Prof. Dr. Gudrun Cyprian Olga Ast, BA
Das Nürnberger Elternbüro – Schulerfolg und Teilhabe
(NEST)
Bilanz und Perspektiven des Programms – eine empirische Evaluation
Nürnberg, Juli 2017
Inhaltsverzeichnis 2
Abstract: Zusammenfassung der Ergebnisse 4
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Ziele des Berichts 5
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Ziele und Struktur des Programms NEST 6 2.1 Ziele von NEST 6 2.2 Die Struktur von NEST 7 2.2.1 Das Elternbüro 7 2.2.2 Die ElternlotsInnen 8 2.2.3 Die Partnerschulen 9 2.2.4 Der räumliche Bezug von NEST 9
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Das methodische Vorgehen der Evaluation 9 3.1 Mündliche Befragung der RektorInnen der Partnerschulen 10 3.2 Telefoninterviews mit Lehrkräften der Partnerschulen 11 3.3 Schriftliche Befragung der ElternlotsInnen mit Gruppendiskussion 12 3.4 Interview mit den Projektmitarbeiterinnen 13
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Die Situation in den Partnerschulen von NEST im Urteil von RektorInnen und Lehrkräften 14 4.1 Der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund und Kindern aus geflüchteten Familien 14 4.2 Herausforderungen für die Schulen 16 4.3 Bewältigungsstrategien der Schulen 18
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Die Nutzung von NEST in den Partnerschulen 20 5.1 Die Erwartungen der Schulleitungen an NEST 21 5.2 Die Nutzung der NEST-Angebote 21 5.3 Der „Sprachenpool“ von NEST 25
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Die Beurteilung der NEST-Angebote - durch RektorInnen und Lehrerinnen 26 6.1 Die Gewichtung der Angebotspalette von NEST 26 6.2 Schlüsselsituationen zur Wirkung von NEST 29 6.3 RektorInnen und Lehrkräfte bewerten die Funktionen
der ElternlotsInnen 31 6.4 Die Herausforderungen der multikulturellen Elternarbeit 35 6.5 Die Wünsche der Lehrkräfte zur Elternarbeit 39 6.6 Die ElternlotsInnen beschreiben ihren Beitrag zum Schulerfolg der Kinder 41
7 Erfolgsfaktoren für die Zusammenarbeit von Schule und NEST 43 7.1 Verantwortliche AnsprechpartnerInnen für NEST in der Schule und ihr Verhältnis zu den ElternlotsInnen 43 7.2 Die Rolle des Elternbüros 44 7.3 Die Werbung für NEST in der Schule 46 7.4 Die Passung zwischen dem Bedarf der Schule und den Angeboten von NEST 47 7.5 Die Bindung der ElternlotsInnen an die Schule 50 7.6 Die Erwartungen an die ElternlotsInnen aus Sicht der Lehrkräfte 52 7.7 Die Voraussetzungen einer gelungenen Kooperation 54 7.8 Die Anerkennung der Leistungen der ElternlotsInnen 55
- Ergebnisse, Folgerungen, Perspektiven 60 8.1 Die gelungene Verankerung von NEST in der Nürnberger Schullandschaft 60 8.2 Gestiegene und erweiterte Bedarfe 62 8.3. Die beiderseitigen Grenzen von Schulen und NEST: Ergebnisse und Möglichkeiten 63 8.4 NEST als integraler Bestandteil der Schule oder als Dienstleister für Übersetzungsaufgaben/Sprachvermittlung 66 8.5 Erweiterungen der Einsatzorte von NEST auf Elterngruppen, z.B. in Flüchtlingsunterkünften und Migrantentreffs 69 8.6 Weitere Professionalisierung der Elternlotsen 71 8.7 Ressourcen: Auslastung und Bedarfe 73
Literaturverzeichnis 79 Verzeichnis der Tabellen und Schaubilder 81
Abstract: Zusammenfassung der Ergebnisse
NEST hat sich beeindruckend schnell und breit in der Nürnberger Schullandschaft verankert, die Schulen mit einem hohen Anteil an SchülerInnen aus Migrantenfamilien finden die Unterstützung durch ElternlotsInnen, die zusammen 28 Sprachen beherrschen, äußerst hilfreich bis unverzichtbar. Dies ist ein erstes Ergebnis der vorliegenden Evaluation. Dafür wurden an 23 der gegenwärtigen 26 Partnerschulen von NEST die Schulleitungen per Telefoninterview nach ihren Erfahrungen mit NEST befragt, dazu kamen 8 Telefoninterviews mit Lehrkräften, 2 leitfadengestützte Interviews mit insgesamt 15 aktiven ElternlotsInnen und ein Auswertungsinterview mit den zwei Programmverantwortlichen.
Die Ergebnisse zeigen, dass etliche Schulleitungen die ElternlotsInnen gerne stärker an ihre Schule binden würden und sich mehr Präsenzzeiten wünschen. Die ElternlotsInnen werden gebraucht bei Eltern-Lehrer-Gesprächen, bei Elternabenden, bei der Schulanmeldung, sind oft bei Schulfesten und in Elterncafés aktiv. Schwierig ist die Rollendefinition der LotsInnen bei Lehrer - Eltern- Gesprächen geblieben, denn Lehrkräfte bestehen erstaunlich häufig auf „wortgetreuer Übersetzung“, während NEST im Selbstverständnis vor allem die sozial-kulturelle Vermittlungsleistung betont. Im Moment hat NEST oft in der Beziehung zu den Schulen eine „Bring-Schuld“, die Gegenleistung der Schulen wie grundsätzliche Einbindung der LotsInnen in das Schulgeschehen, Betonung ihrer Bedeutung in der Schulöffentlichkeit, Rücksicht bei Terminplanungen, eigenen Sprechstunden für die LotsInnen, Einrichtung eines Elterncafés usw. sind noch immer keine Selbstverständlichkeit. Erfolgversprechend erscheint der neue, zusätzliche Weg von NEST, Eltern auch in ihrer Lebenswelt, in Flüchtlingsunterkünften oder Migrantentreffs aufzusuchen und dort Fragen zum Schulbesuch ihrer Kinder zu beantworten. Die Nachfrage nach NEST-Leistungen wird weiter steigen, das Elternbüro muss aufgestockt und die finanziellen und Arbeitsbedingungen für die ElternlotsInnen müssen deutlich verbessert werden. Eine weitere Professionalisierung der LotsInnen könnte zu einer Verbesserung der interkulturellen Elternarbeit in den Schulen führen, weitere Aufgaben für die LotsInnen bieten sich mit interkulturellen Themen an. Wir empfehlen ein Pilotprojekt an einer Partnerschule einzurichten, wo neue, dichtere Formen der Kooperation zwischen Lehrkräften und LotsInnen ausgelotet werden können. NEST sollte zwar die unterschiedlichen Erwartungen der verschiedenen Schulen grundsätzlich akzeptieren, aber seine Chance nutzen eine interkulturell orientierte Organisationsentwicklung zumindest einiger Schulen zu fördern. Auf das Elternbüro kommen damit nicht nur zusätzliche, sondern auch neue Aufgaben zu.
1. Ziele des Berichts
Das Schulbegleitungsprogramm für Migranteneltern NEST wurde 2009 eingeführt. Im Schuljahr 2011/12 wurde eine erste Evaluation der bis dahin sich entwickelten Praxis durchgeführt. Dabei standen die in der ersten Generation ausgebildeten ElternlotsInnen als die entscheidenden Unterstützungspersonen im Mittelpunkt. Die konkrete Arbeit wurde über Monate mit Hilfe von Dokumentationsbögen für die betreuten Familien beschrieben und in Gruppeninterviews die Erwartungen und Rückmeldungen der Eltern bei den ElternlotsInnen zusammengetragen und ausgewertet. Dabei wurden vielfältige positive Effekte für die Familien sichtbar, gleichzeitig konnten die Rollen der ElternlotsInnen geklärt, Strategien und Stopp- Regeln herausgearbeitet werden. Inzwischen hat sich das Programm NEST ausgeweitet und durch Fortbildungen weiter professionalisiert. Die Verantwortlichen haben sich 2016 für eine zweite Evaluation entschieden. Sie unterscheidet sich von der ersten durch zwei zentrale Zielsetzungen:
- Dieses Mal sollte von den Partnerschulen des Projekts, die NEST an ihrer Schule
laufen haben, eine ausführliche und systematische Rückmeldung zu den Erfahrungen und Bewertungen eingeholt und analysiert werden. Welche Angebote von NEST werden angenommen und wie beurteilt? Welche Funktionen hat NEST für die Schule und deren Ziele? Welche Wünsche und Vorschläge haben die Schulen für eine möglichst effektive Zusammenarbeit?
- Wie arrangieren sich die Partnerschulen mit den neuen Anforderungen, die sich
aus dem erhöhten Zugang von Flüchtlingskindern an einige Schulen ergeben? Was ist für sie (und für die Flüchtlingsfamilien) hilfreich, welche Rolle spielt NEST bei der Bewältigung der Erwartungen, Hoffnungen und Probleme der Familien mit Fluchterfahrungen, die aus anderen Kultur- und Sprachkreisen als den bisher an den Schulen vertrauten stammen? Mit welchen Strategien kann NEST auf diese Situation reagieren, was greift und wo sind zusätzliche Anstrengungen nötig? Wichtige Adressaten der Auswertung sollten unter anderem der Schulausschuss, die Integrationskommission der Stadt Nürnberg, das Staatsministerium für Bildung und Kultur, Wissenschaft und Kunst mit beigeordnete Gremien, die Schulen der Stadt Nürnberg, das IPSN, Helferkreise von Flüchtlingen und Sponsoren sein.
Mit der Evaluation beauftragt wurden Prof. Dr. Gudrun Cyprian, die bereits die erste Evaluation durchgeführt hatte, und Olga Ast, Bachelor der Sozialen Arbeit an der TH Nürnberg.
2. Ziele und Struktur des Programms NEST
Die Abkürzung NEST steht für den Namen „Nürnberger Elternbüro - Schulerfolg und Teilhabe“. Dieses Projekt wurde von November 2009 bis Oktober 2012 vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gefördert. Seit 2013 ist es ein regulärer Arbeitsbereich des Instituts für Pädagogik und Schulpsychologie Nürnberg (IPSN).
Von Anfang an wurde eine zweigleisige Struktur geschaffen: die Einrichtung des Elternbüros in den Räumen des IPSN und seine Besetzung mit einer pädagogischen Fachkraft mit Migrationsgeschichte und – als Kernstück – die Rekrutierung und Qualifizierung von ElternlotsInnen mit Migrationserfahrung als Ansprechpartnerinnen für Eltern und Lehrkräfte. Mit dem Schuljahr 2010/11 begann der Einsatz der ersten 13 ElternlotsInnen an acht Nürnberger Schulen. In der Zusammenarbeit mit den Partnerschulen konnten das Profil und die Einsatzmöglichkeiten für die ElternlotsInnen konkretisiert werden. Seither wurden bereits fast 50 Lotsinnen vom IPSN ausgebildet und zurzeit in 26 Partnerschulen eingesetzt. NEST verfügt aktuell über 35 ausgebildete und aktive LotsInnen, die Eltern und Schulen unterstützen und beraten - in Deutsch und zahlreichen weiteren Sprachen. Darunter sind in dem Schuljahr 2016/17 vertreten: afghanisch, amharisch, arabisch, bulgarisch, englisch, französisch, griechisch, hindi, italienisch, kikongo und lingala (Kongo), kroatisch, kurdisch, mazedonisch, persisch, polnisch, portugiesisch, rumänisch, russisch, serbisch, spanisch, tagalog (Philippinen), tamil, thai, türkisch, ukrainisch, ungarisch, vietnamesisch.
2.1 Ziele von NEST
NEST setzt an den Schnittpunkten zwischen dem System Schule und Familien mit Migrationshintergrund an. In vielen Schulen Nürnbergs ist der Anteil von Schülern und Schülerinnen mit Migrationshintergrund hoch, die vergleichsweise niedrigere Übergangsquote in weiterführende Schulen und die hohe Zahl von fehlenden Schulabschlüssen verlangen nach unterstützenden Maßnahmen. Die Schule hat sich als die zentrale Organisation erwiesen, in der frühzeitig die Weichen für mehr oder weniger Integration, Inklusion, für mehr oder weniger gute Chancen auf einen erfolgreichen Berufs- und Lebenslauf der nächsten Generation gestellt werden. NEST agiert deshalb sehr schulnahe: ElternlotsInnen sind mit ihren Angeboten einer bestimmten Schule zugeteilt und sind dort zuständig für alle Eltern mit Migrationshintergrund. Sie beraten sie in allen Themen, die sich auf Schule und Schulerfolg beziehen, machen beispielsweise das bayerische Schulsystem und die Regelungen des Übergangs von einer Schulart zu einer anderen verständlich. Die Eltern erhalten praktische Hinweise,
wie sie ihr Kind unterstützen können. Die Eltern können ihre Verantwortung für den Schulerfolg ihres Kindes erkennen und bekommen Strategien vermittelt, wie sie sich zum Wohl ihres Kindes effektiv engagieren können. Gleichzeitig bieten sie auch den Lehrkräften an den Schulen ihre Vermittlungsleistungen an, die sich vor allem auf die kulturelle und/oder sprachliche Verständigung mit den Eltern beziehen. Damit können die jeweils aktuell anliegenden konkreten Fragen zwischen Eltern und Lehrkräften bearbeitet werden, gleichzeitig werden die von vielen Lehrkräften als „schwieriges Klientel“ angesehenen Familien mit Migrationshintergrund und (noch) lückenhafter Sprachbeherrschung damit „entproblematisiert“. Die Ziele in den Programmbeschreibungen zielen in erster Linie auf die Eltern und damit indirekt auf die Kinder. Aber eine bessere „Passung“ wird nur erreicht, wenn sich auch das System Schule verändert. Hier will NEST eine größere Sensibilisierung der Schule für Fragen, Probleme und Bedarfe von Migrantenfamilien im Bildungssystem erreichen, eine stärkere „Willkommenskultur“ für Kinder und Eltern mit Migrationshintergrund in den einzelnen Schulen ausbilden und über verschiedene Maßnahmen die Bedingungen für eine stärkere soziale Teilhabe der zugewanderten Familien verbessern.
Das Ziel von NEST ist es, durch den Einsatz von Menschen, die selbst einen Migrationshintergrund haben, anderen immigrierten Familien das bayerische Schulsystem und konkret die Schule ihrer Kinder näher zu bringen und sie besser in den schulischen Alltag und die damit verbundenen Pflichten und Rechte einzubeziehen.
2.2 Die Struktur von NEST
2.2.1 Das Elternbüro
Das sog. Elternbüro in den Räumen des IPSN ist die organisatorische „Schaltzentrale“, die mit einer Halbtagsstelle, einer Pädagogin mit eigener Migrationsgeschichte besetzt ist. Das Elternbüro nimmt alle Aufgaben der Projektentwicklung und –steuerung wahr, organisiert die Einsätze der ElternlotsInnen, ihre Ausbildung und Weiterqualifikation und ist Ansprechpartner für die Schulen in Nürnberg. Die wichtigsten Adressaten des Elternbüros sind die Schulleitungen und die für NEST zuständigen Lehrkräfte an den Partnerschulen. Vom Elternbüro aus laufen Werbung, Planungs- und Auswertungsgespräche mit den RektorInnen. Deshalb ist hier eine Fachkraft mit Lehramtsstudium für diese Aufgaben als akzeptierte, professionelle Gesprächspartnerin notwendig und die Stelle ist entsprechend besetzt worden.
Gleichzeitig versteht sich das Elternbüro als Beratungsangebot für alle Nürnberger Eltern mit Migrationshintergrund zu Fragen der Schullaufbahn und Problemen in/mit
der Schule. In Kooperation mit internen und externen Partnern werden Informationen zu Fragen der Schullaufbahn und passenden Angeboten gesammelt und interessierten Eltern zur Verfügung gestellt. Das heißt, dass hier eine räumliche und soziale Erweiterung der Zuständigkeit und des Aufgabenbereichs des Elternbüros von Anfang an angestrebt wurde. Da das Elternbüro räumlich wie institutionell eher als zentrales Angebot höherschwellig angelegt ist, kommen die meisten Eltern über die Vermittlung von Schulen und anderen Professionellen an. Die Besetzung mit einer polnischen Fachkraft senkt wiederum die Barrieren – sowohl gegenüber den Familien wie gegenüber den ElternlotsInnen.
2.2.2 Die ElternlotsInnen
Den zweiten Pfeiler bilden die zurzeit 28 Elternlotsen: ehrenamtlich tätige Frauen und ein Mann mit eigener Migrationsgeschichte, die unterschiedlich lange in Deutschland leben und Eltern in insgesamt 28 Sprachen beraten und begleiten können. Sie wurden in speziell von NEST entwickelten Qualifizierungskursen auf ihre Rolle als ElternlotsInnen vorbereitet. Unter anderem erwerben und vertiefen sie Kenntnisse über das bayerische Schulsystem, seine Kultur, seine Erwartungen an Eltern und Kinder und die Pflichten und Rechte der Eltern. Vier von ihnen sind aus dem früheren städtischen Projekt der Bildungsassistentinnen (mit russischen und türkischen Sprachkenntnissen) im März 2012 von NEST übernommen und an ihren früheren Einsatzschulen weitergeführt worden. Die ElternlotsInnen haben eine Berufsausbildung, die meisten verfügen auch über Arbeitserfahrungen in Deutschland, fast alle haben oder hatten selbst Kinder im Schulalter. Sie bringen damit alle Bedingungen mit um bei den Migranteneltern Vertrauen zu erwerben und die Angebote von NEST niedrigschwellig zu halten. Über ihre Mitarbeit bei Informations- und Themenabenden in der Schule, bei Schulveranstaltungen, in den neu eingerichteten Elterncafés und in eigenen Sprechstunden usw. stellen sie ein leicht erreichbares, vergleichsweise „vertrautes“ Beratung- und Vermittlungsangebot speziell für Eltern mit Migrationshintergrund dar. Für die Angehörigen der Schulen, speziell für Lehrkräfte und SchulsozialarbeiterInnen, stehen sie für Fragen, Vermittlungsleistungen, Übersetzungen und spezielle Projekte zur Verfügung. Sie erleichtern und verändern die Elternarbeit mit Migrantenfamilien. Dass eine Schule über ElternlotsInnen mit Migrationshintergrund verfügt, ist ein positives Signal an alle zugewanderten Familien im Schulsprengel. Von großer Bedeutung sind besonders die sprachlichen Kompetenzen und die kulturellen Fähigkeiten der LotsInnen, mit denen sie einen Draht zu den Familien finden und dazu beitragen können, Vertrauen als Basis für eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit der Schule herzustellen.
2.2.3 Partnerschulen
Als Partnerschulen werden jene Schulen bezeichnet, die eine feste Kooperation mit NEST eingehen. Diese wird in einem Papier mit „Bedingungen zum Gelingen einer Zusammenarbeit“ beschrieben, verpflichtet die Schule jedoch nicht bestimmte Angebote oder einen vorgeschriebenen Umfang der Zusammenarbeit zu beanspruchen und zu leisten. Damit soll zum einen die Freiwilligkeit gewährleistet und zum anderen die Möglichkeit geboten werden, Angebote nach Bedarf der Schule flexibel abrufen und anpassen zu können. Regelmäßige Treffen mit den SchulleiterInnen, gerade zu Beginn jedes neuen Schuljahres, unterstützen den Austausch über Erfahrungen und Erwartungen, erlauben schulspezifische „Nachjustierungen“ des Einsatzes und machen auf Varianten des Einsatzes von NEST aufmerksam.
