Beilage 3.2
zur Sitzung des Sozialausschusses am 02.12.2021
Quartiersorientierte Altenhilfe mit Seniorennetzwerken und kleinräumigen so-
zialen Treffpunkten – Auswirkungen der Pandemie auf den Ausbau und die lau-
fende Arbeit (Jahr 2020 bis Oktober 2021)
1. Ausbau der quartiersorientierten Seniorenarbeit
1.1 Hintergrund
Im Jahr 2018 wurde der Ausbau und die Weiterentwicklung der Quartiersorientierten Seniorenarbeit mit dem „Strategiemix“ beschlossen. Dieser umfasst zum einen die Initiierung und Förderung weiterer Seniorennetzwerke als Verbund von Akteuren und Trägern in größeren bzw. benachbart liegenden Stadtteilen. Alternativ besteht seither die Option, kleinräumige soziale Treffpunkte als Anlaufstellen in Wohnquartieren mit begrenzterem „Einzugsgebiet“ zu fördern oder aufzubauen.
Über den Stand des Ausbaus wurde zuletzt im Dezember 2019 berichtet. Hier wurden bereits perspektivische Planungen für diejenigen Gebiete vorgenommen, die noch in die sozialräumlich orientierte Seniorenarbeit einbezogen werden sollen. Der nachfolgende Bericht legt den Stand der Umsetzung der letzten zwei Jahre dar und eröffnet einen Ausblick auf die kommenden Jahre.
1.2 Aktueller Stand des Ausbaus mit Perspektive 2022/2023
Die sehr unterschiedlichen Gegebenheiten in den städtischen Gebieten, die für 2019 bis 2021 im Ausbau vorgesehen waren, wurden anhand von Voruntersuchungen seitens des Seniorenamtes beleuchtet und weitere Schritte eingeleitet. Dabei mussten geplante Umsetzungsschritte immer wieder an die Bedingungen der pandemischen Lage angepasst werden.
Süden
Ende 2019 erfolgte der Abschluss der Kooperationsvereinbarung mit dem AWO Kreisverband Mittelfranken Süd e.V. als modellverantwortlicher Träger des Seniorennetzwerks im Nürnberger Süden (statistische Bezirke 48 „Katzwang / Reichelsdorf Ost / Reichelsdorfer Keller“ und 49 „Kornburg / Worzeldorf“). Mit dem Tätigkeitsbeginn der Koordinatorin wurde mit der Umsetzung der vereinbarten Maßnahmen begonnen. Hierzu gehörte die Kontaktaufnahme mit Akteuren (Antrittsbesuche), die Teilnahme an Veranstaltungen von Akteuren und die Organisation des ersten Runden Tisches Seniorenarbeit. Aus persönlichen Gründen musste die Koordinatorin ihre Tätigkeit allerdings bereits Ende November 2019 beenden. Die begonnenen Maßnahmen konnten erst Anfang 2020, nach Neubesetzung der Stelle, weitergeführt werden. Aufgrund der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen war es ab Mitte März 2020 nur noch schwer möglich, die in der Zielvereinbarung festgelegten Maßnahmen unverändert durchzuführen. Eine Anpassung erfolgte sowohl hinsichtlich der Bedürfnisse und Bedarfe der älteren Menschen als auch der mit der Pandemie verbundenen gesetzlichen Beschränkungen und Auflagen (telefonische Kontaktpflege, verstärkte Informations- und
Beratungstätigkeiten, Aufbau von Helferkreisen). Nach Aufhebung der Kontaktbeschränkungen konnte die Koordinatorin mit der Umsetzung aller vereinbarten Maßnahmen beginnen und das Seniorennetzwerk in gewohnter Weise aufbauen und verstetigen.
Für die statistischen Bezirke 54 „Reichelsdorf“ und 55 „Mühlhof“ wurde entsprechend dem sozialräumlichen Ausbauplan der quartiersorientierten Seniorenarbeit im Sommer 2020 eine Sozialraumanalyse mit externer Unterstützung begonnen. Mit diesem Instrument werden die Belange und Bedarfslagen der älteren Bewohnerschaft eruiert sowie bestehende Ressourcen (Angebote, Anlaufstellen und Einrichtungen für Ältere, Angebote der Teilhabe und Prävention, Angebotslücken und Bedarfe) ermittelt. Hierfür wurden Experteninterviews mit Akteuren im Stadtteil geführt. Der für Ende 2020 geplante zweite Teil der Sozialraumanalyse mit Beteiligungsworkshops für ältere Bewohnerinnen und Bewohner musste aufgrund von Kontaktbeschränkungen ausgesetzt werden. Als die Kontaktbeschränkungen aufgehoben wurden, stand die mit der Durchführung der Sozialraumanalyse beauftragte Honorarkraft nicht mehr zur Verfügung, da sie inzwischen andere Verpflichtungen eingegangen war. Mit einer Fertigstellung der Analyse (Voraussetzung für Fördermittel aus der quartiersorientierten Seniorenarbeit) ist Anfang 2022 zu rechnen. Anschließend soll im Frühjahr/Sommer 2022 eine Kooperation mit einem Träger initiiert werden als Grundlage für ein Seniorennetzwerk oder einen sozialen Treffpunkt im Gebiet Reichelsdorf / Krottenbach / Mühlhof in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Sozialraumanalyse. Der äußere Süden wird nach Beendigung dieses Prozesses vollständig in das System der quartiersorientieren Seniorenarbeit der Stadt Nürnberg eingebunden sein.
Die noch fehlenden Gebiete der Bezirke 31 „Rangierbahnhof-Siedlung“, 30 „Dutzendteich“, 40 „Hasenbuck“ und 41 „Rangierbahnhof“ werden perspektivisch in die Sozialplanung bei Ref. V im Rahmen des übergreifenden Stadtentwicklungsgebietes Brunecker Straße einbezogen. Aus diesem Grund werden diese Bezirke erst im weiteren Verlauf dieser Stadtplanungsprozesse von SenA verstärkt betrachtet.
Die Gebiete der Bezirke 46 „Werderau“ und 50 „Hohe Marter“ sind Bindeglieder zum Neubaugebiet „Tiefes Feld“, für das ebenfalls Stadtentwicklungsprozesse anstehen. Auch hier sind weitere Entwicklungen noch abzuwarten.
Osten
Für den Bezirk 94 „Laufamholz“ ergab die 2020 abgeschlossene Sozialraumanalyse den konkreten Bedarf einer Unterstützung im Rahmen des quartiers-bezogenen Förderprogramms. Derzeit werden die formalen Voraussetzungen einer Förderung als Sozialer Treffpunkt geschaffen, sodass im November 2021 der Treffpunkt „Mittwoch Aktiv“ – organisiert vom evangelischen Gemeindeverein Laufamholz/Rehhof – in das Förderprogramm des Seniorenamts aufgenommen werden kann.
