Beilage 2.1 zur Sitzung des Jugendhilfeausschusses vom 28.04.2022
Umgang mit Diversität und Vielfalt in der Kita
1. Einleitung
Über Diversität und/oder Vielfalt in Kitas und den Umgang damit wird viel gesprochen, gibt es viele Meinungen, viel zu lesen und auch schon viel an Praxiserfahrung. Auch und insb. hier bei uns in Nürnberg, wo eine vielfältige Stadtgesellschaft schon lange zur Normalität gehört. Klar ist, dass die Debatte zu diesem Thema in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung kein Thema ist, welches sich ausschließlich auf den Zuwanderungskontext beschränkt. Neben dem Herkunftshintergrund sind Familienkonstellationen, Werte- und Weltanschauungen, Religion, Geschlechterrollen, Behinderungen und soziale Lebenslagen weitere Facetten, die Diversität und Vielfalt in unseren Einrichtungen zum Ausdruck bringen und Einfluss auf den Kitaalltag haben.
Der Umgang damit ist nicht neu und längst Alltagspraxis in den Kitas. Doch heute stellen sich andere quantitative und qualitative Anforderungen, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war. Auf der quantitativen Seite tragen die Rechtsansprüche auf einen Kita-Platz sowie der damit korrespondierende massive Ausbau von Betreuungsplätzen in den letzten Jahren dazu bei, dass immer früher und immer mehr Kinder die Einrichtungen besuchen. Auf der qualitativen Seite haben sich zum einen die Anforderungen an die interkulturelle Kita-Arbeit verändert, insb. durch den Zuzug neuer Zuwanderungsgruppen im Zuge der umfassenderen EU- Zuwanderung seit 2010 sowie der ab 2015 enorm gestiegenen Anzahl von Schutzsuchenden aus nicht-europäischen Herkunftsländern im Zuge der Fluchtzuwanderung. Und nun ganz aktuell auch wieder durch Flucht und Vertreibung aus dem Kriegsgebiet der Ukraine. Es ist mittlerweile keine Seltenheit mehr, dass in großen Kitas Familien mit 20 verschiedenen Erstsprachen betreut werden und diese dort zusammentreffen und ihren Alltag verbringen. Auf der anderen Seite zeigt sich eine Ausdifferenzierung der Förderbedarfe analog der zunehmend ausdifferenzierten Lebenslagen von Familien in Bezug auf deren Einkommenssituation, Armutsrisiko, Wohnsituation, Bildungsstand und soziale Teilhabe. Hinzu kommt, dass durch die Corona-Pandemie nicht nur ein Aufholbedarf an Lern- und Entwicklungsrückständen bei vielen Kindern entstanden ist, sondern sich auch bereits vorher bestehende Ungleichheiten in Bildungs- und Entwicklungschancen von Kindern, insb. bei den vulnerablen Gruppen, nochmals verschlechtert haben.
Die Entwicklungen zusammen haben zur Folge, dass sich die Zusammensetzung der Kinder in den Kitas und deren Förderbedarfe zunehmend ausdifferenzieren und die damit verbundenen Herausforderungen für die Praxis der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung an Komplexität gewonnen haben. Unsere Fachkräfte in den Kitas erleben dies wie folgt: „Vielfalt ist Alltag, Vielfalt ist eine Bereicherung für alle Kinder und das Personal, der Umgang mit Vielfalt ist aber auch eine zunehmend große Herausforderung!“ Wir merken in der Praxis, dass die Entwicklungen der letzten Jahre in Teilen schon eine Verunsicherung bei den Fachkräften zur Folge haben, neue Wissensbedarfe entstanden sind und es auch noch Entwicklungsbedarfe für einen professionellen Umgang mit Diversität und Vielfalt im Kita-Alltag gibt.