2.2.4 Der räumliche Bezug von NEST
Der Stadtraum, in dem NEST agiert, ist doppelt definiert: Im Mittelpunkt steht die Arbeit mit und in den Partnerschulen. Die Schulen treffen eine Vereinbarung mit der Projektleitung, in der gegenseitige Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten geregelt werden. Jeweils zwei, im Höchstfall drei ElternlotsInnen werden als Schulteam jeweils der Partnerschule zugeteilt. Damit stellt das Projekt sicher, dass die Schulen sich mit ihrem Bedarf für bestimmte Vermittlungsleistungen auseinandergesetzt haben und die Angebote wünschen. Und die Zielgruppe, Familien mit Migrationshintergrund, sind über den Schulbesuch ihrer Kinder genau definiert. NEST kann mit den jeweiligen sozialen und Bildungseinrichtungen eines bestimmten Stadtviertels Kooperationsbeziehungen aufbauen und nutzen. Zum Zeitpunkt der Evaluation (Juni 2016 – Juli 2017) zählten 15 Grund-, 5 Mittel-, 3 Realschulen, 2 Gymnasien und 1 Förderschule zu den Partnerschulen von NEST, weitere haben Interesse bzw. konkrete Pläne angemeldet. Gleichzeitig reagiert aber NEST auch auf situative Bedarfe sowohl aller Nürnberger Schulen wie aller Nürnberger Familien mit einer Migrationsgeschichte. Sowohl im Elternbüro wie von ElternlotsInnen werden Anfragen nach sozialer und sprachlicher Vermittlung beantwortet.
3. Das methodische Vorgehen der Evaluation
Für diese Evaluation sollten die Schulen die wichtigsten Informanten sein. Vor allem die Rückmeldungen der RektorInnen und der Lehrkräfte zur Arbeit von NEST können helfen die Unterstützungsbedarfe der Schulen einerseits und die Wirkungen und Potentiale des Programms NEST einzuschätzen. Diese Informationen zu bekommen war ein zentrales Anliegen der Programmverantwortlichen.
In der folgenden Tabelle sind die vier verschiedenen Erhebungen aufgelistet, die jeweils in zeitlichem Abstand in der Reihenfolge der Nennungen durchgeführt worden sind.
Tabelle 1: Datenerhebung für die Evaluation von NEST
| Befragte | Anzahl der Befragten | Methode der Befragung |
|---|---|---|
| RektorInnen | 23 | Telefoninterviews anhand eines strukturierten Fragebogens plus eine mail als freie Zusammenfassung der bisherigen Erfahrungen mit NEST |
| Lehrerinnen | 8 | Telefoninterviews anhand eines strukturierten Fragebogens (teilweise mit dem der RektorInnen übereinstimmend, aber mit zusätzlichen Fragen) |
| ElternlotsInnen | 15 | 2 leitfadengestützte Gruppeninterviews und 1 schriftlicher Fragebogen für jede(n) |
| Projektverantwortliche | 2 | 1 gemeinsames leitfadengestütztes Interview mit offenen Fragen |
Jeder Erhebungsschritt und jedes Instrument wurde im Viererteam besprochen (die zwei mit der Evaluation beauftragten Fachfrauen, die Leiterin des Elternbüros und eine weitere pädagogische Mitarbeiterin des Bereichs „Interkulturelle Angebote“ im IPSN).
3.1 Mündliche Befragung der RektorInnen der Partnerschulen
Die SchulleiterInnen sind für NEST die wichtigsten Adressaten. Sie entscheiden, ob die Schule NEST an ihre Schule holt und in das Programm einsteigt. Auch wenn sie dann evtl. die Zuständigkeit an eine einzelne Lehrkraft delegieren, haben sie es in der Hand, wie viel Unterstützung die Elternlotsinnen erfahren, welche Ressourcen (zeitlich und räumlich) ihnen zur Verfügung gestellt werden, wie stark sie kollegial in den Schulbetrieb eingebunden werden (z.B. am Schuljahresbeginn im Lehrerkollegium ausführlich vorgestellt werden, welche Rolle sie an Elternsprechtagen spielen, bei den Schulfesten aktiv dabei sind usw.). Und letztlich entscheiden die RektorInnen darüber, wie die Schule die Interkulturalität ihrer SchülerInnen lebt, welche Bedeutung sie diesem speziellen Auftrag gibt. Die Interviews wurden telefonisch durchgeführt – um die Zeit der SchulleiterInnen zu schonen und unsere Fragen in den Mittelpunkt zu rücken. Über das Elternbüro wurden
mögliche Zeitfenster vereinbart und Verabredungen getroffen. Alle 24 LeiterInnen der 26 NEST-Partnerschulen in Nürnberg im Sommer 2016 (zweimal ist eine Person sowohl für die Grund- wie für die Mittelschule zuständig) wurden um eine Teilnahme gebeten, 21 nahmen letztlich an der Befragung teil. Bei zweien kam das Interview nicht zustande, weil die Schulleiter relativ neu auf dieser Position waren und ihre kurzen Erfahrungen mit NEST als noch nicht ausreichend für belastbare Aussagen einschätzten; ein Rektor sagte wegen momentaner zeitlicher Überlastung ab.
Die 21 RektorInnen vertreten folgende Schultypen:
Tabelle 2: Schultypen in der Evaluation von NEST
| Schultyp | Anzahl |
|---|---|
| Grundschule | 14 |
| Mittelschule | 4 |
| Realschule | 3 |
| Gymnasium | 1 |
| Förderzentrum | 1 |
Die Fragen an die Schulleitungen umfassten 5 Themenblöcke:
I. Kinder mit Migrationshintergrund bzw. Kindern aus geflüchteten Familien an der Schule II. Gründe für den Status „Partnerschule“ von NEST und seine organisatorische Ausgestaltung III. Kontakte zum Elternbüro und Einschätzung der Organisation der Kooperation IV. Einschätzungen zu den Aktivitäten von NEST an der Schule V. Wünsche und Empfehlungen an NEST
Die Schulleitungen wurden durch Form und Inhalt der Fragen einmal in ihrem Expertenstatus angesprochen, zum zweiten auch als Berater, z.B. für notwendige oder wünschenswerte Entwicklungen von NEST.
3.2 Telefoninterviews mit Lehrkräften der Partnerschulen
Die Befragung von Lehrkräften sollte die Aussagen der Schulleitungen ergänzen, da sie durch ihre größere Nähe zur alltäglichen Praxis und durch regelmäßige persönliche Erfahrungen in der Kooperation mit ElternlotsInnen, z.B. bei gemeinsam
durchgeführten Eltern-Gesprächen, noch einmal eine eigene Perspektive auf die Themen der Evaluation haben können. Insgesamt fließen in die Evaluationsergebnisse acht Lehrerinnenbefragungen aus vier Grund-, einer Mittelschule, zwei Realschulen und einem Gymnasium, ein. Dabei ist es uns gelungen, durch die Auswahl der befragten Lehrerinnen zwei weitere Schulen gegenüber den RektorInneninterviews, eine Grundschule und ein Gymnasium, unter den Partnerschulen zu erreichen. Weiterhin haben wir darauf geachtet, möglichst viele Lehrkräfte zu interviewen, die Erfahrungen mit Übergangsklassen haben, d.h. mit Flüchtlingskindern und ihren Eltern arbeiten.
Da wir die Lehrerinnenbefragung erst nach einer ersten Auswertung der RektorInneninterviews durchführten, konnten wir auch aus diesen Zwischenergebnissen resultierende Themen ansprechen und zu vertiefen versuchen. Der Leitfaden war in einigen Themen identisch mit dem der RektorInnenbefragung um Vergleiche zu ermöglichen, enthielt aber auch spezielle Fragen, die auf die Arbeitssituation der Lehrkräfte zugeschnitten waren.
Folgende Themenblöcke wurden in dieser zweiten Befragung behandelt:
I. Herausforderungen für Lehrkräfte bei steigenden Zahlen für Kinder aus Migrantenfamilien II. Informationsstand zu NEST in der Lehrerschaft III. Einsatz von NEST an der Schule IV. Überlegungen zur Elternarbeit bei Flüchtlingskindern/Kindern mit Migrationshintergrund V. Zur Beziehung Lehrkräfte- ElternlotsInnen VI. Wirkungen und Funktionen von NEST VII. Fragen zur Lehrerbiografie
3.3 Schriftliche Befragung der ElternlotsInnen mit Gruppendiskussion
Die Befragung der ElternlotsInnen schien uns notwendig, um das Bild der Wirkungsweise von NEST an den Partnerschulen durch die Selbstwahrnehmung der entscheidenden Akteurinnen zu ergänzen und Vergleiche zwischen den verschiedenen Perspektiven zu ermöglichen. Während Schulleitungen und Lehrkräfte gut bezahlte Professionelle sind, agieren die ElternlotsInnen in der Position von Semi- Professionellen: Sie haben zwar eine qualifizierende Fortbildung für diese Arbeit
durchlaufen, übernehmen aber ihre verantwortungsvollen Aufgaben an den Partnerschulen freiwillig, ohne Bezahlung – wenn man von einer geringfügigen Aufwandsentschädigung absieht. Auf sie richten sich die Hoffnungen von Eltern und Lehrkräften, aber sie müssen in der jeweiligen Situation mit vielfältigen persönlichen, sozialen und professionellen Bezügen und Widersprüchen handeln.
Da für viele von ihnen Deutsch immer noch den Status der Fremdsprache hat, sollte die Befragung möglichst wenig formellen Charakter mit Freiheitsspielräumen haben. Da weiterhin die ElternlotsInnen immer sehr interessiert an einem Erfahrungsaustausch untereinander sind und dabei ihre Positionen überprüfen, schärfen oder korrigieren können, haben wir uns für ein ungewöhnliches Vorgehen entschieden: Die ElternlotsInnen konnten zwischen zwei Terminen wählen, es kamen zwei relativ gleich starke Gruppen zusammen. Am gemeinsamen großen Tisch wurden zu den 4 Hauptfragen zur Beantwortung jeweils farbige Karten ausgeteilt und die Frauen und der einzige männliche Lotse gebeten, ihre Antworten in Stichpunkten zu notieren. Dafür wurde jeweils ausreichend Zeit eingeräumt, Nachfragen waren jederzeit möglich. Dann konnten die LotsInnen ihre Antworten nacheinander vorlesen und erläutern, auf Fragen untereinander eingehen. Die Karten wurden anschließend eingesammelt und ergaben, zusammen mit den Notizen der Forscherinnen während der Erläuterungen in der Gruppe, das Material für die Auswertung. In einer einfachen Tabelle konnten sie abschließend durch einfache Kreuze angeben, welche Angebote der Trägerorganisation IPSN sie für ihre Arbeit nutzen wie Fortbildungen, Supervision, Fallbesprechungen usw. Die ElternlotsInnen haben diese Form der Befragung sehr positiv beurteilt.
Die Fragen an die ElternlotsInnen bezogen sich auf folgende Themen: I. Wie trägst Du nach Deiner Meinung zum Schulerfolg der Kinder mit Migrationshintergrund bei? II. Welche Bedingungen an den Partnerschulen sind dabei für Dich hilfreich, welche findest Du eher negativ? III. Was investiert Du persönlich in die Arbeit als ElternlotsIn, welchen Gewinn hast Du durch diese Arbeit? IV. Was sollte sich an Deiner Arbeit als ElternlotsIn bei NEST möglichst bald verändern, was wünschst Du Dir?
3.4 Interview mit den Projektmitarbeiterinnen
Nach einer ersten Auswertung der Ergebnisse aus den drei Untersuchungsschritten wurden von den Evaluatorinnen Themen herausgenommen, die für die Zukunft des Programms NEST sensible „Drehschrauben“ darstellen können. In einem offenen
Interview haben wir Frau Musiał und Frau Pablo-Dürr, den beiden zuständigen Mitarbeiterinnen des NEST-Programms im IPSN, diese Themen in Form von Fragen vorgestellt und erste Antworten erhalten. Bei diesen Themen geht es Fragen der Programm- und Organisationsentwicklung von NEST, die in diesem Bericht am Ende vorgestellt werden.
4. Die Situation in den Partnerschulen von NEST im Urteil von RektorInnen und
Lehrkräften
4.1 Der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund und Kindern aus geflüchteten
Familien
Die Partnerschulen von NEST sind über das gesamte Stadtgebiet Nürnbergs verteilt und variieren erst einmal nach ihrer Größe. 12 Schulen haben zwischen 200 und 400 SchülerInnen, 5 Schulen zwischen 400 und 600 SchülerInnen und die größten Schulen, 4 an der Zahl, haben über 600 SchülerInnen, davon 2 knapp über 1.000. Diese großen Schulen sind bis auf eine ausschließlich Grundschulen, eine Realschule ist darunter.
Abb.1: Schüler im Schuljahr 2014/15 insgesamt
≥600
501-600
401-500
301-400
201-300
≤200
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9
Wenig erstaunlich ist der sehr hohe MigrantInnenanteil unter allen Partnerschulen von NEST, 18 von 23 Schulen haben einen Anteil von 60 bis 90 Prozent SchülerInnen mit Migrationshintergrund.
Abb.2: Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund
91-100%
81-90%
71-80%
61-70%
51-60%
41-50%
≤40%
0 2 4 6 8 10
Wie hat sich der Zustrom von Flüchtlingsfamilien auf die Partnerschulen ausgewirkt? Hier ist die Situation vollkommen unterschiedlich: In zwei Schulen sind gar keine Flüchtlingskinder, in neun Schulen sind nur einige wenige (zwischen 1 und 8) – hier fällt mehrfach die Bezeichnung „Willkommenskinder“ - aber zwei dieser Schulen berichten, dass sie im nächsten Jahr Übergangsklassen mit vielen Flüchtlingskindern an der Schule
Abb. 3: Bestand an Übergangsklassen
Keine Übergangsklassen
Vier bis fünf Übergangsklassen (an einer Schule) Acht bis elf Übergangsklassen (an einer Schule) Ähnliche Modelle (Sprint; Deutschförderklassen)
Für kommendes Jahr geplant
0 2 4 6 8 10 12 14
haben werden, sie sind „in der Warteschleife“. Für die Lehrkräfte ist dabei die Situation neu, dass sie jetzt Kinder in der Klasse haben, die kein einziges deutsches Wort kennen. Einige Schulen nehmen alle Flüchtlingskinder – unabhängig vom Alter - wegen der Sprachschwierigkeiten erst einmal in die Eingangsklassen auf, andere verteilen sie gezielt auf unterschiedliche Klassen. In fünf Schulen gibt es eine hohe Anzahl von Flüchtlingskindern, sie haben die Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund aus den klassischen Herkunftsländern inzwischen übertroffen. In mehreren Schulen sind erstmals oder zusätzliche Übergangsklassen eingerichtet worden, Sonderklassen für Kinder ohne jede Deutschkenntnisse. Zwei
Partnerschulen haben acht bis elf Übergangsklassen, vier Partnerschulen haben vier bis fünf Übergangsklassen und 2 Schulen haben vergleichbare Sonderklassen wie Deutschförderklassen (die die Kinder im Anschluss an die Übergangsklassen besuchen können) oder sog. Sprintklassen oder Sprintgruppen (für Kinder aus Migrantenfamilien, denen ein Realschulbesuch zugetraut wird). Einige Schulen ohne eigene Übergangsklassen klagen, dass Kinder zu schnell aus den Übergangsklassen in die Regelklassen überwiesen würden. Die meisten Kinder sind noch nicht alphabetisiert oder nicht in lateinischer Schrift vorbereitet. (der Anteil schwankt je nach Schule zwischen 60 und 100 % der Flüchtlingskinder). In den Übergangsklassen sind meistens durchschnittlich 20 Kinder untergebracht, aber die Schulen berichten von „Stoßzeiten“, in denen manchmal auch bis zu 30 Kinder in einer Klasse waren.
4.2 Herausforderungen für die Schulen
Neue Herausforderungen stellen sich den Schulen, die Kinder aus geflüchteten Familien (meist aus Syrien und dem Irak) aufgenommen haben. Die Aussagen der RektorInnen sind im Folgenden nach der Häufigkeit der jeweiligen Inhalte geordnet. Sie streuen breit, weil die Frage sinnvollerweise auch offen gestellt wurde.
Probleme der Integration der Flüchtlingskinder in die Schule Flüchtlingskinder in den Regelklassen der Grundschule erweitern die sowieso große Diversität der Startbedingungen der Kinder: „Die Kinder haben ein unterschiedliches Niveau. Es ist sehr schwer, wenn man in einer Klasse Kinder mit geistiger Behinderung, Kinder ohne Deutschkenntnisse und Kinder, die eine Eignung fürs Gymnasium mitbringen, unter einen Hut bringen muss.“ „Es ist schwierig Flüchtlingskinder ´mitzunehmen`.“ „Schwierig ist die Integration der Willkommenskinder in die Klassen. Es müssen Förderstunden aus dem eigenen Budget gestellt werden für diese Kinder, damit man das Deutsch fördern kann.“
Einige RektorInnen sprechen von einem zweiten Integrationsproblem, das sich an den Schulen mit Übergangsklassen stellt. Diese Klassen segregieren zwangsläufig die Flüchtlingskinder gegenüber den Kindern in den Regelklassen. Und dabei entstehen häufiger negative Zuschreibungen: „Es gibt Vorbehalte der Kinder und Eltern aus den Regelklassen: wenn Toiletten verschmutzt sind oder kleine Diebstähle passieren oder bei Streit und Schlagen auf dem Schulhof in der Pause sind das angeblich immer die Kinder aus den Ü-Klassen gewesen. Die Lehrkräfte aus den Regelklassen und den Ü-Klassen halten dagegen fest zusammen und wehren sich gegen solche Zuschreibungen.“
Deutlich mehr Kinder mit Traumatisierungen und Verhaltensauffälligkeiten Die Aussagen der RektorInnen sind hier eindeutig: „Man muss klar dazu sagen, kein Kind verlässt gerne sein Heimatland und mit all dem Erlebten
neigen sie zum Teil schon zu Aggressivität oder sind zurückgezogen.“ Trotz der sehr guten Lehrer, die wir haben, ist es schwierig. Es ist auch schwer zu erkennen was ist da jetzt. Sind die Kinder traumatisiert? Da muss man aufpassen, dass sie alle belastet sind ist ganz klar, aber ob sie traumatisiert sind nach der Definition? Sie müssen ja teilweise auch noch Unterkunftswechsel mitmachen und sind einfach entwurzelt. Wir kriegen auch Spenden zum Jahresanfang, zum Beispiel Schulsachen, und da merkt man wie sie sich dann richtig freuen, wenn sie was bekommen haben. Da halten sie sich dann richtig fest dran.“
Mittel fehlen für mehr differenzierende Angebote Die RektorInnen beklagen, dass Personal und Mittel fehlen um differenzierte Angebote machen zu können. „Es ist eine Katastrophe! Die Kinder verstehen kein Wort, dafür ist das Personal zu wenig. Die Lehrer tun ihr Bestes – aber es gibt ein Limit!“ „Zeitmangel, um zusätzlich sinnvolle Aktionen durchführen zu können“ „Man bräuchte viel mehr differenzierende Angebote“.
