„Gesundheit für alle im Stadtteil“
Stellungnahme aus dem Geschäftsbereich Jugend, Familie und
Soziales (Ref. V)
Integriertes, quartiersbezogenes Handeln für bedarfsgerechte Angebote
Das Referat für Jugend, Familie und Soziales ist in das Projekt „Gesundheit für alle im Stadtteil“ über den Stab Sozialraumentwicklung, die Stadtteilkoordination in den ausgewählten Gebieten, das Seniorenamt sowie die Jugendamts-Bereiche Frühe Hilfen, Offene Kinder- und Jugendarbeit, Erziehungsberatung sowie die Kindertageseinrichtungen eingebunden. Der intensive und kontinuierliche Austausch über Geschäftsbereichs-Grenzen hinweg führte zu bedarfsgerechten Angeboten in den Stadtteilen und einer effizienten, synergetischen Arbeitsweise. So wurde die Auswahl der Quartiere gemeinsam mit dem Stab Sozialraumentwicklung abgestimmt, die Arbeit der Gesundheitskoordinator/-innen an bestehende Netzwerke und Strukturen angeknüpft, um keine Parallelstrukturen entstehen zu lassen, und die Ausgangssituation im Stadtteil gemeinsam mit den dortigen Akteuren analysiert, um passgenaue Angebote zu entwickeln. Zum Teil entstanden daraus sehr enge Kooperationen, so z.B. im Nürnberger Westen zwischen der Gesundheitskoordination und dem Verein HeHanI e.V., der schwerpunktmäßig eine kultursensible, internationale und mehrsprachige Beratung und Unterstützung für ältere pflegebedürftige Menschen anbietet.
Gesundheitsförderung ist in allen Stadtteilkoordinationsgebieten ein bedeutsames Thema, denn Faktoren wie geringe Bildung und eingeschränkte finanzielle Mittel gehen oft mit einer geringeren gesundheitlichen Lebensqualität einher. In modernen Stadtgesellschaften leben viele unterschiedliche Menschen auf engem Raum zusammen, neben gut etablierten Familienquartieren finden sich sozial angespannte Stadtteile, neben alternden Distrikten Neubaugebiete mit vorwiegend jungen Mieter/-innen und Eigentümer/-innen bis hin zu angesagten Multikulti-Quartieren neben klassischen Ein- Familien-Reihenhaussiedlungen. Diese Heterogenität macht es besonders schwierig, komplexe Themen wie die Gesundheitsprävention in alle Gesellschaftsschichten zu tragen und nachhaltig individuelle Verhaltensänderungen zu erreichen. Gesundheit ist das höchste Gut eines Menschen und sollte dementsprechend einen hohen Stellenwert in persönlichen Entscheidungen spielen; dass das nicht immer so ist, ist bekannt. Eine gezielte Unterstützung ist dabei für jeden Einzelnen wertvoll und hilft gleichzeitig bei einem solidarischen Zusammenleben in modernen Stadtgesellschaften. In den Stadtteilkoordinationsgebieten wurde bereits vor Start des Projekts „Gesundheit für alle im Stadtteil“ viel im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung getan, dennoch war der Bedarf noch viel höher, weshalb die Implementierung des Projekts in der Weststadt und St. Leonhard/ Schweinau eine große Unterstützung war und ist.
Gerade die Zugänge vor Ort erreichen die Zielgruppe besser. Unterschiedliche Ausgangslagen in den Quartieren werden mit einbezogen und ermöglichen es, Angebote zielgenau nach vorhandenen Ressourcen und Problemlagen zuzuschneiden und damit die Annahme von präventiven Angeboten zu erhöhen. Diese Vorgehensweise ist aufwendig und benötigt Ressourcen sowie eine gute Vernetzung vor Ort, hat aber auch den größtmöglichen Nutzen. Bislang sind bestimmte Zielgruppen nur schwer zu erreichen, wie z. B. die stark wachsende Gruppe der Senioren und Seniorinnen mit
Migrationshintergrund. Nachhaltige und kontinuierliche Strukturen reduzieren den Aufwand des „Ansprechens und Erreichens“ der Zielgruppe. Langjährige Erfahrungen zeigen, dass besonders schwer erreichbare Zielgruppen von positiven Erfahrungen, die an Gleichgesinnte meist durch „Mund-zu Mund-Propaganda“ weitergegeben werden, sowie von einer guten Netzwerkstruktur profitieren.
Nachhaltige Strukturen
Die Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in St. Leonhard/ Schweinau, das Kinder- und Jugendhaus Bertha und der Jugendtreff Oase, hatten im Projektzeitraum mehrfach Kontakt mit dem dortigen Gesundheitsnetzwerk. Im Rahmen des Projekts hat z.B. im Mai 2019 der „Gesundheits- und Bewegungstag“ in St. Leonhard/ Schweinau stattgefunden, bei dem auch die Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit beteiligt waren. Von Seiten des Netzwerks Jugend im Stadtteil wird sehr positiv über diesen Bewegungstag berichtet und er wird auch für den kommenden Sommer wieder angedacht.
