Beilage 1.1
zur Sitzung des Jugendhilfeausschusses vom 28.04.2022
Sachverhalt:
Entwicklung einer Rahmenkonzeption für städtische Kindertageseinrichtungen
1. Anlass der Weiterentwicklung
Die Anfänge der lebensweltorientieren Arbeit in städtischen Kindertageseinrichtungen liegen in der Mitte der 90er Jahre. Damals war es zumindest in bayerischen Kindertageseinrichtungen noch üblich, in festen Gruppeneinheiten zu arbeiten, der Bewegungsraum wurde bestenfalls einmal in der Woche für eine Turnstunde besucht. Dies führte dazu, dass die Fachkräfte beobachteten, dass die begrenzten räumlichen Begebenheiten zu einer Zunahme von Aggressionen, Konflikten und Konzentrationsschwierigkeiten führen. Hinzukam auch eine gewisse Unzufriedenheit bei den Fachkräften hinsichtlich des fehlenden Zusammenwirkens zwischen den einzelnen Gruppen und einer begrenzten gruppenübergreifenden Nutzung der vorhandenen fachlichen und personellen Ressourcen. Ausschlaggebend für die damalige Weiterentwicklung war aber letztendlich der intensiv geführte fachliche Diskurs zum pädagogischen Menschenbild und der Frage „Was ist eigentlich der Ausgangspunkt unseres pädagogischen Handelns?“. In einem gemeinsamen Prozess wurde die damalige Arbeitsweise in städtischen Kitas geprüft und eine Neuorientierung für die Pädagogik in städtischen Kindertageseinrichtungen mit folgenden Vorgaben definiert: Konsequente Hinwendung zum Kind Individuelle Bildung und Förderung der Kinder Vernetzung mit der Lebenswelt und dem Umfeld des Kindes und seiner Familie Schaffung von kindgerechten Rahmenbedingungen
Theoretische Grundlage für die damalige Neuausrichtung war das Konzept Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch. Das Konzept wurde bereits in den 1970er Jahren von Thiersch in Tübingen entwickelt und hat sich seither in ganz Deutschland verbreitet. Es entwirft „einen theoretischen Rahmen, aus dem sich Arbeitsprinzipien und Grundhaltungen sowie die spezifischen Ausgestaltungen der Sozialen Arbeit begründen lassen“.1
Für die städtischen Kindertageseinrichtungen entstand im Rahmen des konzeptionellen Prozesses Mitte der 90er Jahre eine Arbeitsgrundlage für die „Lebensweltorientierte Pädagogik in städtischen Kindertagesstätten“2 und die individuelle Umsetzung vor Ort. Eine Anpassung der Grundlagen erfolgte mit Einführung des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans im Jahr 2005.
Das Konzept der Lebensweltorientierung wurde nicht originär für die Arbeit in Kitas entwickelt. Vielmehr zeichnet sich die Lebensweltorientierung nach Thiersch durch eine große Offenheit gegenüber anderen Theorien und Arbeitsfeldern aus. Gerade mit Blick auf die Verwendung für Kindertageseinrichtungen gab es in der Fachwelt gewisse Vorbehalte, da die Offenheit des Ansatzes zu Unklarheiten und einer gewissen Unschärfe in der Praxis führte. Die im Ursprungskonzept von Thiersch benannten Strukturmaxime waren sehr allgemein formuliert, eine umfassende und praxisorientierte Konkretisierung für den Elementarbereich und die außerschulische Bildung hat nicht stattgefunden. Dies war über die Jahre hinweg auch ein interner Kritikpunkt und hat dazu geführt, dass der Wunsch nach einer Weiterentwicklung des Konzepts in den letzten Jahren häufiger benannt wurde.