Zeitlich zu kurze Unterstützung „Die meisten Unterstützungen für Kinder aus Migrantenfamilien konzentrieren sich auf die ersten zwei Jahrgangsstufen, ab Klasse 3 und 4 gibt es keine Zusatzstunden mehr, die Kinder können nur ein verkürztes Deutsch, weil die Schule der einzige deutschsprachige Raum ist, in dem sie sich regelmäßig bewegen. Sie sind immer unter sich und merken dadurch gar nicht, welch reduziertes Deutsch sie sprechen. Sprachvorbilder fehlen!“ „Die hohe Fluktuation der Kinder ist ein Problem: Nach ein paar Monaten gehen die Kinder in die Regelklasse, die in der Ubergangsklasse bisher stark den Unterricht getragen haben – alles fängt von vorne an.“
Die Überforderung der Eltern Die Eltern der Flüchtlingskinder sind nach der Einschätzung der Schulen selbst hilfebedürftig und überfordert, ihnen fehlen Deutschkenntnisse und können ihre Kinder nur schwer unterstützen. Auch für die Schule ist es wegen fehlender Sprachkenntnisse auf beiden Seiten schwierig mit den Eltern in Kontakt zu kommen: „Die Kommunikation mit den Eltern ist schwierig. Da ist NEST eine ganz große Stütze, für die wir sehr dankbar sind.“ Eine Lehrkraft aus einer anderen Schule berichtet: „Schwierig ist der Kontakt zu den Eltern. Die Flüchtlingsfamilien haben zwar zum Teil einen Dolmetscher, aber dann ist der zum Beispiel einfach nicht zu erreichen. Und ich bekomme erst Tage später jemanden ans Telefon und bis ein Termin zustande kommt, dauert es wieder“.
Ergänzende Antworten der Lehrkräfte:
Kulturelle Missverständnisse zu Schule Die Lehrkräfte erleben, dass die meisten Kinder aus ihren Herkunftsländern noch gar keine Schule kennen. Die Verhaltensregeln in einer Schule sind ihnen nicht geläufig, sie müssen erst einmal lernen, wie man miteinander umgehen kann. Kulturelle Missverständnisse zu Schule sind auch bei den Eltern zu beobachten. Eine Lehrkraft
erzählt: „Heute kamen die Eltern eines Schülers einfach in die Klasse und wollten sich mit dem Lehrer unterhalten. Dieser hatte aber gerade allein Unterricht mit 30 Schülern und für ein Elterngespräch gerade keine Zeit. Da ist das Verständnis von und für Schule sehr unterschiedlich.“
4.3 Bewältigungsstrategien der Schulen
Die RektorInnen haben in unserer Befragung eine Vielfalt an Strategien genannt, mit denen sie versuchen die neuen Herausforderungen der hohen Zahl an Flüchtlingskindern zu lösen. Meistens ist es eine Kombination von verschiedenen Strategien, die sie versuchen – da auch die Probleme auf verschiedenen Ebenen liegen. Wir haben die Bewältigungsstrategien nach einigen typischen Mustern zusammengefasst:
Einsatz von eigenen personellen Ressourcen der Schulen Die Schulen nutzen die Zweisprachigkeit einzelner Lehrkräfte oder von Angestellten im Sekretariat. Glücklich sind die RektorInnen, wenn sie für die Übergangsklassen Lehrkräfte bekommen, die schon eine längere Erfahrung mit dem Unterricht in diesen Sonderklassen aufweisen können: „Wir haben zwei extrem erfahrene Lehrerinnen. Sie arbeiten schon seit 30 Jahren mit Übergangsklassen. Sie haben auch einfach die richtige Einstellung, die man braucht. Überhaupt die Kinder einfach mal ankommen lassen, ihnen mit Geborgenheit begegnen.“
Weiterhin versuchen die SchulleiterInnen eine Umverteilung des Stundendeputats ihrer Lehrkräfte. „Wir versuchen ein paar Stunden von Lehrern zu finden um Sprachunterricht anzubieten, haben Förderstunden und eine Sekretärin, die selbst arabisch spricht.“ „Wir versuchen Stunden zusammenzubringen von Lehrern für die Alphabetisierungskinder. Förderlehrer werden mit ihren wenigen Stunden bei den Flüchtlingskindern eingesetzt, d.h. wir ziehen sie von anderen Kindern ab, die es eigentlich genauso nötig hätten.“ „Für die nicht alphabetisierten Kinder werden extra Lehrerstunden zur Verfügung gestellt, um mit den Kindern zu üben. Lehrer nehmen an Fortbildungen teil“. „Wir bekommen zusätzliche Förderstunden für die Deutschförderung. Diese nutzen wir dann meistens für die Flüchtlingskinder. Man muss sie dann leider von anderen Kindern abziehen.“
Auch die JugendarbeiterInnen an der Schule und SchulpsychologInnen werden in die Arbeit mit den Flüchtlingskindern besonders stark einbezogen, teilweise auch als BeraterInnen für die Lehrkräfte.
Ehrenamtliche HelferInnen an der Schule Die Schulen nehmen ehrenamtliche HelferInnen in Anspruch, aus der Nachbarschaft, aus dem „Zentrum aktiver Bürger“ oder auch aus Eltern aus den Regelklassen, die
beispielsweise eine Mittagsbetreuung organisieren:
„Wir haben eine Mittagsbetreuung für etliche Flüchtlingskinder organisiert über bereitwillige Eltern aus der Regelklasse: Wenn der Unterricht in den Ü-Klassen um 11.20 endet, sind manche Flüchtlingseltern noch in Sprachkursen oder sie wollen den Weg nicht zweimal machen, weil ein älteres Geschwister länger Schule hat usw. Damit wird eine Stück Integration der Klassen unter sich bewirkt“.
Meistens werden Freiwillige zur Betreuung der Hausaufgaben der Flüchtlingskinder eingesetzt oder auch für „Vertiefungslernen“ während des Unterrichts oder danach:
„Drei ältere Ehrenamtliche sind mehrmals während der Schulzeit anwesend und nehmen nach Bedarf bis zu 3 Kindern jeweils für eine Stunde aus der Klasse heraus, um gezielt zu üben mit ihnen, z.B. lesen („Nachschulung“).“ „Wir haben ein paar Ehrenamtliche als Lesepaten für die Ü-Klassen.“
Strukturelle Lösungen der Schulen Einige Schulen verändern die übliche Struktur der Schulorganisation, z.B. die strenge Trennung der einzelnen Klassen. Gerade wenn durch die Unterscheidung von Regelklassen für die deutschen und Migrantenkinder aus den EU-Ländern und den Übergangsklassen für Flüchtlingskinder aus den Kriegsländern des Nahen Ostens Segregation angelegt ist, müssen Schulen sich etwas einfallen lassen um die damit verbundenen Nachteile zu mildern: „Wir fördern die Kooperation der Übergangsklassen mit den normalen Klassen, z.B. durch gemeinsame Unterrichtsstunden oder Aktivitäten. Die Übergangsklassen sollen demnächst zum Schwimmen mitgenommen werden.“ „Zum Beispiel findet eine Mischung aus den Regelklassen und den Ü-Klassen beim Sportunterricht statt.“ „In der 1. Klasse haben deutschsprachige Kinder „Patenkinder“ in der Klasse, neben die sich setzen, denen sie etwas zeigen.“ „Wir haben in den wichtigsten Fächern wie Mathematik vier verschiedene Schienen auf den unterschiedlichsten Niveaus.“ Eine Lehrerin berichtet von ihrer Schule: „Im neuen Schuljahr werden wir als neue Strategie zu jeder Übergangsklasse eine Partnerklasse aus der Regelschule benennen und in einigen Fächern jeweils halb-halb mischen, damit die Integration schneller geht.“
Kooperationen im Stadtteil Einige Schulen mit Ü-Klassen versuchen die Herausforderungen durch Kooperationen mit anderen Organisationen zu bewältigen, z.B. mit einem benachbarten Gymnasium und den Schülerinnen dort, mit den Verantwortlichen für einen Aktivspielplatz oder mit einem Kulturladen im Stadtteil, gehören dem Verein „Brotzeit“ an, mit dessen Hilfe den Kindern täglich ein kostenloses Frühstück in der Schule geboten wird, arbeiten mit dem Projekt der Nürnberger Verkehrsbetriebe „Coolrider“ zusammen oder mit der städtischen Musikschule und derem Programm MUBIKIN.
„Wir haben ein Tutorenprogramm laufen mit Schülerinnen der 8. Klasse aus der Maria-Ward- Schule. Die kommen in die Schule zu uns und machen mit den Flüchtlingskindern Hausaufgaben, spielen mit ihnen und reden mit ihnen (1:1 oder 1:2).“ „Wir verstehen uns als eine „Spielschule“ mit einer ausgeprägten Spielekultur, haben ein Spielcafé. Mit dem Loni- Übler-Haus machen wir jeden 2. Monat einen Spieleclub, mit allen Kindern. Da kommen Sozialarbeiter und bauen einen Spieleparcours in der Turnhalle auf. Spielen geht auch ohne Sprache, alle lachen und freuen sich, ärgern sich übers Verlieren und lernen Regeln, die wir auch in der Schule brauchen. Und die Kinder aus der Regelschule merken, dass die Flüchtlingskinder sie ja schon ganz gut verstehen, dass man mit ihnen spielen kann und das ist mir wichtig als Integration in der Schule“.
Von vielen RektorInnen wird NEST als zentraler Partner genannt: NEST mit den Elternlotsinnen ist hier einfach unentbehrlich“. „NEST ist der wichtigste Partner damit die Integration gelingt. Über die Vermittlung von NEST laufen an einzelnen Schulen auch Kurse „Mama lernt Deutsch“, sie sind regelmäßig ausgebucht. „Wir wollen die Eltern (auch von EU-Kindern) mehr in die Schule bringen und werden das immer mehr angehen – auch mit Hilfe von NEST, aber bei den vielen Baustellen geht nur eines nach dem anderen.“ Eine Lehrerin berichtet: „NEST haben wir ja schon seit dem früheren Schulleiter und auch jetzt probieren wir gemeinsam viel aus. Da ziehen andere Programme jetzt erst hinterher…“
Unsere Befragung hat gezeigt, dass es für die meisten Schulen unerlässlich zu sein scheint auf externe Angebote zuzugreifen. Besonders ehrenamtliche Helfer, Fachkräfte von außen und Initiativen und Projekte scheinen mit insgesamt 21 Nennungen von großer Bedeutung für die Schulen mit einem hohen Anteil an Migrantenkindern zu sein. NEST ordnet sich als ein stetiges Unterstützungsangebot mit individuell der Nachfrage angepassten Interventionen bestens als Antwort auf steigende Bedarfe der Schulen ein. Interessant ist die Beobachtung aus unserer Untersuchung, dass NEST gerade in den Schulen eine hohe Bedeutung hat, von den RektorInnen geradezu „gefeiert“ wird, wo die Stadtteilorientierung der Schule besonders groß ist – obwohl die Flüchtlingskinder selten in unmittelbarer Nähe leben, sondern mit Bussen zur Schule gelangen: Schulen öffnen sich zunehmend nach außen, zum Stadtteil hin und den Sozialraum mit seinen vielfältigen Ressourcen.
5. Die Nutzung von NEST in den Partnerschulen
NEST stellt seinen Partnerschulen sieben unterschiedliche Leistungen zur Verfügung, die als die „Standardleistungen“ des Programms bezeichnet werden können. In den Interviews wurden die 21 Schulleitungen und 8 Lehrkräfte gefragt, welche Aktivitäten sie aus dem Leistungskatalog regelmäßig an ihrer Schule nutzen.
5.1 Die Erwartungen der Schulleitungen an NEST
Vor der Frage nach den konkret stattfindenden Angeboten wurden die RektorInnen in einer offenen Frage gebeten ihre Erwartungen an die Unterstützungsleistungen der ElternlotsInnen zu formulieren. Was ist ihnen (und dem Kollegium) dabei besonders wichtig? Nach der Reihenfolge der Antworten sind im Folgenden die Nennungen der RektorInnen gestaffelt.
Wo erwarten Sie Unterstützung von NEST? Was ist Ihnen und dem Lehrerkollegium dabei besonders wichtig?
Sprachliche Kompetenzen der LotsInnen 18 Nennungen Fachkompetenz (z.B. das Schulsystem erklären können/Unterstützung bei Gesprächen 10 Unterstützung bei Veranstaltungen 8 Unterstützung der Eltern/ Eltern willkommen heißen 5 NEST als fester Partner 5 Kulturelle Kompetenz der LotsInnen 3 Unterstützung bei Konflikten/schwierigen familiären Fällen 3 Mehrfachnennungen
Diese Aussagen bestätigen erst einmal, dass ElternlotsInnen speziell mit ihren Sprachkompetenzen gefragt sind und bei Veranstaltungen der Schule und bei Eltern- Lehrer-Gesprächen übersetzen bzw. vermitteln können. Deshalb ist die Entscheidung, dass zwei oder drei ElternlotsInnen nach den in der Schule besonders gefragten Sprachen zugeordnet werden, eine gute Voraussetzung für „Passung“. Die ElternlotsInnen selbst werden erstaunt sein, dass ihre „kulturelle Kompetenz“ so vergleichsweise niedrig gehängt wird – erleben sie doch täglich, dass nicht nur wörtliche Übersetzungen, sondern den Eltern gegenüber kulturelle Erklärungen der schulischen Regeln, Einstellungen, Ansprüche und Wünsche notwendig sind.
5.2 Die Nutzung der NEST-Angebote
Eine grundlegende Information ist die Frage, welche Leistungen aus dem Angebot von NEST in den Partnerschulen überhaupt abgerufen werden. Die Auswertung zeigt Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den Schulen.
Abb. 4: Nutzung von NEST-Angeboten
Begleitung der EL bei Eltern-Lehrer-Gesprächen
Aktive Rolle beim Elternabend
Anwesenheit der EL bei der Schulanmeldung
Aktive Rolle bei Schulfesten
Aktive Rolle bei einem Elterncafé
Zusammenarbeit mit dem Elternbeirat
Eigene Sprechstunden der EL für Eltern
0 5 10 15 20 25 30
ja nein interessiert
Die ersten drei NEST-Leistungen sind die Kernstücke des Angebots. Die für Interessenten erstellte Homepage des IPSN, auf der das Programm NEST näher erläutert wird, listet als erstes Hauptziel die „Förderung der Kommunikation zwischen Eltern und Schule, ggfs. in den Familiensprachen“1 auf. Die sprachliche Unterstützung der Lehrkräfte und der Eltern durch die LotsInnen stellt einen ersten großen Pfeiler in der Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern dar, sie werden mit der hohen Inanspruchnahme der „Begleitung der ElternlotsInnen bei Eltern- Lehrer-Gesprächen“(18) , ihrer „aktiven Rolle bei Elternabenden“ (16) und ihrer „Anwesenheit bei der Schulanmeldung“ (9) realisiert. Da Schulanmeldungen nur in der jeweils ersten Klasse, vor allem bei der Aufnahme in die Grundschule, stattfinden, erklärt sich auch die vergleichsweise niedrigere Zahl. Diese Leistungen entsprechen der Aufgabe der LotsInnen, in den genannten Bereichen kommunikativ zu agieren und verstärkt zwischen den Schulen und Eltern zu vermitteln. Auch werden in dieser hohen Nachfrage die weiteren zwei Hauptziele von NEST, die „Stärkung der Eltern in ihrer Erziehungskompetenz im Hinblick auf Schulerfolg“ und die „Unterstützung der Eltern bei Fragen zur Schule und zum bayerischen Schulsystem“ erfüllt.
1 Stadt Nürnberg, Presse-und Informationsamt o.D.
Die aktive Rolle der ElternlotsInnen bei Schulfesten ist mit neun Nennungen ebenfalls ein relativ gefragtes Angebot, es hebt sich von den erstgenannten drei dadurch ab, dass es keinen unmittelbar ablesbaren Nutzen für Lehrkräfte oder Eltern bringt, sondern zwei Botschaften kommuniziert: Die ElternlotsInnen gehören „selbstverständlich“ zur Schule, sind in diese Organisation integriert, und die Schule signalisiert den Eltern und Kindern mit Migrationshintergrund, dass sie an dieser Schule dazugehören und willkommen sind, die Schule ihre besonderen Bedürfnisse respektiert. Die vergleichsweise selten realisierte Zusammenarbeit mit dem Elternbeirat lässt unterschiedliche Deutungen zu: entweder gehören dem Elternbeirat bereits etliche Eltern mit Migrationshintergrund an – was bei der hohen Anzahl von Kinder aus Migrantenfamilien verständlich wäre – so dass die spezifische Vermittlungsfunktion bei sprachlichen und kulturellen Unterschieden entbehrlich erscheint, oder der Elternbeirat fungiert als ein von der Lehrerschaft relativ unabhängiges Gremium, das sich nach eigenen Regeln verhält. Möglicherweise ist der Elternbeirat auch gar nicht über die Beiträge von NEST informiert.
Die Einrichtung eines Elterncafés obliegt der Entscheidung der Schule. Mit einem regelmäßigen gemeinsamen Treffen von interessierten Eltern in einem Raum der Schule, verbunden mit gemeinsam bewerkstelligter Verköstigung, können sich die Schwellen der Eltern zur Schule senken lassen, können bestimmte Themen, die Eltern stark beschäftigen wie Hausaufgaben, Übergang in weiterführende Schulen etc. in relativ informeller Atmosphäre gründlicher als in Einzelgesprächen diskutiert und das Selbstbewusstsein der Eltern (in der Regel Mütter) kann gestärkt werden.
Allerdings beansprucht ein Elterncafé zeitliche und räumliche Ressourcen der Schule: - ein freier Raum muss gefunden werden, eine Lehrerin, die zumindest vorbeischaut und sich auf Gespräche einlässt, muss Zeit investieren – nicht verwunderlich, dass Elterncafés dann funktionieren, wenn die Schule über eine Jugendarbeiterin an Schulen (JaS) verfügt, die zusammen mit den Elternlotsinnen dieses zusätzliche Angebot organisiert und trägt. In der Befragung haben sich immerhin noch einige RektorInnen mehr interessiert an diesem Angebot von NEST gezeigt. Eine Sonderstellung nehmen eigene Sprechstunden von ElternlotsInnen an der Schule ein. Sie erlauben den ElternlotsInnen selbstverantwortlich Gespräche mit Beratung suchenden Eltern zu führen, verlangt von der Schule die zur Verfügung Stellung eines eigenen Raums und – noch wichtiger – Vertrauen und Offenheit. Den ElternlotsInnen wird mit diesem Angebot hohe Kompetenz zugesprochen. In den Interviews mit Lehrkräften hat eine Lehrerin, an deren Schule eigene Lotsen-
Sprechstunden stattfinden, die für sie sehr positiven Wirkungen beschrieben. Sie als Lehrerin nutzt häufig die Anwesenheit des Elternlotsen zum „Hereinschauen“ und für Fragen zu einem bestimmten Kind oder zu Eltern. Sie lässt sich häufiger kulturelle Unterschiede aus dem Herkunftsland des Elternlotsen erklären um die Migrantenkinder in ihren Reaktionen besser verstehen zu können.