Die genannten Herausforderungen finden in Nürnberg bereits seit Jahren Eingang in die Förderung von Entwicklungen auf der strukturellen und konzeptionellen Ebene sowie in Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen zur fortlaufenden Professionalisierung der Praxis. Berichterstattungen und Beschlüsse zu einzelnen Angeboten und Maßnahmen standen auch schon auf der Tagesordnung des Jugendhilfeausschusses. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung zu Weiterentwicklungsperspektiven im Bereich der interkulturellen Kita-Arbeit fand zuletzt im Jahr 2019 auf Basis der Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage in Nürnberger Kitas zum Thema „Migration und Integration in der Kita“ statt1. Ausgehend von den Befunden der Befragung hatte sich die Verwaltung zum Ziel
1 siehe „Bericht zur Befragung "Migration & Integration in der Kita" im Jugendhilfeausschuss vom 19.12.2019
gesetzt, eine „Qualitätsentwicklungsoffensive zum Umgang mit Diversität und Vielfalt in der Kita“ unter Beteiligung der freien Träger auf den Weg zu bringen. Trotz der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Betriebseinschränkungen und der monatelangen Notbetreuung in den Kitas ist es gelungen, in den Jahren 2020 und 2021 hierzu wichtige Entwicklungen anzustoßen und umzusetzen. Mit der Ausschussvorlage erhalten die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses eine aktuelle Übersicht zu den zentralen Maßnahmen und Planungen, um darauf basierend in der gemeinsamen Diskussion Impulse für die weitere Arbeit ableiten zu können.
- Qualitätsentwicklungsoffensive zum Umgang mit Diversität und Vielfalt in der Kita:
Zentrale Maßnahmen und Entwicklungen
2.1 Weiterentwicklung und Verstetigung von Angeboten der interkulturellen Kita-Arbeit im Förderprogramm „Qualitative Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung in Nürnberg“ Im Zuge der Fortschreibungen 2019-20202 und 2022 - 20233 konnten wichtige Angebote im Bereich der interkulturellen Kita-Arbeit weiterentwickelt und verstetigt werden: Mit der „Kitaförderung plus“ werden engagierte und innovative Einrichtungen und Träger finanziell bei der Durchführung von Projekten unterstützt, die aufgrund sozialräumlicher Bedingungen und Herausforderungen. z.B. im Bereich der Integrationsarbeit, besonders belastet sind. Durch die Förderungen der Maßnahme „Elternbegleiterinnen und -begleiter“ unterstützen speziell qualifizierte pädagogische Fachkräfte die integrierte Familienarbeit in den Kitas. Ziel der Arbeit der Elternbegleiterinnen und -begleiter ist es, Eltern dabei zu unterstützen, den Bildungsweg ihrer Kinder schon in frühen Jahren aktiv zu begleiten. Dieses Unterstützungsangebot soll insb. Kindern aus bildungsfernen und sozial belasteten Familien zu Gute kommen und deren Bildungs- und Teilhabechancen verbessern. Durch das Qualifizierungsprogramm „frühstart“ werden die pädagogischen Mitarbeitenden in den Kitas durch Teambegleitungen bei der oft herausfordernden Arbeit unterstützt. Thematische Schwerpunkte sind der Umgang mit den Schlüsselthemen „Vielfalt” und „Partizipation” in der Kita, für deren Umsetzung im Kita-Alltag Reflexion, Unterstützung und Impulse hilfreich und notwendig sind. Dabei wird die jeweilige individuelle Situation vor Ort berücksichtigt, mit dem Ziel, die methodischen, fachlichen und persönlichen Kompetenzen der Teammitglieder zu erweitern und dabei auf deren Ressourcen aufzubauen. Bei diesem Integrationsangebot „Mama & Papa starten durch“ für Eltern mit Flucht- bzw. Zuwanderungsgeschichte handelt es sich um einen