Perspektiven am ehemaligen Bahnhof Märzfeld als Erinnerungsort
Der Bahnhof Märzfeld wurde 1938 für die Reichsparteitage der NSDAP in Betrieb genommen. Als Erinnerungsort ist er von großer Bedeutung, da über seine Gleisanlagen zwei Deportationen im November 1941 und im März 1942 von rund 2.000 jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern aus dem gesamten nordbayerischen Raum in das nationalsozialistische Lager nach Jungfernhof bei Riga und ins Ghetto Izbica bei Lublin stattfanden. Außerdem fungierte er als Ankunfts- und Verteilerbahnhof für mehrere hunderttausend Kriegsgefangene sowie zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus ganz Europa während des Zweiten Weltkrieges. Bis 1987 wurde der Bahnhof als „Bahnhof Nürnberg- Langwasser“ noch für den öffentlichen Personenverkehr genutzt. Die Reste der historischen Bahnhofsanlage mit Schaufassade und zwei Bahnsteigabgängen aus Backsteinmauerwerk mit Muschelkalksteinverkleidung stehen als Bestandteil des Flächen- und Baudenkmals „Volkspark Dutzendteich, ehemaliges Reichsparteitagsgelände“ seit 1973 unter Denkmalschutz (Denkmalliste Nr. D-5-64-000-2367).
Der ehemalige Bahnhof Märzfeld – bestehend aus Gleisanlagen, Tunnelbauten mit Bahnsteigaufgängen, Freifläche zwischen beiden Tunneln, Überresten des Bahnhofsgebäudes – befindet sich im Eigentum der Deutschen Bahn AG. Die Gleisanlagen werden derzeit weiterhin für den Güter- und Rangierverkehr genutzt. Einer der unter den Gleisen verlaufenden Tunnel ist eine wichtige Fuß- und Radwegeverbindung zwischen Langwasser-Nord und -Süd. Im Jahr 2008 wurden durch SÖR Sicherungsmaßnahmen an dem Tunnelbauwerk vorgenommen. Auf Grund seiner Bedeutung als Wegeverbindung fand der ehemalige Bahnhof Märzfeld auch Aufnahme in das vom Stadtrat Nürnberg am 16.12.2015 angenommene „Integrierte Stadtentwicklungskonzept Südost“ (INSEK Südost).
In unmittelbarer Nähe des ehemaligen Bahnhofs Märzfeld hat die Stadt am 07.04.2021 eine Teilfläche des Geländes der Prinovis GmbH & Co. KG erworben und wird hier in den nächsten Jahren verschiedene Bildungseinrichtungen unterschiedlicher Schulformen neu errichten. Die Auseinandersetzung mit dem Bahnhofsgelände als Täter- und Opferort nationalsozialistischer Gewaltherrschaft gewinnt insofern an zusätzlichem Gewicht. Eine sichtbare Bewusstmachung der Ortsgeschichte und eine räumliche Aufwertung sind dringend geboten.
1. Bisheriges Vorgehen
Bislang wurde seitens der Verwaltung versucht, die baulich-stadtplanerischen Vorhaben mit der Verbesserung der historischen Ortsinformation zusammen zu planen. Auf einen entsprechenden Antrag der SPD-Fraktion vom 07.05.2014 hin starteten Gespräche zwischen der Verwaltung und der Deutschen Bahn als Eigentümerin für ein künftiges Gesamtkonzept inklusive der Tunnelsanierung. Der Geschäftsbereich Kultur der Bürgermeisterin legte zusammen mit den Museen der Stadt Nürnberg dem Kulturausschuss am 04.03.2016 ein Gestaltungskonzept zur Verbesserung der historischen Informationen vor Ort vor. Es bildet auch aktuell die Grundlage für eine Umsetzung unter den Prämissen Erhöhung der Informations- und Aufenthaltsqualität sowie Sichtbarmachung der noch erhaltenen historischen Bauzeugnisse (vgl. Punkt 3). Eine hierzu angeforderte grobe Kostenschätzung von der Deutschen Bahn als Eigentümerin belief sich auf 162.597,10 Euro, die notwendigen statischen und geologischen Untersuchungen wurden noch nicht berücksichtigt.
