Beilage 4.1
Sitzung des gemeinsamen Schul- und Jugendhilfeausschusses vom 30.06.2022
Sachverhalt (Kurzfassung)
Die familienfreundliche Schule
Erziehungs- und Bildungspartnerschaft in Nürnberg
Anspruch und gesellschaftspolitischer Auftrag
Mit dem Programm „Die familienfreundliche Schule – Erziehungs- und Bildungspartnerschaft in Nürnberg“ setzt sich die Stadt Nürnberg seit vielen Jahren für gerechte Bildungs- und Teilhabechancen von Schulkindern ein. Im Schuljahr 2021/2022 sind 30 Mitgliedsschulen im Verbund.
Grundlagen des Programms
Als Handreichung und Arbeitshilfe steht den Mitgliedsschulen das Handbuch familienfreundliche Schule digital zur Verfügung. Mit den umfassenden Erläuterungen der zentralen Inhalte, der jeweils aktuellen Fassung des Angebotskatalogs und allen Formularen wie Evaluationsbögen, bildet es die Basis allen schulischen Engagements als familienfreundliche Schule. Das Handbuch kann auf der Homepage: www.familienfreundliche-schule.nuernberg.de eingesehen werden. Wesentliche Punkte werden im Folgenden vorgestellt:
Präambel: „Die familienfreundliche Schule stärkt durch Erziehungs- und Bildungspartnerschaft die Chancen aller Kinder auf Bildung und Teilhabe an der Gesellschaft. Grundgedanken: Die Schule ist Lern-, Lebens- und Erfahrungsraum und öffnet sich nach innen und außen. Es wird eine Kultur des Miteinanders gelebt, die von Respekt und Wertschätzung geprägt ist. Den Eltern werden Möglichkeiten der Teilhabe und Mitwirkung am Schuleben eröffnet. Die Familien erhalten Unterstützung durch gut verankerte Erziehungs-, Bildungs- und Beratungsangebote. Die pädagogischen Mitarbeiter/-innen bilden sich im Sinne der Qualitätsstandards fort. Die Inhalte und die Umsetzung der Qualitätsstandards werden im Team erarbeitet und transparent allen Beteiligten weitergegeben. Die Umsetzung der Qualitätsstandards liegt in der Verantwortung der einzelnen Schule.“ Die Präambel hängt als Plakat in den Mitgliedsschulen.
Qualitätsstandards
Fünf Qualitätsstandards sind die Basis und bilden die Struktur für die Umsetzung einer Erziehungs- und Bildungspartnerschaft an der Schule: 1. Familienfreundlicher Lebensraum 2. Öffnung der Schule – Kooperation und Vernetzung 3. Beteiligung und Mitwirkung der Eltern 4. Familienbildung: Fortbildung und Qualifizierung für alle Eltern 5. Lehrerfortbildung und Qualifizierung für alle an Erziehung und Unterricht Beteiligten
Angebotskatalog
Exklusiv für die Mitgliedsschulen stellt die Koordinationsstelle mittels des Angebotskatalogs „Die familienfreundliche Schule“ ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm zur Verfügung, das der Umsetzung der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft dient. Die Koordinationsstelle ist für die inhaltliche Planung, die Akquise der Referentinnen und Referenten, die Zusammenarbeit mit Organisationen, die Evaluation und für die fortlaufende Aktualisierung zuständig. Der Angebotskatalog ist gewissermaßen das Herzstück des Programms. Aus diesem wählen die Mitgliedsschulen für sie relevante Familienbildungsan-
gebote, Fortbildungen, Projekte, etc. aus. Der Angebotskatalog des Schuljahres 2021/22 umfasst aktuell 103 Veranstaltungen für Eltern, Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte, Ehrenamtliche sowie Schülerinnen und Schüler.
Kriterien der Mitgliedschaft
Das Programm richtet sich an Grund, Mittel- und Förderschulen. Es können sich bis zu 30 Schulen beteiligen. Im Schuljahr 2021/22 sind 30 Mitgliedsschulen im Verbund. Davon 19 Grundschulen, sieben Mittelschulen, eine Grund- und Mittelschule und drei Förderzentren. Die Warteliste umfasst aktuell neun Schulen. Die Mitgliedschaft ist freiwillig. Bedingung ist die Erfüllung der fünf Qualitätsstandards (s.o.) über einen Zeitraum von zwei Jahren. Zum Nachweis erstellen die Mitgliedsschulen eine schulspezifische Dokumentation, in der sie beschreiben, wie sie Erziehungs- und Bildungspartnerschaft umsetzen. Dies trägt wesentlich zur Qualitätssicherung bei. Darüber hinaus gibt es an jeder Schule ein Team, das gemeinsam mit der Schulleitung die Umsetzung der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft gestaltet, Kontakt zur Koordinationsstelle hält und für den Informationsfluss innerhalb der Schule zuständig ist.
