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← Sitzung des Jugendhilfeausschusses (19.12.2019)

Handlungsstrategie Stadtteilkoordination Aufgabe im Wandel Version4

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Beilage zur Sitzung des Jugendhilfeausschusses am 19.12.2019

Handlungsstrategie Stadtteilkoordination: Aufgabe im Wandel: I. Der Auftrag

„Stadtteilkoordination ist als sozialpolitische Handlungsstrategie im Geschäftsbereich Jugend, Familie und Soziales zu implementieren und bereichsübergreifend zu verankern. Basierend auf diesen Erfahrungen sind Strukturen zur Früherkennung von sozial auffälligen Entwicklungen im Stadtgebiet Nürnberg aufzubauen.“ So lautete der Auftrag zur Systematisierung von Sozialraumentwicklung, der im Rahmen der Neuorganisation des Geschäftsbereichs Referat für Jugend, Familie und Soziales in den Jahren 2006 bis 2009 gestellt worden war. Dabei sollten in Auswertung erster Erfahrungen in integrierten Entwicklungsprozessen - etwa in den Stadterneuerungsprozessen der Sozialen Stadt, in dem Stadtteilprojekt Werderau oder dem bereichsübergreifend konzipierten Bildungsprojekt „Spielend lernen in Familie und Stadtteil“ - Verfahren und Maßnahmen erprobt werden, um künftig proaktiv und vorausschauend in sozialen Stadtteilentwicklungsprozessen agieren zu können.

Nach gut zehn Jahren werden in dieser Vorlage a) die bisherige Entwicklung und der Aufgabenwandel von Stadtteilkoordination und Sozialraumentwicklung kurz skizziert. b) Eckpunkte einer zukunftsfähigen Handlungsstrategie Sozialraumentwicklung aufgezeigt; mit dem Ziel, stabile Strukturen in sozial belasteten Stadtteilen aufrechtzuhalten. Diese sind:  funktionierende lokale Netzwerkstrukturen  Absprache und Kooperationsstrukturen der Koordinierenden  Abstimmung von sozialen Stadtteilkonzepten  Einrichtung sozialer Treffpunkte für alle Generationen c) ein dreistufiges Verfahren zum Sozialraummonitoring vorgestellt und erste Befunde berichtet. d) Empfehlungen zum weiteren Ausbau der Sozialraumentwicklung gegeben.

II. Aufgaben und Aufgabenwandel

von Stadtteilkoordination und Sozialraumentwicklung

Rückblick: In den Jahren 2007 bis 2009 wurden in der Zusammenschau von wenigen, aber aussagekräftigen soziodemographischen Daten1 einerseits sowie Beobachtungen und Einschätzungen von Stadtteilakteuren andererseits dem Jugendhilfeausschuss Stadtgebiete für den Einsatz von Stadtteilkoordination vorgeschlagen. Seither sind in fünf Stadtteilen westlich und südlich der Altstadt Stadtteilkoordinatorinnen und -koordinatoren aktiv.

1 Kernindikatoren waren: Anteil 0–18-Jährige, Anteil Über-65-Jährige, Ausländeranteil, Anteil Deutscher mit Migrationshintergrund, Arbeitslosenanteil an erwerbsfähiger Bevölkerung 15–65 Jahre

Abb. 1: Stadtteile mit Stadtteilkoordination

Stadtteile (statistische Bezirke) Bemerkungen
o Muggenhof/Eberhardshof (64, 65) Stadtteilkoordination seit 2007
o Gostenhof (04, 05, 22) Stadtteilkoordination seit 2008
Zusammengefasst zum Stako-Gebiet Nürn- berg Weststadt. … seit 2018
o St. Leonhard/Schweinau (19, 20, 21) Stadtteilkoordination seit 2010 Seit 2004 Stadtteilkoordination im Rahmen von „Spielend lernen in Familie und Stadtteil“
o Gibitzenhof/Rabus (15, 16 (162, 163), 17, 18, 43) Stadtteilkoordination seit 2007
o Galgenhof/Steinbühl (13, 16 (160, 161)) Stadtteilkoordination seit 2008

Sozial angespannte Quartiere Die ausgewählten Stadtteile wurden in späteren Darstellungen des Amts für Stadtforschung und Statistik dem Sozialraumtyp 2, sozial angespannte Quartiere2 zugeordnet. Hier wohnen Menschen aus vielen verschiedenen Herkunftsländern, viele Menschen sind arbeitslos oder anderweitig auf soziale Unterstützungssysteme angewiesen. Große Familien leben häufig in viel zu kleinen Wohnungen, überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche wachsen in Armut oder Armutsnähe auf. Diese hochverdichteten Stadtgebiete werden von mehrspurigen, vielbefahrenen Straßen durchkreuzt. Hier gibt es nur wenig Grün und neu hergerichtete Spielplätze sind in kurzer Zeit übernutzt.

Stadtteilkoordination als Interventive Maßnahme – befristet ohne fixen Endpunkt In diesen Stadtgebieten wurde Stadtteilkoordination als interventive und daher zeitlich befristete Maßnahme eingesetzt. Aber – sehr bewusst und der Komplexität der Aufgabenstellung Rechnung tragend – wurde kein fixer Endpunkt für deren Einsatz definiert. Stadtteilkoordination sollte - so lange sie gebraucht wird - verlässlich vor Ort im Einsatz sein können. Ausgestattet wurde sie mit 19,5 WAS pro Stadtteil (Ausnahme Gibitzenhof 30 WAS). Vorrangig sollten das Lebensumfeld von Kindern, Jugendlichen und Familien in den Blick genommen und funktionierende Netzwerke unter den sozialen, schulischen und kulturellen Einrichtungen im Stadtteil aufgebaut werden. Stadtteilkoordinatorinnen und –koordinatoren nehmen eine Anwaltschaft für die Interessen und Bedarfe im Stadtteil wahr. Allparteilichkeit in Haltung und Auftritt sind dabei wichtige Voraussetzungen. Sie sollen Stadtteildiskussionen bündeln, fokussieren und zusammen mit der Regiestelle Sozialraumentwicklung als Scharnier zwischen Stadtteil und Stadtverwaltung sowie weiteren Unterstützern fungieren.