Einführungskurs in die deutsche Kultur, Sprache und hiesigen Gepflogenheiten, den Umgang mit Ämtern und in den Nürnberger Familienalltag. Das Angebot „Schultüte“ richtet sich ebenfalls an Eltern mit Fluchterfahrung und/oder Zuwanderungsgeschichte und deren Vorschulkinder. Es werden die gleichen Ziele wie beim vorangegangenen Projekt verfolgt, jedoch fokussiert auf das Thema Einschulung. Mit dem Bundesprogramm „Kita-Einstieg“ fördert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) seit 2017 niedrigschwellige Angebote, die den Zugang zur Kindertagesbetreuung vorbereiten und unterstützend begleiten sollen. Die Angebote richten sich gezielt an Eltern und Kinder, die bisher nur unzureichend von der Kindertagesbetreuung erreicht werden, z.B. Familien mit Fluchterfahrung und/oder Zuwanderungsgeschichte. Diese erhalten über „Eltern-Kind-Gruppen“ und Beratungsangebote durch sog. ÜbergangsbegleiterInnen einen ersten Einblick in das System der Kindertagesbetreuung und werden über die Möglichkeiten der frühen Bildung in Deutschland informiert. An dem Projekt beteiligt sich neben der Stadt Nürnberg auch die Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Nürnberg e.V., Diakoneo KdöR, die Katholische Kirchenstiftung St. Ludwig und das Institut für Soziale und Kulturelle Arbeit Nürnberg (ISKA). Mit Auslaufen der Förderung durch das BMFSFJ Ende 2022 sollen zentrale Bausteine des Förderprojektes mit Mitteln des kommunalen Förderprogramms „Qualitative Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung in Nürnberg“ verstetigt werden. Mit Blick auf die Auf-
2 siehe „Qualitative Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung in Nürnberg - Fortschreibung 2019 - 2020“ im Jugendhilfeausschuss vom 04.10.2018 3 siehe „Qualitative Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung in Nürnberg - Fortschreibung 2022 - 2023“ im Jugendhilfeausschuss vom 30.09.2021
nahme von Kindern aus der Ukraine in der Kindertagesbetreuung wird derzeit allerdings diskutiert, das Bundesprogramm „Kita-Einstieg“ ggf. zu verlängern. Dadurch stünden den Kommunen auch weiterhin Bundesmittel zur Durchführung dieser wichtigen Angebote zur Verfügung. Der Ausbau von Kitas zu „Familienzentren“ und „Kitas als Orte für Familien" erfolgt in Nürnberg seit dem Jahr 2008, um gezielt auch sozial belastete Familien besser erreichen und unterstützen zu können. Einrichtungen nach diesem Betriebskonzept erweitern das reguläre Angebot der Kindertageseinrichtung um spezifische, auf Familien bezogene Unterstützungsangebote. Dazu zählen unter anderem Information und Beratung durch Fachdienste, Angebote der Familienbildung als auch Angebote zur Unterstützung am Übergang Kindergarten-Grundschule. Außerdem finden eine verstärkte Kooperation mit anderen Einrichtungen und Institutionen im Stadtteil sowie eine Vernetzung der Angebote für Familien im Stadtteil statt. Für diese Aufgaben erhalten die Einrichtungen zusätzliche Ressourcen, um im Sinne einer „positiven Diskriminierung“ vor Ort niedrigschwellig zugängliche Angebote zur Förderung der Partizipation insb. für benachteiligte Familien vorhalten zu können. Insgesamt stehen mit Stand 2021 36 Orte für Familien zur Verfügung, davon 20 bei freien Trägern. Darüber hinaus gibt es nach aktuellem Stand 12 Familienzentren, davon 7 in freigemeinnütziger und sonstiger Trägerschaft. Ab 2024 soll am Aufseßplatz und ab 2025 an der Regensburger Straße jeweils ein weiteres Familienzentrum hinzukommen4. Ab 2023 sollen zudem zwei weitere Standorte als Ort für Familien in freier Trägerschaft entstehen.
