Werkstattbericht: Ausbildung von Schülerinnen und Schülern in Erster Hilfe
Mehr als 50.000 Menschen erleiden jedes Jahr in Deutschland einen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb eines Krankenhauses. Schon nach wenigen Minuten kommt es durch Sauerstoffmangel zu irreversiblen Schäden, die vor allem das Gehirn betreffen. Laienreanimation bzw. die Herz-/Lungenwiederbelebung bekommt hier einen sehr wichtigen Stellenwert, wobei festzustellen ist, dass diese Kompetenz in den letzten Jahren in Deutschland eine erhebliche Verbesserung erfahren hat im Vergleich zur Jahrtausendwende, als Deutschland im europäischen Vergleich nur das Schlusslicht darstellte. Die sogenannte Laienanimationsrate ist durch stetige Bemühungen in den letzten Jahren zwar langsam gestiegen, ist aber mit ungefähr 40% immer noch deutlich niedriger als bei anderen europäischen Nachbarn. Daher spielt vor allem die regelmäßige Ausbildung von Schülerinnen und Schülern schon in der Schule eine wichtige Rolle.1 Bayern ist aktuell eines der wenigen Bundesländer (neben Brandenburg und Mecklenburg- Vorpommern), in denen das Thema Erste Hilfe im Lehrplan eine besondere Rolle erhält. Die Stadt Nürnberg nimmt dabei als einzige bayerische Pilotgroßstadt eine Vorreiterrolle ein, insbesondere durch die kontinuierlichen Lehrerfortbildungskurse. Neben einem Erste-Hilfe- Kurs, den jede Schülerin und jeder Schüler im Laufe seiner Schullaufbahn einmal durchlaufen sollte, ist sind die Grundschulen und weiterführenden Schulen auf Basis des KMBeK „Ausbildung von Schülerinnen und Schülern in Erster Hilfe“2 vom 23. Juni 2019 (siehe unter Punkt 1.3) dazu angehalten, ab Jahrgangsstufe 7/8 im zweijährigen Turnus die Möglichkeit zu eröffnen, Kompetenzen im Bereich Wiederbelebung zu erwerben bzw. zu festigen, damit bei Verlassen der Schule die Schülerinnen und Schüler mehrfach insbesondere die bedeutsame Herz-Druck-Massage geübt werden konnte. Der Empfehlung, die benötigten Materialien wie z. B. Reanimationspuppen ohne Beatmungsfunktion in Abstimmung mit dem zuständigen Sachaufwandsträger oder mithilfe anderer Geldgeber anzuschaffen, kommt die Stadt Nürnberg nach (s. u.). Ab der Jahrgangsstufe 11/12 soll nach Möglichkeit zusätzlich die Defibrillation und die Reanimation durch Beatmung geübt werden. Dabei empfiehlt das Kultusministerium für die Anschaffung der benötigten Unterrichtsmaterialien die Zusammenarbeit mit einer ermächtigten Stelle.
Eine Evaluation, die im Jahre 2018 an den Nürnberger Schulen zum Thema Erste Hilfe
durchgeführt wurde, zeigte auf, dass sehr viele Schulen einen Schulsanitätsdienst aufweisen,
regelmäßige Auffrischungen der Lehrkräfte zum Thema erste Hilfe durchführen sowie jedem
Schüler bzw. jeder Schülerin einmal während der Schulzeit einen Erste-Hilfe-Kurs anbieten,
der den dazu geltenden Kriterien entspricht.