Die Bewohnerinnen und Bewohner sowie die Akteure der Bezirke 28 „Tullnau“ und 29 „Gleißhammer“ werden teilweise bereits durch Angebote und Vernetzungsaktivitäten der benachbarten Seniorennetzwerke Südstadt Ost bzw. Zabo / Mögeldorf erreicht. Hier wird noch detaillierter zu klären sein, inwieweit diese Einbindung ausreichend ist.
Norden
Im Zuge der Planungen für den Ausbau der sozialräumlichen Seniorenarbeit im Nürnberger Norden wurden die statistischen Bezirke 70 „Westfriedhof“, 71 „Schniegling“, 72 „Wetzendorf“, 74 „Thon“ sowie 83 „Marienberg“ näher in den Blick genommen. Durch Expertinnen- und Experten- sowie Bewohnerinnen- und Bewohnerinterviews wurden wesentliche Einblicke in die Lebenslagen und Bedarfe der älteren Bewohnerschaft gewonnen. Die Ergebnisse der Untersuchung und daraus abgeleitete
Handlungsbedarfe und -ansätze sollten bei einer Informationsveranstaltung am 25.03.2020 Interessierten und Akteuren vorgestellt und diskutiert werden. Coronabedingt wurde die Veranstaltung auf Herbst 2020 vertagt. Leider musste auch die geplante Nachholveranstaltung aufgrund erneuter Kontaktbeschränkungen abgesagt werden. Die Akteure und Beteiligten wurden deshalb digital in den weiteren Prozess eingebunden. Aus den Ergebnissen der Sozialraumanalyse und den Rückmeldungen dazu wurden folgende Handlungsschwerpunkte abgeleitet und mit konkreten Wünschen, Forderungen und Anforderungen an ein künftiges Seniorennetzwerk ergänzt: Neutrale Information und Beratung: Mehr wohnungsnahe Informations- und Beratungsangebote; Information über digitale Medien; besseres Erreichen zurückgezogen lebender älterer Menschen Soziale Teilhabe: bessere Einbindung und besseres Erreichen von vereinsamten und mobilitätseingeschränkten Menschen; mehr neutrale, niedrigschwellige, informelle, für neue Zielgruppen offene Treffpunkte; mehr und abwechslungsreichere Angebote Kulturelle Teilhabe: Mehr vielfältige, zielgruppenspezifische und abwechslungsreichere kulturelle und bildungsorientierte Angebote Gesundheitsförderung und Prävention: Neue differenzierte, spezifische Angebote für unterschiedliche Zielgruppen Ehrenamtliches Engagement: Nachwuchsproblem aufgreifen; bessere Anerkennungs- und Wertschätzungskultur notwendig; organisieren und stärken von Nachbarschaftshilfen und ehrenamtlichen Hilfen Vernetzung der Akteure und Angebote: Ermöglichung von mehr Vernetzung zwischen der Bewohnerschaft; bessere Abstimmung von Angeboten In den Interviews, Bewohnergesprächen sowie den anschließenden Rückmeldungen wurde deutlich erkennbar, dass es zwar eine räumliche Abgrenzung der einzelnen Stadtteile gibt, diese aber von einer Vernetzung, einem bedarfsgerechten Ausbau von Angeboten, der gemeinsamen Nutzung von Ressourcen und einer koordinierenden Person mit übergreifender „Kümmerer“-funktion profitieren würden.
Im Sommer 2021 wurde unter den beteiligten Akteuren abgefragt, wer zusammen mit dem Seniorenamt die Trägerschaft für das neue Seniorennetzwerk übernehmen möchte. Aus dem Kreis der Akteure bekundete die Diakoneo KdöR ihr Interesse, weitere Interessenten meldeten sich nicht. Daraufhin konnte eine Kooperationsvereinbarung ab 01.11.2021 geschlossen werden. Der erste Runde Tisch Seniorenarbeit ist für das erste Quartal 2022 vorgesehen.
Der an Ziegelstein angrenzende statistische Bezirk 85 „Mooshof“ wurde in das Gebiet des Seniorennetzwerks Ziegelstein / Buchenbühl eingegliedert. Nach Gesprächen mit Bewohnerinnen und Bewohnern, Akteuren und der Koordinatorin des Seniorennetzwerks Ziegelstein / Buchenbühl wurde deutlich, dass Mooshof bereits als Bestandteil des Seniorennetzwerks gesehen wird und damit nur noch formal außerhalb der Netzwerkstruktur lag. Der Neuzuschnitt bildet nun das „tatsächlich gelebte“ Seniorennetzwerk Ziegelstein / Buchenbühl ab.
Die Sozialraumanalyse für das Gebiet Knoblauchsland mit den Bezirken 73 „Buch“, 75 „Almoshof“, 76 „Kraftshof“, 77 „Neunhof“, 78 Boxdorf“ und 79 „Großgründlach“ steht noch aus. Ansatzpunkte von Akteuren zur Unterstützung wurden an das Seniorenamt herangetragen und aufgegriffen. Die vorbereitenden Analysen sind für das Jahr 2022 geplant.
Westen
Die westlichen statistischen Bezirke 60 „Großreuth bei Schweinau“, 61, „Gebersdorf“, 62 „Gaismannshof“ und 63 „Höfen“ sind noch nicht in die quartiersorientierte Seniorenarbeit des Seniorenamts eingebunden. Infrastruktur und Angebote im Bereich der offenen Seniorenarbeit in diesen Gebieten sind
sehr lückenhaft. Im Zuge der Ausbauplanungen ist eine Sozialraumanalyse geplant, die den Bedarf an Infrastruktur und Angeboten aus Sicht der Akteure und der Bewohnerinnen und Bewohner gezielt ermittelt. Die Sozialraumanalyse ist Grundlage für die Einbindung in die Förderstrukturen der städtischen Seniorenarbeit und frühestens für das Jahr 2022/2023 geplant. Die Erschließung des „Tiefen Feldes“, welches inmitten der genannten Bezirke liegt, beinhaltet auch Planungen bezüglich eines Bürgertreffs sowie weiterer sozialer Einrichtungen. Von diesen Planungen geht ein wichtiger Impuls für das weitere Vorgehen aus.