1 aus Hans Thiersch: „Das Konzept Lebensweltorientierte Soziale Arbeit, für meine Enkel skizziert.“ 2 Herausgabe: Dezember 1998
Hinzu kommt, dass sich in den vergangenen Jahren die Lebenswelt von Kindern und Familien ebenso verändert und weiterentwickelt hat wie der Fachbereich selbst. Es sind nicht nur die Anzahl der Einrichtungen gestiegen, sondern damit auch die Anzahl der Beschäftigten. Zwischenzeitlich gibt es deutlich mehr Fachkräfte, die mit diesem Ansatz erstmalig in ihrer städtischen Kindertageseinrichtung in Kontakt kommen. Alleine daraus ergibt sich schon die Notwendigkeit, die konzeptionellen Grundlagen für die pädagogische Arbeit in den städtischen Kitas so aufzubereiten und anzupassen, dass eine Umsetzung vor Ort erfolgreich gelingen kann. Hinzu kommt auch, dass sich die Ansätze der offenen Arbeit, die zeitlich mit der Lebensweltorientierung eingeführt werden, heute nicht mehr so einfach auf die neuen Kitakonzepte übertragen lassen. In einem Haus für Kinder mit 250 Kindern kann nicht einfach „offen“ gearbeitet werden. Dazu bedarf es Vorgaben, beispielsweise für eine räumliche Strukturierung, ein Bezugspersonenkonzept oder ein Leitsystem. Und in der Vorbereitung dieses angedachten Prozesses ist deutlich geworden, dass durch die Weiterentwicklung der bisherigen konzeptionellen Ansätze auch eine Profilschärfung des Trägers stattfinden soll.
Der städtische Träger in Nürnberg steht seit Jahrzehnten für Offenheit und Vielfalt, dies wird sowohl in der Satzung deutlich, in der Haltung der Beschäftigten oder auch in der Öffnung unserer Kitas nach Außen für Familien und Stadtteile. In den vergangenen Jahren ist aber ein Thema immer mehr in den Mittelpunkt gerückt, das einerseits mit der besonderen geschichtlichen Verantwortung Nürnbergs zu tun hat, aber auch mit dem politischen und gesellschaftlichen Auftrag zur Umsetzung der Kinderrechtskonvention: Einhaltung und Förderung der Kinderrechte. Diesen besonderen Auftrag wollen wir zukünftig in allen städtischen Kindertageseinrichtungen nicht nur beachten und umsetzen, sondern zum besonderen Profil der städtischen Einrichtungen werden lassen. Dabei ist es wichtig, nicht nur in Einzelprojekten oder Veranstaltungen das Thema zu betonen, sondern die Umsetzung der Kinderrechte als durchgängiges Prinzip und verbindlichen Bestandteil unserer pädagogischen Arbeit festzulegen.
Der Weiterentwicklungsprozess der lebensweltorientieren Pädagogik hat sich zum Ziel gesetzt, eine Rahmenkonzeption für städtische Einrichtungen zu entwickeln, die als Basis für die pädagogische Arbeit und die individuelle Konzeptionsentwicklung aller städtischen Einrichtungen dient. Auf Wunsch der Fachkräfte ist der Ansatz der Lebensweltorientierung für alle Altersstufen zu konkretisieren, für die Umsetzung der Kinderrechte und der offenen Arbeitsstrukturen sind gemeinsame Standards zu formulieren.
Am 23. März 2019 fand der Auftakt der Entwicklung einer Rahmenkonzeption für städtische Kindertageseinrichtungen im Historischen Rathaussaal statt, unter Beteiligung von 400 Beschäftigten.
2. Prozess und Beteiligte
In der Vorbereitung – und Durchführung – war die größte Herausforderung der Anspruch, die Konzeption unter Beteiligung aller Zielgruppen weiter zu entwickeln: 1.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in den 130 Kindertageseinrichtungen mit insgesamt 10.000 Kindern und Familien arbeiten. Daher waren zu Beginn alle Kita-Teams unter dem Aufruf „Beteiligung erwünscht!“ gefordert, sich auszutauschen und rück zu melden, ob und wie sie sich in die vorgeschlagenen Beteiligungsformate einbringen möchten und welche Leitsätze insgesamt für den gemeinsamen Erarbeitungsprozess maßgeblich sein sollen.
Für die wissenschaftliche Beratung und Vortragstätigkeiten konnten Prof. Dr. Steffen Brockmann und Prof. Dr. Ralf Kuckhermann von der Technischen Hochschule Georg-Simon Ohm in Nürnberg gewonnen werden. Zudem wurden wir zum Thema Kinderrechte von der Geschäftsführerin der Nürnberger Kinderkommission, Frau Cornelia Scharf, unterstützt.
