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Sachverhalt Überhäufigkeit Jungen Jugendhilfe

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Jugendhilfeausschuss Soziales & Gesundheit

Maschinell extrahierter Text. Verbindlich ist das Originaldokument.

Beilage 6.1

zur Sitzung des Jugendhilfeausschusses vom 30.06.2022

Überhäufigkeit von Jungen in der Jugendhilfe

Sachverhalt

Das Jugendamt berichtet jährlich im Jugendhilfeausschuss über Entwicklungen und insbesondere Fallzahlen in den Hilfen zur Erziehung und anderen Hilfen, wie Eingliederungshilfen, Integrationshelfer etc. Dabei wird immer wieder deutlich, dass quer über die unterschiedlichen Angebote Jungen gegenüber Mädchen deutlich überrepräsentiert sind. Bundesstatistiken sowie Fachliteratur zu dieser Tatsache bestätigen, dass es sich hierbei nicht um ein „Nürnberger Phänomen“ handelt, sondern um einen grundsätzlichen Trend. Insbesondere ist zu vermuten, dass die Überhäufigkeit von Jungen in den Hilfen zur Erziehung mit einer gesellschaftlichen, institutionellen und personalen Reaktion auf tendenziell eher ausagierendes Verhalten von Jungen einhergeht.

Das Jugendamt hat die Diskussion zum Anlass genommen, sich näher aus unterschiedlichen Angebotsperspektiven mit diesem Umstand zu befassen. Die im Folgenden dargestellten Betrachtungen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder empirische Validität, sondern sollen einen Überblick vermitteln und eine Grundlage für die vertiefte Diskussion bieten.

Aus folgenden institutionellen Perspektiven wird die jeweilige Wahrnehmung bzw. die Fallzahlen abgebildet: Fachdienst Inklusion, Jugendsozialarbeit an Schulen, Integrationshelfer, Hilfen zur Erziehung, Jugendliche im Strafverfahren, Nutzung digitaler Medien, Gewalt an Jungen und durch Jungen, Systemsprenger.

1. Fachdienst Inklusion

Inklusion ist eines der 10 Kinderrechte der UN-Kinderrechtskonvention. Zur Umsetzung dieses Rechts in Nürnberg ging im Januar 2021 neben vielen anderen Aktivitäten der Fachdienst Inklusion im Jugendamt an den Start.

Die Bildung, Betreuung und Erziehung eines Kindes mit herausfordernden Verhaltensweisen beansprucht Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen sowohl pädagogisch als auch zeitlich in besonderem Maße. Hier setzt der neue Fachdienst Inklusion für Kindertageseinrichtungen beim Jugendamt mit seiner systemischen Sichtweise an. Zentrales Ziel des Fachdienstes Inklusion ist es, inklusive Bedingungen zu schaffen, die es Kindern mit herausforderndem Verhalten im sozial-emotionalen Bereich ermöglichen, sich im Alltag der Kindertageseinrichtung besser zurechtzufinden und am Angebot teilzuhaben. Durch die Unterstützung von Einrichtung, Eltern und Kindern ermöglicht der Fachdienst Inklusion, allen Beteiligten mit der jeweiligen Situation besser umzugehen. Der Ausschluss aus der Kindertageseinrichtung sowie eine Stigmatisierung soll dadurch vermieden werden.

Für den Fachdienst Inklusion können noch keine Langzeitergebnisse vorgelegt werden. Auffällig ist jedoch jetzt bereits, dass der Fachdienst eindeutig mehr Jungen als Mädchen betreut. Im Jahr 2021 begleitete der Fachdienst insgesamt 74 Fälle, davon 54 Jungs. Diese Jungen zeigen überwiegend nach außen agierendes Verhalten. Sie verletzen sich oder andere, zeigen aggressives Verhalten gegenüber anderen Kindern, Erwachsenen oder Sachen. Sie schupsen, beißen, hauen, zerstören oder werfen mit Gegenständen.