Kombinationen von NEST-Angeboten Wertet man die in Anspruch genommenen Leistungen von NEST für jede Schule einzeln aus, zeigen sich typische Kombinationen (vgl. Tabelle 3), die besonders interessant sind,
Tabelle 3: Die Kombination von NEST-Angeboten an den einzelnen Schulen nach der Interviewnummer und dem Schultyp
| Interview nummer und Schulart | Begleitung bei Gesprächen | Aktive Rolle bei Eltern- abenden | Anwesenheit bei Schulan- meldung | Aktiv bei Schul- festen | Aktiv im Eltern- café | Zs.arbeit mit Elternbeirat | Eigene Sprech- stunden |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. MS | X | X | X | ||||
| 2. GS | X | X | X | X | X | ||
| 3. GS | X | X | X | X | |||
| 4. GS | X | X | |||||
| 5. GS | X | X | X | X | X | X | |
| 6. MS | X | X | |||||
| 7. GS | X | X | X | X | |||
| 8. GS | X | ||||||
| 9. GS | X | X | X | X | X | ||
| 10. GYM | |||||||
| 11. GS MS | X | X | X | ||||
| 12. SPF | X | X | |||||
| 13. GS | X | X | X | ||||
| 14. GS | X | X | X | ||||
| 15. GS | X | X | X | ||||
| 21. GS | X | X | X | ||||
| 22. GS | X | X | X | X | |||
| 23. MS | X | X | X | ||||
| 24. RS | X | ||||||
| 25. RS | X | X | |||||
| 26. RS | X | X | X | X |
wenn man die jeweilige Schulart mitberücksichtigt. Höhere Schulen nehmen weniger häufig die Begleitung der ElternlotsInnen bei Lehrer-Eltern-Gesprächen in Anspruch, nutzen lieber die Anwesenheit der ElternlotsInnen bei Elternabenden, wenn viele Eltern gleichzeitig erreicht werden. Bei Grundschulen werden überwiegend beide Formen der Vermittlung durch ElternlotsInnen wahrgenommen. Das Förderzentrum beschränkt sich auf diese beiden Leistungen, die meisten Grundschulen nehmen ein breiteres Leistungsangebot wahr. Aber auch eine Realschule ist eng mit NEST verbunden: Neben den Vermittlungsaufgaben werden auch ein gemeinsames Elterncafé angeboten und zwischen NEST und dem Elternbeirat findet eine Kooperation statt. Gleichzeitig zeigt diese Übersicht aber auch, bei welchen Schulen weitere Leistungen möglich wären, hier könnten Gespräche mit den Schulleitungen hilfreich sein.
5.3 Der „Sprachenpool“ von NEST
Nest hat die ElternlotsInnen zweifach organisiert: einmal sind jeweils zwei bis drei ElternlotsInnen fest an einer Schule installiert, damit auf beiden Seiten Vertrautheit und Orientierung entsteht. Zum zweiten versteht NEST seine ElternlotsInnen als einen Pool von ElternlotsInnen mit den unterschiedlichsten Sprachen, der für Situationen genutzt werden kann, wo im Kontakt mit Eltern ein Bedarf nach einer bestimmten Sprache besteht, der von den vertrauten ElternlotsInnen an der Schule nicht abgedeckt werden kann. Im Interview wurden die RektorInnen gefragt, ob sie dieses Angebot nutzen und ob sie dazu Wünsche und Vorschläge haben. Hier ihre Antworten:
Frage: Nutzen Sie den Sprachenpool von NEST?
Ja, nutzen wir, und es funktioniert gut 12 Nennungen Ja, nutzen wir, aber die Sprachenvielfalt reicht nicht aus 5 Nennungen Nutzen wir ab und zu, aber die Anzahl der LotsInnen im Pool reicht nicht aus, die Wartezeiten sind zu lang 4 Nennungen
Brauchen wir bis jetzt nicht 1 Nennung
Typische Antworten von RektorInnen auf diese Frage: „Ist bekannt, dass es auch schon mal eine Lehrerin in Anspruch genommen hat als mal eine besondere Sprache benötigt wurde.“ „Das ist bekannt, wird aber von den Lehrern zu wenig genutzt. Das ist alles eine
organisatorische Frage, manchmal muss es schnell gehen und da ist die Zeit dann zu knapp.“ Ein Rektor bestätigt, dass er nur den Pool nutzt, da die Schule sehr breit gestreute Sprachen hat und es sich bei ihm bewährt hat, dass bei Elternabenden Sprachinseln gebildet werden, was sowieso nur mit einer größeren Anzahl von ElternlotsInnen mit verschiedenen Sprachen geht. „Wir haben dort, wo eine Sprache bei NEST mehrfach vertreten ist, interne Listen: Wunsch-EL 1, die zuerst angesprochen wird, wenn diese nicht kann EL Nr. 2 usw.“
Das zeigt, dass NEST sehr flexibel auf die Wünsche der Partnerschulen reagiert, aber mit seinen Kapazitäten auch oft überfordert ist. Ein Rektor hat am Beispiel seiner Schule die Probleme und die Wünsche an NEST sehr deutlich formuliert:
Er wäre sehr glücklich, wenn NEST
- seinen Pool an Elternlotsinnen zahlenmäßig vergrößern würde, damit es eine
schnellere Präsenz auf Anfragen (z.B. zu einem Elterngespräch) gäbe,
- Die Elternlotsinnen noch professionalisierter wären, z.B. mehr Zeit für den Job zur
Verfügung hätten und entsprechend besser bezahlt werden würden. Dann wäre der Anreiz auch in seine abgelegene Schule am Rande von Langwasser hinauszufahren und dort regelmäßig an zwei Vormittagen zu sein, größer.
- Er möchte, dass NEST unbedingt erhalten bleibt, sich vielmehr vergrößern würde.
Vor allem die Nachfrage nach arabisch sprechenden Elternlotsinnen ist groß.
- Er findet, dass gerade im Umgang mit den Flüchtlingsfamilien die Sprachkompetenz
der HelferInnen erst einmal das Wichtigste ist und der Schule am besten nützen würde.
6. Die Beurteilung der NEST-Angebote - durch RektorInnen und Lehrerinnen
In diesem Kapitel sollen die Bewertungen von NEST im Mittelpunkt stehen und dafür werden sowohl die Antworten der Schulleitungen als auch der Lehrkräfte zusammengebracht. Damit können bei identischen Fragen Vergleiche ermöglicht werden und bei beiden Befragtengruppen die jeweiligen Schwerpunkte der Erfahrungen mit NEST deutlicher analysiert werden.
6.1 Die Gewichtung der Angebotspalette von NEST
Die Schulleitungen wurden ebenso wie die Lehrerinnen gebeten, auf einer Fünferskala anzugeben, als wie wichtig sie das jeweilige Angebot von NEST bewerten. Die Frage lautete:
„Wie schätzen Sie die Arbeit von NEST, die an Ihrer Schule stattfindet, ein? Ich lese sie Ihnen noch einmal vor und Sie sagen bitte auf einer Skala von 1-5, wie wichtig Ihnen das jeweilige Angebot ist. 1= unwichtig, 2 = nicht so wichtig, 3 = teils/teils, 4 =ziemlich wichtig, 5 = sehr wichtig.“ Das heißt, dass die Bewertung ausschließlich für die Leistungen abgefragt wurde, die die Schule auch tatsächlich von NEST bezieht, d.h. dass Erfahrungswerte erfasst werden sollten. Wir haben auch nachgefragt, ob RektorInnen und Lehrerinnen die Bewertungen erklären oder kommentieren wollen, was auch tatsächlich häufiger genutzt wurde. Die folgende Abbildung zeigt erst einmal die Bewertungen der RektorInnen der von ihnen genutzten NEST – Angeboten
Abb. 5: Bewertung der genutzten Angebote von NEST
Begleitung der EL bei Eltern-Lehrer-Gesprächen
Aktive Rolle beim Elternabend
Anwesenheit der EL bei der Schulanmeldung
Aktive Rolle bei Schulfesten
Aktive Rolle bei einem Elterncafé
Zusammenarbeit mit dem Elternbeirat
Eigene Sprechstunden der EL für Eltern
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20
sehr wichtig ziemlich wichtig teils/teils nicht so wichtig unwichtig
Die folgende Tabelle zeigt die Ergebnisse der RektorInnenbefragung und der Befragung der 8 Lehrerinnen - nur selten überraschen größere Unterschiede zwischen den Antworten beider Gruppen:
Tabelle 4: Gewichtung der einzelnen Angebote von NEST durch RektorInnen und Lehrerinnen
Zwischen 1 (unwichtig) bis 5 (sehr wichtig) Gewichtungswert Rektoren Lehr. a. Begleitung der Elternlotsinnen bei Eltern-Lehrer-Gesprächen 4.7 4.9 b. Anwesenheit der ElternlotsInnen bei der Schulanmeldung 4.0 4.5 c. Aktive Rolle bei Elternabenden 4.0 4.0 d. Aktive Rolle beim Elterncafé 4.9 4.9 e. Aktive Rolle bei Schulfesten 2.9 4.0 f. Eigene Sprechstunden der ElternlotsInnen für Eltern 5.0 5.0 g. Zusammenarbeit mit dem Elternbeirat 2.7 -
Die Begleitung der ElternlotsInnen bei den Eltern-Lehrer-Gesprächen wird von beiden Gruppen als sehr wichtig eingeschätzt, von den Lehrkräften noch positiver, da sie direkter davon profitieren. Von den 18 Schulen, die dieses Angebot nutzen, bewerteten 15 RektorInnen es mit dem höchsten Messwert „5“, zwei weitere betrachten es als ziemlich wichtig. Nur eine einzige Schule stuft es als „nicht so wichtig“ ein mit der Begründung, dass die ElternlotsInnen nicht die benötigten Sprachen beherrschen – deshalb der vergleichsweise niedrige Durchschnittswert. Die Lehrerinnen unterstreichen deutlicher als die RektorInnen, wie wichtig ihnen die Unterstützung der ElternlotsInnen bei der Schulanmeldung ist. Dass die aktive Rolle der ElternlotsInnen beim Elternsprechabend „nur“ den Durchschnittswert „4 = wichtig“ erreicht, lässt sich teilweise durch Ergänzungen einiger RektorInnen erklären, sie fanden die simultane Übersetzung der ElternlotsInnen als störend. Die organisatorische Lösung mit „Sprachinseln“ an den Elterntischen dagegen findet bei den RektorInnen sehr positive Bewertungen. NEST könnte diese Erfahrungen an die Schulen verbreiten. Interessant ist, dass nahezu alle Schulen, die ein Elterncafé mit den ElternlotsInnen laufen haben, dieses als sehr wichtig bewerten – auch hier wird könnte ein Erfahrungsaustausch der Partnerschulen untereinander, zusammen mit der Beratung von NEST, Vorbehalte auflösen. Die zwei Schulen2, die den ElternlotsInnen eigene Sprechstunden einräumen, sind mit
2 In den RektorInneninterviews war eine einzige NEST-Partnerschule vertreten, die für LotsInnen eine eigene Sprechstunde unterhält. Durch das Interview mit einer Lehrerin aus einer Partnerschule, deren Rektor wegen zeitlicher Überlastung nicht interviewt werden konnte, kam eine „fehlende“ Schule dazu, die auch eine eigene Sprechstunde für LotsInnen anbietet.
dieser Lösung hoch zufrieden.
Die vergleichsweise niedrige Bewertung der Zusammenarbeit zwischen ElternlotsInnen und dem Elternbeirat erklärt sich nach den abgegebenen Erläuterungen dadurch, dass es sich dabei häufig um nur ganz wenige Termine während des Schuljahres handelt. Methodisch sind die vergleichsweise niedrigen Werte hier ein positives Zeichen dafür, dass die Befragten nicht undifferenziert NEST „lobten“, sondern dass wir uns auf den Realitätsgehalt ihrer Antworten verlassen können.
6.2 Schlüsselsituationen zur Wirkung von NEST
Die RektorInnen wurden gebeten Schlüsselsituationen zu beschreiben, an denen die Wirkung von NEST anschaulich wird. Einige RektorInnen waren durch die Frage etwas überfordert, weil sie kaum die ElternlotsInnen so nahe und genau erleben, aber die Mehrzahl hat spontan berichtet. Die meisten Geschichten lassen sich nach Gruppen zusammenfassen.
Die Eltern fassen Vertrauen „Ein Beispiel ist der Elternabend zur Schulanmeldung. Wenn die Lotsinnen mit der entsprechenden Sprache da sind, dann ist das Vertrauen der Eltern gleich viel größer.“
„Für mich ist es immer wieder eine Schlüsselsituation, wenn wir eine Familie zu uns in das Besprechungszimmer einladen und wir zu dritt, die Sekretärin, ich und die Elternlotsin sie erwarten. Wenn dann die Türe aufgeht und die Familie uns drei sieht, also auch eine Vertraute aus der eigenen Kultur, und wir ihnen die Hand ausstrecken zur Begrüßung, dann wissen sie, sie sind hier willkommen und wir freuen uns auf sie und haben uns auf sie vorbereitet.“
„Das waren Eltern (Sprint-Projekt), die haben bei der Schulanmeldung kein Wort Deutsch gesprochen. Nach dem ersten Elternabend, bei dem die Elternlotsinnen auch eingeladen waren, haben sie sich, mit ihrem schlechten Deutsch, sogar getraut an der Schule anzurufen und kommen jetzt auch regelmäßig.“
„Da fallen einfach die Hemmungen und die Leute werden aufgeschlossener, weil sie merken meine Anliegen werden auch beachtet und ich kann mich dort hinwenden.“
„Es erleichtert die Kommunikation, die bei uns im Konzept verankert ist. NEST ist dort auch als fester Partner eingetragen.“
„Es ist einfach sehr hilfreich, dadurch dass Sprachbarrieren gebrochen werden, durch z.B. das simultane Übersetzen, führt das meist zu einem guten Ende oder mehr Erfolg und Verständnis bei den Eltern.“
„Es gab Fälle, bei denen NEST sehr hilfreich war. Da fand eine Öffnung der Familie zur Lotsin statt und diese konnte sehr hilfreich begleiten.“
„Das Elterncafé zeigt es gut, da dort auch in Zusammenarbeit mit dem JaS (Jugendarbeiter an Schulen) viel passiert. Dies funktioniert gut.“
„Allgemein wenn Sprachbarrieren vorhanden sind. Es macht die Schule transparenter, das sieht man z.B. gut im Elterncafé.“
ElternlotsInnen sprechen anders mit den Eltern „Bei einem Elterngespräch habe ich um Übersetzung gebeten für die Bitte an die Eltern, sich um die Hausaufgaben des Kindes zu kümmern. Die Übersetzung durch die EL hat sehr lange gedauert. Da habe ich nachgefragt, was sie denn gesagt habe. Sie hat gesagt: Ich habe gesagt, dass es in Deutschland Pflicht der Eltern ist sich um die Hausaufgaben der Kinder zu kümmern, da führt kein Weg daran vorbei, das muss einfach durchgängig passieren. Und bei Vätern wirkt es besonders nachhaltig, wenn ein männlicher Elternlotse das sagt.“
„Jedes Gespräch wo ich merke, dass die EL ein zusätzliches kulturelles Wissen hat, einen anderen Bezug zu den Flüchtlingseltern hat, einen anderen Weg als wir deutschen Lehrer geht.“
„„Kulturelle Unterschiede in den Gesprächsstrukturen. Wir hatten mal ein Gespräch, bei dem wurde die Lotsin etwas massiv, so massiv wäre ich jetzt nicht geworden. Aber das hatte eine positive Wirkung.“
Hilfe in schwierigen Situationen
„Schwierige erzieherische Situation: 2 irakische Kinder sind durch ihr Verhalten in der Schule sehr aufgefallen. Der Elternlotse hat der Familie deutlich erklärt, wie die Verhaltensregeln aussehen, was sehr wirkungsvoll war. Es wurden nicht nur die Belange der Eltern in der Schule wahrgenommen und unterstützt, sondern der Lotse hat in dem Fall mehr getan als wir, die Lehrer und die Schule verteidigt, Position der Schule bezogen.“
„Es gab ein Krisengespräch mit einer Familie. Da war es sehr unterstützend und hilfreich, dass da eine Lotsin noch anwesend war. So in Einzelgesprächen ist das super. Diese Mittlerrolle empfinde ich als positiv.“
„Vor 2 Jahren eine afghanische Kriegsflüchtlingsfamilie mit 3 Kindern, Vater traumatisiert, 3. Kind nicht beschulbar, war nicht zu erreichen. Durch den Kontakt zur Elternlotsin, drei bis vier Gesprächen, war eine Kooperation mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie möglich. Das hätten der Rektor oder die Lehrer allein nie geschafft.“
Die Lehrkräfte warten lieber auf die ElternlotsInnen
„Mir fällt immer wieder auf, dass die Lehrkräfte, wenn sie zu einem Gespräch mit Eltern eine Elternlotsin angefordert haben und die dann keinen Termin hat oder krank ist, dann verlegen die Lehrkräfte den Termin und warten lieber eine Möglichkeit ab, dass die Elternlotsin auf jeden Fall dabei sein kann.“
6.3 RektorInnen und Lehrkräfte bewerten die Funktionen der ElternlotsInnen
Im Telefoninterview wurden 10 Statements vorgelesen, die jeweils mit einer Ziffer zwischen 1 (trifft nicht zu) und 5 (trifft zu) beurteilt werden sollten. Diese Statements sollten noch einmal einige Funktionen der ElternlotsInnen für den alltäglichen Schulbetrieb benennen, aber auch einige darüber hinausreichende mögliche Bedeutungen von NEST zur Bewertung vorlegen.
Tabelle 5: Beurteilung der Funktionen von ElternlotsInnen durch RektorInnen und Lehrerinnen von 1 = trifft nicht zu, 2 = trifft kaum zu, 3 = trifft teilweise zu, 4= trifft eher zu, 5 = trifft
| Statements | Durchschnitt im Urteil der RektorInnen | Durchschnitt im Urteil der Lehrerinnen |
|---|---|---|
| A) Die besonderen Sprachkompetenzen der Elternlotsinnen erleichtern die Gespräche der Lehrkräfte mit Migranteneltern. | N= 21 4.8 | N= 8 4.9 |
| B) Die Elternlotsinnen können den Eltern verständlich erklären, wie unser Schulsystem funktioniert und was von Eltern und Kindern erwartet wird. | 4.1 | 4.9 |
| C) Die Elternlotsinnen können Missverständnisse ausräumen helfen, die manchmal zwischen Eltern und Lehrern bei der Einschätzung von Situationen entstehen. | 4.3 | 3.9 |
| D) Die Elternlotsinnen können helfen, den Eltern besser zu vermitteln, welcher Schulzweig für ihr Kind der zurzeit am besten geeignete ist. | 3.6 | 3.5 |
| E) Die Elternlotsinnen nehmen den Eltern die Schwellenangst gegenüber der Schule und ermuntern sie zur Zusammenarbeit. | 4.2 | 4.75 |
| F) Die Elternlotsinnen selbst sind für die Eltern ein gutes Beispiel für gelungene Integration, das allen Hoffnung macht. | 4.3 | 5.0 |
|---|---|---|
| G) Der Einsatz von ElternlotsInnen kann für die Migrantenfamilien ein Zeichen sein, dass sich auch die Schule um sie und ihre Integration kümmern. | 4.4 | 4.9 |
| H) NEST macht deutlich, wie wichtig die Arbeit mit den Familien (der Kinder) ist. | 4.4 | 5.0 |
| I) ElternlotsInnen fördern die Öffnung der Schulen im Sinne einer Organisationsentwicklung | 3.8 | --- |
| J) Durch den Einsatz der Elternlotsinnen kann die Überlastung der Lehrer in der jetzigen Situation etwas abgefedert werden. | 3.5 | 4.35 |
Wieder zeichnen sich drei Trends ab: Die Urteile über die Wirkungen des Einsatzes von ElternlotsInnen sind durchgängig positiv, auf einer Fünfer-Skala liegen nur jeweils zwei Statements unter dem Wert von vier, die Lehrkräfte geben wieder tendenziell positivere Urteile ab als die Schulleitungen und das wichtigste Argument sind wieder die Sprachkompetenzen der ElternlotsInnen mit den damit verbundenen Übersetzungsleistungen.