Die zentralen Beteiligungsformate waren ein Steuerungskreis aus Trägerverantwortlichen, Kita- Fachkräften und den beiden Professoren, die intensive Mitarbeit als Modellstandort, vor allem in sogenannten kompakten Konzeptionswerkstätten, die Teilnahme von Leitungs- und Fachkräften aus allen städtischen Kitas an der Auftaktveranstaltung, an großen Konzeptionswerkstätten und der Ergebniswerkstatt, an Elternbeiratsveranstaltungen, Kinderbefragungen in den Modellstandorten sowie für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fortlaufende Informationen und Materialien zu
allen Veranstaltungen und Ergebnissen. Dabei wurden alle Veranstaltungen in Plakaten visualisiert („J/B1-Bordbuch“) und die Ergebnisse als „Meilensteine“ in Form von Kurz-Videos kommuniziert. Zudem wurde ein eigenes elektronisches Postfach installiert, um allen jederzeit die Möglichkeit zu Fragen und Rückmeldungen zu geben.
Die großen Konzeptionswerkstätten bildeten das thematische Grundgerüst für den Prozess: März 2019: Auftakt – Lebensweltorientierung 2.0 – mit Prof. Steffen Brockmann und Prof. Ralf Kuckhermann Juni 2019: Umsetzung der Kinderrechte in der Kita – mit Prof. Jörg Maywald und Cornelia Scharf Juli 2020: Lebensweltorientierter Kita-Alltag, mit Renate Thiersch und Barbara Weiß Juli 2021: Strukturierte Offenheit – Weiterentwicklung der Offenen Arbeit im Kontext des Lebensweltorientierten Ansatzes Mai 2022: Abschlussveranstaltung zur fertig gestellten Rahmenkonzeption und einer Vorstellung des Rollouts
Das Herzstück im Prozess war die konzeptionelle Arbeit mit und in den Modellstandorten – sechzehn Kitas, aus allen acht Abteilungen, von klein bis ganz groß (25 – 280 Plätze) und mit allen Einrichtungstypen vertreten. In mehreren Arbeitstreffen sowie sechs kompakten Konzeptionswerkstätten haben die Fach- und Leitungskräfte aus den Modellstandorten zusammen mit den Abteilungsleitungen die Themenschwerpunkte differenziert bearbeitet, mit den eigenen Teams und den Abteilungen rückgekoppelt und die vorläufigen Ergebnisse aus den großen Konzeptionswerkstätten in Pilotphasen umgesetzt und auf Praxistauglichkeit hin überprüft.
Darüber hinaus haben diese Kitas modellhaft die Kinder aus ihrer Einrichtung befragt und deren Antworten und Hinweise flossen ebenso in die Ergebnisse mit ein wie die Rückmeldungen der Elternbeiräte in Veranstaltungen zu den Kinderrechten. Hier konnten wir dreimal in den direkten Austausch mit Elternbeiräten gehen und wir hoffen, diese Zusammenarbeit nun beim Implementieren der Rahmenkonzeption wieder intensivieren zu können. Denn gerade die Kinderrechte brauchen ein gemeinsames Verständnis und Engagement zur Umsetzung.
Erfreulicherweise erschien während des laufenden Entwicklungsprozesses eine Aktualisierung des Ansatz von Hans Thiersch unter dem Titel: „Lebensweltorientierte Soziale Arbeit – revisited“3, die Neuausgabe wurde allen Kitas zur Verfügung gestellt.
3. Ergebnisse
Ein fast dreijähriger Prozess liefert viele Zwischenergebnisse, die dann letztendlich als Gesamtergebnis die Inhalte der nun vorliegenden Rahmenkonzeption darstellen. Der Erarbeitungsprozess wurde thematisch strukturiert, um sowohl inhaltlich vertieft in das jeweilige Themenfeld einsteigen, als auch um immer wieder einen Bezug zwischen den Themenbereichen herstellen zu können. So war es beispielsweise immer wieder wichtig zu diskutieren und festzuhalten, wie die Kinderrechte mit der Lebensweltorientierung vereinbar sind.