Altstadt
Das Seniorenamt mit seinem Standort in der Altstadt ist auf der einen Seite Gestalter und Umsetzer für die Quartiersentwicklung, auf der anderen Seite aber auch selbst als Akteur und „Anbieter“ in der Altstadt präsent (Pflegestützpunkt; Freiwilligenmanagement; Geschäftsstelle des Stadtseniorenrats). Ein wichtiger Baustein in diesem Gefüge war die Cafeteria des Treffs Heilig-Geist. Der bisherige Träger hatte den Betrieb aufgrund unternehmensstruktureller Veränderungen im Frühjahr 2020 aufgegeben. Eine Revitalisierung der Begegnungsstätte im Heilig-Geist-Haus als Tagescafé und zugleich attraktiver Seniorentreff mit unterschiedlichsten Angeboten und Programmen wird Aufgabe des nächsten Jahres sein. Dabei steht besonders die Etablierung als modellhafte Begegnungsstätte mit Tagescafé (Innenund Außenbereich) im Fokus. Unterschiedlichste Angebote und Ansätze können hier erprobt werden:
Teilhabe- und Mitmachangebote Koordinierungsstelle für bürgerschaftliches Engagement Bildungsangebote u.a. im Bereich Digitalisierung Hier auch Vertiefung der Kooperationsbeziehungen zum Computer Club Nürnberg CCN 50plus, der ebenfalls im Heilig-Geist-Komplex angesiedelt ist. Kultur- und Freizeitprogramme Aufbau eines niedrigschwelligen, intergenerationellen Begegnungsortes mit Unterstützungsangeboten für pflegende Angehörige Verbesserung der Integration von Älteren, Hochbetagten sowie demenziell erkrankten Seniorinnen und Senioren in den öffentlichen Raum der Innenstadt
Von hier aus könnten somit auch Impulse für eine intensivierte Vernetzung in der Altstadt ausgehen, etwa in den Bereichen soziale Teilhabe, Bildung, Kultur und bürgerschaftliches Engagement (z.B. Altenakademie; BZ; Seniorenarbeit im CVJM; Bildungs- und Seniorenarbeit der Innenstadtgemeinden) oder mit Einrichtungen des Seniorenwohnens und der Pflege in der Altstadt. In einem Kooperationsverbund könnten auch Maßnahmen entwickelt werden, die v.a. sozial benachteiligten Gruppen Älterer niedrigschwellige Teilhabechancen bieten und gezielt Information und Beratung zu Unterstützungsleistungen. Hierbei ist eine gute Abstimmung mit Prozessen der Stadtentwicklungsplanung im Rahmen des Quartiersmanagements Altstadt Süd und Altstadt Nord anzustreben. Das Projekt „Revitalisierung der Cafeteria“ ist auf eine Laufzeit von 1,5 Jahren angelegt (externe Projektfinanzierung). Im Anschluss an dieses Projekt ist eine Überleitung in ein Seniorennetzwerk Altstadt geplant und damit eine Einbindung in die Förderstrukturen der quartiersorientierten Seniorenarbeit. Somit sollen nachhaltig die positiven Entwicklungen der Revitalisierung des Seniorentreffs gesichert werden.
Mit den genannten, jeweils mehrere statistische Bezirke umfassenden Gebieten, ist das gesamte Stadtgebiet weitgehend vollständig in die sozialräumlichen Planungen bzw. den Ausbau von Teilhabestrukturen einbezogen. Die Umsetzung der Planungen ist auf 3 Jahre angelegt, allerdings ist die Umsetzung maßgeblich von der Haushaltsentwicklung abhängig. Auch die unabsehbare Entwicklung der epidemischen Lage erschwert eine seriöse Prognose über die Geschwindigkeit des Ausbaus der quartiersorientierten Seniorenarbeit in Nürnberg (siehe folgendes Kapitel).
2. Auswirkungen der Pandemie auf die laufende Arbeit der quartiersorientier-
ten Seniorenarbeit für die Jahre 2020/2021
(Grundlage: Dokumentationsbögen für das Jahr 2020, die von den Koordinierenden abgegeben wurden und Erfahrungsberichte der Koordinierenden aus dem Zeitraum 2020 und Januar bis Oktober 2021)
Im Jahr 2020 sind im Vergleich zum Jahr 2019 die Kontakte zu älteren Menschen im Rahmen von Veranstaltungen, Gruppenangeboten und Kursen stark rückläufig (siehe Anlage, Tabelle auf Seite 1 und 2). Für 2021 liegen die Dokumentationsbögen aus den Seniorennetzwerken noch nicht vor, so dass noch keine zahlenmäßige Auswertung stattfinden konnte.
Die mit der Pandemie einhergehenden Kontaktbeschränkungen, insbesondere zu Zeiten des Lockdowns, haben zeitweise zum vollständigen Erliegen von Gruppenangeboten geführt. Wegen umzusetzender Abstands- und Hygieneregeln konnten auch in Phasen, in denen Kontakte gemäß Infektionsschutzmaßnahmenverordnung wieder erlaubt waren, die Gruppenaktivitäten nicht wie gewohnt wiederaufgenommen werden. Gruppen mussten verkleinert werden und manche Angebote konnten nicht wiederaufgenommen werden, weil z.B. keine von der Größe geeigneten Räume zur Verfügung standen (bisher genutzte Räume sind teilweise zu klein, um Abstandsregeln einhalten zu können oder Kooperationspartner und Raumgeber sind noch vorsichtig und stellen ihre Räume für Veranstaltungen noch nicht wieder zur Verfügung).
Hinzu kommt, dass sich ein Teil der älteren Menschen aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus sehr stark zurückgezogen hat. Bei einigen führte der Mangel an Aktivität und Anregung zur Verschlechterung der physischen und mentalen Gesundheit, was letztlich zur Folge haben kann, dass Gruppenangebote gar nicht mehr besucht werden können auch wenn Kontakte wieder erlaubt sind.
Eine rein quantitative Darstellung der Kontakte zu älteren Menschen über Veranstaltungen und Gruppenangebote (siehe Anlage) würde die Arbeit in den Seniorennetzwerken in den Pandemie-Jahren 2020 und 2021 nicht hinreichend abbilden. Daher wird sie an dieser Stelle durch eine qualitative Beschreibung ergänzt.
Die Koordinierenden der Seniorennetzwerke haben schon in der ersten Phase der Pandemie in enger Abstimmung mit dem Seniorenamt schnell auf die veränderten Umstände und Bedingungen in ihrer Arbeit reagiert. Bereits zu Beginn der Pandemie wurden besonders ältere Menschen als vulnerable Personen für einen schweren Krankheitsverlauf identifiziert. Dies führte dazu, dass gerade dieser Personengruppe angeraten wurde, Kontakte, wo möglich zu vermeiden und zu Hause zu bleiben. Um die Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs für Ältere sicherzustellen, wurde seitens der Stadt im April 2020 ein Angebot ehrenamtlich tätiger Einkaufshilfen aufgebaut. Diese konnten telefonisch und damit kontaktlos vermittelt werden. Mit dieser telefonischen Hotline haben die Koordinierenden der Seniorennetzwerke zusammengearbeitet und bei Bedarf auch weiterführende Unterstützung, z.B. zur Vermeidung von Einsamkeit, angeboten.