Angesichts der Kostenhöhe wurde auf Initiative des Geschäftsbereichs Kultur im Jahr 2017 versucht, eine ganzheitliche Förderstruktur im Rahmen des von Stpl initiierten „Integrierten Stadtentwicklungskonzept Südost“ zu entwickeln. Eine Ortsbegehung am 10.09.2018 unter Beteiligung
von 2. BM, KuM, Stpl, Vpl, SÖR und WiF mit Vertretern der Deutschen Bahn erbrachte zwar die grundsätzliche Zustimmung der Eigentümerin zur Gestaltungskonzeption, aber keine Detaillierung der Kosten. Offen blieb außerdem die künftige Übernahme der Pflegekosten für die neu zu schaffende Freifläche. Die Fragen nach konkreten Kosten und deren Aufteilung, wie in den Anträgen der SPD- Fraktion vom 23.04.2018 und von Bündnis 90/Die Grünen vom 05.06.2018 nachgefragt, konnten noch nicht beantwortet werden.
Mittlerweile aufgekommene Gestaltungsvorschläge Dritter unter Einbeziehung der Wiederöffnung der Bahnsteigzugänge wurden seitens des Geschäftsbereichs Kultur und des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände am 17.04.2018 mit verschiedenen Vertreterinnen und Vertretern unter anderem der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, der Stadtbild-Initiative Nürnberg und Geschichte Für Alle e.V. intensiv diskutiert. Die Umsetzung der bisherigen städtischen Konzeption wurde am wahrscheinlichsten erachtet.
Eine weitreichende Lösung hinsichtlich der Gesamtthematik am vormaligen Bahnhof Märzfeld und der Kostenkonkretion wurde damals nicht gefunden. Seitens SÖR wurde im Herbst 2018 die Fundamentierung der beiden vorhandenen Informationsstelen als „Aufwertung des Umfeldes“ veranlasst. Im Zuge der Bewerbung Nürnbergs um den Titel Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2025 prüfte das damalige Bewerbungsbüro alternative Herangehensweisen in Kooperation mit externen Partnern wie der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Gleichzeitig verbreiterte das Dokumentationszentrum die Wissensbasis über die am Bahnhof Märzfeld angekommenen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter mit Hilfe eines internationalen Forschungsprojektes. Die Erkenntnisse hieraus wurden im Dokumentationszentrum und in der Sonderausstellung „Das Reichsparteitagsgelände im Krieg“ vom 09.05.2019 bis 08.03.2020 ebenso wie in einer gleichnamigen Begleitpublikation der Öffentlichkeit vorgestellt. Eine Wanderausstellung mit den wesentlichen Inhalten wurde unter anderem im polnischen Oppeln am 60. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen am 01.09.2019 gezeigt. Das Dokumentationszentrum hat sich seither als wichtiger Ansprechpartner für noch lebende ehemalige Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie deren Angehörige und Nachfahren etabliert. Aktuell erreichen das Dokumentationszentrum von den verschiedenen Opfergruppen Anfragen aus aller Welt mit dem Wunsch um Information und Besichtigung unter anderem des Bahnhofsareals.
2. Aktueller Stand
Mittlerweile hat die Deutsche Bahn am ehemaligen Bahnhof Märzfeld in den Tunneln und an den Gebäudefassaden die Graffiti entfernen lassen. Zudem wurde der starke Pflanzenbewuchs zwischen der Gleisböschung und der historischen Bahnhofsfassade entfernt. Seitens der Deutschen Bahn wurde im Jahr 2021 eigens ein Projektmanager bestellt sowie das DB-Museum eingeschalten. Dem Austausch zwischen den Bahnbeteiligten und dem Geschäftsbereich Kultur der Bürgermeisterin folgte am 07.02.2022 eine erneute Ortsbegehung. Auf folgendes Vorgehen wurde sich verständigt:
Die Basis der Umgestaltungen zum Erinnerungsort bildet weiterhin die dem Kulturausschuss am 04.03.2016 vorgestellte Grundkonzeption:
Herstellung der Zugänglichkeit zur Schaufassade des Bahnhofsgebäudes mittels Entfernung des Bewuchses und Zurücksetzung der Zaunabsperrung; Erhalt der historischen Bausubstanz durch denkmalgerechte Sicherung der Fassade des Bahnhofsgebäudes; Herstellung einer barrierefrei zugänglichen Freifläche vor der Fassade zum Aufenthalt für kleinere Personengruppen;
Neuinstallation von Informationsträgern in den Zugangsnischen des Bahnhofsgebäudes mit Hinweisen beispielsweise über die vom Bahnhof Märzfeld deportierten oder hierher verbrachten Opfergruppen nationalsozialistischer Gewaltherrschaft und deren Herkunft; Versetzung der beiden Stelen des Geländeinformationssystems auf die entstehende Freifläche für den direkten Blickbezug zur historischen Fassade; Thematische Einbindung des historischen Ortes „Bahnhof Märzfeld“ in die neue Dauerausstellung im Dokumentationszentrum und in das pädagogische Vermittlungskonzept für das gesamte ehemalige Reichsparteitagsgelände.