Sozialraumorientierung in der sozialen Arbeit Somit stand der Auftrag an Stadtteilkoordination von Anfang an im Kontext der Diskussionen wie sie ab den 1990er Jahren in Weiterentwicklung der Gemeinwesenarbeit zu Konzepten der Sozialraumorientierung geführt worden sind. Diesen Grundprinzipien einer Sozialraumorientierung ist Stadtteilkoordination von Anfang an bis heute verpflichtet: o einer Orientierung an den Willen und Bedarfen der Menschen im jeweiligen Stadtteil;

2 Amt für Stadtforschung und Statistik; zum Beispiel in Monatsbericht 5/2018: Sozialraumtypisierung für Nürnberg und Fürth

o einer aktivierenden Arbeit; o der Förderung personeller und dem Einsatz von sozialräumlichen Ressourcen sowie der Akquise von Unterstützung; o einer bereichsübergreifenden Arbeit, offen für alle Zielgruppen; o der Vernetzung und Kooperation verschiedener Dienste und Einrichtungen; o mit dem Ziel die Lebenswelten der vor Ort lebenden Menschen zu verbessern. Städtebauförderungsprogramm „Die soziale Stadt“ Mit Blick auf oben beschriebene „sozial benachteiligte Quartiere“ war bereits im Jahr 1999 das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ als ein Städtebauförderungsprogramm mit ganzheitlichem Ansatz gestartet worden. Durch Modernisierung und Schaffung von Wohnraum, durch eine Aufwertung des öffentlichen Raums und durch Errichtung von Gebäuden für den Gemeinbedarf sollen städtebauliche Impulse für die Aufwertung dieser Stadtteile gesetzt und damit wichtige Voraussetzungen für eine Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts geschaffen werden.

Schon 1999 kam das Städtebauförderungsprogramm „Die soziale Stadt“ auch in Nürnberg, zuerst in Galgenhof/Steinbühl zum Einsatz: die Einrichtung des Südstadtforum Service und Soziales, die Herstellung des Südstadtparks setzten erste wichtige und wirkungsvolle Impulse; es folgten ordnende verkehrliche Maßnahmen, die Umgestaltung des Aufseßplatzes, eine Reihe von Hinterhofbegrünungen. Immer deutlicher wurde aber auch im Verlauf dieses und vergleichbarer erfolgreicher Städtebauförderungsprozesse, dass sich sozialer Zusammenhalt nicht „automatisch“ einstellt, sozusagen als Belohnung für eine noch so gelungene Sanierung oder für eine noch so kreative einmalige Beteiligungsaktion. Klar wurde, dass es dafür - sozusagen als Pendant zur städtebaulichen Verbesserung - auch förderliche soziale Rahmenbedingungen und ein gutes Zusammenspiel von lokalen Partnern und Einrichtungen braucht, kurzum: eine strategisch ausgerichtete Sozialraumentwicklung.

Mittlerweile sind alle Gebiete mit Stadtteilkoordination auch Stadterneuerungsgebiete: der Nürnberger Westen ist Programmgebiet von Stadtumbau. St. Leonhard/Schweinau, Gibitzenhof und Galgenhof/Steinbühl im Südwesten und Süden sind Programmgebiete in der Sozialen Stadt. In einem Workshop haben 2016 die Abteilung Stadterneuerung im Stadtplanungsamt gemeinsam mit der Regiestelle Sozialraumentwicklung und allen Stadtteilkoordinatorinnen und -koordinatoren Vereinbarungen für eine gelingende Zusammenarbeit getroffen. Dabei ist einmal mehr die gemeinsame Überzeugung gewachsen, dass städtebauliche Erneuerung einerseits und Sozialraumentwicklung andererseits – wo immer möglich - gemeinsam betrieben werden sollten: sie haben unterschiedliche Vorgaben und Abläufe, sie verfügen über je andere Kontakte, Ressourcen und Kompetenzen und können sich gerade deswegen

Starke Partner für die Stadtteilentwicklung: Quartiersmanagement und Stadtteilkoordination Im Rahmen der Stadterneuerung werden vor Ort Quartiersmanagerinnen und –manager eingesetzt mit dem Auftrag, Bürgerinnen und Bürger an den Stadterneuerungsprozessen zu beteiligen und über städtebauliche Planungen breit zu informieren. In den koordinierten Stadtteilen arbeiten Stadtteilkoordination und Quartiersmanagement eng zusammen – wenn möglich auch an einem gemeinsamen Standort in ei-

nem gemeinsamen Büro. Sie bilden zusammen das lokale Kernteam für den jeweiligen Stadtteilentwicklungsprozess.

Integrierte Stadtteilentwicklungskonzepte (INSEKs) – Leitplanken für Entwicklungsperspektiven 2012 wurden unter anderem für die Nürnberger Weststadt und den Nürnberger Süden integrierte Stadtteilentwicklungskonzepte (INSEKs) unter Einbindung aller Geschäftsbereiche abgestimmt. Zu allen integrierten Stadtteilentwicklungskonzepten haben Stadtteilkoordination sowie Kolleginnen und Kollegen aus allen sozialen Fachbereichen, koordiniert von der Regiestelle Sozialraumentwicklung, beigetragen. Das Motto des INSEK Nürnberger Weststadt „Dynamik“ verweist auf die rasanten Entwicklungen in den letzten Jahren und der Titel des INSEK Nürnberger Süden „Mehrwert“ gibt einen Fingerzeig auf die vielfältigen Integrationsleistungen, die in diesem Stadtgebiet erbracht werden.

Vielfaltsquartiere – Orte des Ankommens und Orte der Integration Die vorab beschriebenen „sozial angespannten Quartiere“ sind allesamt Vielfaltsquartiere, in denen Menschen aus zahlreichen verschiedenen Herkunftsländern wohnen. Im Zusammenleben vor Ort, in der quantitativen und qualitativen Ausstattung mit sozialer, schulischer und kultureller Infrastruktur, in Begegnungsangeboten und Stadtteilveranstaltungen entscheidet sich, ob Integration gelingt oder erschwert wird. Die Einrichtungen und Menschen hier sind besonders engagiert. Unmittelbar spür- und erfahrbar wurde dies in den Jahren starker Zuwanderung. Nicht nur, aber allen voran geschah es in diesen Stadtteilen, dass in den lokalen Netzwerken Willkommensangebote und Anlässe zum Kennenlernen verabredet, dass Patenschaften und darüber Freundschaften begründet, dass Helferkreise aktiv wurden und sich Arbeitsgruppen bildeten, um zu beraten, wie nach einem ersten Ankommen eine Integration in das Stadtteilleben erleichtert werden kann.