Vor dem eigentlichen Prozessauftakt gab es eine grundsätzliche Abstimmung zwischen dem damaligen Referenten, der Jugendamtsleitung und der Bereichsleitung über die inhaltliche Zielsetzung der Weiterentwicklung mit folgendem Ergebnis: Die Lebensweltorientierung soll als pädagogische Grundlage erhalten und weiterentwickelt werden, mit dem besonderen Schwerpunkt „Kinderrechte“. Für die Umsetzung in den Einricthungen sind Standards entsprechend der Einrichtungstypen festzulegen und in einer Rahmenkonzeption festzuschreiben.
3. 1 Leitsätze für den Prozess
Für den Prozess selbst wurden gemeinsam mit den Fach- und Führungskräften, die an der Auftaktveranstaltung teilgenommen haben, Leitziele festgelegt. Vorab gab es innerhalb des Fachbe-
3 Verlag: BeltzJuventa, Auflage 2020
reichs eine Abfrage mit wünschenswerten und notwendigen Leitsätzen für den gemeinsamen Prozess. Ziel war es, für den Erarbeitungsprozess wesentliche Aspekte zu vereinbaren, um einen transparenten und auf einem gemeinsamen Verständnis beruhenden Prozess zu gewährleisten.
Folgende Leitsätze wurden festgelegt und während des Prozesses immer wieder auf deren Berücksichtigung geprüft: Offenheit, ein gutes Miteinander und respektvoller Umgang sind die Grundlage unserer Zusammenarbeit im Prozess. Im Mittelpunkt des Prozesses stehen die Kinder mit ihren Bedürfnissen und Bedarfen. Der Prozessverlauf und die Ergebnisse sind transparent und für alle Beteiligten und interessierten Personen verständlich. Fachkräfte sowie Kinder und deren Eltern werden mit einbezogen und wirken an der Entwicklung der Rahmenkonzeption mit. Der Prozess berücksichtigt unsere unterschiedlichen Einrichtungstypen und deren Individualität. Wir beziehen wissenschaftliche Erkenntnisse und aktuelle Studien mit ein.
Als Beispiele für die Einhaltung der Leitsätze kann angeführt werden, dass wir nicht nur die Kinder, sondern auch Eltern in den Prozess mit einbezogen haben und deren Haltung und Meinung zu den Kinderrechten mit abgefragt und für die Standards mit aufgenommen haben. Nach jeder großen Konzeptionswerkstatt gab es einen filmischen Meilenstein, den wir allen unseren Beschäftigten zur Verfügung gestellt haben, um den Prozessverlauf und die Ergebnisse verfolgen zu können.
3.2 Kinderrechte leben und im Alltag der Kita umsetzen4
Die Befassung mit dem Thema Kinderrechte hat deutlich gemacht, es geht um mehr als nur das Kennenlernen der Kinderrechte und die projektmäßige und anlassbezogene Befassung mit den Rechten der Kinder. Vielmehr geht es einmal um die Bewusstmachung, welche Bedeutung die Kinderrechte für ein gesundes Aufwachsen von Kindern haben, und welche Rolle die Kinder dabei haben, aber auch die Erwachsenen. Durch die Einbeziehung der fachlichen Expertise von Professor Maywald, einem der führenden Experten für Kinderschutz und Kinderrechte im deutschsprachigen Raum, wurden Leitgedanken für die eigene Diskussion und Entwicklung von Grundsätzen und Standards für die städtischen Kindertageseinrichtungen festgelegt.