Ein eigener Museumsbetrieb oder die Zugänglichkeit zu den Innenbereichen des Bahnhofsgebäudes sowie zu den früheren Bahnsteigen sind nicht vorgesehen. Durch den fortgesetzten Gleisbetrieb wären entsprechende Sicherungsmaßnahmen notwendig, die Vermittlungsarbeit durch die Lärmintensität stark eingeschränkt. Geprüft werden soll, ob durch eine außenliegende Stahlrohrtreppe zumindest ein Überblick auf die Gleisanlagen möglich wäre. Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände bleibt der zentrale Ort, wo die historischen und die räumlichen Zusammenhänge dargestellt und erläutert werden. Die sichtbare Markierung der erhaltenen historischen Bereiche des Reichsparteitagsgeländes mittels ortsspezifischer Informationsträger ergänzt die zentrale Gesamtdarstellung auf dezentrale Weise.
Die Eigentumsverhältnisse am vormaligen Bahnhof Märzfeld sowie den Tunneln und den Gleisanlagen bleiben von den genannten Maßnahmenvorschlägen ebenso unberührt wie die weiterhin bestehende Rechtsgültigkeit der Vertragsvereinbarung zwischen der Stadt Nürnberg und der damaligen Deutschen Bundesbahn vom 15.06./29.06.1973. Demgemäß müsste die Stadt für alle Kosten, die dem Erhalt dienen, und für gewünschte bauliche Veränderungen alleine aufkommen, insofern es sich nicht um notwendige Ausgaben für die Aufrechterhaltung des Bahnbetriebs handelt. Eine genaue Schätzung kann weiterhin nur die Deutsche Bahn als Eigentümerin vornehmen. Eine mögliche Beteiligung an den noch nicht bekannten Kosten wurde seitens der Deutschen Bahn jedoch in Aussicht gestellt.
3. Weitere Schritte
Es wird angeregt, dass die Deutsche Bahn in der praktischen Kostenkonkretisierung für die Umsetzung des Vorschlags des Geschäftsbereichs Kultur, konkret die unter Punkt 3 genannten Aspekte, durch die entsprechenden Verwaltungsstellen unterstützt wird.
Nach den im Jahr 2018 durch SÖR durchgeführten und auch finanzierten Verbesserungsmaßnahmen – Befestigung der Informationsstelen, der Auslichtung der Grünfläche zwischen der Unterführung U-Bahn und Unterführung Bahnhof Märzfeld sowie der Graffiti-Beseitigung an den Wänden – kann SÖR aktuell mit den zur Verfügung stehenden Kapazitäten unter Berücksichtigung der bereits langfristig eingeplanten städtischen Projekte und Maßnahmen eine Erarbeitung bzw. Unterstützung zur Konkretisierung der Kosten aus fachlicher Sicht derzeit nicht begleiten. Für die Gestaltung der Freifläche vor der historischen Bahnhofsfassade soll stattdessen auf die Erfahrung eines Fachplaners mit vergleichbaren Projekten zurückgegriffen werden. Hinzukommt die denkmalpflegerische Einschätzung der Unteren Denkmalschutzbehörde für gestalterische Umsetzungsschritte und die Kostenrelevanz baulicher Sicherungsmaßnahmen an der Bahnhofsfassade sowie die Ermittlung entsprechender Fördermöglichkeiten im Rahmen der Stadtentwicklung durch das Stadtplanungsamt. Auf dieser Basis soll eine Kostenkonkretion und ein Förderszenario erfolgen, über das der Stadtrat befinden und eine mögliche städtische Kostenbeteiligung beschließen kann.
Die Umsetzungsmaßnahmen der Neugestaltung am vormaligen Bahnhof Märzfeld sollen spätestens bis zum 80. Jahrestag der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Nürnberg-Langwasser am 17.04.2025 erfolgt sein.