Blickwechsel: vom sozial benachteiligten Quartier zum Quartier mit hohen Integrationsanforderungen Mit Beschluss des Bundeskabinetts im August 2016 wurde festgelegt, „das Bund- Länder-Programm Soziale Stadt im Rahmen der Städtebauförderung als Leitprogramm der sozialen Integration weiterzuführen und auf dieser Grundlage eine ressortübergreifende Strategie Soziale Stadt: Nachbarschaften stärken, Miteinander im Quartier zu erarbeiten, mit der additiv Fördermittel anderer Ressorts in Gebieten mit erhöhten Integrationsanforderungen gebündelt werden können.“3 Diese Verständigung ist wichtige Voraussetzung, damit vor Ort ein kohärentes und bedarfsgerechtes Vorgehen mit Bundes- und Landesmitteln unterstützt werden kann. Zugleich aber wird eine Änderung in Haltung und Sichtweise signalisiert: nicht eine „soziale Benachteiligung“ und daraus resultierende Defizite werden in den Mittelpunkt gestellt, sondern der Blick wird auf „Anforderungen“ gelenkt und auf die Frage, welche Unterstützung es dafür braucht, um diese zu bewältigen. Und vielleicht noch wichtiger: eine Fokussierung auf Defizite impliziert die Vorstellung, es bräuchte ein paar wenige konzentrierte, zeitlich befristete Maßnahmen und diese Defizite wären behoben. Eine Konzentration auf die Integrationsanforderungen

3 https://www.miteinander-im-quartier.de

einer Stadtteilgesellschaft vermittelt, dass damit eine verlässliche, auf Kontinuität angelegte Aufgabe verbunden sein sollte. Diese Überzeugung ist auch in der Begleitung von Stadtteilkoordination in den letzten Jahren gewachsen: Stadtteilkoordination ist heute an ihren Einsatzorten – vielleicht mehr denn je - eine wichtige Kontaktstelle im Stadtteil … … für die Einschätzung von Stadtteilbedarfen, … für die Umsetzung neuer Förderprojekte und deren lokale Anpassung, … für Menschen mit stadtteilbezogenen Projektideen, … für die Vermittlung von Kooperationspartnern und Projektunterstützung … für die Aufnahme von Problemanzeigen wie auch von Lösungsimpulsen, und wird in den bisherigen sozial belasteten Einsatzorten noch weiterhin gebraucht.

III. Eckpunkte einer zukunftsfähigen Handlungsstrategie Stadtteilkoordination

a) Zielsetzung: Strukturen schaffen für stabile Stadteile

In der Leitlinie „Stadt als Lebensraum - Stadtteile sozial nachhaltig entwickeln“ wird der grundsätzliche Anspruch formuliert, in den Nürnberger Stadtteilen nach Möglichkeit für die Bewohnenden aller Lebensalter attraktive Rahmenbedingungen in Stadtgesellschaft und Angebotsstruktur zu schaffen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Gestaltung eines anregungsreichen Umfeldes für das beschützte Aufwachsen von Kindern sowie eines vertrauten und sorgenden Umfeldes für behinderte oder alte Menschen - eines förderlichen Lebensraums also für Menschen, die nach Lebenslage oder Lebensalter weniger mobil sind. Mit diesem Auftrag engagieren sich stadtweit Mitarbeitende aus dem Geschäftsbereich Referat V, aus Jugendamt, Sozialamt und Seniorenamt in Stadtteilnetzwerken. Sie vermitteln Angebote, unterstützen lokale Kooperationen und haben das Ohr nah an den Bedarfen und Problemlagen in dem jeweiligen Stadtteil.

Stadtteile jedoch sind verschieden. Sie unterscheiden sich nicht nur nach Ein- und Auskommen ihrer Bewohnerschaft, sondern auch nach Quantität und Qualität der Ausstattung mit sozialen, schulischen und kulturellen Einrichtungen, nach dem Angebot von Spiel- und Bewegungsräumen, nach verlässlich vorgehaltenen Fördermaßnahmen. Dort, wo Schulen und Kindertageseinrichtungen aus allen Nähten platzen; ein Förderprojekt auf das andere folgt, Projektitis weit verbreitet ist und viele Kräfte bindet; wo Mitarbeitende überlastet, Fluktuation und Krankenstände in der Mitarbeiterschaft hoch sind, dort in den sozial stark belasteten Stadtteilen, in denen viele Menschen von Armut betroffen sind und es vielfältige Integrationsanforderungen gibt, braucht es weitere Anstrengungen, strukturelle Verbesserungen, um soziale und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen und den sozialen Zusammenhalt im Quartier zu fördern. Ziel von Sozialraumentwicklung ist es, in sozial belasteten Quartieren Strukturen aufzubauen und zu festigen, damit … … Förderangebote und Hilfeleistungen leichter ihre Zielgruppen erreichen, … Unterstützung bedarfsgerecht für den Stadtteil akquiriert werden kann, … Problemanzeigen aus dem Stadtteil gehört und ernstgenommen werden, … aber auch Potentiale des Stadtteils und seiner Bewohnerschaft wahrgenommen und gefördert werden.

Hierzu wird im Sinne einer positiven Diskriminierung in Stadtteilen, die nach sozialer Belastung ausgewählt sind, Stadtteilkoordination eingesetzt. In der Erfahrung von zehn Jahren Stadtteilkoordination gibt es vier wesentliche strukturelle Voraussetzungen, die den sozialen Zusammenhalt in einem Stadtteil stabilisieren und die Integrationsleistungen der Stadtteileinrichtungen unterstützen können: 1. funktionierende lokale Netzwerk- und Kommunikationsstrukturen voneinander wissen, gemeinsames Erfahrungswissen aufbauen; 2. Bereitschaft zur Abstimmung zwischen den fachlich Koordinierenden einander ergänzen, unterschiedliche Ressourcen und Kompetenzen zusammenführen, Projekte effizient umsetzen; 3. Richtungsweisende und schwerpunktsetzende Stadtteilkonzepte Stärken und Lücken erkennen, Verbesserungen einleiten, Prioritäten setzen; 4. Soziale Treffpunkte aller Generationen im Stadtteil Orte und Gelegenheit für Begegnung und für (Vermittlungs-)beratung schaffen, Ermöglichungsräume einrichten;

b) Maßnahmen zur Stabilisierung von sozial angespannten Quartieren

Funktionierende lokale Netzwerkstrukturen

„Je effizienter und effektiver die Netzwerkstruktur ist, desto höher ist die Leistungsfähigkeit des Netzwerks … desto besser ist die Versorgungsstruktur für Kinder, Jugendliche und Familien realisiert.“4 Diese Aussage, die sich sicher auch auf die Versorgung und Teilhabe alter Menschen erweitern lässt, war eine zentrale Erkenntnis in der wissenschaftlichen Begleitung von Stadtteilkoordination durch das europäische forum für migrationsstudien (efms) an der Universität Bamberg. Ein gut funktionierendes lokales Netzwerk ist A & O einer gelingenden Koordinationsarbeit im Stadtteil. Aber wann „funktioniert“ eine Netzwerkstruktur im Stadtteil? Und was muss ein lokales Netzwerk leisten? In einem funktionierenden Stadtteilnetzwerk gibt es möglichst kurze, aber verlässliche Informationswege innerhalb des Stadtteils. Eingebunden sind alle sozialen, schulischen und kulturellen Einrichtungen, Dienste und Initiativen, unabhängig von ihrer Trägerschaft. Über diese Einrichtungen werden Kontakte zu Alt und Jung, zu allen Zielgruppen, Bewohnerinnen und Bewohnern im Stadtteil unterhalten. Klare Regeln und eine Kontinuität in der Zusammenarbeit sind wichtige Voraussetzungen, damit Erfahrungswissen gemeinsam wachsen kann. Zwischen dem Stadtteil, seinen Einrichtungen und Netzwerken und der gesamtstädtischen Verwaltung und ihren Gremien braucht es einen direkten Draht. Eine Verständigung auf gemeinsame Ziele im Stadtteil ist klärend, das Wissen um Partner und Wegbegleiter mit unterschiedlichen Kompetenzen und Ressourcen wirkt ermutigend. Und nicht zuletzt sind die Erfahrungen, dass der Stadtteil und seine Menschen gehört und gesehen werden und das gemeinsame Erleben von Problemlösungen, von kleineren und größeren Erfolgen die stärkste Motivation.