#Nürnberg Drückt
Die Initiative „#Nürnberg Drückt“ ist eine gemeinsame Initiative des Nürnberger Notärzte e. V. sowie der Jugendorganisationen von Bayerischem Roten Kreuz (Jugendrotkreuz), Arbeiter- Samariter-Bund, des Malteser Hilfsdienst und der Johanniter Unfallhilfe. Das Projekt bildet Lehrerinnen und Lehrer aus, damit diese die Kernkompetenz der Herz-Lungenwiederbelebung
- die Herzdruckmassage- regelmäßig mit den Schülerinnen und Schülern trainieren. Die
Schulen wurden bereits mit Klassensätzen à 20 Übungspuppen sowie allen benötigten Unterrichtsmaterialien ausgestattet, sodass der Unterricht jederzeit ohne organisatorischen Aufwand durchführbar ist. Insgesamt wurden an den weiterführenden wie beruflichen Schulen über 1.600 Übungsphantome ausgegeben. Dies erfolgte dankenswerterweise durch die
1 Daher wurde z. B. vom europäischen Rat für Wiederbelebung (ERC) die Kampagne KIDS SAVE LIVES ins Leben gerufen. Siehe: https://www.grc-org.de/arbeitsgruppen-projekte/3-1- Schulerreanimation-KIDS-SAVE-LIVES 2 https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayVV_2126_1_K_10488/true
finanzielle Unterstützung der ADAC Stiftung. In Zukunft werden die Reanimationspuppen im Rahmen der Sachaufwandsträgerschaft (Vorgabe Lehrplan) durch die Stadt Nürnberg beschafft. Ein Restbestand an Puppen wurde im Institut für Schulpädagogik und Psychologie (IPSN) in Nürnberg hinterlegt, um die Fortbildungen für Lehrkräfte dort anbieten zu können.
| zum einen das Ziel, neben den an den Schulen bereits ausgebildeten und | |
|---|---|
| zertifizierten Ersthelferinnen und Ersthelfern – Lehrkräfte aller weiterführenden und beruflichen | |
| Schulen Nürnbergs seit Oktober 2020 in sowohl einer theoretischen (virtuell) als auch | |
| praktischen Fortbildung zur Herzdruckmassage an Übungspuppen auszubilden. Das IPSN | |
| und das Staatliche Schulamt in der Stadt Nürnberg kooperieren dabei und bieten etwa acht | |
| bis zehn Angebote. |
Reanimation im Unterrichtsalltag an allen weiterführenden sowie beruflichen Nürnberger Schulen zu etablieren; dafür sollen alle Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse regelmäßig über das Schuljahr mit den genannten Maßnahmen unterrichtet werden. Für einen nachhaltigen Lernerfolg bezüglich der Herzdruckmassage reichen nach Forschungsergebnissen (Die Kampagne KIDS SAVE LIVES brachte dies aus ihrer Evaluation hervor) bereits zwei Schulstunden pro Jahr. Das Konzept von „Nürnberg drückt“ ist auf eine Stunde ausgelegt und kann z. B. auch kurzfristig bei einem Lehrkraftausfall durchgeführt werden.
Ergebnis der Evaluation
In regelmäßigen Abfragen an den Schulen werden verschiedene Aspekte rund um die ausgegebenen Reanimationspuppen beleuchtet. Darunter fielen:
Anzahl der verfügbaren bzw. nicht mehr funktionsfähigen Reanimationspuppen Frequenz der Nutzung der Reanimationspuppen und Frage nach Nutzergruppen Anmerkungen bzw. Verbesserungsvorschläge der Schulen
Die daraus stammenden Ergebnisse sind immanent wichtig für die Stadt Nürnberg als Sachaufwandsträger, da Erfahrungswerte bislang fehlten und somit keine Aussagen über die Neu- bzw. Ersatzanschaffungen getroffen werden konnten. Erfreulicherweise sind so gut wie keine der in den letzten vier Jahren ausgegebenen Puppen beschädigt, sodass die Schulen über die gesamte Anzahl der an sie ausgegebenen Reanimationspuppen verfügen können. Die Anzahl an verfügbaren Reanimationspuppen beläuft sich derzeit zwischen zehn (niedrigster Wert) und vierzig Stück pro Schule, wobei insbesondere die Größe der Schule (Anzahl an Schülerinnen und Schülern) sowie Schulzentren berücksichtigt werden müssen. Im Durchschnitt beläuft sich die Anzahl der Übungsphantome auf 19 Stück pro Schule.
Unterschiede gibt es in der Frequenz der Nutzung, wobei hier die Corona-Pandemie zum einen und die neue Fokussierung von Erster Hilfe im Lehrplan im Hintergrund berücksichtigt werden müssen. Ein Drittel der Schulen nutzt die Reanimationspuppen ein bis zwei Male pro Monat, ein weiteres Drittel gibt an, dass diese pro Halbjahr ein bis zwei Male zur Anwendung kommen. Ein Sechstel der Schulen meldete zurück, dass die Puppen mindestens einmal pro Jahr z. B. gezielt in Kursen verwendet werden.