Es sieht so aus, dass sowohl die RektorInnen als auch die Lehrerinnen die Elternlotsinnen dann am höchsten schätzen, wenn sie unmittelbare Übersetzungshilfe bieten und wenn sie zur atmosphärischen Verbesserung des Bildes, das die Schule gegenüber den Eltern (und der Öffentlichkeit?) zeigen, beitragen. Die Schulen freuen sich, wenn die Anwesenheit von und die Kooperation mit den ElternlotsInnen ein optimistisches, positives Bild von der Schule vermitteln. Je stärker aber mögliche Funktionen der ElternlotsInnen Kernaufgaben der beiden Berufsgruppen zu berühren scheinen, desto vorsichtiger werden die Urteile. Für beide, RektorInnen und Lehrerinnen, zeigt sich das deutlich bei dem Statement „Die Elternlotsinnen können helfen, den Eltern besser zu vermitteln, welcher Schulzweig für ihr Kind der zurzeit am besten geeignete ist.“ Die Schulleitungen tendieren in ihren Antworten im Durchschnitt zu „trifft teilweise zu“ und „trifft eher zu“, die Lehrerinnen
sind – im Gegensatz zu ihren sonst sehr zustimmenden Antworten - noch einen Zehntel vorsichtiger. Dabei berührt gerade dieses Thema viele ElternlotsInnen in besonderer Weise. Sie sind sehr aufmerksam bei Situationen, wo sie den Eindruck haben, dass Lehrkräfte die Chancen eines Kindes mit Migrationshintergrund auf eine weiterführende Bildung pessimistischer beurteilen als nötig wäre oder den Wechsel auf eine Förderschule schneller als Lösung vorschlagen als bei Kindern ohne Migrationsoder Fluchthintergrund. ElternlotsInnen können etliche Geschichten erzählen, wo sie geholfen haben, andere Faktoren als „Lern- oder Aufmerksamkeitsschwäche“ des Kindes als verantwortlich für schlechte Leistungen aufzudecken, z.B. starke Hörschwächen, die noch nie behandelt wurden, oder eine Außenseiterposition des Kindes in der Klasse usw. Es handelt sich hier um ein Thema, wo unterschiedliche Erfahrungen der Professionellen in der Schule einerseits und der ElternlotsInnen aus vielfältigen Migrationsgeschichten andererseits aufeinandertreffen und im Dialog „ausgehandelt“ werden müssen – zum Nutzen der betroffenen Kinder und Eltern. Auch SchulleiterInnen haben häufiger im Interview erklärt, dass die Erklärung des Schulsystems eine komplexe und herausfordernde Aufgabe sei, die viel Wissen und Kompetenz von LotsInnen verlange. Interessant ist, dass einige der befragten Lehrerinnen auch bei dem Statement „ElternlotsInnen können Missverständnisse ausräumen helfen, die manchmal zwischen Eltern und Lehrern bei der Einschätzung von Situationen entstehen“ abweichend zu ihrem sonstigen Antwortmuster reagieren. Lehrerinnen halten diese Funktion sogar für deutlich weniger zutreffend als die Schulleitungen: Auch hier könnte ein Grund sein, dass sie dahinter eine negative Zuschreibung an sich selbst und ihr kulturelles Verständnis spüren und/oder sich in ihrer pädagogischen Kompetenz etwas angegriffen fühlen. RektorInnen wiederum reagieren skeptisch auf zwei Statements, die sich auf ihre Leitungsaufgaben beziehen: Sie finden nicht, dass ElternlotsInnen die Überlastung der Lehrkräfte durch die „Flüchtlingskrise“ abmildern können. Das ist nachvollziehbar, weil die Schulen sich personell, räumlich und von der Ausstattung her zurzeit überfordert fühlen und auf Verbesserungen dieser Situation bestehen. Die RektorInnen reagieren aber auch empfindlich auf das Statement „ElternlotsInnen fördern die Öffnung der Schulen im Sinne einer Organisationsentwicklung.“ Allein der Begriff „Organisationsentwicklung“ mag einige RektorInnen unangenehm berühren, weil er deren Bedarf an der Schule unterstellt. Und wir haben bei anderen Fragen gesehen, dass tatsächlich die Schulen sich in sehr unterschiedlichem Ausmaß flexibel verhalten, sich zum Beispiel nach außen, zum Stadtteil, zu verschiedenartigsten Kooperationen öffnen.
Die Wahrnehmung von NEST nach Merkmalen der Schule Es scheint auch hier sinnvoll zu betrachten, durch welche Schularten oder gemeinsame Kriterien der Schulen NEST in seinen Funktionen ähnlich bewertet und wahrgenommen wird. Es gilt also herauszufinden, ob gemeinsame Eigenschaften der Schulen mit den Bewertungen von NEST korrelieren. Diese Information ist insbesondere für den zukünftigen Ausbau von Partnerschulen bedeutend, da besser eingeschätzt werden kann, welche Schulen durch NEST am meisten profitieren könnten. Hierzu betrachteten wir zunächst die sieben Schulen, die angeben deutliche Veränderungen seit der Flüchtlingszuwanderung zu verspüren. Dabei handelt es sich ausschließlich um Grundschulen bzw. eine zusammengefasste Grund-und Mittelschule. Alle sieben RektorInnen nutzen relativ zahlreiche Lösungsansätze und Strategien, wie zusätzliche Angebote von außen, um die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen. In der Nutzung von NEST – Angeboten lässt sich eine durchschnittliche Inanspruchnahme von 3,4 Angeboten pro Schule ermitteln. Der Schwerpunkt liegt dabei meist auf den Grundangeboten von NEST.
Die Errechnung der durchschnittlichen Beurteilung der wahrgenommenen Angebote mit durchschnittlich 4,2 und der Funktionen und Wirkungen von ElternlotsInnen innerhalb dieser Gruppe mit 4,6 zeigen eine durchaus hohe Bewertung. Insbesondere bei den aktuell mit der Fluchtthematik belasteten Schulen scheint NEST einen wichtigen Partner bei der Bewältigungsstrategie darzustellen. Dies bestätigt sich auch durch den Vergleich mit dem bereits erwähnten Gesamtdurchschnitt der Funktionen von 4,1 bei allen erfassten Schulen. Interessant ist, dass die SchulleiterInnen von drei
Tabelle 6: Nutzung und Bewertung von NEST durch Schulen, die seit der Flüchtlingszuwanderung deutliche Veränderungen merken
Anzahl an Bewertung der Bewertung der Schulart genutzten wahrgenomme- Funktionen und NEST-Angeboten nen Angebote Wirkungen von LotsInnen Grundschule 3 4,9 4,9 GS 2 3,5 5 GS 6 3,7 3,7 GS – MS 3 5 4,5 GS 3 5 5 GS 3 4 4,5
GS 3 3,7 4,6
Durchschnitt 3,4 4,2 4,6
Schulen die umfassenderen Wirkungen von NEST an der und für die Schule positiver wahrnehmen als die Erfüllung konkreter Aufgaben, die NEST an ihren Schulen übernimmt. Die Verbesserung des Schulklimas für Migrantenfamilien durch NEST kann nach dem Urteil der Schulleitungen gar nicht hoch genug angerechnet werden. Eine Aufgliederung nach Schulen mit Übergangsklassen bestätigt dieses Ergebnis ebenfalls: Besonders in Schulen mit einem hohen Anteil an Flüchtlingen (und Übergangsklassen) öffnen vor allem die ElternlotsInnen die Schultüren für Eltern. Dies ist dann die Grundlage für die Inanspruchnahme von konkreten Angeboten, wie der Unterstützung in Eltern-Lehrer-Gesprächen.
6.4 Die Herausforderungen der multikulturellen Elternarbeit
Alle Partnerschulen von NEST sind, da sie einen beträchtlichen bis sehr hohen Anteil von Kindern aus Migrantenfamilien haben, mit den speziellen Herausforderungen multikultureller Elternarbeit konfrontiert. Die Grundschulen mit Übergangsklassen müssen dabei das Kunststück bewältigen, Kinder und Eltern auf ein völlig fremdes, ungewohntes Bildungssystem mit all seinen neuen Regeln, Erwartungen und Handlungsmustern einzustimmen. Die im deutschen Bildungssystem angepeilte sog. Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und LehrerInnen3 ist von beiden Seiten nur mit großen Anstrengungen und nur in Anfängen zu erreichen, „geteilte Verantwortung“ eine Formel ohne stabile empirische Basis.
Wir haben die 8 Lehrerinnen aus den Partnerschulen im Telefoninterview danach gefragt, worin sich Eltern von Flüchtlingskindern bzw. Kindern mit Migrationshintergrund in ihrem Verhalten gegenüber der Schule von den einheimischen oder schon länger hier wohnenden Eltern unterscheiden. Was ist bei ihnen anders in den Erwartungen an die Schule, ihrem Verhalten gegenüber Lehrern, der Bewertung von Wissen, den Wünschen an die Schule usw.? Die Antworten berühren meistens ähnliche Themenfelder, aber die Argumentation ist auffällig unterschiedlich.
3 Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (2016): Schule und Familie. Verantwortung gemeinsam wahrnehmen. München, S.7
Unklare Vorstellungen bei den Eltern von der Bedeutung der Schule „Der Stand der Schule ist ein anderer. Nicht dass sie nicht wichtig wäre, aber diese amtliche Seite verstehen und kennen viele nicht. Die Schule ist wichtig als Ansprechpartner und Infoquelle. Viele wenden sich mit den alltäglichen Problemen an die Lehrer, zum Beispiel,
wenn sie ein privates Schreiben vom Amt nicht verstehen. Wir haben mittlerweile auch viele Eltern, die Analphabeten sind, und da können die Kinder auch nicht viel weiterhelfen. Insofern ist die Schule da ein wichtiger Anlaufort:
„Es unterscheidet sich insofern, dass sie meist ihre Rechte und Pflichten nicht kennen. Also für uns ist es selbstverständlich, dass man sein Kind entschuldigt, wenn es nicht kommen kann, oder pünktlich zum Unterricht erscheint. Eltern aus arabischen Ländern kommen nur bei Auffälligkeiten in die Schule, wenn es schon akut ist und es wird wenig Eigeninitiative von den Eltern gezeigt bei der Beschaffung von Schulsachen, Hausaufgaben, eine Unterschrift abgeben. Es scheint nicht wichtig zu sein.“
„Skeptisch sind sie beim Kennenlernen gegenüber dem deutschen Schulbetrieb: alles bunt und spielerisch, keine Ordnung, strenge Disziplin., das irritiert sie: Kann hier gelernt werden?“
Eine Lehrerin aus einer Schule mit nur wenigen Flüchtlingskindern, aber einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, macht auf die Angst der Eltern vor der „Staatlichkeit“ der Schule aufmerksam:
„Viele Eltern unserer Kinder lassen sich nicht blicken, da unterscheiden sich die Eltern mit Migrationshintergrund nicht besonders. Für Migranteneltern laufen dann aber auch unsere Informationen und Angebote wie „Mama lernt Deutsch“ usw. total ins Leere. Die Kinder weigern sich zuzugeben, dass Eltern(teile) nicht gut deutsch sprechen, sie leugnen das. Ich habe den Eindruck, dass wir als staatliche Schule mit dem Ausüben staatlicher Kontrolle gleichgesetzt werden, dass die Familie Angst hat, Sprachkurse besuchen zu müssen, wenn bekannt wird (über die Kinder oder durch Besuche der Eltern in der Schule), dass die Eltern nicht gut Deutsch sprechen. Unser zentrales Problem ist wirklich: Wie bekommen wir die Eltern in die Schule?“
Eltern kennen ihre Rechte nicht
„Andersherum sind es auch die Rechte, die unbekannt sind. Die Eltern wissen nicht, dass sie auch etwas einfordern dürfen und zum Beispiel ihr Kind die Klasse wechseln darf oder dass sie eine entscheidende Rolle bei einer Entscheidung spielen, wie der Frage ob das Kind auf eine Förderschule gehen sollte.“
„Zurückhaltender und unsicherer. Mir fällt auf, dass diese Eltern nicht einfordern, auch nicht das, was ihnen zustehen würde. Sie kennen ihre Rechte nicht.“
„Die Flüchtlingseltern bringen uns Lehrkräften sehr viel Respekt und Dankbarkeit entgegen. Sie zeigen uns immer ihre hohe Wertschätzung.“
„Ich bin da vorsichtig mit pauschalen Beurteilungen. Ich glaube, dass sie weniger als deutsche Mittelschichteltern schulische Urteile und Anforderungen in Frage stellen, sind „autoritätsgläubiger“, fragen weniger nach, sind weniger kritisch uns gegenüber.“
Eltern sind in ihrer Situation belastet und wirken passiv
„Sie wirken vielleicht passiver oder weniger engagiert, weil sie oft zeitlich und kräftemäßig durch ihre Arbeit wie Nachtschicht oder alleinerziehend überfordert sind, dadurch manches nicht so auf die Reihe bekommen.“
„Grundsätzlich spielt der Bildungsstand der Eltern natürlich eine große Rolle. Aber es ist für viele Familien auch nicht einfach im Moment. Wir haben eine Familie mit sieben Kindern, sie sind also neun Personen in einer Drei – Zimmer – Wohnung. Wie soll man da in Ruhe Hausaufgaben machen können? Die Wohnsituation hat viel Einfluss. Wenn die Kinder in Wohnheimen untergebracht sind, dann sind sie oft unausgeschlafen, weil es da oft lange laut ist. Oder sie haben einen weiten Fahrweg zu uns und müssen schon sehr früh raus. Das sind Dinge, auf die haben wir keinen Einfluss.“
„Wir spüren auch oft an Kleinigkeiten, dass die Eltern stark mit anderen Themen überlastet sind, wenn Unterschriften vergessen, Dinge nicht mitgebracht werden. Aber grundsätzlich ist das Interesse der Eltern groß, dass es ihren Kindern gut geht.“
„Das kann ich so nicht sagen, die Eltern sind alle unterschiedlich. Bei den Kindern ist es so, dass sie oft traumatisiert sind und im Verhalten auffällig. Da ist alles dabei ADHS, Einnässen... Ich denke da kommen auch die verschiedenen Schäden von der Flucht zum Vorschein.“
Kulturelle Unterschiede
„Zum anderen ist das auch das Interkulturelle, die Art unserer Weise. Ich denke, dass das Dienstliche, die Trennung von Arbeit und Privat, so wie wir das hier haben, bei Menschen aus anderen Kulturen, in denen ganz andere Kommunikationsmuster herrschen und die Herzlichkeit eine andere ist, zu Unwohlsein führt. Die Empathie hier ist eine ganz andere. Als ich ein Jahr in Mexico gearbeitet habe war ich erstaunt über die Herzlichkeit. Man spürt dort ein Interesse und Neugier am Menschen. Zu fragen wie es einem geht gehört ganz automatisch dazu. Es ist viel offener! Deswegen finde ich interkulturelles Training für Lehrer wahnsinnig wichtig, das muss regelmäßig und für alle stattfinden. Aber da sind wir wieder bei dem Problem, dass das ja nichts kosten darf.“
„Mich hat beeindruckt was für starke Persönlichkeiten das waren. Autoritär, aber sehr empathisch. Ich finde es wichtig Diversitäten ansprechen zu können: Wie empfinde ich das? Nur so kann man Missverständnisse ausräumen.“
„Auch die Erziehungsstile sind zum Beispiel so ein Thema. Vielleicht könnte man so was im Elterncafé gut thematisieren.“
„Das ist nach Kulturen unterschiedlich: Viele russische Eltern wollen auf jeden Fall einen großen Schulerfolg ihrer Kinder und lernen viel mit den Kindern, üben mit ihnen, haben viel Ehrgeiz.“
„Türkische Mütter sind vor allem zu ihren Söhnen sehr nachsichtig, verhätscheln sie und wollen gar nichts durchsetzen.“
„Eine albanische Familie war total bildungsfern, die kümmern sich überhaupt nicht um die Schulsituation ihrer Kinder.“
In den Antworten der Lehrkräfte spiegeln sich gegenüber den Eltern unterschiedliche Wahrnehmungen und Interpretationen wieder. Einige Lehrerinnen nennen zuerst die spezifischen Belastungen der Flüchtlingsfamilien, die natürlich auch ihr Verhalten gegenüber der Schule bestimmen: Fluchterlebnisse, unsichere Zukunftsaussichten, die Sorge um gefährdete Verwandte und Freunde im Heimatland, beengte Wohnverhältnisse, wenige Orientierungspunkte, wenig Kontakt zu Einheimischen, der mühsame Prozess der Spracherlernung.
Bei anderen Antworten schimmert eine „unausgesprochene Defizithypothese“ gegenüber Migranten- und Flüchtlingseltern durch, z.B. wenn Wörter und Aussagen wie „Bildungsferne“, „zeigen wenig Initiative“, „kümmern sich nicht“ oder „die Schule scheint ihnen nicht wichtig zu sein“ verwendet werden.4 Besondere Ressourcen der Eltern und Kinder wie der starke Familienzusammenhalt oder Mehrsprachigkeit wurden nicht genannt, eine Lehrerin mit eigener Migrationserfahrung hebt die große Empathie vieler Zugewanderter hervor.
Bei vielen Antworten der Lehrerinnen steht die „Fremdheit“ des hiesigen Schulsystems im Mittelpunkt. Dabei erleben sie eine große Bandbreite der Einschätzungen: die Fremdheit der Schulbürokratie – ständig sollen die Eltern etwas unterschreiben, auf für sie unverständliche Briefe von Lehrkräften reagieren - die „Spielatmosphäre“ und scheinbar geringe Disziplin in den Klassenzimmern oder die Angst vor den Zugriffsmöglichkeiten einer staatlichen Institution, die Mütter zum Besuch eines Sprachkurses „zwingen“ kann. Andere erzählen, dass die Freundlichkeit und Zuwendung der LehrerInnen die Eltern die Schule als hilfreichen Kommunikations-und Unterstützungsort für viele Belange und Probleme erfahren lässt.