4 europäisches forum für migrationsstudien (efms) 2010: Wissenschaftliche Begleitung der Stadtteilkoordination in St. Leonhard/Schweinau und Langwasser, Zwischenbericht Gesamtnetzwerk

Wichtige Hinweise zur Funktion von lokalen Netzwerken brachte eine Befragung aller Partner in koordinierten Stadtteilnetzwerken5: Bei einer generell positiven Bewertung der lokalen Netzwerkarbeit wurden einzelne Effekte besonders hervorgehoben: insbesondere die bessere Übersicht über Angebote, aber auch über Angebotslücken im Stadtteil sowie die Erschließung weiterer Ressourcen für den Stadtteil werden als unterstützend erlebt. Aufschlussreich waren vor allem die Antworten auf die Frage, was förderlich für die Zusammenarbeit ist: Die mit Abstand häufigste Nennung bezieht sich auf die Regelmäßigkeit, Verlässlichkeit und Stabilität eines lokalen Netzwerkes. Als wichtige Voraussetzung wird eine Netzwerkkoordination („Kümmerer/Kümmererin“) benannt, die ihren Auftrag trägerneutral erfüllt. Damit seien gute Grundlagen geschaffen – so die Rückmeldungen – um ein gemeinsames Handeln in Projekten, Aktionen und Veranstaltungen auf- und auszubauen. Besonders geschätzt wird die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum und mehrere Sitzungen an einem Thema dranbleiben zu können und dadurch gemeinsame Strategien zu entwickeln. Konkret kann eine funktionierende lokale Netzwerkstruktur folgendermaßen aufgestellt sein: Ein stadtteilzentrales Netzwerk bildet die kommunikative Klammer in einem Stadtteil. Sie heißen „Stadtteilarbeitskreis“ oder „Stadtteilforum“ oder ebenso kurz wie programmatisch „STARK“. Das sind richtungsoffene Netzwerke ohne thematische Einschränkungen. Alles, was im Stadtteil neu, konfliktträchtig, auffällig ist, für den Stadtteil geplant wird oder Chancen für den Stadtteil bieten könnte, kann und soll auf die Tagesordnung kommen. Hier ist der Ort für Informations- und Meinungsaustausch. Gemeinsam wird festgelegt, welche Relevanz ein Thema für den Stadtteil hat; ggf. werden nächste klärende Schritte vereinbart. Über Protokolle sind alle Netzwerkpartner in den Informationsfluss eingebunden. Orte des fachlichen Diskurses sind die aufgabenbezogenen Netzwerke: Hier werden inhaltliche Positionierungen vorbereitet, konzeptionelle Absprachen getroffen, Projektmaßnahmen entwickelt und Angebote abgestimmt. Die regelmäßigen Treffen werden insbesondere zur kollegialen Beratung genutzt. Die Stadtteilkoordination und ggf. weitere Koordinatorinnen und Koordinatoren aufgabenbezogener Netzwerke nehmen regelmäßig an den Treffen der Stadtteilarbeitskreise teil, berichten dort über aktuelle Schwerpunktsetzungen und nehmen die Anregungen aus der STARK-Runde mit. Bewährt hat sich vielerorts die aufgabenbezogene Zusammenarbeit in zielgruppenbezogenen Netzwerken

 Netzwerke Kinder,  Netzwerke Jugend,  Seniorennetzwerken.

Stabile Strukturen für flexible Problemlösungen In einem guten Zusammenspiel stadtteilzentraler und aufgabenbezogener Netzwerke gibt es beste Voraussetzungen, um ohne großen Aufwand, aber gut abgestimmt auf neue Anforderungen reagieren und neue Vorhaben umsetzen zu können: So werden in einigen Stadtteilen mittlerweile in wenigen Besprechungen vielfältige und bunte Stadtteilfeste gemeinsam organisiert oder in St. Leonhard eine Lern- und Sprachförderung für jährlich 80 Kinder entwickelt und angeboten. So wurde die Begleitung des

5 europäisches forum für migrationsstudien 2017, Wissenschaftliche Begleitung der Kooperation der Netzwerkakteure

Projekts „Gesundheit für alle im Stadtteil“ (Gesundheitsamt, gefördert von der AOK Bayern) innerhalb bestehender Netzwerkstrukturen beschlossen, konkrete Projekte mit den Netzwerkteilnehmenden entwickelt und zum Beispiel ein gemeinsamer Bewegungs- und Erlebnistag für 300 Schülerinnen und Schüler der 7. Klassen mit Schnupperangeboten an 15 Orten in St. Leonhard/Schweinau auf die Beine gestellt.

Stabile Netzwerkstrukturen mit klaren Regelungen sind wichtige Voraussetzungen, um einer Übervernetzung vorzubeugen. Wenn jedes Modellprojekt ein eigenes Netzwerk bildet und dafür die immer gleichen Stadtteilakteure gewinnen will, führt das zwangsläufig zu Überlastung, Frust und wechselseitiger Verärgerung. Verlässliche Strukturen sind hingegen ein Garant, damit die Zusammenarbeit effizient, aber möglichst zeit- und ressourcenschonend für alle Beteiligten gestaltet werden kann. Je stabiler ein Netzwerk ist, umso flexibler können die Netzwerkakteure auf neue Anforderungen reagieren.

Stadtteil-Jour fixes:

Förderprogramme untereinander abstimmen

Für sozial angespannte Quartiere gibt es - zum großen Glück - mittlerweile auf Bundes- und Landesebene sowie über Stiftungen in vielen Handlungsfeldern wichtige Förderprogramme. Das ist gut so. Beantragung und Genehmigung erfolgen nicht immer in Rückkopplung mit zentraler kommunaler Stelle, vor Ort im Stadtteil sollen sie dann aber oft gleichzeitig zur Umsetzung kommen: Programme zur Gesundheitsförderung, zur Förderung von Bildungsteilhabe, zur Armutsprävention, zur Integration, zur Inklusion - alles stadtteilrelevante Themen. Aber all diese Programme sind auch mit zusätzlichem Zeitaufwand und Personaleinsatz verbunden - für Befragungen, für die Abstimmung integrierter Handlungskonzepte, für den Aufbau von Beratergremien, für wissenschaftliche Begleitung, interkommunalen Austausch und meist auch für eine umfangreiche Dokumentation und die Vorlage von Konzepten wie Nachhaltigkeit erreicht werden soll.