Zudem beteiligten sich Kindertageseinrichtungen der freien Träger und kommunale Kindertageseinrichtungen im Stadtteil St. Leonhard/ Schweinau am Testlauf des Angebotes der „Erziehungs- und Familienberatung vor Ort in den Kitas“. Von den Kindertageseinrichtungen und der Erziehungs- und Familienberatung wurden dabei durchweg positive Erfahrungen gesammelt. Für eine Verstetigung fehlten zwar die personellen Ressourcen, jedoch wurde über den Testlauf der Impuls zur Bildung eines trägerübergreifenden Präventionsnetzwerkes in den Stadtteilen St. Leonhard und Schweinau gegeben. Das Präventionsnetzwerk St. Leonhard/ Schweinau setzt sich aktiv für eine qualitative Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung im Bereich Inklusion ein. Dies trug auch zur Schaffung und Etablierung des Fachdienstes Inklusion der Stadt Nürnberg bei. Der Fachdienst Inklusion ist ein niedrigschwelliges und kostenloses Angebot für Kinder und deren Familien, sowie für das Personal in Nürnberger Kindertageseinrichtungen. Der Fachdienst bietet auf Basis einer ganzheitlichen psychosozialen Diagnostik eine Lotsenfunktion, Beratung bei pädagogischen Herausforderungen, Begleitung bei der Suche nach passenden Hilfs- und Förderangeboten und arbeitet institutionsübergreifend.
Ein offenes Bewegungsangebot im Freien wurde im Stadtteil St. Leonhard vor der Villa Leon angeboten. Vom Familienzentrum im Stadtteil wurde das Angebot übernommen und in Eigenregie weitergeführt. Ein weiteres Bewegungsprojekt wurde in Kooperation mit dem Post-Sportverein Nürnberg e. V. im Stadtteil initiiert. Dieses Kooperationsprojekt wurde ebenfalls eigenständig fortgesetzt. Auch im Nürnberger Westen wurden drei Bewegungstreffs initiiert: im Quellepark, am Veit-Stoß-Platz und auf der Grünfläche an der Willstraße/ Ecke Roonstraße.
Großer Beitrag zur Gesundheitsprävention Älterer
Die niedrigschwelligen präventiven Gesundheitsangebote in Quartieren sind zudem eine geeignete Antwort auf den demografischen Wandel. Er kennzeichnet sich insbesondere durch eine Zunahme der Anzahl alter, besonders hochaltriger Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund, alter Menschen mit Behinderungen, pflegebedürftiger Menschen, von Menschen mit Demenzerkrankungen, der von Armut betroffenen alten Menschen,
alleinlebender, teilweise kinderloser, alter Menschen und einer Abnahme des familiären Pflegepotenzials. Auch die Variabilität des Alter(n)s, die die Heterogenität, die Individualisierung, und die Differenzierung der Lebenslagen umfasst, werden zukünftig eine große Rolle spielen.
Die Gesundheit ist insbesondere für ältere Menschen, wie Studien immer wieder belegen, ein wesentlicher Aspekt des selbstbestimmten Lebens und damit der Lebenszufriedenheit im Alter. Gesundheitsprävention hat hierbei einen großen Einfluss. Vor dem Hintergrund der wachsenden Zahl älterer Menschen müssen Wege gefunden werden, der Gesundheitsprävention einen höheren Stellenwert zu verschaffen. Denn nicht nur das Gesundheits- und Pflegesystem, sondern auch die Gesellschaft werden positiv beeinflusst durch gesündere Seniorinnen und Senioren.
Auch Erfahrungen mit intergenerativen Projekten konnten im Rahmen des Projekts vertieft werden: So wurde ein in intergeneratives Projekt im Freien mit Kita-Kindern und dem Seniorenheim im Marie-Juchacz-Park in St. Leonhard erprobt. Das Projekt wurde von den Kindertageseinrichtungen im Stadtteil und dem Seniorenheim sehr positiv aufgenommen. Auch im Nürnberger Westen gab es eine erfolgreiche Kooperation zwischen der Gesundheitskoordination, dem Seniorennetzwerk und dem Kinder- und Jugendhaus Tetrix. Das Interesse für weitere intergenerative Projekte wurde geweckt. Ideen und Pläne für nachfolgende Projekte sind vorhanden, die jedoch auf Grund der pandemischen Lage noch nicht umgesetzt werden konnten.
Wichtige Themensetzungen im Folgeantrag
Die Frühen Hilfen waren gleich zu Beginn des Projekts im Rahmen der Abstimmung mit Kooperationspartner/-innen in die Planung eingebunden. Im Zuge der Schwerpunktsetzung in den einzelnen Stadtteilen richtete sich der Fokus jedoch auf andere Angebote und Zielgruppen. Gleichzeitig wurde die Bedeutung der ersten Lebensund Sozialisierungsphase deutlich und eine Aufnahme des Themas zu einem späteren Zeitpunkt vorgesehen. Die Förderung elterlicher Beziehungskompetenzen ist ein zentraler Entwicklungsaspekt der ersten Lebensphase und Grundlage für ein gefährdungsfreies und gesundes Aufwachsen von Kindern.
Gerade mit Blick auf die Corona-Pandemie wird deutlich, dass Kinder und Jugendliche psychisch vor besondere Herausforderungen gestellt sind. Familien stehen mit den Lockdowns, den häuslichen Quarantänen, den Kita-Schließungen und dem Homeschooling plötzlich vor völlig neuen Situationen. Es fehlen den Kindern soziale Erfahrungen und folglich Entwicklungsschritte, die sich über den Kontakt zu außerfamiliären Personen und Peergroups ergeben. Fehlende Kontakte zu Gleichaltrigen und Freunden können emotional stark belasten. Wie Kinder und Jugendliche damit einen Umgang finden können ist stark abhängig von den familiären Rahmenbedingungen und Ressourcen. Daher sollte Kindern und deren Familien eine möglichst niedrigschwellige und fachliche Unterstützung über Projekte zur Stärkung der Resilienz und der psychischen Gesundheit angeboten werden.
Daher wird begrüßt und unterstützt, die Themen sichere Bindung für Kinder unter drei Jahren sowie psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen als Schwerpunkt im
Verlängerungsantrag aufzugreifen, um damit die finanzielle Voraussetzung für geeignete Maßnahmen und Angebote im Stadtteil zu schaffen.
14.12.2021 V/SRE
Havlitschek (73 73)