Hierzu gibt es von Seiten des Fachdienstes verschiedene Erklärungen und Hypothesen. Im frühkindlichen Bindungsverhalten zeigt sich, dass die Jungen ihre Bedürfnisse in vielen Fällen nicht so eindeutig wie Mädchen äußern, was dazu führt, dass „Feinzeichen“ schwieriger zu deuten sind. Das kann dazu führen, dass die Bindung zur Mutter bzw. dem Vater leidet. Mädchen agieren ihre Bedürfnisse im Kleinkindalter anders und eindeutiger nach außen, wodurch es häufiger zu einer stabilen Bindung zwischen

Eltern und Kind kommt. Somit müssen Jungs von klein auf ihre Bedürfnisse vehementer als Mädchen vertreten. Auch in der frühkindlichen Entwicklung sind Jungen oft langsamer als Mädchen. So können beispielsweise sprachliche Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Kindern zu körperlichen Auseinandersetzungen führen.

Darüber hinaus tritt das Asperger Syndrom überwiegend bei Jungen auf. Jungen erkranken viermal häufiger an Autismus als Mädchen (vgl. Bird / Ottleben, 2018). Die Autismusspektrumsstörung wird bei Mädchen häufig erst im Erwachsenenalter diagnostiziert, weil sie in der Gesellschaft länger zurechtkommen, bevor es auffällig wird.

Strukturell bedingt ist es außerdem so, dass Jungen Erwartungen, auch kulturell bedingt, an ihre Rolle als Mann kennen lernen und vermittelt bekommen, die oft von Stärke und Tapferkeit geprägt sind. Jungs dürfen keine Schwäche zeigen. Somit zeigen Jungen häufig ein nach außen gerichtetes Verhalten und lernen nicht adäquat mit ihren Gefühlen umzugehen.

Möglicherweise fehlt es den Kindertageseinrichtungen (wie später auch im Lehrkörper an Grundschulen) auch an Handlungsstrategien und -sicherheit im Umgang mit aggressivem Verhalten. Denn häufig ist im Alltagsbetrieb nicht die nötige Zeit vorhanden, um sich individuell mit der nötigen Intensität um einzelne Kinder zu kümmern. Pädagogisches Personal ist häufig mit diesem nach außen gerichteten Verhalten überfordert und stößt hier eher an seine Grenzen. Somit werden Kinder, die massiv nach außen agieren, häufiger beim Fachdienst Inklusion angemeldet und die Einrichtungen wünschen sich Unterstützung und neue Handlungsstrategien im Umgang mit diesen Kindern. Ruhiges, zurückgezogenes oder sogar depressives Verhalten wird weniger wahrgenommen und steht weniger im Fokus der Aufmerksamkeit. Das pädagogische Personal ist im Umgang mit diesem Verhalten vielleicht auch versierter.

Darüber hinaus sind Jungen grundsätzlich körperbetonter und agiler als Mädchen. D. h. sie brauchen mehr Bewegung und mehr körperbetonte Spiele. Diese Angebote kommen in vielen Einrichtungen zu kurz.

2. Jugendsozialarbeit an Schulen

Die Kolleginnen und Kollegen von JaS (Jugendsozialarbeit an Schulen) haben insgesamt 1.412 Einzelfälle aus allen Schularten (Grundschulen, Mittelschulen, Realschulen, Berufsschulen und Sonderpädagogischen Förderzentren) aus zwei JaS-Regionen (West und Nord-Ost) nach den Kategorien männlichweiblich ausgewertet. Insgesamt sind 57,09 % Jungen und 42,91 % Mädchen in der JaS Einzelfallhilfe.

Es wurde auch betrachtet, wie sich das verhält, wenn die JaS-Fachkraft männlich bzw. weiblich ist: Bei männlichen JaS-Fachkräften sind 54,7 % Jungen und 45,3 % Mädchen in der Einzelfallhilfe. Bei weiblichen JaS-Fachkräften sind 57,5 % Jungen und 42,5 % Mädchen in der Einzelfallhilfe.

Einzelfallhilfe ist zwar nicht gleichzusetzten mit Hilfen zur Erziehung, aber die Verteilung männlich/weiblich spiegelt doch eine Tendenz wieder.

Weil man einen besonderen Bedarf sieht, werden von JaS auch Projekte speziell für Jungen an den Schulen angeboten, wie den Fight Fair Club vom Jungenbüro oder Projekte, die sich mit Rollenverständnis und auch dem Thema „Männlichkeit“ auseinandersetzen, wie z. B. Heroes.

3. Integrationshelfer

Es zeigt sich insgesamt eine sehr stabile Verteilung von über 80% Jungenanteil. Diese Signifikanz dürfte ein weiterer Beleg für die Erklärungen zur Überhäufigkeit von Jungen in den Hilfen sein. Sie bestätigt deutlich, was an Begründungen aus den anderen hier dargestellten Bereichen geliefert wird.