Schon früh kristallisierte sich das Schwerpunktthema das Jahres 2020 heraus. Es mussten Wege gefunden werden, trotz der Kontaktbeschränkungen eine potentiell drohende Vereinsamung älterer Menschen zu vermeiden und seitens der Seniorennetzwerke veränderte Angebote der Sozialen Teilhabe zu gestalten. Mit Kreativität wurden vielfältige Ideen entwickelt, um Angebote der sozialen und kulturellen Teilhabe sowie für Bildung und Gesundheitsförderung immer wieder an die sich verändernden Bedingungen und Regelungen anzupassen.
2.1 Angebote der sozialen Teilhabe und zur Gesundheitsförderung im Jahr 2020 und 2021 unter den Vorgaben wechselnder Infektionsschutzmaßnahmenverordnungen:
Ermöglichung von 1:1-Kontakten: o Proaktives Zugehen auf ältere Menschen, die im Stadtteil bekannt sind, da manche sich zunehmend zurückgezogen hatten und von sich aus keinen Unterstützungsbedarf bekundet haben. o In Form von Telefonaten, Briefen oder auch „Zweier-Spaziergängen“ (Koordinierende; Senioreninnen und Senioren oder Ehrenamtliche und Senioreninnen und Senioren) Hier konnte auch über pandemiebedingte Ängste und Sorgen gesprochen werden. Im Verlauf der Pandemie fiel aus Sicht der Koordinierende auf, dass viele Gespräche mit Stadtteilbewohnerinnen und Stadtteilbewohner wegen des hohen Mitteilungsbedarfs an Dauer zunahmen. o Unter dem Motto „Gemeinsam statt einsam“ wurden in zwei Seniorennetzwerken Treffpunkte an sogenannten „Ge(h)meinsambänken“ ermöglicht. An den auffällig gestalteten Bänken werden ältere Menschen aus dem Stadtteil, die unter der (coronabedingter) Einsamkeit leiden, miteinander in Kontakt gebracht, entweder zu einem Gespräch im Freien auf der Bank oder als Startpunkt für einen gemeinsamen Spaziergang. o Vermittlung telefonischer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner (Ehrenamtliche), z.B. über das Projekt „Telefonfreunde“. o Projekt „Erzähltelefon“: Einfach nur mal plaudern können oder auch über Sorgen und Belastungen sprechen. o Stadtteilspaziergänge seitens der Koordinierenden: beim Rundgang durch den Stadtteil wurden/werden Gespräche über den Gartenzaun oder am Fenster geführt. Teilweise wurden bei diesen Stadtteilrundgängen auch kleine Geschenke oder Kulinarisches verteilt, z.B. Krapfen zu Fasching, Eis im Sommer, Punsch in der Adventszeit, kleine Geschenke zu Weihnachten. o In einigen Seniorennetzwerken wurden Brieffreundschaften zwischen Kindern und Seniorinnen und Senioren vermittelt, was von beiden Seiten als große Bereicherung empfunden wurde und das Verständnis dafür förderte, mit welchen Problemen und Ängsten sich die jeweilige Gruppe in der Pandemie konfrontiert sah. o Briefaktionen, z.B. „Mutmachbriefe“ mit Geschichten, Denksportaufgaben und Anregungen zur Beschäftigung.
Gruppentreffen o In Form von moderierten Gruppentelefonaten oder Video-Gesprächen (sofern die technischen Kenntnisse und Voraussetzungen vorlagen). o Das Angebot, Kurse online zu besuchen, wurde nur in einem Stadtteil von einigen älteren Menschen angenommen (Yoga-Kurs).
Ehrenamtlich geleitete Gruppen o Bemerkenswert war im Jahr 2020, dass viele der in den Seniorennetzwerken ehrenamtlich oder auf Basis einer Übungsleiterpauschale tätigen Kursleitungen in den Zeiten strenger Kontaktbeschränkungen von sich aus Kontakt zu den Kursteilnehmenden gehalten haben. Die Kursleitungen haben hier ein beeindruckendes Engagement gezeigt und in der Regel deutlich mehr Zeit als vor der Pandemie investiert. o Der Kontakt wurde telefonisch, durch Briefe oder auch in WhatsApp-Gruppen aufrechterhalten.
Angebote zur Förderung der physischen und geistigen Gesundheit o Anregung zu Spaziergängen zu zweit oder in Kleingruppen, z.B. im Rahmen des Projekts „Mitlaufbank“ (Treffpunkt zu Spaziergängen an einer Bank im Stadtteil). o In vielen Stadtteilen fanden über den Sommer und Herbst 2020 Kleingruppen zu Gymnastik und Sturzprophylaxe im Freien (z.B. OTAGO unterwegs; Sitzgymnastik im Freien) oder Lauftreffs statt. Sobald Sport im Freien in Gruppen wieder erlaubt war, wurden Angebote zur Gesundheitsförderung, dort wo es organisatorisch und wetterbedingt möglich war, ins Freie verlegt. o Über einen großen Zeitraum der Pandemie konnte in vier Seniorennetzwerken der therapeutisch orientierte Frühstückstreff „Gut für die Seele“ (für ältere Menschen in seelischen Notlagen) weiter angeboten werden. o Teilnehmende bestehender Gedächtnistrainings-Gruppen erhielten Übungen und Anregungen zum Gedächtnistraining in Phasen strenger Kontaktbeschränkungen in Form von Rundbriefen.
Mit diesen vielfältigen Angeboten zu sozialer Teilhabe und Gesundheitsförderung konnte der Kontakt zu den Seniorinnen und Senioren, die im Seniorennetzwerk bereits bekannt waren, größtenteils aufrechterhalten werden.
Schwieriger war es dagegen, älteren Menschen, die bis zur Pandemie noch keinen Kontakt zum Seniorennetzwerk hatten, Zugang zu den Angeboten zu ermöglichen. Offene Treffs, über die sich niedrigschwellig die Möglichkeit bietet, erstmals mit einem Angebot des Seniorennetzwerks in Kontakt zu kommen, konnten im Jahr 2020 nicht angeboten werden. Gruppenangebote konnten fast ausnahmslos nur mit vorheriger Anmeldung angeboten werden.
Im Verlauf der Pandemie hat die Digitalisierung in vielen Bereichen der Gesellschaft stark zugenommen. Dies führte bei den älteren Menschen, die sich bisher noch nicht mit digitalen Medien auseinandergesetzt hatten, immer stärker zu einem Gefühl des „Abgehängt seins“. Online einkaufen oder einen Zugang zum Schwimmbad oder einer kulturellen Einrichtung online zu buchen, war für sie kaum oder gar nicht möglich. Auch die digitale Anmeldung für einen Impftermin war für viele ältere Menschen eine große Herausforderung und konnte häufig nur mit Hilfe von Verwandten oder Bekannten erfolgreich getätigt werden.