4 Sacher, Sacher, Werner (2014): Elternarbeit als Erziehungs- und Bildungspartnerschaft. Grundlage und Gestaltungsvorschläge für alle Schularten. 2., überarb. Aufl. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt
Alle diese Wahrnehmungen und Interpretationen der Lehrkräfte lassen die Bedeutung der Vermittlungsleistungen von ElternlotsInnen deutlich werden. Und gleichzeitig zeigen sie, dass es keinesfalls vorrangig oder ausschließlich um sprachliche Übersetzung gehen kann, sondern dass die eigenen Migrationserfahrungen der ElternlotsInnen der Schlüssel für das „Abholen“ der Eltern und für eine Stärkung der Eltern sein können.
6.5 Die Wünsche der Lehrkräfte zur Elternarbeit
Wir haben den Lehrerinnen eine offene Frage gestellt, sie nach ihren Wünschen für „Botschaften“ an die Eltern mit Migrations- oder Fluchthintergrund gefragt. Die Antworten haben wir im Folgenden nach den inhaltlichen Schwerpunkten geordnet. Die Frage lautete: „Wenn Sie die Chance hätten die ElternlotsInnen zu bitten, auf bestimmte Verhaltensweisen von Eltern einzuwirken, welche drei Botschaften bzw. Bitten würden Sie dann an die Elternlotsinnen richten? Was sollten sie den Eltern der Schulkinder vor Allem vermitteln?
„Eltern sollten besser über das Schulsystem informiert sein und nicht das Gymnasium als den einzigen Weg zu ihrem „Traum“: Abitur, Studium des Kindes, sehen. Sie sollten wissen, dass es viele Wege zum Abi und zum Studium gibt. Toll wäre es, wenn ältere Schüler oder Jugendliche, die andere Wege als Gymnasium gegangen sind, mal von ihren Erfahrungen berichten könnten. Das G8, das schon in der 6. Klasse mit der zweiten Fremdsprache kommt, „killt“ viele Kinder, die nicht Deutsch als Muttersprache haben.“
„Nicht nur bei Problemen kommen. Es wäre gut, man würde sich vorher schon kennenlernen und nicht erst wenn die Eltern Probleme sehen und kommen oder kommen müssen.“
„Nicht nur fragen, sondern auch erzählen lassen. Ich würde mir wünschen auch mal etwas von den Familien zu erfahren, ganz allgemeine Dinge, die man ja sonst nicht mitkriegt. Da wäre es schön sie würden auch einfach mal von sich erzählen.“
„Sich dafür interessieren was die Kinder tun. Dass das wertgeschätzt wird was sie in der Schule machen, dass man auch mal nachfragt. Zuerst würde ich sagen, dass die Eltern keine Scheu haben sollen trotz sprachlicher Defizite Kontakt zur Schule zu suchen. Es gibt immer die Möglichkeiten sich Hilfe/Übersetzung zu holen, daran soll es nicht scheitern.“
„Transparenz. Es ist wichtig miteinander offen umzugehen und das Gespräch zu suchen, auch mit dem Kind zusammen. Damit man Dinge klären kann, Lehrer machen auch Fehler und Entscheidungen brauchen Diplomatie.“
Gleichzeitig würde ich mir wünschen, dass die Eltern versuchen auch die Lehrerseite zu sehen. Zu hinterfragen warum handelt er so und dabei aber im Blick zu haben, dass wir alle letzte Endes ein gemeinsames Ziel haben.“
„Und Ehrlichkeit. Das ist einfach die Grundvoraussetzung für eine gute Zusammenarbeit.“
„Sie sollten den Eltern vermitteln, dass diese keine Angst haben müssen Fragen zu stellen, dass sie gegenüber der Schule selbstbewusst auftreten können.“
„dass Eltern einen aktiven Part im Schulleben spielen.“
„Die Eltern sollten mehr in die Schule kommen, sich auch mal im Elternbeirat engagieren. Und sie sollten selbst Deutsch lernen, das wäre ein super Vorbild für die Kinder.“
Die schulischen Regeln einhalten
„Interesse! Dafür sorgen, dass die Voraussetzungen für die Kinder gegeben sind, dass Schulsachen vorhanden sind und die organisatorischen Sachen geregelt.
„Wie gesagt, die Eltern sind so unterschiedlich. Aber wenn es Eltern mit eher niedrigem Bildungsstand sind, wäre es schön, wenn man klarmachen könnte, dass Schule wichtig und die Grundvoraussetzung für die spätere Laufbahn ihrer Kinder ist und dass sie bitte pünktlich und regelmäßig gebracht werden sollen.“
„dass Fehltage für das Kind sehr schlecht sind, dass sie nicht Faulheit oder jedes ablenken lassen ihrer Kinder beim Lernen (z.B. auch bei Hausaufgaben) akzeptieren oder dulden.“
„Die Einteilung Schule ist Schule (bis 13 Uhr) und zuhause ist zuhause geht in Deutschland nicht, wenn es sich nicht um eine Ganztagsschule handelt. Das heißt, die Kinder müssen zuhause Hausaufgaben machen und üben. Sie müssen den Kindern deshalb Pflichtbewusstsein vermitteln, Anteil nehmen. Sie müssen selbst jeden Tag die Schultasche anschauen: Gibt es Zettel an die Eltern, die unterschrieben werden müssen, ist die Schultasche halbwegs in Ordnung, wie kann ich mein Kind zur Ordnung anhalten.“
„Klarmachen, dass Schule und Familie viel miteinander zu tun haben und dass die Eltern Verantwortung für das Lernen und den Schulerfolg ihrer Kinder übernehmen.“
„Es unterscheidet sich insofern, dass sie meist ihre Rechte und Pflichten nicht kennen. Also für uns ist es selbstverständlich, dass man sein Kind entschuldigt, wenn es nicht kommen kann, oder pünktlich zum Unterricht erscheint. Eltern aus arabischen Ländern kommen nur bei Auffälligkeiten in die Schule, wenn es schon akut ist und es wird wenig Eigeninitiative von den Eltern gezeigt bei der Beschaffung von Schulsachen, Hausaufgaben, eine Unterschrift abgeben. Es scheint nicht wichtig zu sein.“
„Skeptisch sind sie beim Kennenlernen gegenüber dem deutschen Schulbetrieb: alles bunt und spielerisch, keine Ordnung, strenge Disziplin., das irritiert sie: Kann hier gelernt werden?“
Eine Lehrerin aus einer Schule mit nur wenigen Flüchtlingskindern, aber einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, macht auf die Angst der Eltern vor der „Staatlichkeit“ der Schule aufmerksam:
„Viele Eltern unserer Kinder lassen sich nicht blicken, da unterscheiden sich die Eltern mit Migrationshintergrund nicht besonders. Für Migranteneltern laufen dann aber auch unsere Informationen und Angebote wie „Mama lernt Deutsch“ usw. total ins Leere. Die Kinder weigern sich zuzugeben, dass Eltern(teile) nicht gut deutsch sprechen, sie leugnen das. Ich
habe den Eindruck, dass wir als staatliche Schule mit dem Ausüben staatlicher Kontrolle gleichgesetzt werden, dass die Familie Angst hat, Sprachkurse besuchen zu müssen, wenn bekannt wird (über die Kinder oder durch Besuche der Eltern in der Schule), dass die Eltern nicht gut Deutsch sprechen. Unser zentrales Problem ist wirklich: Wie bekommen wir die Eltern in die Schule?“
6.6 Die ElternlotsInnen beschreiben ihren Beitrag zum Schulerfolg der Kinder
Wir haben in zwei Gruppengesprächen mit 15 ElternlotsInnen aus dem langjährigen „Stammteam“ von NEST ihre Erfahrungen und Geschichten gesammelt und dabei vier Leitfragen als Ausgangspunkt genommen. An dieser Stelle stellen wir ihre Antworten auf die Frage vor: Wie tragt Ihr als ElternlotsInnen zum Schulerfolg der Kinder bei? Viele Antworten stimmten überein, wir haben fast identische Wiederholungen hier weggelassen und haben die Antworten nach Oberpunkten zusammengefasst:
Wir klären die Eltern über das deutsche Schulsystem und die Schulkultur auf
„Die Eltern merken, dass Bildung in Deutschland sehr ernst genommen wird, das kriegen sie bei solchen Gesprächen mit.“
„Wir erklären den Eltern, wie das deutsche Schulsystem funktioniert und erklären die für die Schule relevanten Gesetze.“
„Ich kann den Eltern die Regeln der deutschen Schule erklären, z.B. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Hausaufgaben usw., dann verstehen sie besser was die Lehrer von ihnen und dem Kind wollen.“
„Die Eltern sind zufrieden und erleichtert, wenn sie verstanden haben was in der deutschen Schule wichtig ist, z.B. Pünktlichkeit.“
„Für die meisten Eltern ist es völlig neu, dass Lehrer jedes einzelne Kind so ernst nehmen.“
Wir helfen den Eltern zu verstehen, welche Hilfe ihr Kind braucht, und können Tipps geben
„Die Eltern verstehen, welche Hilfe für die Kinder notwendig ist, können dann gezielt helfen.“
„Kann Informationen weitergeben, die Kind und Eltern weiterhelfen wie Integrationskurs, Hausaufgabenhilfe, Frühstück, Ernährung insgesamt.“
„Wir können auch Elternberatung und Elterntraining anbieten. Wir geben Tipps zu Lernen, Erziehung, zur Bedeutung der Sprache und der Integration, zur Schule.“
Wir stellen den Kontakt zwischen Eltern und Lehrern her, wir geben Sicherheit und Vertrauen, räumen Missverständnisse aus
„Eltern können in Kontakt kommen mit der Schule; die Schule sieht, die Eltern haben Interesse an der Schule – dadurch wird auch das Lehrer-Kind-Verhältnis enger, man schaut engagierter aufeinander.“
„Durch die Arbeit von NEST erfahren die Eltern, dass wir Verständnis für sie haben und das auch den Lehrern vermitteln können.“
„Wir vermitteln, informieren Eltern und Lehrer (z.B. darüber, warum die Eltern nicht dies oder das machen), unterstützen die Eltern.“
„Die Eltern fühlen sich nicht mehr allein – die Kinder dann auch nicht.“
„Es entsteht Vertrauen zwischen beiden Seiten, die Angst wird kleiner.“
„Wir versuchen eine gute Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus zu erreichen. Dadurch bekommen die Kinder auch die Hilfe die sie benötigen.“
„Wir geben auch den SchülerInnen Sicherheit, weil sie sich angenommen und vertreten fühlen.“
„Wir sind höflich und bauen dadurch Vertrauen auf.“
„Ich mache kaum Beratungen, sondern Arbeit im Elterncafé und mache Übersetzungen. Dadurch komme ich in einen direkten Kontakt mit der Schule und kann helfen die Angst zwischen Eltern und Lehrern abzubauen.“
Wir können für die Migranteneltern mehr erreichen
„Wichtig ist, gut zu vermitteln, d.h. dass alles auf den Tisch kommt und nicht höflich viel verschwiegen wird. Das kann manchmal schwierig werden, wenn ein Elternteil über die Lehrer schimpft.“
„Wir können die richtigen und direkten Fragen stellen, z.B. an die Lehrer, ob es nicht noch Alternativen zur Überweisung ins Förderzentrum gibt, z.B. gezielte Hausaufgabenhilfe – da haben wir schon einigen Kindern zu einem erfolgreichen Bildungsweg verholfen.“
„Ich kann nicht nur übersetzen, ich mische mich ein und ich habe bemerkt, dass das nicht immer willkommen ist, das stört vielmehr manche Lehrkraft.“
„Wir sind „Anwälte“: auch in einem Prozess würde es ohne Anwälte, die für ihre Seite reden, nicht gut ausgehen.“
„In den Elterncafés sehen die Eltern an den anderen Migranteneltern, dass sie nicht allein sind mit ihren Problemen.“
„Unsere Hilfe für die Migrantenfamilie reicht oft über die Schule hinaus, z.B. bei Elternabenden. Wir werden mit vielen Fragen und Problemen konfrontiert und müssen dann entscheiden, wo wir direkt helfen oder verweisen können.“
Die ElternlotsInnen definieren ihren Auftrag selbstbewusst. Eine hat den Satz geschrieben „Ich bin Bezugsperson, Beraterin, Helferin, Vermittlerin“, mehrere andere haben als Assoziation „Ich bin Anwältin“ genannt. Sie stellen sich auf die Seite der
„Schwächeren“, der zugewanderten bzw. geflüchteten Familien und wollen ihnen helfen, den Eltern wie den Kindern, mit den Regeln und Anforderungen der Schule gut zurechtzukommen. Sie kennen alle aus eigener Erfahrung die Bedeutung des Schulerfolgs für die berufliche, soziale und ökonomische Zukunft und wollen deshalb Familien mit Migrationshintergrund durch das deutsche Schulsystem „lotsen“. Sie sind als Personen ein Hilfs- und Unterstützungsangebot, das sich aus mehreren Quellen speist: Einmal bringen sie ihre eigene Migrationserfahrung und ihre Mehrsprachigkeit mit, zum zweiten haben sie eine Ausbildung zur ElternlotsIn durchlaufen und sind dort vor allem mit allen wesentlichen Fragen der Schul- und Bildungssituation konfrontiert worden. Und drittens sind sie auch durch ihre Biographie, viele auch durch die eigene Berufsausbildung und Arbeit Fachfrauen geworden für das spezifische lokale Infrastrukturangebot Nürnbergs sowohl allgemein für Eltern und Kinder als auch speziell für MigrantInnen. Sie verstehen sich als PartnerInnen der Schulen. Viele ihrer Antworten zeigen deutlich, dass in den Eltern-Lehrer-Gesprächen deutlich mehr passiert als eine sprachliche Übersetzung, dass sie die Fragen und Anliegen der Eltern ernst nehmen und gut einschätzen können, was zum Handlungsort Schule gehört und welche weiteren Tipps sie den Eltern geben können. Und die ElternlotsInnen sind sich eines weiteren Effektes ihres Tuns auf das System Schule sicher: Sie tragen dazu bei, das Defizitbild gegenüber Migranten zu korrigieren:
„Durch uns Elternlotsinnen merkt die Schule, dass MigrantInnen auch etwas zu geben haben, dass sie etwas mitbringen, dass sie deutschen Lehrern helfen können, dass sie neue, richtige Antworten auf Probleme kennen, etwas in Bewegung bringen können.“
7. Erfolgsfaktoren für die Zusammenarbeit von Schule und NEST
In diesem Kapitel geht es darum, aus den verschiedenen Erhebungen Aussagen zusammenzustellen, die „sensible“ Merkmale der NEST-Struktur betreffen, da sie für die Zufriedenheiten bzw. Veränderungswünsche bei den Partnern und Akteuren von NEST verantwortlich sind. Gerade der Vergleich zwischen den verschiedenen Schulen erlaubt es, die Umsetzung des NEST-Konzepts in der alltäglichen Praxis auf Erfolgsfaktoren bzw. Stolpersteine zu untersuchen.
7.1 Verantwortliche AnsprechpartnerInnen für NEST in der Schule und ihr Verhältnis
zu den ElternlotsInnen
Bei der Frage nach dem Ansprechpartner für NEST gaben zehn RektorInnen an, selbst AnsprechpartnerIn zu sein, weitere drei teilen sich diese Aufgabe mit stellvertretenden RektorInnen. In drei Schulen sind für NEST die SchulsozialarbeiterIinnen und in vier weiteren ist eine bestimmte Lehrkraft zuständig. Dies ist meistens dann der Fall, wenn die RektorInnen noch kürzer als NEST an der Schule sind und LehrerInnen schon gute
Beziehungen zu NEST haben. Lediglich eine Schule gab an keinen festen Ansprechpartner zu haben. Die Schulleitungen schließen mit NEST einen Partnerschaftsvertrag und entscheiden schließlich auch darüber, wie viel Raum und welchen Stellenwert das Programm im Schulleben einnimmt. Uns hat interessiert, ob und wann die RektorInnen denn häufiger mit den ElternlotsInnen zu tun haben und wie sie die Beziehung zu ihnen pflegen. Und hier erweisen sie sich als gut informiert und haben überraschend häufigen Kontakt: Sieben RektorInnen gaben an, dass sie bei allen großen Veranstaltungen wie Informationsveranstaltungen für Eltern, bei der Schulanmeldung, beim Sommerfest oder beim „Runden Tisch“ mit den LotsInnen zusammentreffen, sechs weitere nennen Elternsprechabende, auch Themenabende wie Einschulung oder Übertritt, als regelmäßige Kontaktmöglichkeit und drei RektorInnen sind auch manchmal oder sogar häufig bei Eltern-Lehrer-Gesprächen oder sogar beim Elterncafé dabei. Wenn sie wenig oder kaum Kontakt zu ElternlotsInnen haben, dann weil sie relativ neu auf ihrer Schulleitungsposition sind, die Lehrkräfte selbst NEST kontaktieren oder insgesamt zurzeit keinen großen Bedarf an NEST haben. Die meisten RektorInnen bemühen sich den ElternlotsInnen an der Schule eine angenehme Atmosphäre zu bieten, einige sprechen von „offenen Türen“, Kollegialität und einer Beziehung auf „Augenhöhe“. Mit einer herzlichen Begrüßung, einer Tasse Kaffee, kleinen Geschenken als Aufmerksamkeiten und „Danke schön“. Sie nutzen Gelegenheiten, dass die ElternlotsInnen „auch einfach mal Gäste sein können und nicht arbeiten. Eine Rektorin erzählte: „Und am liebsten würde ich jede Elternlotsin, wann immer sie die Schule betritt, begrüßen und meine Freude ausdrücken, dass sie bei uns ist.“ Die Verantwortlichen achten darauf, dass die ElternlotsInnen bei allen Veranstaltungen vorgestellt und als „einfach zur Schule gehörend“ eingeführt werden. Ein Konrektor organisiert sogar feedbacks zu den Leistungen der LotsInnen bei Lehrer- Eltern-Gesprächen: Besonders erfolgreiche Gespräche werden allen Lehrkräften vermittelt und den ElternlotsInnen natürlich auch.
7.2 Die Rolle des Elternbüros
Das Elternbüro ist die organisatorische Schaltzentrale von NEST: Von hier aus werden neue Partnerschulen eingeworben und NEST an diesen neuen Schulen installiert, was einen relativ hohen Beratungsaufwand erfordert. Frau Musial betreut die ElternlotsInnen bei ihren Einsätzen, ist die „clearing-Stelle“ für die verschiedensten Fragen der ElternlotsInnen und unterstützt die kleinen LotsInnen-Schulteams in ihrer Arbeit und ihrer Organisation. Im Elternbüro müssen personelle Veränderungen bei den ElternlotsInnen gemanagt, neue ElternlotsInnen angeworben und neue
Ausbildungszyklen für diese in Gang gesetzt werden. Auch die ständige Fortbildung und Supervision der ElternlotsInnen und die Abrechnungen der ElternlotsInnen über ihre Einsätze werden im Elternbüro organisiert.