2.2 Verstetigung des Projektes „Sprach- und Kulturvermittler“ der ISKA gGmbH (ZAB) Die ehrenamtlichen Sprach- und Kulturvermittler sind ein wichtiger Brückenbauer zwischen den Kulturen. Geflüchteten helfen sie dabei, den Alltag besser zu verstehen. Die in den letzten Jahren gemachten positiven und unterstützenden Erfahrungen bei Elterngesprächen z.B. im ASD und in Kitas zu verschiedenen Themen konnten im letzten Jahr fortgeführt werden. Die Corona Pandemie spielte dabei eine große Rolle. Der Einsatz der Sprachvermittler war ein wesentlicher Beitrag zur Begleitung und Bewältigung dieser krisenhaften Situation. Da die Förderungen 2022 auslaufen bedürfte es einer neuen und dauerhaften aufgestellten Finanzierung, um dieses Angebot aufrechterhalten und weiter entwickeln zu können. Um dies zu gewährleisten, wurde ein struktureller freiwilliger Zuschuss zur Verstetigung des Angebots durch den Stadtrat (auf Beschluss des JHA-Etat) ab dem Haushaltsjahr 2022 bewilligt.
2.3 Stärkung der Sprachlichen Bildung in städtischen Kitas Um die Bildungs- und Teilhabechancen von Kindern mit intensivem sprachlichen Förderungsbedarf zu unterstützen, wurde durch JHA-Beschluss vom 18. September 2019 ein Fachteam Sprache für kommunale Kitas auf den Weg gebracht5. Die darin tätigen Sprachberaterinnen und Sprachberater begleiten und coachen die pädagogischen Fachkräfte vor Ort bei ihrer fachlichen Weiterentwicklung im Bereich Sprachbildung und -förderung, unterstützen bei der Zusammenarbeit mit den Eltern und Familien und fördern die Kinder in regelmäßigen passgenauen Angeboten. Dabei steht die alltagsintegrierte Sprachbildung im Mittelpunkt, bei der die Situations- und Bedürfnisorientierung und eine hohe Interaktionsqualität maßgeblich sind. Die Kinder sollen möglichst früh und individuell in ihrer sprachlichen Entwicklung unterstützt und so ihr Potential chancengerecht gefördert werden, um ihren Bildungsweg erfolgreich meistern zu können. Sprachliche Bildung gerade in Kitas mit einem hohen Anteil an mehrsprachigen Kindern ist immer auch interkulturelle Kita-Arbeit
- bei allen Hemmnissen kann diese nur dann nachhaltig gelingen, wenn sprachliche Vielfalt als
Bereicherung verstanden wird, die vorhandenen Potentiale der Familien genutzt werden und Bildungs- und Erziehungspartnerschaft lebendig gestaltet wird. Aktuell stehen die Kitas im Fokus, die aufgrund der 2019 durchgeführten Befragung zum Thema „Migration und Integration in der Kita“ den höchsten Anteil an Kindern aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte betreuen und auch einen entsprechenden Unterstützungsbedarf angezeigt haben. Daneben zeigt sich aktuell, dass die beiden jüngst in Betrieb gegangenen städtischen Regionalkindergärten sowie der neue Kindergarten Am Thoner Espan einen hohen Bedarf an Unterstützung für die Sprachförderung und -bildung
4 siehe „Freiwillige Baukostenzuschüsse für Familienzentren am Aufseßplatz und im Regensburger Quartier“ im Jugendhilfeausschuss vom 29.04.2021 5 siehe „Zuschuss Kita-Gebühren: Verwendung der eingesparten Leistungen - Mehr Chancen durch Sprachliche Bildung und Inklusion für Nürnberger Kinder“ im Jugendhilfeausschuss vom 18.09.2019 sowie „Fachteam Sprache zur Stärkung der Sprachlichen Bildung in städtischen Kindertageseinrichtungen – 1. Zwischenbericht“ im Jugendhilfeausschuss vom 16.12.2021
haben. Hier finden sich viele Kinder, die bereits im Vorschulalter sind, bisher noch keine Kita besucht und aufgrund ihrer Familiensprache noch wenig oder keine Deutschkenntnisse haben. Mittelfristig sollen natürlich auch Kinderkrippen von der Expertise des Sprachteams profitieren, um die Entwicklung der Sprachkompetenz frühestmöglich zu fördern. Darüber hinaus ist das Sprachteam bemüht, über einen „Sprachkanal“ allen städtischen Einrichtungen für Beratung zur Verfügung zu stehen und regelmäßig aktuelle Fachliteratur und Praxismethoden weiter zu geben.