Hier wäre eine Ausweitung der Angebote zur Unterstützung im Umgang mit digitalen Geräten seitens der Seniorennetzwerke hilfreich gewesen, auch weil sich eine steigende Bereitschaft seitens der Seniorinnen und Senioren abzeichnete, die Nutzung digitaler Geräte zu erlernen. Beim Erlernen ist aber gerade zu Beginn eine unterstützende Person notwendig, die die ersten Schritte an den Geräten zeigt und die damit auch körperlich nahekommt. Da körperliche Nähe aber gerade im ersten Jahr der Pandemie vermieden werden sollte, waren solche Angebote für Off-Liner kaum durchführbar.
Diese Entwicklungen gaben letztlich den Anstoß für die Initiierung des Projektes „Wege in die digitale Welt für Ältere“, das 2021 starten konnte (s. Sozialausschuss vom 08.07.2021 und Sitzung des Sozialausschusses am 02.12.2021).
Informations-, Beratungs- und Lotsenfunktion der Netzwerkkoordinatoren/innen
Vorbemerkung: Bei den nachfolgend dargestellten Zahlen handelt es sich um die aufsummierten dokumentierten Kontakte aller Seniorennetzwerke im Berichtszeitraum. Die Anzahl der Seniorennetzwerke verändert sich jedoch mit dem weiteren sozialräumlichen Ausbau im zeitlichen Verlauf. Zudem sind die jeweils neu hinzukommenden Quartiere strukturell und im Hinblick auf die Bedarfe nicht in jedem Fall
vergleichbar mit bereits bestehenden Seniorennetzwerken. Dadurch können sich relative Schwerpunktverlagerungen bei Themen, Aufgaben, Veranstaltungen und Angeboten oder Zielgruppen ergeben. Auch in existierenden Seniorennetzwerken können sich im Projektverlauf Zielsetzungen und inhaltliche Schwerpunktsetzungen verändern. Die genannten Daten dürfen somit nicht längsschnittlich interpretiert werden.
Im Jahr 2020 bestanden in 16 Stadtgebieten Seniorennetzwerke. Das 16. Seniorennetzwerk „Nürnberger Süden“ wurde erst Ende 2020 implementiert (vgl. hierzu Ausbau Süden).
Im Jahr 2020 wurden insgesamt 12.736 Einzelkontakte mit Seniorinnen und Senioren aus dem Stadtteil, mit ihnen nahestehenden Personen (Angehörige, Bekannte, Nachbarn) und mit freiwillig Engagierten oder an einem freiwilligen bürgerschaftlichen Engagement Interessierten dokumentiert (2012: rund 3.000 Kontakte; 2013: rund 3.400 Kontakte; 2014: rund 4080 Einzelkontakte; 2015: rund 4.275 Kontakte; 2016: 5.651 Kontakte; 2017: 6.150 Kontakte; 2018: 6.408; 2019: 10.714).
Rund 60 % dieser Gespräche wurden mit älteren Menschen geführt. Bei rund 82 % der Kontakte mit älteren Menschen handelt es sich um Gespräche mit Frauen (2012: 78 %; 2013: 78 %; 2014: 76 %; 2015: 80 %; 2016: 78 %; 2017: 77%; 2018: 77%; 2019: 79%;).
Hinzu kommen rund 4.932 Einzelkontakte mit Akteuren und anderen Multiplikatoren (2012: 1.150 Kontakte; 2013: 1.680 Kontakte; 2014: 2.020 Kontakte; 2015: 3.070 Kontakte; 2016: 3.110 Kontakte; 2017: 4.350 Kontakte; 2018: 4.072 Kontakte; 2019: 4491 Kontakte;), z.B. im Zusammenhang mit der Organisation von Veranstaltungen oder der Vernetzungsarbeit.
Insgesamt wurden somit in 2020 rund 17.668 Kontakte dokumentiert (2012: 4.150; 2013: 5.080 Kontakte: 2014: 6.100 Kontakte; 2015: 7.347 Kontakte; 2016: 8.761 Kontakte; 2017: 10.500 Kontakte; 2018: 10.480 Kontakte; 2019: 15.205 Kontakte). Kontakte mit älteren Menschen bzw. ihren Angehörigen, Bekannten, Nachbarn sowie Ehrenamtlichen machen rund 72% aus (2012: 72%; 2013: 67%; 2014: 67%; 2015: 58%; 2016: 64,5%; 2017: 59%; 2018: 61%; 2019: 59%;).
Hinzu kommt eine Vielzahl weiterer, nicht dokumentierbarer Einzelgespräche mit Seniorinnen und Senioren oder Angehörigen im Rahmen von Mittagstischen, Seniorenstammtischen, Veranstaltungen, Fahrten oder bei zufälligen Alltagsbegegnungen etc. Aufgrund der wachsenden Verankerung und des steigenden Bekanntheitsgrades der Koordinator/innen in den Stadtteilen ist auch hier eine Zunahme der Kontakthäufigkeiten zu verzeichnen.
Die Themenbereiche, die sich spezifisch auf Fragen der Lebensgestaltung und -bewältigung der älteren Menschen beziehen, sind in der nachfolgenden Tabelle aufgelistet (weitere Gesprächsthemen wie Vermittlung oder Begleitung von Ehrenamtlichen, die Information über bzw. die Organisation von Veranstaltungen, Vernetzungsarbeit sowie „sonstige“ Themen sind hierbei nicht berücksichtigt). Die nachfolgend genannten Themen werden nicht nur im unmittelbaren Kontakt mit Älteren selbst, sondern auch im Rahmen von Kontakten mit Akteuren, Angehörigen, Nachbarn, Bekannten oder Ehrenamtlichen behandelt, zu denen im Zusammenhang mit der Problemlage eines alten Menschen Kontakt besteht oder hergestellt wird (z.B. Fallbesprechungen mit Akteuren; Weitervermittlung an Dienste; Unterstützung von Angehörigen; fachliche Begleitung von Ehrenamtlichen).