Ein Stadtteil und seine noch so engagierten Akteure wären schnell überfordert, wenn all diese Anforderungen parallel und gleichzeitig gestellt werden und sich die Interviewer in den Kindertageseinrichtungen und Schulen die Klinke in die Hand geben würden …

Zum Schutz der Mitarbeitenden und als Voraussetzung, dass Förderprogramme effizient und wirkungsvoll umgesetzt werden können, ist ein koordiniertes Vorgehen im Stadtteil unabdingbar. Es braucht ein funktionierendes Stadtteilnetzwerk - wie oben beschrieben -, in dem alle neuen bzw. neu zu beantragenden Programme vorgestellt und beraten werden und das weitere Procedere damit abgestimmt wird. Ebenso wichtig ist, dass Quartiersmanagement, Stadtteilkoordination und Projektverantwortliche untereinander im ständigen Austausch stehen, wenn möglich an einem gemeinsamen Standort - wie etwa im Quartiersbüro Weststadt oder im Stadtteilbüro St. Leonhard/Schweinau.

Stadtteil-Jour fixes zur „Koordination der Koordinierenden“ Quartiersmanagement und Stadtteilkoordination bilden das Kernteam sozialer Stadtteilentwicklung, sie treffen sich regelmäßig im zweiwöchentlichen Abstand zu Stadtteil-Jour fixes. Eingebunden sind je nach Tagesordnung die Gesundheitskoordinatorinnen und die Koordinatorinnen und Koordinatoren der Seniorennetzwerke sowie ggf. weitere zentrale Stadtteilakteure. Hier werden STARK-Termine inhaltlich vorbereitet und Vorschläge erarbeitet: zur Abstimmung von Befragungen und Beteiligungsaktionen, zur Vorstellung neuer Programme, zur Koordinierung von Stadtteilveranstaltungen. Und oft genug werden Realisierungsvorschläge für Wunschvorhaben aus dem Stadtteil vorbereitet. Dabei zeigt sich die besondere Funktionsweise dieser Treffen: Sie arbeiten hierarchiefrei, keiner hat „den Hut auf“, aber alle haben den Wunsch, im Rahmen ihrer Ressourcen und Kompetenzen einen Beitrag zum gemeinsamen Vorhaben zu leisten.

Beispiel: Funktionierende Stadtteilnetzwerke integrieren neuen Themenschwerpunkt

„Gesundheit für alle im Stadtteil“ (Gesundheitsamt, gefördert von AOK Bayern)

In der Phase der Antragstellung wurden vom Gesundheitsamt in Rückkopplung mit der Regie-

stelle Sozialraumentwicklung die Projektgebiete „Gesundheit für alle im Stadtteil“ ausgewählt.

In zwei der vier ausgewählten Gebiete ist Stadtteilkoordination aktiv. Die Stadtteilkoordinato-

rinnen dort berichteten über den jeweiligen Stellenwert von Gesundheitsthemen in ihrem

Stadtteil; berieten, in welchen Netzwerken das Projekt vorgestellt werden sollte und fungierten

bei einem gemeinsamen Rundgang als Türöffner für die neuen Gesundheitskoordinatorinnen.

Bei Projektvorstellung im Netzwerk wurde festgelegt, welche Stadtteileinrichtung für weitere

Befragungen zur Verfügung steht. Konsens war, Gesundheitsförderung ist aktuell vor Ort ein

wichtiges Thema und soll künftig im Rahmen der regulären Netzwerktreffen begleitet werden.

War es anfangs für die Gesundheitskoordination ungewohnt, kein eigenes Gesundheitsnetz-

werk zu begründen, wird es heute als Gewinn betrachtet, in die bestehenden Netzwerkstruktu-

ren fest integriert und von den lokalen Netzwerkpartnern (mit-)getragen zu sein.

Z W V r p R ur Arbeitsweise:
ichtige Projektvorhaben scheitern oft an ganz praktischen Dingen: Es steht kein Raum zur
erfügung, die Organisation ist zu aufwändig und niemand packt mit an. In einem funktionie-
enden Stadtteilnetzwerk werden ohne allzu großen Zusatzaufwand favorisierte Maßnahmen
artnerschaftlich umgesetzt. Auch dazu Beispiele:
und um das Mehrgenerationenhaus in Schweinau wird ein Winterfest organisiert:
Stadtteilkoordination: vermittelt Kontakte, bewirbt die Aktion
Quartiersmanagement: übernimmt die Vorbereitung und Organisation
Gesundheitskoordination Gesundheitskoordination entwickelt mit dem Mehrgenerationenhaus eine Kochaktion für
Jugendliche
Mehrgenerationenhaus: stellt seine Räume, seine Kontakte zur Verfügung und spricht
seine Besucherinnen und Besucher zur Teilnahme an.
O I s s der:
n Kinder- und Jugendeinrichtungen werden Hochbeete eingerichtet. Diese werden gemein-
am bepflanzt, gepflegt und gepflückt. Geerntetes Obst und Gemüse wird in einer Koch-
chule für Eltern und Kinder weiterverarbeitet.
Quartiersmanagement: finanziert über Verfügungstopf Stellage und Erde
Noris Arbeit: baut die Hochbeete und stellt sie auf
Stadtteilkoordination: Stadtteilkoordination: bewirbt die Aktion über die Stadtteilnetzwerke,
unterstützt bei Bedarf finanziell
Gesundheitskoordination: organisiert und finanziert die Kochkurse
Kinder- u. Jugendeinrichtung: pflegt mit Kindern das Beet, gewinnt Eltern für die Aktion

Soziale Stadtteilkonzepte:

