS-Regime
Entscheidungsvorlage
Die neu entstehenden Straßen in dem künftigen Wohngebiet im sog. Modul I des Stadtteils Lichtenreuth (Bereich des Bebauungsplans 4635 westlich der Brunecker Straße) sollen nach Persönlichkeiten des lokalen und regionalen Widerstands gegen den Nationalsozialismus und das NS-Regime benannt werden. Auf diese Weise sollen die mutigen Frauen und Männer eine adäquate und verdiente Ehrung erfahren. Hierdurch wird auch ein Zeichen in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Reichsparteitagsgelände gesetzt. Die Lage des neuen Wohngebiets und der neu zu benennenden Straßen zwischen der ehemaligen SS-Kaserne und dem entstehenden Campus der neuen Technischen Universität Nürnberg ermöglichen zudem eine gute Einbindung in die Erinnerungskultur der Stadt.
Die Benennung der Straßen soll nach folgenden Frauen und Männer erfolgen:
Berta Backof: Berta Backof wurde am 28.06.1911 in Spalt geboren. Sie war bekennende Pazifistin und erkannte frühzeitig die nationalsozialistische Gefahr. Im Jahr 1932 begann Berta Backof sich mit politischen Aktionen dem Nationalsozialismus entschieden entgegenzusetzen. Im Zuge der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Berta Backof zusammen mit ihrem Ehemann in sog. Schutzhaft genommen, ihr Wille zum Widerstand blieb jedoch ungebrochen. Sie verstarb am 02.02.2001 in Hanoi, Vietnam.
Ludwig Göhring: Ludwig Göhring wurde am 09.08.1910 in Nürnberg geboren. Er versuchte ab dem Jahr 1933 durch die Verbreitung von Flugblättern und Zeitungen eine mediale Gegenöffentlichkeit zum Nationalsozialismus zu schaffen. Im August 1933 wurde Göhring festgenommen und im Anschluss schwer misshandelt. In den darauffolgenden Jahren folgten Haft und Internierung in verschiedenen Konzentrationslagern. Schließlich wurde er im Jahr 1944 zwangsweise in das Militär eingezogen, aus dem er im Dezember 1944 desertierte und zur Roten Armee überlief. Göhring verstarb am 06.07.1999 in Nürnberg
Lorenz Hagen: Lorenz Hagen wurde am 21.07.1885 in Amberg geboren. Er wirkte bis zur NS-Machtübernahme im Jahr 1933 als Geschäftsführer und Vorsitzender des Ortsausschusses Nürnberg des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes und war Mitglied der SPD. Aufgrund seiner politischen Gesinnung war Hagen einem immensen Verfolgungsdruck durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. Er wurde fünfmal in sog. Schutzhaft genommen, zu insgesamt drei Jahren Haftstrafe verurteilt und in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald interniert. Hagen hielt trotz der Verfolgung an seinen Überzeugungen fest. Nach dem Ende des Krieges machte er sich gewerkschaftlich und politisch verdient. Hagen war Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes und des Bayerischen Verdienstordens. Er verstarb am 23.07.1965 in München.
Alois Jung: Alois Jung wurde am 03.08.1902 in Rohrbach geboren. Im Jahr 1926 zum Priester geweiht, kam er im Jahr 1934 als Kaplan nach Nürnberg. Jung engagierte sich zur Zeit des Nationalsozialismus in der Jugendarbeit. Er bot Jugendlichen Ausflüge an, die eine Alternative zu denen der Hitlerjugend darstellen sollten und versuchte so die Jugendlichen dem Griff der Nationalsozialisten zu entziehen. Jung war überzeugter Gegner des Nationalsozialismus. In einem offenen Brief an den hochrangigen Nationalsozialisten und damaligen Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Joseph Goebbels übte er scharfe Kritik an den NS-Verhältnissen, was ihm eine Haft von über zweieinhalb Jahren einbrachte. Jung verstarb am 26.04.1972 in Pullach.
Oskar Pflaumer: Oskar Pflaumer wurde am 27.06.1904 als Sohn des Oberlehrers Johann Stephan Pflaumer in Nürnberg geboren. Seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus und seine Nähe zu Ludwig Göhring führten dazu, dass er im Zuge der Tätigkeit einer KPD-Gruppe verhaftet wurde. Am 17. August 1933 wurde Pflaumer Opfer einer brutalen Misshandlung durch die Nationalsozialisten, an deren Folgen er zu Tode kam. Er zählt damit zu den frühen Opfern der NS-Herrschaft in Nürnberg.