| Spezifische Fragen der Lebensgestal- tung und –bewälti- gung der Älteren | Anteil 2017 | Anteil 2018 | Anteil 2019 | Anteil 2020 | Beispiele |
|---|---|---|---|---|---|
| Psychische Prob- leme und psychoso- ziale Konflikte | 19,1% | 17% | 15% | 21% | Einsamkeit und Isolation, Tod von Angehörigen oder naheste- henden Menschen, Depression und Angststörungen, allg. psychische Probleme, Belastung durch und Umgang mit chronischen Erkrankungen, Krisenin- tervention, Alkoholprobleme, Konflikte in der Familie, der Partner- schaft oder der Nachbarschaft |
| Alltagsbewältigung, Alltagsgestaltung, Wohnen, häusliche Versorgung | 36,9% | 38% | 42% | 46% | Suche nach ehrenamtlicher Hilfe im Alltag (z.B. bei Spaziergängen, Ein- käufen); Beratung zur Alltagsbewälti- gung nach Krankenhausaufenthalten, zu hauswirtschaftlichen Hilfen und ambulanten Dienstleistungen; Über- forderung bei der Bewältigung des Haushalts, Beratung zu Wohnformen für Ältere und zur Wohnraumanpas- sung; Hilfe bei Formularen, Behör- denangelegenheiten etc. |
| Finanzielle Prob- leme und Vorsorge | 14,2% | 12% | 10% | 9% | Fragen zu Grundsicherung, Probleme bei der Zahlung von Arztrechnungen, Zuzahlungen etc.; Probleme mit Kran- ken- und Pflegekassen, Rechtliche Vorsorge (z.B. Vorsorgevollmacht, Betreuungs-verfügung); |
| Gesundheit und Pflege | 29,8% | 33% | 33% | 24% | Beratung zu Gesundheitsthemen und Prävention, Inkontinenz-probleme, Sturzereignisse, Fragen zu Demenz und Betreuung von Menschen mit Demenz |
| 100% | 100% | 100% | 100% |
Anteil
2017
Anteil
2020
Tabelle 1: Spezifische Themen der Lebensgestaltung und –bewältigung der Älteren
Resümee
Auch wenn, wie einleitend erläutert, keine längsschnittlichen Aussagen aus den Daten ableitbar sind, korrespondieren diese dennoch mit einigen wesentliche Trends, die sich in der Alltagspraxis der Seniorennetzwerke zeigen:
Die dokumentierten absoluten Zahlen von Kontakten sind zwischen 2012 (8 Seniorennetzwerke) und 2020 (16 Seniorennetzwerke) auf das rund 4-fache angestiegen (die Zahl der Seniorennetzwerke in diesem Zeitraum auf das doppelte).
Der Anteil der Einzelkontakte mit Seniorinnen und Senioren bewegt sich über die Jahre bei Werten zwischen rund 60 und 72 %; schließt man die unmittelbaren Bezugspersonen der älteren Menschen mit ein (z.B. Angehörige, Nachbarn, ehrenamtliche Helferinnen und Helfer), wird erkennbar, dass sich die Funktion der Koordinator/innen als Anlaufstellen und Schlüsselpersonen im Quartier (z.B. wohnungsnahe Information, Basisberatung, „Lotsenfunktion“, Weitervermittlung an andere Hilfsangebote) auf sehr hohem Niveau etabliert hat.
Die Anzahl der Kontakte in Veranstaltungen hat sich zwischen 2013 und 2019 mehr als verfünffacht. Im Jahr 2020 ist die Anzahl der Kontakte in Veranstaltungen stark rückläufig und sinkt sogar unter das Niveau von 2013 (siehe Anlage, Tabelle auf Seite 1 und 2), was dem Umstand zuzuschreiben ist, dass die pandemiebedingten (Kontakt-)Beschränkungen über lange Phasen keine Gruppenangebote erlaubt haben. Es wird sich zeigen, ob und wann das vor-pandemische Niveau an Kontakten im Rahmen von Veranstaltungen wieder erreicht wird. Die Zahl der Seniorennetzwerke ist in diesem Zeitraum von 11 auf 16 und somit lediglich um rund ein Drittel gestiegen. Die Zahlen einschließlich des Jahres 2019 verweisen darauf, dass die Koordinierenden neben der individuellen Informations- und Beratungstätigkeit für ältere Menschen auch im Hinblick auf Teilhabeförderung und Prävention Angebote und Veranstaltungsformate in den Quartieren dauerhaft etablieren konnten und deutlich gesteigert haben.
Gleiches gilt für die Vernetzungsarbeit mit Akteuren im Quartier; die Anzahl von Kontakten (z.B. für die Organisation von Veranstaltungen, im Rahmen der „Lotsenfunktion“ der Koordinierenden oder der Informationsarbeit im Quartier) ist von 2012 bis 2020 um das 4,3-fache angestiegen (die Anzahl der Seniorennetzwerke in diesem Zeitraum um das 2-fache).
Dies zeigt insgesamt, dass sich mit zunehmender „Laufzeit“ eines Seniorennetzwerks die Netzwerkarbeit verdichtet und intensiver wird, da zunehmend Vertrauen der Akteure in das Netzwerk entsteht und die Zusammenarbeit damit selbstverständlicher wird; auch die steigende Zahl von Kontakten zu Älteren und von Veranstaltungen führt zu mehr Organisations-, Abstimmungs-, Informations- und Kooperationsaufgaben bei den Koordinierenden; hinzu kommt im Sinne der Lotsen- und Multiplikatorenfunktion auch eine wachsende Zusammenarbeit mit stadtteilübergreifenden Organisationen (s.u.).
2.2 Netzwerkübergreifende Schwerpunktprojekte und Netzwerkarbeit „Anlaufstellen für ältere
Menschen“ / Stärkung freiwilliger und nachbarschaftlicher Strukturen
Das 2014 gestartete, netzwerkübergreifende Projekt „Mach Dich stark!“ zum Aufbau dezentraler, ehrenamtlicher gestützter Hilfestrukturen in den Stadtteilen wurde weitergeführt, in enger Zusammenarbeit und Abstimmung mit dem Freiwilligenmanagement / häuslichen Besuchsdienst des Seniorenamts (z.B. gegenseitige Vermittlung; gemeinsame Schulungen; gemeinsame Anerkennungskultur).
Gerade zu Beginn der Pandemie waren nachbarschaftlich organisierte Einkaufshilfen eine wertvolle Unterstützung im Alltag älterer Menschen. Da aber viele Ehrenamtliche, die sich im Projekt „Mach Dich stark!“ betätigen, selbst schon älter sind und damit auch zur vulnerablen Gruppe gehören, konnten diese nur begrenzt zur Unterstützung alleinlebender Senioren/innen eingesetzt werden. Maßgebend für den Einsatz von Ehrenamtlichen im Besuchsdienst, bei der Unterstützung von geselligen Veranstaltungen oder im Hol- und Bringdienst waren im Jahr 2020 auf der einen Seite die aktuellen gesetzlichen Bestimmungen (Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln) und auf der anderen Seite das Ausloten, mit welchen Aktivitäten sich jede und jeder Ehrenamtliche im Hinblick auf die pandemische Lage wohl fühlt. Viele Ehrenamtliche mussten zeitweise ihre persönlichen Besuche bei den Seniorinnen und Senioren zu Hause einstellen, konnten den Kontakt aber häufig telefonisch oder bei Spaziergängen zu zweit aufrechterhalten.
Die Funktion der Koordinierenden als „Anlaufstelle im Quartier“ erhält auch im Kontext der Unterstützung und Pflege nachbarschaftlicher Strukturen eine bedeutsame Rolle und nimmt personelle Ressourcen in Anspruch.