In einer großen Konzeptionswerkstatt wurden gemeinsam allgemeine Grundsätze für die Umsetzung der Kinderrechte festgelegt: Bekenntnis zu den Kinderrechten: Die Kinderrechte sind sichtbar in der Einrichtung veröffentlicht und Bestandteil der Einrichtungskonzeption. Der Schutz, die Förderung und Beteiligung der Kinder haben höchste Priorität, die Fachkräfte haben sich gemeinsam mit den Eltern dafür einzusetzen. Die pädagogische Arbeit ist transparent, d.h. Strukturen, Prozesse und Ziele der pädagogischen Arbeit werden verständlich für Kinder und Familien kommuniziert. Sicherung des Kinderschutzes: Jede Einrichtung legt ihre Umsetzung des Kinderschutzkonzeptes verbindlich fest und reflektiert dies jährlich anhand der vorgegebenen Arbeitsunterlagen, um es bedarfsgerecht weiter zu entwickeln. Die Fachkräfte sind offen für Kommunikation, zeigen Respekt und Neugierde, pflegen eine Willkommenskultur und schaffen eine Atmosphäre, in der vertrauensvoll auch Ängste und Kritik geäußert werden können. Sie reflektieren ihre eigene Rolle und Aufgabe, die Entwicklungsprozesse der Kinder zu unterstützen und zu moderieren und sehen die Kita als Entwicklungsraum für alle Beteiligten – also Kinder, Familien und Kita-Mitarbeitende - an. Beteiligungsmöglichkeiten: Die Kinder werden darin bestärkt, Wünsche, Meinungen und Anliegen einzubringen, aber auch Nein zu sagen und Vorschläge abzulehnen. Die dazu notwendigen verbindlichen Formate sind altersgerecht und allen Kindern zugänglich. Beschwerdemöglichkeiten für Kinder: Jede Einrichtung verfügt über altersgemäße Formate und Angebote, um Probleme, Anliegen und Beschwerden der Kinder aufzunehmen. Jedes Team hat einen verbindlichen Prozess gemeinsam mit den Kindern definiert, wie Anliegen; Konflikte und Beschwerden der Kinder aufgenommen, bearbeitet und rückgemeldet werden.
Beschwerde- und Beteiligungsmöglichkeit der Eltern: Jede Einrichtung verfügt über transparente und verbindliche Instrumente für Beschwerden von Eltern. Es ist ein Prozess für die Bearbeitung und Rückmeldung in der Einrichtungskonzeption festgelegt. Jede Einrichtung bietet neben den festgelegten Entwicklungsgesprächen ein weiteres offenes Format zum Austausch mit den Eltern an. Eltern dürfen auf Wunsch einmal jährlich hospitieren. Beschwerden von Kindern, Eltern und Mitarbeitenden werden grundsätzlich von der Haltung her als aktive Beteiligung verstanden. Im Sinne der Tatsache, dass hinter jeder Beschwerde etwas verbogen ist, was für den jeweiligen Menschen wichtig ist.
Die Umsetzung der Kinderrechte in den städtischen Kitas orientiert sich eng an den Ausführungen von Jörg Maywald5. Dazu wurden gemeinsam Umsetzungsmöglichkeiten für den Kita-Alltag erarbeitet.
3.3 Prinzipien der Lebensweltorientierung6
Um den Lebensweltorientieren greif- und umsetzbar zu machen, war es nicht nur wichtig, sich mit der Entstehung und Zielsetzung des Ansatzes auseinander zu setzen, sondern vor allem auch mit der Übertragbarkeit auf das Arbeitsfeld Kindertagesbetreuung und deren Praxis. Die im Ursprungskonzept von Thiersch benannten acht Strukturmaxime wurden vor dem Hintergrund der aktuellen fachlichen Diskurse und Herausforderungen für den Elementar- und außerschulischen Bildungsbereich betrachtet. Die Strukturmaxime wurden gemeinsam zu Prinzipien der Lebensweltorientierten Arbeit in städtischen Kitas weiterentwickelt und durch Standards für die Umsetzung konkretisiert. Folgende sieben Prinzipien wurden festgelegt: Alltagsorientierung: Wir schaffen eine einrichtungsspezifische Tages- und Wochenstruktur für einen gelingenden Kita-Alltag! Sozialraumbezug und Regionalisierung: Wir öffnen unsere Kita für die Familien und vernetzen uns im Stadtteil. Anerkennung: Wir an- und erkennen die Unterschiedlichkeiten unserer Kinder, Familien und Kolleg/-innen. Wir gehen offen damit um und schätzen und leben diese Vielfalt. Inklusion: Wir respektieren und wertschätzen Unterschiedlichkeiten aller Art (kulturell, familiär, physisch, psychisch usw.) im Alltag der Kita und beziehen alle an der Lebenswelt des Kindes beteiligten Personen und Gegebenheiten mit ein. Zukunftsgestaltung/Prävention: Wir schützen Kinder, fördern und stärken sie angemessen und begleiten sie in ihrer Entwicklung. Aktuelle gesellschaftliche Entwicklung nehmen wir in die tägliche pädagogische Arbeit auf und lassen sie in unsere Planungen mit einfließen. Partizipation: Wir verstehen unter Partizipation das Mitreden, Mitbestimmen, Mitgestalten und Mitverantworten von Kindern, Jugendlichen, Familien und Fachkräften, auf der Suche nach gemeinsamen Lösungen, immer auf freiwilliger Basis. Soziale Gerechtigkeit: Wir fördern und unterstützen die Teilhabe aller Kinder! Jedes Kind darf bei uns eigene Ziele verfolgen, wir ermöglichen es durch Räume, Angebote und durch unsere persönliche Unterstützung und Begleitung.