Schule als Ausgangspunkt
Das Programm „Die familienfreundliche Schule“ setzt direkt an der Schule an, weil Schule ein wesentlicher Bildungsort und ein entscheidender Sozialisationsfaktor ist. Durch die geltende Schulpflicht sind alle Kinder dort „zu finden“. Im Bayerischen Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG) wird ausdrücklich auf den Bildungs- und Erziehungsauftrag von Schule verwiesen. In Kooperation mit Jugendhilfeangeboten sollen Familien in ihrem Erziehungs- und Bildungsauftrag unterstützt und ins schulische Geschehen eingebunden werden. Im Mittelpunkt steht dabei immer das Kind. Schule als ein Ort, an dem Eltern/Erziehungsberechtigte Unterstützung finden, um wiederum ihre Kinder bestmöglich begleiten zu können.
Aufgaben der Koordinationsstelle
Der Koordinationsstelle obliegt die Gesamtkoordination des Programms. Hierbei arbeitet sie mit dem Staatlichen Schulamt, der öffentlichen Jugendhilfe und dem Nürnberger Elternverband eng zusammen. Die Koordinationsstelle unterstützt und begleitet die Mitgliedsschulen hinsichtlich einer familienfreundlichen Ausrichtung. Die Mitgliedsschulen erhalten sowohl bei der Konzipierung als auch bei der Umsetzung ihrer familienfreundlichen Ausrichtung eine individuell auf die Schule zugeschnittene und prozessorientierte Unterstützung und Begleitung. Dies beinhaltet auch finanzielle Unterstützung, bzw. Sponsorenakquise für schulische Projekte. Die Koordinationsstelle ist für die Mitgliedsschulen die zentrale Anlaufstelle.
Stärken und Erfolgsfaktoren
Das Programm „Die familienfreundliche Schule – Erziehungs- und Bildungspartnerschaft in Nürnberg“ ist seit vielen Jahren gut in der Jugendhilfe und Schullandschaft etabliert und leistet einen wesentlichen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit. Von Anfang an war es uns wichtig, dass das Programm als Prozess angelegt ist, das heißt, das Bemühen um eine erfolgreiche Erziehungs- und Bildungspartnerschaft endet nicht. Erfolgsfaktor Beständigkeit: Viele Abläufe sind mittlerweile standardisiert, wie das Prozedere rund um die Buchung von Veranstaltungen, Dokumentation und Qualitätssicherung. Die Treffen in den verschiedenen Gremien sind ritualisiert. Die Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Schulamt in der Stadt Nürnberg und dem Nürnberger Elternverband (NEV) ist gut eingespielt und vertrauensvoll. Bewährte Bausteine im Sinne einer Erziehungs- und Bildungspartnerschaft wurden an vielen Mitgliedsschulen etabliert. Erfolgsfaktor Flexibilität: Je nach den Bedingungen vor Ort und der jeweiligen Zusammensetzung der Schüler- und Elternschaft und den Bedarfen der Schulfamilie wählt jede Mitgliedsschule ihre familienfreundlichen Schwerpunkte selbst aus und entwickelt hierfür entsprechende Konzepte. Dementsprechend erhalten die Mitgliedsschulen eine individuell auf sie zugeschnittene, prozessorientierte Unterstützung durch die Koordinationsstelle. So gibt es eine große Vielfalt der Umsetzung von Erziehungsund Bildungspartnerschaft an den verschiedenen Mitgliedsschulen.