Psychische Belastungen im Alter
Schon zu Beginn der Pandemie identifizierte man ältere Menschen als besondere Risikogruppe für schwere Verläufe einer COVID-19-Erkrankung. In der Folge wurden diese aufgefordert (häufig auch von nahen Angehörigen) wo nur möglich – Kontakte zu vermeiden und am besten zu Hause zu bleiben. Der Mangel an Kontakten, v.a. zu Familienangehörigen oder anderen nahestehenden Personen, wurde von vielen als belastend empfunden. Insgesamt zeigten aber schon Ende 2020 Studien aus verschiedenen Ländern, dass die Mehrheit der Seniorinnen und Senioren - anders als vielleicht erwartet - relativ gut mit den psychischen Belastungen der pandemischen Situation umgehen konnte. Als Gruppe waren ältere Menschen in ihrem psychischen Wohlbefinden wohl weniger belastet als die jüngere Generation.
Dennoch war auch unter den Seniorinnen und Senioren die psychische Belastung höher als zu anderen Zeiten. Dies zeigt sich auch in den Seniorennetzwerken an einer Zunahme der Einzelberatungen zum Thema Psychische Probleme und psychosoziale Konflikte (siehe Tabelle 1: Spezifische Themen der Lebensgestaltung und –bewältigung der Älteren).
Bereits vor der Pandemie bestehende psychische Belastungen haben sich im Verlauf der Pandemie durch den sozialen Rückzug und den Umstand, dass auch therapeutisch orientierte Gruppen zeitweise ausgesetzt wurden, tendenziell eher verstärkt. Um Ältere, die im Verlauf der Pandemie zunehmend psychisch belastet waren oder Ängste entwickelten, möglichst gut unterstützen zu können, wurde eng mit den in Nürnberg tätigen gerontopsychiatrischen Fachdiensten (Stadtmission und arbewe) und der Beratungsstelle „Ruhepunkt“ des Mittelfränkischen Krisendienstes zusammengearbeitet.
Alltagsbewältigung, Alltagsgestaltung, Wohnen, häusliche Versorgung
Im Jahr 2020 waren zu Beginn der Pandemie, als älteren Menschen angeraten wurde, Kontakte möglichst zu vermeiden, Einkaufshilfen sehr gefragt. Dies spiegelt sich auch in einer Zunahme der dokumentierten Einzelkontakte zum Thema Alltagsbewältigung wider. In Zusammenarbeit mit der Corona- Hotline der Stadt Nürnberg konnten die Koordinatoren/innen der Seniorennetzwerke entsprechende Hilfen vermitteln. Zusätzlich wurden auch vermehrt Besuchsdienste für gemeinsame Spaziergänge zur Vermeidung von Einsamkeit angefragt und vermittelt.
Armut im Alter
In der Praxis der Seniorennetzwerke, u.a. der Beratungsarbeit, ist das Thema Altersarmut in den letzten Jahren zunehmend relevant geworden. Auch der Stadtseniorenrat, dessen Delegierte an den Runden
Tischen Seniorenarbeit in den Seniorennetzwerken vertreten sind, sieht hier einen wichtigen Arbeitsschwerpunkt. Seit Ende 2017 wird zu diesem Thema verstärkt zusammengearbeitet. Neben Delegierten des Stadtseniorenrats und Mitarbeitenden des Seniorenamts beteiligen sich an diesem Arbeitskreis v.a. die Koordinierenden aus den Stadtteilen, die am meisten von Altersarmut betroffen sind, aber auch andere Stellen wie der Stab Armutsprävention im Referat für Jugend, Familie und Soziales (Amt für Existenzsicherung und soziale Integration) und die Noris-Arbeit (NOA) gGmbH. Nachdem zuerst die mit geringen finanziellen Mitteln einhergehenden Problemlagen und Bedarfe älterer Menschen identifiziert wurden, geht es in der Folge darum, für die Probleme, die auf der Quartiersebene bearbeitet werden können, geeignete Lösungen zu finden.
In Zusammenarbeit mit der Corona-Hotline der Stadt Nürnberg konnten die Koordinierenden der Seniorennetzwerke Einkaufshilfen, die gerade zu Beginn der Pandemie sehr gefragt waren, vermitteln. Menschen mit geringem Einkommen kam es sehr entgegen, dass diese Einkaufshilfen ehrenamtlich tätig waren und damit keine Kosten entstanden.
Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 haben die Nürnberger Tafeln ihr Angebot eingestellt, was eine finanzielle Belastung für Anspruchsberechtigte darstellte. Auch offene Mittagstische, die älteren Nürnberg-Pass-Inhaberinnen und –inhabern sowie Grundsicherungsempfangenden Vergünstigungen für die Mahlzeiten gewähren, waren im Jahr 2020 zeitweise ausgesetzt, in Pflegeheimen angebotene Mittagstische sogar für das ganze Jahr 2020. Bis heute sind die meisten Pflegeheime noch immer zurückhaltend, wenn es darum geht, ihren günstigen Mittagstisch wieder für den Stadtteil zu öffnen. Wo möglich und sinnvoll, wurde in den Seniorennetzwerken in den Zeiten der strengen Kontaktbeschränkungen das Angebot auf „Essen zum Mitnehmen“ umgestellt.
Auch die Beschaffung einer ausreichenden Menge an Mund-Nasen-Schutz bzw. FFP2-Masken (Ende des Jahres 2020) war anfangs eine Herausforderung für Ältere mit wenig Geld angesichts steigender Preise und teilweise ausverkaufter Bestände. In einigen Seniorennetzwerken wurden Projekte initiiert, in denen Mund-Nasen-Schutz selbst hergestellt und kostenlos an Seniorinnen und Senioren abgegeben wurde. Ende 2020 konnten Ältere (über 60 Jahre) ein festgelegtes Kontingent an FFP2-Masken kostenlos oder mit geringem Zuschuss über die jeweilige Krankenkasse oder über Apotheken beziehen. Ab Ende Januar 2021 stellte der Freistaat Bayern eine Million kostenlose FFP2-Schutzmasken für pflegende Angehörige zur Verfügung. Hier haben sich die Seniorennetzwerke Nürnberg an der Verteilung der FFP2-Masken beteiligt.
Gesundheit und Pflege
Der Themenbereich Gesundheit und Pflege hat 2020 im Vergleich zu den anderen Themenbereichen scheinbar an Bedeutung verloren. Zum einen könnte das daraufhin zurückgeführt werden, dass die Bewältigung des Pandemie-Alltags die Ressourcen der Älteren umfassend gebunden hat, so dass z.B. Prävention kein Thema war. Zudem waren aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen die entsprechenden präventiven Angebote häufig gar nicht verfügbar. Zum anderen wurde das Thema „Unterstützungs- und Pflegebedürftigkeit“ mutmaßlich zum Teil innerhalb des familiären Systems aufgefangen. Nahestehende Personen der hilfebedürftigen Seniorinnen und Senioren waren z.B. im Homeoffice oder in Kurzarbeit und nutzten diese Ressourcen, um ihre Angehörigen selbst zu unterstützen. Das wiederum könnte zu dem verringerten Beratungsbedarf beigetragen haben.