Die festgelegten Standards wurden von den Modellstandorten diskutiert, erprobt und reflektiert, bevor eine endgültige Festlegung stattfand. Durch die Festlegung auf sieben Prinzipien wurde der seit Jahren praktizierte Ansatz konkretisiert und anhand von prinzipiellen Festlegungen auch verbindlich.
5 Jörg Maywald, Kinderechte in der Kita, Herder, 2016, Kap. 3 - Kinderrechte im Alltag der Kita und Kap. 4 - Mit Beschwerden und Konflikten kindgerecht umgehen.
3.4 Strukturierte Offenheit7
Die bisher in städtischen Kindertageseinrichtungen praktizierte „Offene Arbeit“ wurde gemeinsam mit der Lebensweltorientierung eingeführt, konnte sich aber nie gewissen Vorbehalten entziehen. Gerade in sehr großen Einrichtungen und auch in Krippeneinrichtungen fehlte eine abgestimmte Modifizierung dieser Arbeitsform. Dies war Anlass, die bisherige „Offene Arbeit“ zu prüfen und weiterzuentwickeln, um sowohl den verschiedenen Altersstufen wie auch den unterschiedlichen Einrichtungsgrößen angemessene, kindgerechte, offene und beziehungsbasierte Arbeitsformen anzubieten. Dazu herangezogen wurde die nach Renate Thiersch entwickelte „Strukturierte Offenheit“ für die methodische Umsetzung des Lebensweltorientierten Ansatz.
Die Strukturierte Offenheit wird durch die Dimensionen Raum, Zeit und Beziehungen definiert und greift damit einerseits die Aspekte der „Offenen Arbeit“ mit auf, aber auch die Aspekte Zeit und Beziehungen.
Folgende Standards für das methodische Arbeiten in städtischen Kindertageseinrichtungen wurden festgelegt: Raum: Die Räume - und damit auch das Außengelände - werden unter regelmäßiger Beteiligung der Kinder altersgerecht und funktional ausgestaltet. Zeit: Der Tagesablauf ist gekennzeichnet durch den Wechsel von Freispielzeit und pädagogischen Angeboten. Es wird auf eine Balance von Aktivität und Erholung sowie Rückzug geachtet. Beziehung: Es gibt für jedes Kind feste Bezugspersonen und feste Bezugseinheiten.
In einem weiteren Schritt wurden die drei Dimensionen weiter konkretisiert und mit eigenen Merkmalen versehen. Raum: Es findet eine Öffnung für Familien statt, Kinder und Familien werden in den Einrichtungen sichtbar. Die Ausstattung ist altersgerecht, die Räume ermöglichen Aktivität und Ruhe, sind unter Beteiligung der Kinder auszustatten und die Nutzung der jeweiligen Räume ist mit den Kinder abzustimmen. Damit sich die Kinder gut zurechtfinden, gibt es ein Leitsystem innerhalb der Einrichtungen und gemeinsam mit den Kindern festgelegte Regeln für die Nutzung. Je nach Einrichtungsgröße findet eine Clusterung der Funktionsbereiche statt. Zeit: Der Tagesablauf bietet genug Raum für die Grundbedürfnisse: Essen, Hygiene, Bewegung und Ruhen. Über die Woche sind die Phasen von Freispiel und angeleiteten Angeboten und Projekten ausgewogen. Fest verankerte Rhythmen und Rituale geben den Kinder Sicherheit, die Vielfalt der Kinder und ihrer Familien spiegelt sich im Jahresverlauf wieder. Beziehungen: Die Eingewöhnung und das Ankommen neuer Kinder findet durch feste Bezugspersonen statt. Diese moderieren und begleiten aktiv die individuellen Entwicklungsprozesse und Übergänge. Alle Kinder haben innerhalb der Einrichtung feste Bezugseinheiten. Die Fachkräfte sind Expertinnen und Experten für die Umsetzung der Bildungs- und Erziehungsziele und tragen gemeinsam die Verantwortung für die erfolgreiche Entwicklung der Kinder.