Richtung weisend und Schwerpunkte setzend

Stadtteilkoordination ist eingesetzt in Stadtteilen, in denen die Armutsbetroffenheit der Menschen besonders hoch ist. In den letzten beiden Jahren wurden vom Referat für Jugend, Familie und Soziales eine Analyse zur Entwicklung von Armut in Nürnberg im Zeit- und im Städtevergleich vorgelegt sowie ein Programm gegen Kinder- und Jugendarmut fortgeschrieben und eine Programmskizze zur Linderung von Armutsfolgen im Alter auf den Weg gebracht. Beide Programme beschreiben Handlungsfelder, die im kommunalen Einflussbereich stehen, und benennen Maßnahmen, die sich in diesen Handlungsfeldern bewährt haben. Die vorliegenden Berichte zeigten, Armut kann verschiedene Ursachen haben und sie hat viele Facetten und Auswirkungen. Unmittelbar sicht- und spürbar wird Armut im Zusammenleben vor Ort. Naheliegend also die Frage nach den Stadtteilen mit einer besonders hohen Armutsbetroffenheit und danach, wie gut diese Stadtteile ausgestattet sind, um den dort lebenden Menschen möglichst vielfältig Zugänge zur gesellschaftlichen Teilhabe zu eröffnen und Möglichkeiten zur Linderung oder Kompensation von Armutsfolgen bereithalten. Derzeit sind soziale Stadtteilkonzepte in Arbeit, die diesen Fragen nachgehen werden: Anhand von soziodemographischen und sozio-ökonomischen Daten werden erste Aussagen zum Ausmaß der Armutsbetroffenheit in der Stadtteilbevölkerung gemacht. Gegenübergestellt wird eine Bestandsaufnahme zu den sozialen, sozial-kulturellen und schulischen Einrichtungen, deren Kapazitäten und Nutzung sowie eine Bestandsaufnahme zu Angebot und Nutzung der in den Programmen gegen Armut empfohlenen Maßnahmen. Angestrebt wird mit dieser Bestandsaufnahme, die verlässliche Förder- und Unterstützungsstruktur im Stadtteil - deren Stärken, aber auch ihre Lücken - sichtbar zu machen. Dies kann und soll keine Auflistung sämtlicher Maßnahmen und Angebote - von privat, von Vereinen, von Firmen – im Stadtteil sein. Erfasst werden Maßnahmen, die kommunal getragen oder kommunal unterstützt werden und also auch von der Kommune veränderbar sind. Blickwechsel: In der Bestandsaufnahme stehen nicht eine einzelne Einrichtung und deren Nutzungskontakte, auch nicht ein einzelnes (Modell-)Projekt und die Zahl seiner Teilnehmenden im Fokus; sondern soziale Handlungsfelder, die (perspektivisch) zur Minderung und Linderung von Armut beitragen. Die Stadtteilkonzepte sollen ganz wesentlich dem Abgleich von Fachplanungen und der jeweiligen Sozialraumplanung dienen. Sie bilden im Weiteren die Arbeitsgrundlage für die Stadtteilkoordinatorinnen und -koordinatoren, für Aushandlungsprozesse mit Partnern auf der Stadtteilebene, aber auch für Aushandlungsprozesse im Rahmen der Gebietsteams in der integrierten Stadtentwicklung. Die Stadtteilkonzepte werden in den lokalen Netzwerken diskutiert und erste Verbesserungen eingeleitet. Strukturelle Lösungsvorschläge werden in den Stadtratsausschüssen vorgelegt.

Soziale Treffpunkte im Stadtteil

Gerade in den hochverdichteten Stadtteilen mit hohen Integrationsanforderungen braucht es kleinräumig in den Wohnquartieren verankert soziale Treffpunkte nach dem Vorbild der Mehrgenerationenhäuser. Orte der Begegnung von Jung und Alt,

von Menschen aus verschiedensten Herkunftsländern; Orte der alltagsbezogenen Beratung und Weitervermittlung. Die Räume müssen nicht sehr groß sein (ca. 200 bis 250 qm), aber flexibel und multifunktional nutzbar, mit einer zentralen Kochmöglichkeit. Im Mittelpunkt sollte ein offener Treff stehen, der sozusagen als Wohnzimmer im Quartier fungieren kann. Hier werden erste Kontakte geknüpft, gesprächsweise Bedarfe und Wünsche artikuliert; soziale Versorgung, Beratung bei Bedarf und persönliche Ansprache geboten, vielleicht auch Projektideen geboren … Diese Mehrgenerationentreffpunkte sollten an einem stark frequentierten Ort gelegen sein - im Idealfall an eine Einrichtung der Jugendhilfe oder Altenhilfe andocken und Raum für ehrenamtliches Engagement bieten. Vor Ort muss es eine hauptamtliche Ansprechperson geben, die koordinierend im und für den Stadtteil tätig ist. Die Zusammenarbeit mit einem Ansprechpartner oder einer Ansprechpartnerin zur Entwicklung von ehrenamtlichem Engagement mit den Stadtteilbewohnerinnen und –bewohnern hat sich bewährt (Beispiel: Mehrgenerationenhaus Schweinau). Der Treffpunkt fungiert im besten Fall auch als Schaltzentrale zwischen den Bedarfen im Stadtteil und den Ermöglichenden in Verwaltung, Wohlfahrt und Zivilgesellschaft.

In einem Mehrgenerationentreffpunkt gibt es keine zentralen oder standardisierten Programme; die Angebote werden entsprechend der Interessen und Bedürfnisse von Bewohnerinnen und Bewohnern unter deren Beteiligung von den Stadtteilakteuren in den Treffpunkt und so in den Stadtteil geholt. Das kann von der Eltern-Kind-Gruppe über Ferienangebote für Vorschul- und Schulkinder über einen offenen Mittagstisch, der Vermittlung von haushaltsnahen Dienstleistungen bis zum Treffen des Seniorennetzwerkes oder der Besprechung mit den Stadtteilpaten alles sein, was im Stadtteil für die unmittelbare Nachbarschaft wichtig ist. Die Stadtteilkoordination steht mit den Ansprechpersonen dieser Treffs in einem regen und unterstützenden Austausch. Kurzum: Der Mehrgenerationentreffpunkt ist ein Kristallisationsort, an dem der Orientierungsrahmen für eine nachhaltige Jugend-, Familien-, Bildungs- und Sozialpolitik durch entsprechende Angebote und Maßnahmen einmal mehr mit Leben gefüllt wird: Im Idealfall fungiert ein Mehrgenerationentreffpunkt als Ermöglichungsraum für die Wünsche und Bedarfe der Stadtteilgemeinschaft.

IV. Sozialraummonitoring: alle Stadtteile im Blick

Aufbauend auf der Sozialraumtypisierung des Amts für Stadtforschung und Statistik wurde im Geschäftsbereich Jugend, Familie und Soziales ein dreistufiges Sozialraummonitoring konzipiert. Stufe 1: Daten im Zeitreihen- und im gesamtstädtischen Vergleich Für alle statistischen Bezirke, in denen mindestens ein Distrikt in der Typisierung von 2017 dem Sozialraumtyp 2 = sozial angespannte Quartiere zugeordnet ist, werden ausgewählte soziodemographische und sozioökonomische Daten erhoben und fortgeschrieben. Die Daten werden im Zeitreihenvergleich – wenn möglich im Abstand von zehn Jahren – und im gesamtstädtischen Vergleich betrachtet.