Motivation von Eltern – beständig und flexibel Als zentrales Thema beschäftigt uns fortwährend, wie wir Eltern zur Zusammenarbeit mit Schule und Jugendhilfe motivieren können und hier dürfen wir auch nicht nachlassen immer wieder neue Wege zu finden. Eltern sind die wesentlichen Bildungsbegleiter ihrer Kinder und wir unterstützen sie entsprechend, damit sie ihrer Aufgabe gut nachkommen können. Grundsätzlich hat sich gezeigt, dass viele Eltern aktiviert werden, wenn sie an der Schule willkommen sind und ihnen die Möglichkeit zum Engagement in der Schule ihrer Kinder gegeben wird. Wichtig ist, die Heterogenität der Eltern zu berücksichtigen, denn Eltern sind keine homogene Gruppe, sie haben unterschiedliche familiäre, kulturelle und sozioökonomische Hintergründe. Deshalb bieten wir unterschiedliche Zugänge und Unterstützungsformate. Die zentralen Fragen sind: Für welche Eltern (adressatenspezifisch) ist welches Setting (Einzelgespräche, Vorträge, Kurse, Gruppenangebote…) geeignet?
Aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen – Flexibilität Flexibel reagieren wir auf die gesellschaftlichen Herausforderungen auch in Zeiten von Krisen. Wie zuletzt auf die Pandemie und auf den Krieg in der Ukraine. Mit den Schulschließungen kam es zunächst zu einem abrupten Stopp fast aller Aktivitäten. So mussten u.a. in der zweiten Hälfte des Schuljahres 2019/20 58 bereits vorbereitete und gebuchte Veranstaltungen und viele Vorhaben an den Schulen abgesagt werden. Alternativen waren gefordert. Nach Beratung im Kooperations- und Fachteam haben wir bereits in 2020 reagiert, um Eltern nicht alleine zu lassen. Zunächst haben wir mehrsprachige Informationen rund um das Thema Pandemie zusammengestellt. Parallel dazu arbeiteten wir daran, möglichst viele Veranstaltungen aus dem Angebotskatalog nun auch online anbieten zu können, da nicht absehbar war, wann Präsenzveranstaltungen an den Schulen wieder möglich sein würden. Dieses Format bauten wir kontinuierlich aus. Zu Beginn waren es im zweiten Halbjahr des Schuljahres 2019/20 drei Online-Angebote, im Schuljahr 2020/21 bereits 29. Im aktuellem Schuljahr 2021/22 sind es 61 Online-Veranstaltungen. Gemeinsam mit dem Kinderschutzbund haben wir u.a. den „Virtuellen Elterntreff – Wir für Familien – online“ eingerichtet. Wir wollten Eltern in dieser belastenden Krise eine Plattform bieten, wo sie sich mit anderen Eltern und Profis zu Problemen, die sich aus der Pandemie heraus ergaben, auszutauschen konnten und Unterstützung erhielten.
Aktuell hat das Thema „Krieg in der Ukraine“ in unser Programm Einzug gefunden. Dank unseres langjährigen Kooperationspartners, dem Fränkischen Bildungswerk für Friedensarbeit, konnten wir bereits ab Ende März 2022 Online-Veranstaltungen für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte, als auch für Eltern zum Thema „Wie mit den Kindern über den Frieden und den Krieg sprechen?“ anbieten.
Vernetzung – Beständigkeit Es erleichtert das Arbeiten enorm, dass die enge Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Schulamt, der öffentlichen Jugendhilfe (z. B. Jugendsozialarbeit an Schulen, Kooperation Polizei – Jugendhilfe – Schule (PJS), Kinderschutz, Koordination Jugendhilfe – Schule, Familienbildung, Erziehungsberatungsstellen, Stadtteilkoordination), dem Nürnberger Elternverband (NEV) sowie mit vielen externen Kooperationspartnern (z. B. Kinderschutzbund, NEST - Nürnberger Elternbüro Schulerfolg und Teilhabe, Bildungszentrum) beständig und zuverlässig ist. Jeder einzelne Kooperationspartner unterstützt und bereichert das Programm und die Vernetzung untereinander wirkt sich positiv auf das Gesamtziel aus.
Ausblick: Bewährtes etablieren – Neues auf den Weg bringen
Nicht zuletzt zeigen uns Krisen, dass es viel zu tun gibt. Gut, dass es erprobte Konzepte und ein breites Spektrum an Grundthemen gibt. Gleichzeitig ist es wichtig, auf aktuelle Ereignisse schnell zu reagieren und neue Wege zu gehen, beständig und flexibel.
Wir wollen uns auch künftig für Bildungsgerechtigkeit einsetzen und die Chancen aller Kinder auf Bildung und Teilhabe an der Gesellschaft stärken. Mit einer erfolgreichen Erziehungs- und Bildungspartnerschaft von Eltern, Schule, Jugendhilfe und Kooperationspartnern kann die familienfreundliche Schule gelingen.