Das Alltagsgeschäft wird bestimmt von den über mail oder Telefon eingehenden Bedarfsanmeldungen der Schulen und ihre Beantwortung durch Terminvereinbarungen mit ElternlotsInnen. Das Elternbüro bietet den RektorInnen jährlich jeweils zwei Planungs- und Reflexionsgespräche an. Dort können sie mit den Programmverantwortlichen über ihre Bedarfe reden und sich mit den KollegInnen über den Stand, die Zufriedenheit und Verbesserung der Zusammenarbeit mit NEST austauschen, Anregungen aufgreifen, Vorschläge machen. Acht Schulen nahmen im letzten Schuljahr an diesen Treffen teil. Diese sind auch für die Zukunft als jährlich wiederkehrendes Angebot angedacht. Die Teilnahme an diesen Veranstaltungen ist für die RektorInnen nicht verpflichtend, sondern ein Angebot, das die zeitliche Überlastung der Schulleitungen zu „Stoßzeiten“ berücksichtigen will. Interessant ist, dass Frau Musial, die Leiterin von NEST, regelmäßig mit Lehrkräften oder RektorInnen bei den entsprechenden Stadtteiltreffs zusammentrifft – die zunehmende Stadtteilorientierung der Schulen wirkt sich hier positiv aus, stärkt den Kooperationswillen. Neben allen Aufgaben, die sich auf den Einsatz der ElternlotsInnen beziehen, dient das Elternbüro aber auch als eigenständige Beratungsstelle für Schul- und Bildungsverlaufsfragen von Nürnberger Eltern mit Migrationshintergrund, ohne notwendige Zuordnung zu einer bestimmten Schule.
Zwei Drittel der RektorInnen schätzen den organisatorischen Aufwand, Kontakt zu NEST aufzunehmen und aufrechtzuerhalten, als unkompliziert und reibungslos ein. Vier RektorInnen wünschen sich eine schnellere Abwicklung der Termine mit LotsInnen, beispielsweise in einem Zeitraum von einer Woche. Im Hinblick auf die Erreichbarkeit des Elternbüros, insbesondere nachmittags, wird von einer weiteren Schule vorgeschlagen eine Handynummer der Ansprechpartnerin zu hinterlegen. Auch eine schriftliche Aufstellung der momentan vertretenen Sprachen bei NEST und ein jährliches Austauschtreffen aller Betreuungslehrerinnen und LotsInnen werden ebenfalls als Wünsche geäußert. Alle die beschriebenen Aufgaben mussten bisher von einer Halbtagskraft auf einer 19.5 Stunden-Stelle bewältigt werden. Da andererseits ein Anstieg von Partnerschulen gut begründetes und politisches Ziel ist – in einem Jahr ist deren Anzahl um rund ein Viertel angewachsen – ist hier ein krasses Missverhältnis zwischen notwendigen Aufgaben und verfügbarer Arbeitszeit zu konstatieren. Drei Aussagen von Schulleitungen zur Arbeit des Elternbüros sollen wörtlich zitiert
werden: „Das Elternbüro funktioniert gut, Anzahl der Treffen ist in gutem Rahmen, nicht zu viele, nicht zu wenige, die Informationsfluss ist gut, wir haben den neuesten Flyer, der ist informativ.“
„Das Elternbüro könne ruhig etwas offensiver sein, uns Rektoren zum Schuljahrsanfang anhalten, NEST ausführlich vorzustellen und seine Bedeutung für die Eltern und die Schule hervorzuheben, konkrete Schritte vorschlagen bzw. an sie „erinnern“.“
„Es wäre gut, wenn NEST aktiver wäre. Es rutscht durch den Alltag schnell durch, dass es das gibt. Vielleicht könnte man z.B. mit einem Schreiben daran erinnern, dass beispielsweise zum Jahresbeginn die Möglichkeit besteht, dass Lotsinnen zu Einführungsveranstaltungen kommen etc.“
7.3 Die Werbung für NEST in der Schule
Die Nachfrage nach NEST hängt in jeder Schule von verschiedenen Faktoren ab, dem Bedarf, der sich aus der jeweils spezifischen Zusammensetzung der SchülerInnen und den verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten jenseits von NEST (z.B. durch mehrsprachige Lehrkräfte oder Hausaufgabenpaten) ergibt, und dem Informationsstand der Lehrkräfte und der Eltern zu NEST.
Wir haben in den Telefoninterviews die acht Lehrkräfte gefragt, wie gut die KollegInnen über NEST informiert sind. Die meisten antworteten, dass mindestens 80 Prozent, wenn nicht alle KollegInnen informiert seien, weil ja am Schuljahresanfang immer NEST und seine Möglichkeiten vorgestellt würden. Sie machen aber Einschränkungen: Die neuen LehrerInnen würden das noch nicht so ganz mitbekommen und einige, vor allem wenn sie kein großstädtisches Umfeld gewohnt sind, haben noch kein Bewusstsein für Migrantenfamilien an der Schule. Und es gebe KollegInnen, die die Zusammenarbeit mit Eltern und dann noch einmal mit Migranteneltern scheuen, Angst davor haben. Informiert seien auf jeden Fall alle Klassleiter und dann alle LehrerInnen, die auf Förderung eingestellt sind, wie die BeratungslehrerInnen und die SozialpädagogInnen. Eine Lehrerin meinte, dass es eine Art Lehrerfortbildung geben sollte, wo (neuen) LehrerInnen über Fallbeispiele vermittelt wird, welchen Wert die Zusammenarbeit mit den Eltern der Schüler für alle hat, dass gerade bei Schülern mit schlechter Prognose hier ein wichtiger Ansatzpunkt liegt. Eine weitere Kollegin argumentiert mit der Tendenz vieler Schulen, sich nach außen eher abzuschotten: „Ich denke, dass es von der NEST-Seite aus eigentlich passt, aber Mediatoren haben es schwer. Hier müssten sich die Schulen mehr öffnen. Wichtig dabei sind die Schulleitung und die verschiedenen Gremien, aber auch der Elternbeirat. Es müsste mehr Informationen ausgetauscht und nach außen getragen werden. Es gibt zum Beispiel auch ein Schulforum, dafür wurden Leute gewählt und seitdem hört man nichts mehr.“ „Wenn
Bedarf besteht ist es leicht für Lehrer mit NEST in Kontakt zu kommen. Jeder kommt an die Telefonlisten und an die Flyer und die Elternlotsinnen stellen sich ja vor.“ Zwei Lehrerinnen wünschen sich übersichtlicheres und praktisches Informationsmaterial von NEST: „Wenn man z.B. ein Organigramm hätte von NEST, mit allen wichtigen Informationen, die man transparenter gestalten müsste. Das Thema NEST sollte allgemein bekannter gemacht werden, vielleicht durch Vernetzung mit dem Schulamt.“ Gewünscht wird auch eine Liste mit zur Verfügung stehenden Sprachen der Lotsinnen und Telefonnummern (die es schon gibt).
Die zweite Adressatengruppe, die allerdings erst auf NEST aufmerksam gemacht werden muss, sind die Eltern mit Migrationshintergrund und noch unsicheren Deutschkenntnissen. Hier haben wir aus den Antworten den Eindruck gewonnen, dass diese Aufklärung der Eltern über die Unterstützungsmöglichkeiten durch NEST nicht in jeder Schule konsequent verfolgt wird. Die Hinweise in der ersten Klasse sind noch relativ durchgängig, in den folgenden Klassen, gerade in den strategisch wichtigen 5. und 6. Klassen hängt es stark von den einzelnen Lehrkräften ab, ob bei den Elternabenden NEST vorgestellt wird. Wechseln Lehrpersonen, kann diese Praxis einschlafen, wie eine Lehrerin beobachtet hat. Einige Schulen haben noch einmal Flyer von NEST nachbestellt und auch vergrößert im Schulhaus ausgehängt. Eine Lehrerin wünscht sich überall, wo Elterngespräche stattfinden, große Poster von NEST zum Aufhängen. Und einige Lehrkräfte haben durch unsere Nachfragen selbstkritisch gemeint, in den Elternabenden für die 5. Klasse das nächste Mal noch nachdrücklicher für die ElternlotsInnen werben zu wollen. Sehr angetan war eine Lehrerin, dass die beiden Elternlotsinnen an ihrer Schule einen Elternbrief geschrieben haben – „es ist wichtig, dass die Eltern das Angebot kennen.“
7.4 Die Passung zwischen dem Bedarf der Schule und den Angeboten von NEST
Ein wichtiges Thema ist die Frage, ob die Angebote von NEST zum Unterstützungsbedarf der Schulen passen, ob sie auf mehreren Dimensionen den Erwartungen der Schule entsprechen.
Quantitative Passung „Das hat alles gut funktioniert. Es wäre manchmal schön gewesen, wenn mehr Lotsinnen da gewesen wären, aber das ist ja klar, dass das nicht immer geht und sie selbst haben ja auch Termine.“ Diese Aussage ist typisch für die Wünsche mehrerer Schulleitungen: Die Schulen wünschen sich mehr ElternlotsInnen als NEST in der Regel vorhalten und anbieten kann. Vor allem in „Stoßzeiten“ – wegen der Häufung von Lernentwicklungsgesprächen sind das die Wochen Ende Januar/Anfang Februar und
wegen vieler Elternabende Ende September/Anfang Oktober - sind die ElternlotsInnen häufig überlastet. Gerade für die Elternabende werden mehrere ElternlotsInnen gebraucht, was bei Doppel- und Dreifachbuchungen zu Enttäuschungen führt. Die Schulleitungen äußern sehr deutlich ihre Wünsche nach einer Verstärkung des NEST- Teams: „Wir haben keinerlei Kritik, wir wissen, dass die Elternlotsinnen nur begrenzt Zeit haben und wenn ich sie brauche, dann richte ich mich mit meinen Terminen oft nach ihnen. Aber es wäre natürlich sehr hilfreich wenn es noch mehr Elternlotsinnen gäbe, dann wären auch die Elternlotsinnen nicht so überlastet von unseren vielen Nachfragen.“
„Es gibt keinerlei Kritikpunkte, alles läuft wunderbar. Aber ich wünsche NEST mehr MitarbeiterInnen, damit die einzelnen nicht so überlastet sind. Gerade die arabisch sprechenden sind enorm ausgebucht“.
Sprachliche Passung „Wir hätten gerne noch mehr Elternlotsinnen mit nachgefragten Sprachen, v.a. arabisch, kurdisch, russisch, serbisch, rumänisch, polnisch.“ So und ähnlich lauten die Wünsche mehrerer Schulen. Gerade durch den Zuzug von Kriegsflüchtlingen aus Syrien und dem Irak ist ein großer Bedarf an arabisch sprachigen ElternlotsInnen entstanden, der erst mit deutlicher Vorlaufzeit von NEST gedeckt werden kann. Da die Schulen bei den Eltern-Lehrer-Gesprächen oder bei den Elternabenden großen Wert auf die möglichst genaue sprachliche Übersetzung legen, nehmen sie gar keinen Kontakt zu ElternlotsInnen auf, wenn diese nicht die fragliche Sprache beherrschen. Die ElternlotsInnen sind zu dieser Frage gespalten: Die Feststellung „Die Sprache ist entscheidend“ findet man in ihren Antworten genauso oft wie „es geht auch ohne dieselbe Sprache“. Für die Schulen ist dieser Punkt viel entscheidender als für die ElternlotsInnen selbst – nicht die Sprache, sondern die Migrationserfahrung verbindet, macht den Unterschied zu multilingualen Lehrkräften (mit Reiseerfahrung) aus. Hier könnte NEST in den Schulen Aufklärungsarbeit leisten, damit nicht die Sprachbeherrschung zum einzig dominierenden Erfolgsmerkmal wird. Fraglich ist an manchen Schulen die Fortdauer des alten Programms der “Bildungsassistentin“, das nach der Einreisewelle der sog. Spätaussiedler auch an einigen Nürnberger Schulen installiert wurde: Häufig wurden aus dem Ostblock übersiedelte Frauen, die in Deutschland nicht in ihrem Beruf als Lehrerinnen übernommen wurden, als „Bildungsassistentinnen“ Schulen mit einem hohen Anteil von Kindern aus diesen Ländern zugeteilt und später in das Programm NEST übernommen. Die Zusammensetzung der Schülerschaft in den Schulen hat sich seitdem drastisch verändert – möglicherweise können „Umsetzungen“, Korrekturen der Zuordnung die Passungsprobleme auf beiden Seiten lösen.
Zeitliche Passung In einigen Fällen wächst die Schwierigkeit, Lotsinnen in der notwendigen Sprache zu bekommen, sich zu zeitlichen Problemen aus: „Es ist ein langer Prozess, von der Beschaffung der Telefonnummer einer Lotsin bis hin zur Abstimmung eines Termins mit den Eltern.“ „Das mit den Terminen ist etwas schwierig, da viele Beteiligte zusammengebracht werden müssen, besonders bei kurzfristigen Dingen. Wenn die Eltern anrufen und das klappt beim ersten Mal nicht, dann rufen sie meistens nicht mehr an.“ Ein Schulleiter schlägt vor, eine Höchstdauer von einer Woche zwischen Nachfrage und dem realisierten Termin in der Schule als Richtschnur zu nehmen, damit nicht Lehrer enttäuscht und Eltern entmutigt werden. Es ist auch hier wieder gut, mehrere Seiten zu hören. So macht eine Lehrerin die Terminprobleme nicht an den ElternlotsInnen fest, sondern an der nichtkontrollierbaren Struktur mancher Termine: „Das ist sicherlich für die Elternlotsin schwer, weil wir Lehrer nicht unsere Termine, wo wir sie brauchen, koordinieren und sie dann öfter kommen muss. Dass sie das macht ist großartig.“ Und eine Elternlotsin bittet: „Ich wünsche mir auch nicht so viel Druck von den Lehrkräften. Das bedeutet nicht so kurzfristig anrufen für ein Gespräch oder einen Elternabend, das heißt Verständnis für mich zu haben.“ Die Wunschliste der ElternlotsInnen ist hier beträchtlich: „Alle Schulen müssten uns früher über Termine und Veranstaltungen informieren, damit ich gut planen kann.“ „Bessere mail-Infos über Termine“, „mehr Pünktlichkeit und mehr Zeit“ usw.
Wünsche nach zusätzlichen Leistungen
Sowohl von den Schulen wie von den ElternlosInnen wurden vereinzelt Wünsche nach einer Verbreiterung ihrer Aufgaben geäußert. So gibt es immer wieder Wünsche, dass die ElternlotsInnen auch Mitteilungen der Schule an die Eltern in die Heimatsprache übersetzen könnten: „Wir machen die Erfahrung, dass die Eltern mit den Essensbestellungen (Ganztagsklasse!) oft nicht zurechtkommen. Da wäre es gut, wir hätten diese Zettel in vielen Sprachen, dann würden viele Kinder nicht ohne Essen dastehen.“ NEST achtet auf die Abgrenzung zu reinen Übersetzerarbeiten, aber für kurze, wichtige Mitteilungen, die vielfach ausgeteilt werden müssen, wäre eine Unterstützung wohl möglich, dafür müssten Kriterien gefunden werden.
Weitergehend sind Vorschläge von Lehrkräften, ElternlotsInnen könnten auch Kinder coachen, denken an eine Art Eltern-/SchülerlotsIn. Und tatsächlich kommen auch von einigen ElternlotsInnen nahezu parallele Überlegungen: „Ich wäre bereit mehr Zeit in die Schularbeit zu investieren, gerne in die Beratung und/oder Betreuung von
„Problemkindern“, quasi ähnlich wie ein Sozialarbeiter und Streetworker“. Auch mehr Themen für die Elterncafés anzubieten, würde einigen ElternlotsInnen Spaß machen.
7.5 Bindung der ElternlotsInnen an die Schule
Feste Zuordnung oder Sprachenpool („Springer“) Der konzeptionelle und organisatorische „Normalfall“ bei NEST ist die klare Zuordnung von eins bis drei ElternlotsInnen zu einer bestimmten Schule. Die Auswahl der ElternlotsInnen orientiert sich vor allem am Bedarf der Sprachen, die am häufigsten unter den SchülerInnen und deren Eltern vertreten sind. Ein weiteres Merkmal ist die Wohnortnähe, damit kurze Wege und Vertrautheit mit dem Stadtteil die Arbeit von NEST erleichtern. Die klare Zuordnung hat für beide Seiten den Vorteil, dass Schulleitung, Lehrkräfte, Eltern, Kinder und die ElternlotsInnen sich allmählich kennenlernen können, sich Vertrautheit entwickelt und die ElternlotsInnen an ihren Schulen feste AnsprechpartnerInnen haben, die ihren Einsatz organisieren. Wenn eine andere Sprache für ein Elterngespräch gebraucht wird, kann die Schul-ElternlotsIn eine passende Kollegin von NEST mitbringen. Diese Regelungen kommen den Schulen sehr entgegen. Je nach persönlichem Zeitbudget können ElternlotsInnen mehreren Schulen (z.Zt. bis zu drei) gleichzeitig zugeordnet sein.
Die strukturelle Alternative ist das Angebot des Sprachenpools, über das NEST mit seinen verschiedenen ElternlotsInnen verfügt. Eine Partnerschule von NEST hat sich für dieses Muster entschieden, weil sehr viele Sprachen an der Schule relativ gleichmäßig vertreten sind. Die Schulleitung ist sehr zufrieden mit der Möglichkeit, immer sprachlich passende ElternlotsInnen zur Verfügung zu haben, sorgt auch dafür, dass er die jeweilige ElternlotsIn immer selbst begrüßen kann und bemüht sich besonders um Gastfreundschaft. Im Interview hat sich herausgestellt, dass die Schule interne Listen führt, welche ElternlotsIn bei welchem Bedarf als erste angesprochen wird – es gibt Tendenzen der Bindung trotz „freier Auswahl“. Die meisten ElternlotsInnen favorisieren das Modell der festen Zuordnung, einige können aber auch dem gelegentlichen Wechsel ihres Einsatzes an einer anderen Schule gute Seiten abgewinnen, es erhöht ihre Flexibilität und ist beim Bedarf mancher Familien nach Einzelgesprächen gar nicht anders realisierbar. Übereinstimmend kritisch beurteilen die ElternlotsInnen jedoch die vereinzelten Einsätze an Schulen, die keine Partnerschaftsvereinbarung mit NEST getroffen haben. Dort fühlen sie sich oft nicht ernst genommen und erfahren wenig Unterstützung
seitens der Schule. Kritisiert wird, wenn die ElternlotsIn als „Springerin“ und die Lehrkraft sich vor einem Lehrer-Elterngespräch nicht einmal kennenlernen können.
Die Integration der ElternlotsInnen Entscheidend für den Erfolg der Kooperation zwischen NEST und den Schulen ist die Frage, ob die ElternlotsInnen ausreichend in die Schule integriert werden, obwohl sie ja nicht angestellt sind, sondern ehrenamtlich arbeiten. Wichtig ist zum Beispiel, wie gut die ElternlotsInnen informiert und in Schulaktivitäten eingebunden werden. Darin unterscheiden sich die Schulen: Die meisten informieren die ElternlotsInnen zeitnah über Termine, stellen sie regelmäßig in Lehrerkonferenzen und an Elternabenden vor, in einigen Schulen sind die ElternlotsInnen regelmäßig bei allen Planungstreffen dabei, die Kommunikation klappt über emails, sms oder What`s app unkompliziert und sehr gut. Viele ElternlotsInnen heben auch die gute Kooperation bei der Vorbereitung und Durchführung der Elterncafés hervor: „Es wird ein Raum für das Elterncafé zur Verfügung gestellt, sie machen die Einladung für das Elterncafé oder kopieren und verteilen die Einladung die wir machen.“ „Die Sozialpädagogin besorgt Schokolade, Kaffee, Kekse“ „Getränke stehen bereit, sie machen die Vorbereitung mit!“ Die praktische Unterstützung mit einem Raum und einem PC für die ElternlotsIn wird lobend genannt. Aber „Bei manch anderen habe ich gar keine Unterstützung: man wird nicht einmal gefragt, ob man was braucht und wie es läuft.“
Etliche RektorInnen mit vielen Flüchtlingskindern in der Schule wünschen sich mehr Präsenz von NEST: „Wenn man die Lotsinnen mehr an die Schule anbinden könnte, wie zum Beispiel die JaS, dann wäre das auch bei den Kolleginnen präsenter. Man hätte eine Person vor Ort, ein Gesicht, einen Namen und so könnte eine Bindung entstehen. Es ist eine tolle Ressource, aber es fällt einem erst oft nach dem Gespräch ein. Wenn die Lotsin z.B. einmal die Woche fest da wäre, dann kommt man da eher drauf und die Eltern könnten das auch nutzen.“
Ein Rektor wünscht sich, jede Woche „seine“ Elternlotsin an zwei Vormittagen fest an der Schule zu haben für die verschiedenen Einsätze und Beratungen.