Abb. 1: Integrationshelfer differenziert nach Geschlecht Integrationshelfer differenziert nach Geschlecht Entwicklung 2015 -2021

11,8 15,4 15,4 11,9 9,7 8,7 11,8
88,2 84,6 84,6 88,1 90,3 91,3 88,2

% n i lie t n 40 A

2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021

männlich weiblich

4. Hilfen zur Erziehung

Der Anteil an Erzieherischen Hilfen für männliche Kinder, Jugendliche und Heranwachsende verbleibt mit 63% auf hohem Niveau, ebenso gibt es innerhalb der verschiedenen Hilfearten- und Formen nur wenig Bewegung. So weisen die Hilfen im Bildungskontext (Integrationshelfer, Soziale Gruppenarbeit und Heilpädagogische Tagesstätten) weiterhin den höchsten Anteil an männlichen Kindern und Jugendlichen auf. Der signifikante Zuwachs an weiblichen Kindern und Jugendlichen im Bereich der Heimunterbringungen im Vorjahr hat sich nicht gehalten und verringert sich 2020 um 3%. Der niedrigste Anteil an männlichen jungen Menschen ist bei der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) zu verzeichnen (Stand: Juli 2021).

Abb. 2: Verteilung der Hilfearten nach Geschlecht Heimerziehung Vollzeitpflege Teilstationäre Hilfen SPFH männlich Integrationshelfer

56,0 % 44,0 %
57,0 % 43,0 %
80 ,9% 19 ,1%
55,2 % 44,8 %
91,3% 8,7%
6 5,9% 3 4,1%
78, 7% 21, 3%

weiblich

Erziehungsbeistand Soziale Gruppenarbeit

0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%

Auch bei den teilstationären Hilfen zeigt sich insgesamt eine sehr stabile Verteilung von über 80% Jungenanteil.

Abb. 3: Teilstationäre Hilfen differenziert nach Geschlecht Teilstationäre Hilfen differenziert nach Geschlecht Entwicklung 2015-2021

17,8 16,2 16,2 18 19,1 19,1 16,9
82,2 83,8 83,8 82 83,1
80,9 80,9

% n i lie t n 40 A

2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021

männlich weiblich

5. Jugendhilfe im Strafverfahren

Diverse Kriminalstatistiken belegen, dass „Jungen und Männer aller Altersgruppen eine um ein Vielfaches höhere Kriminalitätsbelastung aufweisen als Mädchen bzw. Frauen.“ (DVJJ, S. 3, 2019). Dies bestätigt auch das DJI in seiner Veröffentlichung vom Mai 2021. Ca. 70% bis 80% (variierend nach Altersgruppe) aller Tatverdächtigen waren im Jahr 2020 männlich (vgl. DJI, S. 7, 2021). Daneben weisen männliche Jugendliche auch ein höheres Viktimisierungsrisiko als Mädchen auf (vgl. DJI, S. 17 ff., 2021). Sie sind mehr als doppelt so häufig Oper von Gewaltkriminalität als weibliche Jugendliche (vgl. DJI, S. 17, 2021).

6. Nutzung digitaler Medien

„Jugendliche wachsen in Haushalten mit einem breiten Repertoire an Mediengeräten auf. In nahezu allen Familien sind Smartphones und Computer/Laptops vorhanden.“ – so wird es in der JIM-Studie (Jugend, Information, Medien – Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger), 2021 beschrieben (S. 67). Der Zugang zu und die Nutzung von Medien verschiedener Art ist für Jugendliche somit problemlos möglich. Viele Jugendliche besitzen auch selbst technische Geräte (vgl. JIM-Studie, 2021, S. 65 ff.). Auffällig ist, dass Jungen fast doppelt so häufig Spielekonsolen und Computer besitzen als Mädchen. Bei allen anderen Geräten gibt es hingegen keine signifikanten geschlechtsspezifischen Unterschiede (vgl. JIM-Studie, 2021, S. 7).

Jungen spielen zudem deutlich häufiger digitale Spiele und schauen häufiger Online-Videos als Mädchen (vgl. JIM-Studie, 2021, S. 14). Auch bei der geschätzten Spieldauer gibt es signifikante Geschlechterunterschiede (vgl. JIM-Studie, 2021, S. 67), was auf die höhere Affinität zu digitalen Spielen bei Jungen zurückzuführen ist. Anzumerken ist jedoch die Tatsache, dass laut eigener Aussage die tägliche online-Nutzung (Social media – ohne digitale Spiele) bei Mädchen leicht überwiegt (weibl.: 246min./Tag, männl.: 235min/Tag) (vgl. JIM-Studie, 2021, S. 33).