Eine Datenerhebung und -auswertung im Rahmen des Sozialraummonitoring wurde erstmals 2018/2019 durchgeführt

Vorschlag für „Kernindikatoren“:

Themenbereich Vorschlag für Kernindikatoren
A. Demografie A.1 Wohnbevölkerung A.2 Wohnbevölkerung mit Migrationshintergrund A.3 Wohnbevölkerung Nichtdeutsch A.4 Jugendquotient A.5 Seniorenquotient A.6 Prognostiziertes Bevölkerungswachstum A.7 Bruttowanderungsrate
B. Haushalte B.1 Haushalte mit 5 Personen und mehr B.2 Alleinerziehendenhaushalte
C. Arbeitslosigkeit/SGB II C.1 Arbeitslosen(hilfs)quote C.2 SGB II-Bedarfsgemeinschaften mit Kindern C.3 Personen in SGB II unter 15 Jahren - % an Altersgruppe
D. Mindestsicherung D.1 Mindestsicherungsquote D.2 Hilfedichte HZE
E. Wohnumfeld E.1 Bevölkerungsdichte E.2 Wohngebäude mit 11 Wohnungen und mehr E.3 Wohnfläche je Einwohner in m²

Stufe 2: Bestandsaufnahme von Einrichtungen und Angeboten Für alle nach Datenlage „auffälligen“ Stadtgebiete wird systematisch erhoben, welche der Maßnahmen aus den Programmen gegen Armut vor Ort realisiert sind und wie diese genutzt werden. Diese Erhebung wird derzeit erstmals durchgeführt.

Stufe 3: Seismografentreffen Nach Dringlichkeit in den Stadtteilen werden sogenannte Seismografentreffen veranstaltet. Auswahlkriterien dafür sind hohe Armutsbetroffenheit, offensichtliche Angebotslücken sowie eine Nachverdichtung mit einem erwarteten hohen Zuzug im Stadtteil. Zu diesen Treffen werden die Regional- und Projektverantwortlichen aus den sozialen Fachämtern eingeladen. Sie werden nach Ihren Einschätzungen zu Problemlagen, aber auch zu Netzwerkstrukturen und besonderen Potentialen im Stadtteil befragt.

Auf Basis aller drei Quellen - soziodemographische und sozioökonomische Daten, Bestandserhebung von Einrichtungen und Angeboten sowie Einschätzungen des Fachpersonals - wird dann eine erste Stadtteilanalyse erstellt. Diese erhält auch Vorschläge zur Angebotsverbesserung und empfiehlt ggf. den Einsatz von Stadtteilkoordination.

Sozialraum-Monitoring 2018/2019 - erste Befunde Erstmals wurden zum Stichtag 31.12.2017 für alle Bezirke mit sozial angespannten Quartieren Daten zu den genannten Kern-Indikatoren erhoben und in der AG soziale Stadtentwicklung bewertet:

 Alle statistischen Bezirke, die zu einem Stadtteilkoordinationsgebiet gehören, weisen zehn und mehr auffällige Werte im gesamtstädtischen Vergleich auf - vor allem in den Daten zu Transferleistungen und zu den Bedarfsgemeinschaften mit Kindern – allesamt wichtige Armutsindikatoren. Das ist zum einen ein deutlicher Hinweis, dass mit der Auswahl von Stadtteilen für Stadtteilkoordination vor Jah-

ren die „richtigen“ Stadtteile ausgewählt worden sind. Es ist aber auch ein Hinweis darauf, dass es in diesen Stadtteilen weiterhin ein koordiniertes Vorgehen braucht.  siehe Empfehlung 1.  Es gibt weitere statistische Bezirke mit vergleichbar auffälligen Daten, aber bislang ohne Stadtteilkoordination. Diese statistischen Bezirke sind:  01 Altstadt / St. Lorenz  10 Ludwigsfeld  11 Glockenhof  31 Rangierbahnhof-Siedlung  33 Langwasser Nordost  36 Langwasser Südost  40 Hasenbuck  50 Hohe Marter  81 Schoppershof Eine kurze Charakteristik dieser statistischen Bezirke findet sich im Anhang.  siehe Empfehlung 2  Sozial angespannte Quartiere ziehen sich in einem breiten Band von der Nürnberger Weststadt in die nahezu komplette Nürnberger Südstadt bis nach Langwasser im Südosten. Es sind die Stadtteile, in denen der Strukturwandel am meisten spürbar und die Fluktuation der Bewohnerschaft hoch ist.

Abbildung 1

 Unter Einbezug der Daten aus der Bevölkerungsvorausberechnung kommt neben den sozialen Belastungsindikatoren noch ein weiteres Kriterium in den Fokus: Nachverdichtung und hoher Bevölkerungszuwachs in einzelnen Stadtgebieten.  siehe Empfehlung 3  Außerhalb dieses Bandes sind in den Außenrandgebieten vereinzelt einige weitere Quartiere betroffen.  siehe Empfehlung 4

V. Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Sozialraumentwicklung in Nürnberg

 Empfehlung 1: Stadtteile mit Stadtteilkoordination Stadtteilkoordination soll in den Stadtgebieten Nürnberger Westen, St. Leonhard/Schweinau, Gibitzenhof und Galgenhof/Steinbühl - allesamt Stadtteile mit hohen sozialen Belastungen - weiterhin im Einsatz bleiben. Vordringliche Aufgabe ist der Erhalt der lokalen Netzwerkstruktur und die Abstimmung mit weiteren Partnern aus Förderprojekten im Stadtteil. o Für den Nürnberger Westen wurde in der gemeinsamen Sitzung von Schulausschuss und Jugendhilfeausschuss am 28.11.2019 ein Werkstattbericht zur Lern- und Bildungslandschaft Nürnberger Weststadt vorgelegt. Die Auseinandersetzung mit dem Bericht, seinen Empfehlungen und Einleitung von Verbesserungen wird Schwerpunkt in den lokalen Netzwerken im Nürnberger Westen sein. o Für Galgenhof/Steinbühl, Gibitzenhof und St. Leonhard/Schweinau werden aktuell Stadtteilkonzepte vorbereitet und im 1. Halbjahr 2020 den Ausschüssen vorgelegt. Die Stadtteile unterscheiden sich unter anderem erheblich nach der jeweiligen Ausstattung mit sozialen Treffpunkten. Ein entsprechender Ausbauplan wird – unter Berücksichtigung bestehender Einrichtungen mit Treffpunktqualitäten – im Rahmen der Stadtteilkonzepte für jeden Stadtteil erarbeitet und soll sukzessive zur Umsetzung kommen.  Empfehlung 2: Stadtteile mit hoher Armutsbetroffenheit – bisher ohne Stadtteilkoordination Für diese statistischen Bezirke (siehe Seite 13) werden nach und nach Bestandserhebungen durchgeführt und Seismografentreffen veranstaltet. Dem JHA bzw. SHA werden nach und nach erste Stadtteilanalysen vorgestellt, darin wird ggf. der Einsatz weiterer Stadtteilkoordinationen empfohlen. Auf Grund besonders auffallender Werte im Sozialraum-Monitoring sollen die Gebiete Glockenhof und Ludwigsfeld sowie Hasenbuck und Rangierbahnhof-Siedlung vorrangig geprüft werden. Die Letztgenannten erhalten eine besondere Brisanz, da sie westlich und östlich an das Neubaugebiet Brunecker Areal und die geplante Technische Universität Nürnberg andocken. Zu erwarten ist, dass sich diese Gebiete für den Einsatz von Stadtteilkoordination begleitend zum Siedlungsaufbau empfehlen werden. Insgesamt ist davon auszugehen, dass sich bei eingehender Prüfung der genannten besonders auffallenden statistischen Bezirke ein weiterer Bedarf von zwei bis vier Stadtteilkoordinationsstellen begründen wird. Für diese Stellen sind rechtzeitig Stellenschaffungsanträge vorzulegen.  Empfehlung 3: Neugründung von Stadtteilen Im Umfeld von Stadtteil-Neugründungen, für die die Herstellung von 30 % gefördertem Wohnungsbau Vorgabe ist, sollen die benachbarten Stadtgebiete nach dem beschriebenen drei-stufigen Sozialraummonitoring-Verfahren analysiert und betrachtet werden, um ggf. Infrastrukturdefizite ausgleichen und möglichen Konfliktlagen im Vorfeld gegensteuern zu können.