Diese Merkmale wurden dann in einem abschließenden Schritt für die verschiedenen Altersstufen definiert. Die bisherige offene Methodik wird damit strukturierter und transparenter für alle Beteiligten. Darüber hinaus fällt es auch den Fachkräften leichter, sich mit den Aufgaben und der jeweiligen Organisation vor Ort besser zu identifizieren.
4. Weiteres Vorgehen, Einführung
Die Rahmenkonzeption wurde unter Beteiligung der Fachkräfte entwickelt und an den ausgewählten 16 Modellstandorten inhaltlich vertieft diskutiert und erprobt. Mit dem Vorliegen der verabschiedeten Rahmenkonzeption erfolgt nun die flächendeckende Einführung und fachliche Umsetzung in den städtischen Kindertageseinrichtungen.
Den Auftakt bilden acht regionale Konzeptionswerkstätten für die Führungskräfte der jeweiligen Einrichtungen. Die beiden Modellstandorte aus der Region fungieren dabei als bestpratice-Beispiele, für die konkrete Umsetzung in den anderen Einrichtungen der Region.
Jede Einrichtungsleitung prüft im weiteren Prozess die Umsetzung der Standards und Vorgaben mit ihrem Team anhand von Checklisten. Am Anfang ist eine Ist-Stand-Analyse durchzuführen, im Abgleich mit den Standards der Rahmenkonzeption. Daraus sind dann jährliche Zielvorgaben zu entwickeln, um die spezifische Einrichtungskonzeption auf Basis der Rahmenkonzeption weiterzuentwickeln. Der individuelle Umsetzungsprozess wird von übergreifenden themenbezogenen Veranstaltungen begleitet.
Mit Abschluss der Umsetzung, geplant Ende 2024, findet dann eine jährliche einrichtungsspezifische Reflexion und Qualitätsprüfung anhand von messbaren und überprüfbaren Kriterien statt. Zusätzlich werden ausgewählte Kitas regelmäßig durch ein Fachgremium, bestehend aus verschiedenen Leitungskräften des Fachbereichs, interviewt, um mit einem Blick von außen etwaige allgemeine und spezifische Entwicklungs- und Anpassungsbedarfe zu erfassen. Ziel ist es, nach der flächendeckenden Einführung die Qualität der pädagogischen Arbeit fortlaufend zu prüfen und damit einrichtungsübergreifend zu sichern und bei Bedarf anzupassen und fachlich nachzusteuern.
Für alle neu hinzukommenden Fachkräfte werden zukünftig Qualifizierungen zu den Schwerpunkten der Rahmenkonzeption angeboten.
Für Eltern und interessierte Personen ist eine Kurzform der Rahmenkonzeption geplant, mit den wesentlichen Schwerpunkten und Elementen.
5. Fazit
Der gemeinsame Prozess war intensiv und aufgrund der Pandemie herausfordernd, aber dennoch durch die breite Beteiligung transparent, von hohem Interesse der Einrichtungen geprägt und damit auch erfolgreich. Es wurden von den verschiedenen Beteiligten, also von den Kindern, über die Eltern, von den Fach- und Führungskräften und der Wissenschaft viele wichtige und für das Arbeitsfeld wertvolle Impulse eingebracht und aufgenommen.
Die für den Entwicklungsprozess wichtigen Ziele wurden aus Sicht der Trägerverantwortlichen erreicht: Der Lebensweltorientierte Ansatz wurde aktualisiert und anhand der sieben Prinzipien anschaulich und praxisnah beschrieben. Die offene Arbeitsweise wurde durch die Methode „Strukturierte Offenheit“ weiterentwickelt und für die verschiedenen Einrichtungsarten konkretisiert. Das Profil des Trägers ist durch den Schwerpunkt „Kinderrechte“ geschärft.