Interessant ist auch, dass Jungen tendenziell eher epische, actionreiche oder gefährliche Spiele spielen (FiFa, GTA5, Fortnite, Call of Duty, Minecraft etc.). Dies zeigt die zugrundeliegenden Bedürfnisse von Jungen auf, die sie versuchen über digitale Spiele zu befriedigen. Oftmals mischt sich dies mit den klassischen Rollen-Stereotypen überein (Krieger, Welt retten, Abenteuer, Wettkampf, etc.).

Die Folgen des Medienkonsums sind nur schwer mit Zahlen zu belegen. Einig ist sich die Fachwelt mittlerweile, dass es keine monokausalen Zusammenhänge gibt, sondern dass immer viele Faktoren

für verschiedenes Verhalten greifen. Außerdem kann man nicht sagen, ob Mediennutzung ursächlich oder symptomatisch ist. Man spricht deshalb mehr von möglichen Folgen, da man de facto nicht sagen kann, „Wenn du diese Medien solange nutzt, passiert das …“.

In Bezug auf exzessive Nutzung liegt es auf der Hand, dass mehr Jungen ein problematisches Nutzungsverhalten aufzeigen, da auch signifikant mehr Jungen spielen. Interessant hierbei sind wieder die qualitativen Aspekte, wie die Motive/Bedürfnisse und Kompensationen in Bezug aufs digitale Spielen. Hier finden sich dann auch Antworten, wie man Jungen pädagogisch/präventiv (oder therapeutisch) begleiten kann für eine sogenannte „game-life-balance“.

In Bezug auf Jungen-Gesundheit ginge es also auch vor allem darum, wie man Jungen in ihrer Entwicklung stärken kann (Stichwort: Pädagogische Jungenarbeit) sowie Fragen, wie „Wie gehst du mit Stress und Konflikten um?“, „Was begeistert dich so am Spielen und was versuchst du mit dem Spielen zu erreichen?“ oder „ Was könntest du alternativ zum Spielen machen?“ etc.

7. Gewalt an Jungen und durch Jungen

(Beobachtungen aus dem Jungenbüro des Schlupfwinkel e.V.)

Überlegungen aus dem Jungenbüro zur Thematik „Überhäufigkeit von Jungen in der Jugendhilfe“ oder: Warum viele Jungs manchmal so sind, wie sie sind, obwohl sie oft gerne ganz anders wären.

Lothar Böhnisch und Reinhard Winter haben 1993 einige Prinzipien formuliert, die Jungen erfüllen müssen, um als Mann angesehen zu werden. Auch wenn wir im Kleinen ab und zu den Eindruck bekommen, es hätte sich was geändert, gelten diese im Großen nach wie vor:

 Externalisierung: Männlich ist … sich nicht mit der eigenen Innenwelt zu beschäftigen  Gewalt: … sich selbst und andere zu dominieren  Stummheit: … nicht über Befinden/Empfindungen zu sprechen  Alleinsein: … ohne Unterstützung auskommen  Körperferne: … den eigenen Körper zu vernachlässigen, Körpersignale auszublenden und einen instrumentellen Körperbezug zu unterhalten  Rationalität: … Emotionale abzuwerten und zu verdrängen  Kontrolle: … sich selbst und seine Gefühle im Griff haben

(entnommen aus: Theunert / Luterbach, 2021, S. 56)

Diese Prinzipien werden uns allen durch Kinderbücher, Spielzeug, Filme, Serien, Werbung und Games vermittelt. Da die meisten Kinder im Aufwachsen danach streben, „normal“ zu sein, versuchen die meisten Jungen, diese Anforderungen zu erfüllen.