2.4 Fachdienst Inklusion Der neue Fachdienst Inklusion im Jugendamt unterstützt dann, wenn einzelne Kinder in der Vielfalt aller nicht zurechtkommen und drohen, die Systeme zu sprengen. Kinder die wiederholt herausforderndes Verhalten auf sozial-emotionaler Ebene zeigen, bedürfen besonderer Unterstützung und Förderung, damit diese auch weiterhin an den Regelsystemen der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung teilhaben können und somit auch Teil der Vielfaltsgemeinschaft in der Kita bleiben. Der Fachdienst Inklusion ist ein institutionsübergreifendes, freiwilliges und kostenloses Angebot für Kinder, ihre Familien sowie das Personal in Nürnberger Kindertagesstätten und Tagespflegeeinrichtungen. Das Team übernimmt Lotsenfunktion, bietet Beratung bei pädagogischen Herausforderungen und begleitet bei der Suche nach passenden Hilfs- und Förderangeboten. Ganz individuell auf die Bedürfnisse des Kindes angepasst, setzt das Fachpersonal aus den Bereichen Pädagogik, Psychologie oder dem Sozialdienst gemeinsam mit Eltern und der Kita Zielsetzungen fest und vermittelt passende Maßnahmen. Zudem berät der Fachdienst die Teams in den Kitas, bietet Coachings an und gibt Hilfestellungen im Umgang mit herausfordernden Kindern und Jugendlichen6.
2.5 Handlungshilfen für die Praxis Die Umfrage des Jugendamts in Nürnberger Kitas zum Thema „Migration & Integration in der Kita“ aus dem Jahr 2019 war Anlass, unter Beteiligung der freien Träger Handlungshilfen für die Praxis auszuarbeiten, in welcher sowohl die bereits vorhandenen Erfahrungen (aus der Praxis für die Praxis) gebündelt als auch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse (neue Impulse für die Praxis) Eingang finden sollten. Durch die Folgen der Corona-Pandemie musste das Vorhaben leider zunächst einmal hintenangestellt werden und konnte erst 2021 angegangen werden. Hierzu wurde im Februar 2021 dann eine Unterarbeitsgruppe der AG § 78 Kitas gegründet, welche sich bis Ende 2021 mit der Erarbeitung von Handlungsempfehlungen und Praxishilfen zum Umgang mit Diversität und Vielfalt in Kitas beschäftigt hat. Beteiligt an dieser Arbeitsgruppe haben sich erfahrene Kita-Leitungen und Kita-Fachkräfte sowie mit dem Thema betraute Fachberatungen der Träger. Die Arbeitsgruppe war paritätisch mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Kreis der freien Träger sowie des städtischen Trägers besetzt. Die Arbeiterwohlfahrt KV Nbg. e.V. / Referat Migration und Integration war aufgrund ihrer Expertise zum Thema als externe Fachmoderation vom Jugendamt mit der Begleitung der Arbeitsgruppe beauftragt.
Gemeinsam näherten sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe diesem komplexen Thema auf der Grundlage des Anti-Bias-Ansatzes7. Die Ziele dieses Ansatzes lassen sich komprimieren zu: Identität stärken; Vielfalt aktiv erleben; Kritisches Denken anregen; sich aktiv gegen Unrecht einsetzen. Die Arbeitsgruppe befasste sich mit den Fragestellungen - Was verstehen wir unter den Begriffen „Vielfalt“ und „Diversität“? An welchen Werten orientiert sich unser pädagogisches Handeln? Wo liegen die zentralen Herausforderungen zur Ausgestaltung einer kultur- und diskriminierungssensiblen Arbeit in unseren Einrichtungen? Welche Antworten brauchen wir für die Arbeit mit den Kindern und Eltern sowie zur Zusammenarbeit im Team?