Friedrich von Praun: Friedrich von Praun war Nachfahre einer einstigen Nürnberger Patrizierfamilie und wurde am 21.07.1888 in Hersbruck geboren. Er warnte im Jahr 1932, noch vor Ausbruch der NS-Diktatur, in einer Streitschrift vor der NS-Ideologie. Von Praun bekundete auch nach der NS-Machtübernahme seine oppositionelle Haltung gegen die Nationalsozialisten, womit er sich die Feindschaft der Partei einhandelte. Auf Grund seiner wiederholt offenkundigen Ablehnung des Nationalsozialismus kam es 1943 zu seiner Verhaftung durch die Gestapo. Im April 1944 wurde von Praun der Prozess gemacht, woraufhin er in der Untersuchungshaftanstalt Nürnberg in Einzelhaft kam. Er wurde am 19. April 1944 tot in seiner Zelle aufgefunden.
Kunigunde Schumann: Kunigunde Schumann wurde am 03.07.1910 in Nürnberg geboren. Sie betätigte sich zusammen mit Ludwig Göhring an der Herstellung und Verbreitung von oppositionellen Zeitungen zur Schaffung einer Öffentlichkeit gegen den Nationalsozialismus. Nach der Festnahme Göhrings gab dieser unter Gewaltanwendung die Namen der Beteiligten preis, was schließlich zur Festnahme Schumanns im August 1933 führte. Sie saß daraufhin ein Jahr in Haft. Schumann verstarb am 10.01.1997 in Nürnberg.
Germaine Geiß: Germaine Geiß wurde am 11.02.1893 in Frankreich geboren. Sie arbeitete als Erzieherin und Handarbeitslehrerin in Nürnberg. Geiß verweigerte den sog. Hitlergruß und verlor deshalb ihre Stelle. Trotz einer Verwarnung erteilte sie jüdischen Familien weiterhin Privatunterricht. Geiß wandte sich offen gegen verbale Angriffe auf Juden und Ausländer. Sie wurde mehrfach inhaftiert und schließlich in das Frauen- Konzentrationslager Ravensbrück verbracht, aus dem sie am 24.04.1945 befreit wurde. Geiß verstarb am 29.07.1985 in Nürnberg.
Marie Haag: Marie Haag wurde am 01.06.1888 in Kaierberg geboren. Sie verdiente sich ihren Lebensunterhalt als Hausangestellte. Haag arbeitete stets für jüdische Arbeitgeber/-innen, was durch das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ vom 15.09.1935 verboten wurde. In der Reichsprogromnacht vom 09. auf den 10.11.1938 verwüstete die SA das Wohnhaus in der Gleißbühlstraße 13, wo auch Haag lebte. Sie erhielt in dieser Nacht von SA-Männern einen Schlag gegen den Kopf. In der Folge hatte Haag Schmerzen und Anfälle. Sie brach am 20.11.1938 zusammen und verstarb am 28.11.1938 im städtischen Nürnberger Krankenhaus.
Johanna Nemeskei: Johanna Nemeskei wurde am 15.08.1898 in Nürnberg geboren. Ihr Vater war der jüdische Opernsänger Josef Jakob Nemeskei (1865-1916). Nemeskei arbeitete unter anderem als Gesangspädagogin und Sängerin. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde sie aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen und durfte nicht arbeiten. Während des Zweiten Weltkriegs freundeten sie und ihre Schwester Paula sich mit einem italienischen Militärinternierten, der in Nürnberg Zwangsarbeit zu verrichten hatte, an. Sie versorgten ihn und sollen ihn auch bei sich aufgenommen haben. Außerdem waren die Schwestern gezwungen, unterzutauchen. Johanna Nemeskei verstarb im Jahre 1985.
Paula Nemeskei: Paula Nemeskei wurde am 27.06.1904 in Garitz geboren. Ihr Vater war der jüdische Opernsänger Josef Jakob Nemeskei (1865-1916). Sie betätigte sich literarisch und schrieb Gedichte, sowie Verse für Kinderbücher. Während des Zweiten Weltkriegs freundeten sie und ihre Schwester Johanna sich mit einem italienischen Militärinternierten, der in Nürnberg Zwangsarbeit zu verrichten hatte, an. Sie versorgten ihn und sollen ihn auch bei sich aufgenommen haben. Außerdem waren die Schwestern
gezwungen, unterzutauchen. Paula Nemeskei verstarb im Jahre 1989.