Gleichzeitig deuten Erwachsene, die ja die gleichen Erwartungen an Jungen haben, die Erfüllung dieser Prinzipien oft als Reife. So wird bei Jungen zwar bspw. die Ausübung von Gewalt getadelt, gleichzeitig drängt sich aber auch der Gedanke auf, er könne schon für sich selbst sorgen. Auf der anderen Seite werden Jungen, die Gewalt erfahren haben, weniger als Betroffene wahrgenommen. Wenn sich ein Junge aber Hilfe sucht, wird er natürlich mit seinen Sorgen angenommen, häufig aber verbunden mit der unterbewussten Interpretation, dass er eben noch nicht „für sich selbst“ sorgen kann. Das führt dazu, dass Jungen häufig früher als Mädchen die emotionale Nähe der Eltern entzogen wird und sie oft früher größere Freiräume bekommen, dabei aber auf sich alleine gestellt sind.

Neben diesen Aspekten führen sicher noch weitere Faktoren zur Überhäufigkeit von Jungen in der Jugendhilfe. Die genannten Punkte sind aber mit den meisten von ihnen verbunden und zeigen in besonderer Weise die gesellschaftliche Notwendigkeit, dass wir die Palette von möglichen, akzeptierten Verhaltensweisen für Jungen und Männer auf eine ansprechende Art und Weise erweitern müssen. In der Arbeit mit Jungen, deren Eltern sowie Bezugspersonen aber auch in unserem eigenen Umfeld bzw. in uns selbst.

8. Systemsprenger

Anders als bei den vorgenannten Hilfebereichen ist bei den sog. Systemsprengern kein signifikanter Geschlechterunterschied nachweisbar.

Der Begriff Systemsprenger hat sich zum Fachterminus etabliert, obwohl er in normativer oder wissenschaftlicher Hinsicht in keiner Weise konkretisiert ist. Vielmehr bringt der Begriff die Überforderung von Regel- und Hilfesystemen zum Ausdruck. Eine belastbare Grundlagenforschung oder aber auch Empirie zu der Gruppe der sog. Systemsprenger gibt es nicht. Tatsächlich zeigt aber die Praxis über alle Alterskohorten vom Kindergarten bis ins Jugendalter eine komplette Heterogenität. Unter den Systemsprengern finden sich sowohl Kinder und Jugendliche aus gutbürgerlichen und bildungsnahen Milieus wie auch aus sozial vollständig desintegrierten und dysfunktionalen Familien, die in keiner Weise ihrem Erziehungsauftrag gewachsen sind. Die Kinder und Jugendlichen bewegen sich im gesamten Spektrum von geistiger Behinderung, Lernbehinderung bis hin zu intellektueller Hochbegabung oder dem autistischen Spektrum. Ihr Verhalten ist von einem hohen Maß an Selbst- und Fremdgefährdung geprägt. Häufig haben sie „Jugendhilfe- und Psychiatriekarrieren“ bereits hinter sich und stellen die Jugendämter vor mitunter unlösbare Aufgaben bei der Suche nach geeigneten Anschlusshilfen.

(weiterführende) Literatur

Bayerisches Landeskriminalamt (Hrsg.) / SG 511 – Kriminologische Forschungsgruppe (KFG): KHK+ Michael Laumer, M.A.: Kriminalität und Viktimisierung junger Menschen in Bayern 2019 Sonderteil: Verbreitung von Pornografie unter Jugendlichen – Eine Analyse polizeilicher Sachverhalte, München, 2020, http://www.polizei.bayern.de/kriminalitaet/statistik

Bird, Julia / Dr. Ottleben, Ilka: Erklärung gefunden – Autismus: Warum Jungen deutlich häufiger erkranken als Mädchen, 2018, Autismus: Warum Jungen deutlich häufiger erkranken als Mädchen (vogel.de)

Deutsches Jugendinstitut e.V. (DJI): Zahlen – Daten – Fakten Jugendgewalt, Arbeitsstelle Kinderund Jugendkriminalitätsprävention, München, 2021

Deutsche Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen e.V. (DVJJ): Zum Stand der Jugenddelinquenz in Deutschland eine Auswertung der Polizeilichen-Kriminalstatistik, Hannover, 2019

Hausschild, Jana: Kinderpsychologie Jungen sind verhaltensauffälliger als Mädchen, Spiegel, 25.04.2013

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: JIM-Studie 2021: Jugend, Information, Medien – Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger, medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (Hrsg.), Stuttgart, 2021, JIM-Studie 2021 (mpfs.de)

Theunert, Markus / Luterbach, Matthias: Mann sein …!? Geschlechterreflektiert mit Jungen, Männern und Väter arbeiten. Ein Orientierungsrahmen für Fachleute, Beltz Juventa, Weinheim, Basel,

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