Bezüglich der Nutzung der Reanimationspuppen nennen die Schulen in der Umfrage, dass der Schulsanitätsdienst (sofern gegeben) mehrere Male im Monat damit übt, dass die Lehrerschaft jährliche Erste-Hilfe-Auffrischungen, verschiedene Jahrgänge sowie das Schulpersonal (Offener Ganztag, Sekretariat u. a.) und Arbeitsgemeinschaften einen Erste- Hilfe-Kurs angeboten bekommen.
Primär steht die Herzdruckmassage im Zentrum der Reanimation der Schülerinnen und Schüler; daher erscheint die Maßnahme „Prüfen-Rufen-Drücken“ als zielführender Ansatz, wofür auch die Schulsanitätsdienste an den jeweiligen Schulen gut genutzt werden könnten;
das KMBek wünscht zudem, dass ab Jahrgangsstufe 11 auch die Beatmung (besser: Atemspende) bzw. das Benutzen eines Defibrillators geübt werden soll (s. o.).3 Derzeit ist die Atemreanimation aus mehreren Gründen für die Schulen mit einem hohen Dokumentationsaufwand plus ein enormer Arbeitsaufwand der Reinigung (z. B. Spülmaschine für Gesichtsmasken, Desinfektion der Puppe, Dokumentation der Reinigung und Desinfektion, Materialaufwand der Puppe) versehen. Daneben ist in Zusammenhang mit der Corona- Pandemie und den damit verbundenen Maßnahmen die Beatmungsreanimation derzeit kein Inhalt des Konzepts von „#Nürnberg Drückt“. Ziel muss sein, dass die Schülerinnen und Schüler in einer Notsituation ohne Scheu auf eingespielte Routinen zurückgreifen können. Dieser Ansatz entspricht auch den Empfehlungen der Experten, welche den Dreischritt „Prüfen
- Rufen – Drücken“ sowie die Durchführung einer adäquaten Herzdruckmassage fokussieren.
Zu Beginn der in Bayern gestarteten Initiative (Beginn 2018) gab es im Herbst 2020 in der Woche zur Wiederbelebung (ab dem 14. September 2020) eine Plakataktion durch die Initiative #Nürnberg Drückt“ in Nürnberg, die ein gutes Feedback erhielt, aber leider im Schatten der Corona-Pandemie stand.
Erste-Hilfe-Ausbildung der Lehrkräfte
Erste-Hilfe-Ausbildung für Lehrkräfte (siehe KMBek vom 18. November 2021)
In den Schulen Nürnbergs finden in einem Turnus von jährlich bis alle zwei Jahre Auffrischungskurse für die Lehrkräfte in Erster-Hilfe statt.
Um möglichst viele Lehrkräfte an den kommunalen Schulen auszubilden, wurde die Ausbildung in Erster Hilfe in das BEST4-Programm aufgenommen. Im Schuljahr 2020/21 haben 56 Lehrkräfte der kommunalen Schulen diese Gelegenheit wahrgenommen.
Für das kommende Schuljahr 2022/23 sind bereits sechs Termine für die Fortbildungskurse vorgesehen.
Ausbilderlehrschein für Lehrkräfte (KMBeK vom 30.05.2022)
Für Lehrkräfte besteht die Möglichkeit, einen Lehrschein und damit eine Ausbildergenehmigung zum schulischen Erste-Hilfe-Ausbilder zu erhalten. Die Kurse werden seitens der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen angeboten. Aufgrund der finanziellen Ressourcen wurden die Kurskapazitäten dort in diesem Schuljahr verdoppelt.
Weitere Gespräche mit hiesigen Ärzten und Hilfsorganisationen werden von Seiten der Schulverwaltung geführt, um aktuelle Maßnahmen und Konzepte zu besprechen und ggf. bei einer Ausweitung der für uns alle wichtigen Maßnahmen zu unterstützen.
3 https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayVV_2126_1_K_10488/true 4 BEST = Berufseinsteiger