Entlang dieser Leitfragestellungen wurden für die Handlungsfelder Interaktion mit Kindern, Zusammenarbeit mit Eltern/Familien, Zusammenarbeit im Team, Lernumgebung und Raumgestaltung und Spachvielfalt Handlungsempfehlungen und Praxishilfen wie Checklisten, Reflexionsfragen, Best-Practice Modelle, Literatur und Materialien sowie Infos zu wichtigen Netzwerkpartner zusam-
6 siehe „Bericht des Fachdienst Inklusion als Unterstützungsangebot für Kindertageseinrichtungen in Nürnberg“ im Jugendhilfeausschuss vom 22.07.2021 7 Eine Zusammenfassung und einen kurzen Film zum Anti-Bias-Ansatz findet sich unter: https://www.kita.de/wissen/anti-bias-ansatz/
mengetragen. Die erarbeiteten Materialien sollen Fachkräfte aus Kitas bei der Reflexion von Haltungen und Werten sowie der Planung, Ausgestaltung und Weiterentwicklung des pädagogischen Alltags unterstützen. Zur Verbreitung und Verstetigung der Ergebnisse in der Praxis sind unterschiedliche Formate in Planung: Fachtag „Diversität und Vielfalt in der Kita – Anforderungen und Handlungshilfen für die Praxis“: Der Fachtag am 05. Juli 2022 richtet sich an pädagogische Fachkräfte sowie Trägervertretungen der Kindertagesbetreuung in Nürnberg, und bietet die Möglichkeit, sich zu den Ergebnissen der Arbeitsgruppe umfassend zu informieren und dazu mit Kolleginnen und Kollegen in den Austausch zu kommen. Zur Frage, wie sich eine Kitapraxis mit dem Ansatz der „Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung“ gestalten lässt, konnten wir Petra Wagner von der Fachstelle Kinderwelten für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung© als Referentin gewinnen und erhoffen uns dadurch weitere Impulse für die Praxis. Onlinegestütztes Themenportal: Bis zum Fachtag soll ein onlinegestütztes Themenportal für Fachkräfte auf der Website des Jugendamtes der Stadt Nürnberg aufgebaut werden. Über dieses Themenportal sollen die Ergebnisse der Arbeitsgruppe allen pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Nürnberg zugänglich gemacht werden. Ein Umsetzungskonzept für das onlinegestützte Themenportal wird aktuell erarbeitet und die Ergebnisse der Arbeitsgruppe zur diesem Zwecke aufbereitet. Das Themenportal soll am Fachtag erstmals vorgestellt und beworben werden. Im Anschluss daran soll ein trägerübergreifendes „Redaktionsteam“ das Themenportal fachlich begleiten und dieses stetig aktualisieren und weiterentwickeln. Um die Verbreitung und Verstetigung der Ergebnisse in die Praxis zu unterstützen sollen darüber hinaus Coachings-, Trainings- und Fortbildungsangebote, moderierte Qualitätsdialoge sowie kleinere Sonderprojekte unter Einbindung externer Fachexpertise angestoßen werden. Die dafür erforderlichen Mittel werden im Rahmen Förderprogramms „Qualitative Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung in Nürnberg“ bereitgestellt8.
2.6 Fort- und Weiterbildungsangebote der Fachstelle PEF:SB Die Fachstelle "Personalentwicklung & Fortbildung: Soziale Berufe (PEF:SB)“ bietet seit Jahren bereits ein breites Portfolio an Weiterbildungsangeboten rund um das Thema „Diversität und Vielfalt in der Kita“ an. Das Angebot richtet sich dabei sowohl an Kita-Mitarbeitende in städtischer Trägerschaft als auch in freier Trägerschaft sowie weiterem Fachpersonal auf der jeweiligen Trägerebene.