Entstanden ist eine fundierte, verbindliche und sehr praxisorientierte theoretische Grundlage, mit festgelegten Standards, auf die die einzelnen Kindertageseinrichtungen mit ihren spezifischen Schwerpunktsetzungen aufbauen können. Mit dem Schwerpunkt auf die Umsetzung der Kinderrechte ist ein Profil entstanden, das sowohl zu Nürnberg passt und die damit verbundene Verantwortung auch von den städtischen Kindertageseinrichtungen aufgreift.
Zukünftig soll diese Verantwortung nicht nur in die jeweilige Einrichtung hineinwirken, sondern noch spürbarer nach außen getragen werden. In regelmäßigen Abständen soll dem Thema Kinderrechte ein eigenes Format gewidmet werden, bei dem die städtischen Kitas als Einheit auftreten. Zudem planen wir zukünftig nicht nur die Eltern zur Betreuungsqualität zu befragen, sondern auch ein Kinderbefragungsformat zu etablieren.
Mit dem Vorliegen der Rahmenkonzeption ist der Entwicklungsprozess abgeschlossen. Damit beginnt aber zugleich ein neuer und genauso wichtiger Prozess, nämlich die Umsetzung in allen städtischen Kitas. Die fachliche Steuerung und Begleitung wird weitere und auch sicherlich mit
Blick auf den weiterhin wachsenden Fachbereich zusätzliche personelle und finanzielle Ressourcen benötigen. Nach der Verstetigung ist angedacht, eine Evaluation zur Qualität des pädagogischen Angebotes durchzuführen.
Der Prozess der Umsetzung soll auch dazu beitragen, die inhaltliche Kooperation mit den Nürnberger Fachakademien wieder zu verstärken. Ein gutes und regelmäßiges Zusammenwirken zwischen Schule und Praxis, wie es jetzt schon beispielsweise im Rahmen der Praxisintegrierten Ausbildung8 stattfindet, hat nicht nur Auswirkungen für die Studierenden an sich, sondern belebt und regt den fachlichen Austausch zwischen schulischer Ausbildung und Praxisstellen in besonderer Weise an. Schulische Ausbildungsinhalte und trägerspezifische Konzepte können so deutlich besser in den fachlichen Diskurs gehen und sowohl in Unterricht und also auch in die Praxis vor Ort einfließen. Gerade die aktuell stattgefundene Aktualisierung des Ansatzes der Lebensweltorientierung9 und die Weiterentwicklung der konzeptionellen Grundlagen beim kommunalen Träger bieten hierfür einen willkommenen Anlass.
Diese Rahmenkonzeption ist das Ergebnis einer intensiven fachlichen Diskussion und offenen Reflexion der bisherigen Arbeitsweise. Die Erfahrungen aus den vergangenen 25 Jahren zeigen, ein Konzept darf niemals statisch ein. Die gesellschaftlichen und auch bildungspolitischen Entwicklungen fordern in allen Bereichen der Jugendhilfe eine laufende Überprüfung ihrer Ziele und Arbeitsweisen. Dies gilt auch für unseren Arbeitsbereich und diese Rahmenkonzeption. Die neu aufzunehmenden Themen zeichnen sich bereits ab und sind an vielen Standorten schon Bestandteile des Alltags in unseren Kitas. Darunter fallen wichtige Themen wie Digitalisierung und Umsetzung der Inklusion, aber auch Ökologie und Nachhaltigkeit in der Kita. Für diese und weitere Themen müssen didaktisch-pädagogische Ansätze entwickelt und in diese Konzeption mit aufgenommen werden.
Deswegen ist auch keine klassische Printversion geplant, sondern ein digitales Format, das eine laufende und partizipative Fortschreibung ermöglicht und damit Aktualität bietet. Um den Kindern, im Sinne von Hans Thiersch, einen gelingenden Alltag zu ermöglichen, braucht es ein hohes Maß an kritisch-reflexiver Bewertung der eigenen Arbeit und der Lebenswelt der Kinder und zugleich die Offenheit und Bereitschaft, eigene Konzepte immer wieder neu zu bewerten und bei Bedarf fortzuschreiben.
8 bisher OptiPraX, jetzt neu: PIA: Praxisintegrierte Ausbildung an der städtischen Fachakademie B10 9 Lebensweltorientierte Soziale Arbeit – revisited, Hans Thiersch, Verlag: BeltzJuventa, Auflage 2020