Anna Schwarm: Anna Schwarm wurde am 21.02.1879 in Burglengenfeld geboren. Sie war SPD-Mitglied und infolge des Todes ihres Mannes alleinerziehende Mutter. Zur Stadtratswahl 1919 kandidierte Schwarm als Vertreterin der USPD. Sie gehörte nach der Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts für Frauen und Männer ab 20 Jahren, im Jahr 1919, zu den ersten sechs Frauen, die in den Stadtrat einziehen konnten. Später trat sie für die SPD an und wurde 1924 und 1929 wieder in den Stadtrat gewählt. In den Jahren 1924 bis 1929, sowie 1931 und 1933 gehörte Schwarm dem Parteivorstand der Nürnberger SPD an und setzte sich auch innerhalb der Partei für die Belange der Frauenbewegung ein. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten war sie gezwungen, ihr Mandat niederzulegen. Am 10.06.1933 wurde Schwarm verhaftet und war bis zum 26.08.1933 im Frauengefängnis Aichach inhaftiert. Bis zu ihrem Tod am 15.09.1940 stand sie unter staatspolizeilicher Überwachung.
Emma Ullmann: Emma Ullmann wurde am 11.03.1884 in Schnaittach geboren. Sie war die Tochter eines jüdischen Kaufmanns und führte einen von ihrem Vater gegründeten Krämerladen. Ullmann bot dort ein breites Sortiment an, unter anderem auch „christliche und jüdische Devotionalien“. Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten lief ihr Geschäft schlecht. 1938 fasste sie den Plan, nach Amerika auszuwandern. Hierzu sollte es jedoch nicht mehr kommen, da sich SA-Männer in der Nacht vom 09. auf den 10.11.1938 gewaltsam Zutritt zu Ullmanns Haus verschafften. Sie wurde daraufhin verhaftet und am nächsten Tag zur Gestapo verbracht, wo man ihr aufgrund von Kontakten in die USA Spionage vorwarf. Außerdem wurde ihr verübelt, dass sie sich geweigert hatte, ihr Haus der NSDAP zu übergeben. Am 12.11.1938 verstarb Ullmann im Polizeipräsidium durch Erhängen. In den amtlichen Unterlagen wurde zwar von einem Suizid gesprochen, was jedoch von ihren früheren Nachbarn angezweifelt wurde.
Gertrud Steinl: Gertrud Steinl wurde am 17.03.1922 in Graslitz geboren. Sie war Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande und wurde von der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Steinl hat in der NS-Zeit Mut und Zivilcourage bewiesen, als Sie eine junge Jüdin aus Polen in ihrem Elternhaus versteckt und ihr damit das Leben gerettet hat. Am 16.03.2020 verstarb Steinl in Nürnberg.
Es wird vorgeschlagen, die neuentstehenden Straßen im Bereich des Bebauungsplans 4635 westlich der Brunecker Straße als
Berta-Backof-Straße
(nach Berta Backof, 1911-2001)
Ludwig-Göhring-Straße
(nach Ludwig Göhring, 1910-1999)
Lorenz-Hagen-Straße
(nach Lorenz Hagen, 1885-1965)
Alois-Jung-Straße
(nach Alois Jung, 1902-1971)
Oskar-Pflaumer-Straße
(nach Oskar Pflaumer, 1904-1933)
Friedrich-von-Praun-Straße
(nach Friedrich von Praun, 1888-1944)
Kunigunde-Schumann-Straße
(nach Kunigunde Schumann, 1910-1997)
Germaine-Geiß-Straße
(nach Germaine Geiß, 1893-1985)
Marie-Haag-Straße
(nach Marie Haag, 1888-1938)
Nemeskeistraße
(nach Johanna Nemeskei, 1898-1985 und Paula Nemeskei, 1904-1989)
Anna-Schwarm-Straße
(nach Anna Schwarm, 1879-1940)
Emma-Ullmann-Straße
(nach Emma Ullmann, 1884-1938)
Gertrud-Steinl-Straße
(nach Gertrud Steinl, 1922-2020)
zu benennen.
Hinweis zur Benennung von mehr Straßen nach Frauen:
In der Sitzung des Verkehrsausschusses vom 15.11.2018 haben Stadtverwaltung und Stadtratsmitglieder einmütig bekundet, dass mehr Straßen nach Frauen benannt werden müssen. Dies wurde auch in dem vom Stadtrat verabschiedeten Gleichstellungsaktionsplan festgelegt.
Von den im Zeitraum 01/2018 - 07/2022 beschlossenen 35 Straßenbenennungen erfolgten 24 nach Personen, davon 13 nach Frauen.