Der folgende Auszug aus dem Bildungsprogramm für 2022 verdeutlicht exemplarisch die Vielfältigkeit des Angebots:
8 siehe „Qualitative Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung in Nürnberg - Fortschreibung 2022 - 2023“ im Jugendhilfeausschuss vom 30.09.2021
Wie unter Punkt 2.5 beschrieben, sollen auf Basis der Ergebnisse der trägerübergreifenden Arbeitsgruppe zu Handlungsempfehlungen und Praxishilfen zum Umgang mit Diversität und Vielfalt in Kitas Weiterbildungsmodule abgleitet und im Fort- und Weiterbildungsangebote Fachstelle PEF:SB verankert werden.
2.7 Ausblick: Angebote für Flüchtlingskinder aus der Ukraine
Zurzeit können wir noch nicht sagen, wie viele Familien mit Kindern tatsächlich bereits in Nürnberg angekommen sind. In vielen Fällen sind die Familien bei hier lebenden Verwandten und Bekannten untergekommen und eine Meldepflicht besteht erst nach drei Monaten. Und auch Prognosen zur weiteren Entwicklung sind aufgrund der aktuelle Lage kaum möglich. Experten sind sich jedoch einig, dass auf die erste schon erfolgte Flüchtlingszuwanderung eine zweite große Zahl folgen wird. Und betrachtet man die aktuelle Situation in der Ukraine, so besteht wenig Hoffnung, dass eine Rückkehr der geflüchteten Familien (meist Frauen und Kinder) in ihre Heimat in absehbarer Zeit möglich sein wird. Insofern steht zu erwarten, dass viele der Kinder dann auch frühkindliche Bildungseinrichtungen besuchen werden.
Aktuell wird mit Hochdruck an der Schaffung niedrigschwelliger Angebote gearbeitet, um diese Familien unterstützen zu können. Dazu zählen insbesondere betreute Spielgruppen in den Not- und Gemeinschaftsunterkünften. Außerdem prüfen die städtischen Kindertageseinrichtungen, ob Räume oder Außenanlagen für Angebote für Geflüchtete außerhalb der Öffnungszeiten geöffnet werden können. Erste konkrete Angebote, Spendenaktionen und Planungen gibt es bereits. Bei Bedarf stehen auch muttersprachliche Fachkräfte in den städtischen Kitas zur Verfügung. Städtische Kitas mit solchen Angeboten sind durch ein eigens gestaltetes Plakat zu erkennen.
Die Staatsregierung prüft derzeit, welche der unterschiedlichen, etablierten Unterstützungsstrukturen mit Bezug zu Unterstützung und Integration geflüchteter Familien herangezogen und ggf. gestärkt werden können. Insbesondere bedarf es hier auch einer zeitnahen Klärung der Verlängerung, Ausweitung oder Wiederbelebung einschlägiger Förderprogramme, wie „Elternchance ist Kinderchance bzw. Elternbegleiter“ oder der Bundesprogramme „Kita-Einstieg“ und „Integrationskurs mit Kind: Bausteine für die Zukunft".
Ein weiterer zu prüfender Aspekt ist, wie vor dem Hintergrund des Personalmangels in der Kindertagesbetreuung Fachkräfte aus der Ukraine eingebunden werden können. Daran arbeitet bereits das StMAS intensiv und steht dabei mit Bund und EU im Austausch, z.B. in Bezug auf die Anerkennung ausländischer Abschlüsse und die Sicherstellung des erforderlichen Sprachniveaus.
Auf kommunaler Ebene müssen wir darauf hinwirken, dass die für 2023 geplanten Angebote der interkulturellen Kita-Arbeit, wie oben beschrieben, im Förderprogramm „Qualitative Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung in Nürnberg“ (siehe Kapitel 2.1) auch tatsächlich in den Haushaltsberatungen beschlossen werden. Dazu hat der Jugendhilfeausschuss am 30.09.2021 bereits einen fachlichen Beschluss gefasst, die Verwaltung des Jugendamts wird die Mittel entsprechend zum Haushalt 2023 anmelden.