 Empfehlung 4: einzelne sozial belastete Distrikte im Nordosten und Südwesten Hier empfiehlt sich – zeitlich nachgeordnet – diese einzelnen sehr kleinräumigen Gebiete nach dem drei-stufigen Monitoringverfahren genauer zu betrachten und Problemanalysen vorzunehmen. Anstelle eines Koordinationseinsatzes sollen hier geeignete punktuelle Unterstützungsformen entwickelt werden.

Anhang

Kurzcharakteristik von statistischen Bezirken mit auffälligen Werten im gesamtstädtischen Vergleich insbesondere bei Armutsindikatoren (Stand: 31.12.2017)

01 Altstadt (St. Lorenz)

Demographie:

In Bezirksauswahl höchster Ausländeranteil (33,7%). Hinweis auf höhere und wachsende Integrationsanforderungen und kulturelle Konfliktpotenziale.

lere Altersstruktur.

Arbeitslosigkeit und SGB II-Bezug:

mit Kindern (geringe absolute Zahlen beachten). Allerdings durchschnittlicher Anteil von Personen in SGB Bedarfsgemeinschaften (u. 15 Jahre) an Altersgruppe und damit kein Hinweis auf eine höhere Kinderarmut. Transferleistungen und soziale Interventionen:

schnittlich. An dieser Stelle keine Hinweise auf spürbar größere Armutsbetroffenheit. Wohnumfeld:

10 Ludwigsfeld

Demographie:

überdurchschnittlicher Migrationsanteil an der Bevölkerung in Privat-HH (49,9%), ebenso überdurchschnittlicher Anteil Nicht-Deutscher (26%). Hinweise für ggf. höhere Integrationsanforderungen und kulturelle Konfliktpotenziale.

passungserfordernisse durch starkes Bevölkerungswachstum. Arbeitslosigkeit und SGB II-Bezug:

ten (u. 15 Jahre) an Altersgruppe (35,4%). Transferleistungen und soziale Interventionen:

Wohnumfeld:

11 Glockenhof

Demographie:

letzten Jahren.

der/innen (30%) als Hinweise für ggf. besonders hohe Integrationsanforderungen

Arbeitslosigkeit und SGB II-Bezug

(u. 15 Jahre) an Altersgruppe (28,9%). Transferleistungen und soziale Interventionen

Wohnumfeld

33 Langwasser Nordost

Demographie:

durchschnittlicher Ausländeranteil (11,8%). Hinweise für „Langwasser-spezifische“ Integrationsanforderungen und kulturelle Konfliktpotenziale.

Altersstruktur.

Arbeitslosigkeit und SGB II-Bezug:

ten (u. 15 Jahre) an Altersgruppe (29,1%), mit zweithöchster Zuwachsrate in Bezirksauswahl. Transferleistungen und soziale Interventionen:

dichte. Wohnumfeld:

36 Langwasser Südost

Demographie:

ten Jahren stagnierend/leicht schrumpfend.

deranteil (19,2%). Hinweise für „Langwasser-spezifische“ Integrationsanforderungen und kulturelle Konfliktpotenziale.

Hinweis auf tendenziell polarisierte Altersstruktur.

Arbeitslosigkeit und SGB II-Bezug:

wahl zweithöchster Anteil von Personen in SGB Bedarfsgemeinschaften (u. 15 Jahre) an Altersgruppe (30,6%). Transferleistungen und soziale Interventionen:

Wohnumfeld:

den mit 11 und mehr Wohnungen (64%) und unterdurchschnittliche Wohnfläche je Einwohner als Hinweise auf eher beengte Wohnverhältnisse.

40 Hasenbuck

Demographie:

cher Ausländeranteil (28,5%). Hinweise für ggf. erhöhte Integrationsanforderungen und kulturelle Konfliktpotenziale.

eher mittlere Altersstruktur.

gierbahnhof gemeinsam in den Blick, dann werden vor dem Hintergrund der Bauvorhaben bis 2030 96% Bevölkerungswachstum erwartet. Arbeitslosigkeit und SGB II-Bezug:

Jahren.

Transferleistungen und soziale Interventionen:

doch mit abnehmender Tendenz in den letzten Jahren. Wohnumfeld:

Dichte.

verhältnisse.

50 Hohe Marter

Demographie:

ebenso überdurchschnittlicher Ausländeranteil (26%). Ausländeranteil ebenfalls überdurchschnittlich hoch- Hinweise für ggf. höhere Integrationsanforderungen und kulturelle Konfliktpotenziale.

weisen auf eher jüngere/mittlere Altersstruktur hin.

Arbeitslosigkeit und SGB II-Bezug:

an Altersgruppe (26,5%), Tendenz in den letzten Jahren jedoch abnehmend. Transferleistungen und soziale Interventionen:

dichte. Wohnumfeld:

Dichte.

81 Schoppershof

Demographie:

den vergangenen Jahren.

letzten Jahren. Ausländeranteil dagegen nur knapp überdurchschnittlich (ca. 25%).

als erster Hinweis auf eher jüngere Bevölkerung.

Arbeitslosigkeit und SGB II-Bezug:

Altersgruppe (26,5%). Transferleistungen und soziale Interventionen:

nommen, ist aber immer noch deutlich überdurchschnittlich hoch (161,4). Wohnumfeld:

me/zunehmende "Beengung".

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