Runde Tische Seniorenarbeit
Als lokale Arbeitsgremien für den trägerübergreifenden Austausch bzw. für den Aufbau und die Umsetzung von Angeboten/Projekten konnten im Jahr 2020 die Runden Tische Seniorenarbeit in den 16 Seniorennetzwerken nicht wie gewohnt durchgehend in Präsenz stattfinden.
Üblicherweise werden jährlich pro Seniorennetzwerk 4 Runde Tische Seniorenarbeit angeboten. Bei derzeit 16 Seniorennetzwerken wären dies 64 Runde Tische Seniorenarbeit. Tatsächlich konnten im Jahr 2020 36 Runde Tische in Präsenz stattfinden, 4 in Form einer Video-Konferenz, ein Runder Tisch in Form einer Telefonkonferenz und ein weiterer als Hybrid (Video-Konferenz und Präsenz). Zahlreiche Runde Tische Seniorenarbeit mussten gänzlich ausfallen.
Im Jahr 2020 war die Zahl der Akteure, die an den Treffen der Runden Tische Seniorenarbeit teilnahmen, mit durchschnittlich weniger als einem Viertel der regulär vertretenen Akteure deutlich rückläufig. Viele Netzwerkpartner, insbesondere Pflegeheime und ambulante Pflegedienste, waren mit der Umsetzung der pandemiebedingten Verordnungen und Maßnahmen in ihren Ressourcen ausgelastet. Außerdem haben die Mitarbeitenden vieler Einrichtungen Kontakte in Präsenz - wo möglich - vermieden. Ein telefonischer oder digitaler Austausch kam in vielen Netzwerken erst allmählich zum Einsatz.
Über den Verteiler der Runden Tische Seniorenarbeit wurden 2020 insgesamt in allen Seniorennetzwerken ca. 740 lokale Akteure erreicht, so dass damit - neben den Runden Tischen Seniorenarbeit auch ein Informationsnetzwerk in den Stadtteilen besteht. Über die Protokolle zu den Runden Tischen Seniorenarbeit erhielten alle Netzwerkpartner Informationen zu aktuellen Aktivitäten im Seniorennetzwerk. Entwicklungen und Neuerungen im Zusammenhang mit der pandemischen Lage wurden seitens des Seniorenamts (Fachbereich Quartiersentwicklung und Seniorennetzwerke) mit den Koordinierenden der Seniorennetzwerke besprochen und von diesen dann in Form von Infobriefen an die Netzwerkpartner weitergeleitet. Seitens der Netzwerkpartner wurde betont, wie wichtig dieser Austausch zu den organisationsspezifischen und allgemeinen Herausforderungen in der Pandemie war und ist.
Seit Frühsommer 2021 können bedingt durch die gestiegene Impfquote und die Einhaltung der 3-G- Regel die Runden Tische Seniorenarbeit wieder in Präsenz stattfinden.
Koordinatoren/-innen-Treffen
Ziel: Erfahrungsaustausch; Abstimmung netzwerkübergreifender Projekte; Klärung organisatorischer Fragen; Übertragung von Angeboten / Projekten zwischen Seniorennetzwerken;
Im Jahr 2020 gab es bei den Koordinierenden der Seniorennetzwerke einen hohen Bedarf für Austausch und gemeinsame Abstimmung. Die häufig wechselnden Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnungen haben gerade zu Beginn der Pandemie viel Verunsicherung ausgelöst und bedurften der Interpretation. Immer wieder stellte sich im Jahr 2020 die Frage, was an Veranstaltungen, Gruppen und überhaupt Angeboten für ältere Menschen in den Seniorennetzwerken gerade erlaubt ist und unter welchen Bedingungen die Umsetzung stattfinden kann.
Viel Zeit nahm sowohl der Erfahrungsaustausch zur Umsetzung der neuen Hygieneregeln als auch der Ideenaustausch zur Entwicklung neuer – an die Bedingungen der Pandemie angepasster - Formen sozialer Teilhabe in Anspruch.
Auch im Zuge der Impfkampagne ab Beginn des Jahres 2021 war viel Informationsmanagement vonnöten. Informationen zum Ablauf und Fortgang der Impfaktion wurden hauptsächlich über die lokale Presse oder die Webseite der Stadt Nürnberg vermittelt. Da ein Teil der älteren Bürgerinnen und Bürger Nürnbergs hierzu keinen Zugang hat, wurden viele Fragen und Probleme, die im Zusammenhang mit der Impfung auftraten, an die Koordinierenden herangetragen und in der Folge an das Seniorenamt und von dort an die Impfkoordination oder das Gesundheitsamt weitergeleitet. Antworten konnten dann über die bestehende „Informationskette“ an die Seniorennetzwerke und damit an die Seniorinnen und Senioren zurückvermittelt werden. Wo möglich, wurde Abhilfe für Probleme geschaffen, die
sich im Rahmen der Impfkampagne für viele Ältere aufgetan hatten. Die Zahl der Koordinierenden- Treffen hat sich im Jahr 2020 mit 12 Treffen deutlich erhöht, letztlich sogar verdreifacht.
Kooperationen mit stadtteilübergreifenden Organisationen
Die Kooperationen mit stadtteilübergreifenden Einrichtungen haben sich in 2020 und 2021 verändert. Intensiviert hat sich die Zusammenarbeit mit Einrichtungen und Organisationen, die Hinweise zur rechtskonformen Umsetzung der wechselnden Infektionsschutzmaßnahmen geben konnten, wie z.B. Gesundheitsamt oder Ordnungsamt. Im Bereich der Einzelfallhilfe wurde, wie in den Jahren vor der Pandemie, kooperativ mit anderen Stellen, z.B. Sozialpädagogischer Fachdienst, gerontopsychiatrischer Fachdienst, Ruhepunkt, Noris-Arbeit gGmbH, Zentrum Aktiver Bürger, zusammengearbeitet.
Der Kontakt zu Kooperationspartnern, mit denen bisher gemeinsam Veranstaltungen geplant, organisiert und durchgeführt wurden oder die Veranstaltungen unterstützt haben, war 2020 dagegen rückläufig (z.B. Kulturläden, Bildungszentrum, Projekt „Gesundheit für alle in Stadtteil“, Rotary Club Nürnberg-Neumarkt etc.).
Auch mit den Delegierten des Stadtseniorenrats kamen die Koordinierenden der Seniorennetzwerke in 2020 und 2021 seltener als in den Jahren davor zum Austausch zusammen. Zum einen hat sich ein Teil der älteren Delegierten in der ersten Phase der Pandemie eher zurückgezogen, zum anderen war es vielen Delegierten nicht möglich, sich während der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen an einem digitalen Austausch zu beteiligen.
SenA/2, November 2021