Ein Problem: Die Fluktuation der LotsInnen Für die Schulen ist die Fluktuation der ElternlotsInnen ein Problem, sie wünschen sich, dass die selben ElternlotsInnen über Jahre an der Schule bleiben. Lehrkräfte haben vor allem im Hinblick auf das Elterncafé den Wechsel von ElternlotsInnen als ungünstig erlebt: „Was bisschen schade war, war der Wechsel den es da gegeben hat. Vor zwei Jahren
hatten wir regelmäßig stattfindende Elterncafés. Da war es klar, es gibt ein türkisches und ein russisches Elterncafé, es hat regelmäßig stattgefunden und war klar. Dann seit letztem Jahr gab es einen Versuch das wieder ins Leben zu rufen, aber das war dann für alle und ich muss sagen etwas unorganisiert, ist dann leider etwas eingeschlafen. Das parallele zum Elternabend läuft aber gut.“
NEST hat auf diese Fluktuation keinen Einfluss: Es ist verständlich, dass die Frauen sich einmal für einen anderen Lebensweg entscheiden, mehr im Beruf arbeiten wollen oder ein Studium beginnen. Die Qualifizierung und Tätigkeit als ElternlotsIn ist für einige ein Sprungbrett zu einem beruflichen und sozialen Aufstieg – und das ist bewusst gewollt und akzeptiert. Um die Fluktuation zu verringern müssten für die ElternlotsInnen vor allem die finanziellen Bedingungen bei NEST verbessert werden.
7.6 Die Erwartungen an die ElternlotsInnen aus Sicht der Lehrkräfte
Die Aufgaben für die ElternlotsInnen scheinen schon in dem gewählten Wort für ihre Tätigkeit zu liegen: Eltern – in diesem Fall mit Migrationserfahrung – durch das deutsche Schulsystem und die Schulen ihrer Kinder zu „lotsen“, d.h. dabei zu beraten, zu unterstützen und zu begleiten, weil es für sie allein möglicherweise zu schwierig sein könnte. Nun bestimmt aber sehr stark der Tätigkeitsort einer konkreten Schule mit seinem Personal, Schulleitung, Lehrkräften, SozialarbeiterInnen, welche Rolle die LotsInnen im Schulalltag ausfüllen sollen und können. Wir haben deshalb in den Telefoninterviews Lehrerinnen, die eine längere Erfahrung mit NEST haben, ausführlicher danach befragt, wie sie die ElternlotsInnen wahrnehmen und was es für eine gute Kooperation braucht.
ElternlotsInnen sind Türöffner für die Lehrkräfte
Die ElternlotsInnen helfen entscheidend mit, dass den Eltern die Angst vor der Institution Schule genommen wird und sie dann direkten Kontakt mit den LehrerInnen aufnehmen können. „Ich verstehe die Lotsen als eine Art Zwischenmittler und habe mit der Kooperation sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich hatte Eltern, die sich danach auch alleine getraut haben Kontakt aufzunehmen.“ „Klar! Viele Sachen können durch die Lotsen gut transportiert werden, vor allem wenn es richtig übersetzt wird. Die Eltern haben oft Angst – jetzt geh ich da hin und verstehe wieder nichts, oder es kommt zu Missverständnissen. Ich habe eine bulgarische Mutter gehabt, sie war nur ein Mal mit der Lotsin zusammen. Danach konnte sie noch genauso schlecht Deutsch, aber sie kam zu mir, alleine.“
Die ElternlotsInnen sind sprachliche und kulturelle ÜbersetzerInnen
Hier wird die oft genannte „Brückenfunktion“ der ElternlotsInnen deutlich: Aus ihrer eigenen Migrationsgeschichte und ihrem kulturellen Wissen heraus können sie gegenseitige Erwartungen, Hoffnungen und Ängste zwischen den Migranteneltern und
den Lehrkräften an einer deutschen Schule übersetzen, verständlich machen und damit überbrücken. Für die Lehrerseite heißt das neue Perspektiven in die Deutungen des Verhaltens der Kinder und Eltern einzubringen:
Der Kontakt ist generell eine Bereicherung, für jeden Lehrer persönlich. Dann ist es wichtig, eine andere Perspektive auf die Verhaltensweisen von Schülern und Eltern zu bekommen. Dass der Einstellung der (deutschen) Lehrer, „Die Eltern kümmern sich nicht“ die neue Deutung der Elternlotsinnen gegenübersteht, die Eltern haben Angst vor den Lehrern, sind befangen…“
„Ja, weil die Lotsen andere Perspektiven mitbringen, zum Beispiel durch eigene Erfahrungen in einem anderen Schulsystem oder durch die Erfahrungen mit ihren eigenen Kindern in deutschen Schulen.“
„Gerade mit den vorhin genannten Unterschieden der arabischen Kultur. Für mich ist die Aufklärung darüber wichtig, warum das so ist und was es bedeutet. Ich benötige die kulturelle Information, um die Situation nicht falsch zu bewerten. Wie beispielsweise mit dem Interesse an der Schule. Das ist keineswegs Desinteresse am Kind, die meisten Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Aber man kennt es mit der Schule eben nicht so, sie hat keinen so hohen Stellenwert wie bei uns.“
LotsInnen können wie ein Coach für die Familie agieren
Im Unterschied zu ihrer eigenen, durch den Beruf eng definierten Lehrerrolle, können ElternlotsInnen als positives Modell für Integration näher an die Familie rücken, „einen Zugang finden zu den Familien, Konsequenz im Verhalten, dran bleiben an einer Familie und Kontinuität, damit man langfristig etwas verändern kann und nicht nur kleine punktuelle Erfolge hat.“
„Ich würde mir manchmal wünschen, dass Elternlotsen auch als Coach agieren könnten. Autisten haben ja Schulbegleiter, aber manch andere brauchen das auch. Da fände ich es wichtiger mal einen einzelnen Schüler zu unterstützen, statt auf einem Elternabend dabei zu sein.“
„Zum anderen merke ich, dass sich die Elternarbeit schwierig gestaltet, weshalb die Stärkung der Kinder für mich große Bedeutung hat. Hier wäre fast schon eine Art Eltern-/Schüler-Lotsen notwendig.“
Und LotsInnen sind einfach eine Entlastung für die Lehrkräfte
„Außerdem ist es eine Entlastung und Beruhigung, wenn ich die Elternlotsin bitten kann, bei der Familie mal kurz anzurufen und schnell das und das auszurichten, zu organisieren.“
Die schnelle Verständigung in der vertrauten Sprache, wie sie die LotsInnen bieten, erleichtert die Kommunikation zwischen Migranteneltern und Schule erheblich. Die Lehrkräfte schätzen diese sprachliche Unterstützung durch NEST sehr.
7.7 Die Voraussetzungen für eine gelungene Kooperation
Wir haben die Lehrkräfte auch gefragt: Was sind nach Ihrer Erfahrung Voraussetzungen für eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und ElternlotsInnen?
Zeit – von beiden Seiten
„Es sind Vor- und Nachgespräche notwendig um sich klar auszutauschen was kommuniziert werden soll und wie es gelaufen ist, was dabei rauskam. Dafür muss man Zeit investieren, was natürlich auch schwierig ist, weil die Lotsinnen ja auch eingespannt sind. Und zum anderen muss man auch sagen, dass es toll ist, dass es die Lotsinnen gibt. Oft geht das irgendwie unter, aber das ist wichtig!“
„Sich treffen und Zeit haben. Es ist unter dem Aspekt, dass die Lotsen das in ihrer Freizeit machen und ja selbst Familie und Termine haben natürlich schwierig. Wie lange und wie viel kann ich jemanden beanspruchen? Aber der Austausch, sich kennen und vertrauen ist sehr wichtig. Das Auftreten bei den Eltern ist gleich ein anderes.“
„Eine gute Ebene durch viel Kontakt und auch mal informellen Austausch. Dass zeitnahe Terminabsprachen möglich sind und die Termine dann auch eingehalten werden. Es ist toll, wenn ganz unkompliziert die Elternlotsin ihre Zeit zur Verfügung stellt und sagt, dass sie dann eben morgen dazu kommt.“
„Die Spontanität. Das ist nicht voraussetzbar, oft finden Gespräche ja auch zwischen Tür und Angel statt. Ansonsten wüsste ich jetzt nichts, es ist alles erfüllt. Ich bin sehr zufrieden und wenn mal etwas war dann hat sich die ElternlotsIn schnell darum gekümmert.“
„Die Ansprechbarkeit auf beiden Seiten, dass man immer wieder einen gemeinsamen Punkt findet. Für mich ist es ganz wichtig, dass ich den Elternlotsen in seinem Zimmer weiß zu bestimmten Zeiten und ihn dann ansprechen kann, dass er mir erzählt worum es gerade in einem Elterngespräch ging etc.“
„dass sie Zeit mitbringt, dass sie offen für Themen über den Termin hinaus ist.“
Die positive Gesprächskultur der ElternlotsInnen
„Ich bin oft beeindruckt von der Gesprächskultur. Wir wissen zwar bereits viel über die interkulturellen Kompetenzen und üben ja auch viel, aber ich bin trotzdem immer wieder erstaunt darüber, wie anders und freundlich man Dinge sagen kann, die wir so nie formuliert hätten. Und das kommt dann auch an.“
„Ich finde zum Beispiel auch die Kommunikationsweise bemerkenswert. Ich habe schon oft erlebt, dass Fehler zugeben in anderen Kulturen gar nicht geht. Man muss eigentlich erst in die
Familie rein und eine persönliche Ebene aufbauen, bevor man für uns eher oberflächlich das Problem bespricht. Ohne eine persönliche Ebene gibt es kein Vertrauen.“
„Ich denke wir können zum Teil nur erahnen welche Kompetenzen in den Lotsinnen stecken, das so zu meistern. Ich finde es toll wie sie sich zum Beispiel in Geduld üben können.“
Die korrekte Übersetzung
„Wenn es um schwierige Themen geht, dass es Kind auf die Förderschule kommen soll zu Beispiel. Da reagieren viele allergisch und es ist wichtig keine Missverständnisse in dieser Thematik entstehen zu lassen. Bei einem Übersetzer, z.B. auch oft einem Familienmitglied kann es passieren, dass eigene Emotionen transportiert werden oder zusätzlich Halbwissen weitergegeben wird. Es ist kein Problem, wenn sich die Eltern dann im Anschluss noch mit der Lotsin austauschen wollen, aber die Botschaft sollte im Wechsel – Aussage, Übersetzung – stattfinden.“
„Es ist wichtig freundlich zu bleiben und richtig zu übersetzen, also inhaltlich so wie man das sagt. Wir haben manchmal Familien die ihren eigenen Dolmetscher mitbringen, der zum Beispiel ein Verwandter ist. Da merkt man oft, dass die Übersetzung viel länger dauert und die Mimik stark mitspielt. Ich vermute, dass durch die emotionale Bindung noch andere Sachen mitübersetzt werden oder Interpretationen reinspielen. Das kann die eigentliche Aussage verfälschen und wieder zu Missverständnissen führen. Deswegen ist es wichtig, dass richtig übersetzt wird. Aber natürlich soll auch die eigene Kultur und Gesprächsweise der Lotsin einbezogen werden.“
„Vorher klären worum es in dem Gespräch geht, zumindest grob die Problematik besprechen und was das Ziel sein soll, durch ein Telefonat, oder die Lotsin kommt früher. Man braucht die Zeit, um sich abzustimmen.“
In Schulberatung kompetent sein
„Zweitens sollten die Lotsen gut über das Schulsystem informiert sein, was aber auch schwierig ist, weil es so umfangreich ist. Sie müssen sich mit der Schulberatung auskennen, das ist aber sehr umfangreich und somit schwierig. Eigentlich wäre es sinnvoll sie könnten sich mit den Beratungslehrern hinsetzen und austauschen. Die Schullaufbahnberatung wird zunehmend zu einem Schwerpunkt bei uns an der Schule.“
„Sonst finde ich alles perfekt! Der IPSN ist was Schulpolitik angeht ein Vorreiter und es ist toll wie die Lotsen geschult werden. Allgemein muss man die Arbeit der Lotsen hoch anrechnen, sie haben es als Außenstehende in die Schule geschafft! Das ist wirklich nicht einfach.
7.8 Die Anerkennung der Leistungen der ElternlotsInnen
Eine Rektorin im Interview: Die Lotsinnen machen eine sehr wertvolle Arbeit, sind engagiert und haben oft einen vollen Terminkalender. Diese Arbeit soll entlohnt werden! In der Schule ist kein Topf vorhanden, um dies richtig zu honorieren, außer Frühstück, Kaffee etc. Lehrer zahlen kleine Geschenke aus eigener Tasche. Ich hoffe nur, dass die Lotsinnen von NEST entsprechend entlohnt werden…
Die ElternlotsInnen erbringen ihre Unterstützungs- und Beratungsleistungen in den
Schulen als ehrenamtliche, d.h. freiwillige, unbezahlte Tätigkeit. Als Aufwandsentschädigung bzw. als Anerkennung erhalten sie ein „Taschengeld“ von 10 € für jede (ganze) in der Schule als ElternlotsIn verbrachte Stunde. Was bedeutet dies für NEST als Trägerorganisation?
- Fluktuation ist unabwendbar, weil die Ehrenamtlichen jederzeit ihre
Tätigkeit beenden können, z.B. wenn sie eine bezahlte Berufstätigkeit annehmen können und wollen. Dieser Effekt wird von den Schulen beklagt.
- Die Tätigkeit als ehrenamtliche Lotsin kann jederzeit spontan und ohne
Begründung beendet werden, weil keine Kündigungsfrist oder Übergangsfrist notwendig ist.
- Die ehrenamtlichen LotsInnen können nur „angefragt“ oder gebeten
werden, eine bestimmte Aufgabe zu einem bestimmten Termin zu übernehmen - eine Verpflichtung dafür besteht nicht. Die zeitlichen Wünsche einer ehrenamtlich Tätigen spielen eine entscheidende Rolle.
- Ein hoher Grad an Fluktuation ist unvermeidlich, die Entscheidung für eine
bezahlte Tätigkeit oder für mehr Familienzeit oder Freizeit ist unangreifbar.
- Bei einer langen und aufwendigen Ausbildung und Qualifizierung wie für die
Tätigkeit der ElternlotsIn ist es für die Trägerorganisation unsicher, ob die Ausbildungskosten sich jemals als längere Tätigkeit für NEST „amortisieren“.
- Eine ehrenamtliche Tätigkeit in größerem Umfang muss man sich finanziell
leisten können, es müssen andere Quellen für Einkommen und soziale Absicherung gesucht werden oder vorhanden sein, es ist in der Mehrzahl ein Job für Familienfrauen, RentnerInnen oder Minijobberinnen.
- Es ist sehr schwer, Männer im erwerbsfähigen Alter für diese aufwendige,
unbezahlte Tätigkeit gewinnen zu können – zumal die Anfragen nach „Einsätzen“ schwer kalkulierbar sind. Dies widerspricht dem Wunsch vieler Schulleitungen, für die Elternarbeit auch männliche Elternlotsen einsetzen zu können – speziell als Unterstützer der Väter.
Was bedeutet Ehrenamtlichkeit für die ElternlotsInnen?
Widerspruch zwischen hoher Qualifikation und der Abwertung von „Ehrenamtlichkeit“ als „unprofessionelle“ Tätigkeit
Die ElternlotsInnen bewerten ihre Ausbildung für diese Tätigkeit als sehr gut und anspruchsvoll. „Wir sind ausreichend ausgebildet und gut vorbereitet. IPSN gibt uns immer gute Unterstützung durch Seminare, Fortbildungen, Gespräche und Besprechungen.“ Diese durchgängig sehr gute Bewertung der Qualifikation, der
Ausbildung und der weiteren Fürsorge durch IPSN, teilen die Schulen. Allerdings gibt es auch Situationen, in denen die ElternlotsInnen eine Missachtung ihrer Rolle deutlich spüren: „Eine Lehrerin klärt den Rektor darüber auf, dass eine Lotsin bei dem Elterngespräch anwesend sein wird. Auf seine Frage, welche Gegenleistung von der Schule zu erbringen ist, bzw. ob der Einsatz bezahlt werden soll, antwortet diese: „Ne, die kriegen `nen Zehner.“
Solche entwürdigenden Situationen erleben die ElternlotsInnen vor allem in Schulen, die keinen Partnerschaftsvertrag mit NEST haben. Insgesamt wünscht sich jede Dritte der befragten ElternlotsInnen von den Schulen mehr Vertrauen in ihre Fachlichkeit:
„Dass ein Elterncafé auch dann stattfindet, wenn die Schulsozialarbeiterin krank ist. Man müsste Vertrauen zu uns haben, den Schlüssel geben und glauben, dass wir das Elterncafé auch alleine schaffen.“ „dass die Schulen uns als Kooperationspartner und Fachkraft sehen, nicht als Dolmetscher.“ „Elternlotsinnen müssen als Fachfrauen mit Ausbildung anerkannt, mit Respekt und Anerkennung behandelt werden“.
Anerkennungen für die Arbeit und Person der ElternlotsIn
Bei fehlender monetärer Bezahlung ist die Anerkennung der Arbeit für die ElternlotsInnen enorm wichtig – auf allen Ebenen. Vielen RektorInnen ist bewusst, dass ihr Kontakt zur Elternlotsin immer eine besondere Anerkennung bedeutet. Sie berichten davon, dass sie Kontakt halten und sich regelmäßig erkundigen, wie es den Elternlotsinnen an der Schule geht, ihnen vermitteln, dass sie willkommen sind und eine wichtige Tätigkeit ausüben. Ein Rektor schlägt vor, dass NEST auch einmal eine Veranstaltung macht, in der nicht nur die Rektoren anwesend sind, sondern auch die ElternlotsInnen und diese dann den SchulleiterInnen sagen, was sie brauchen, wo sie unzufrieden mit der Schule sind und gerne etwas anders hätten. Die ElternlotsInnen äußern sich sehr positiv über ihre Beziehung zu den LehrerInnen. Sie fühlen Freundlichkeit und Dankbarkeit: Ein Lächeln, ein „Danke für Ihre Zeit“, das dankbare Annehmen einer Hilfestellung seitens der ElternlotsIn, manchmal kleine Geschenke, eine Tasse Kaffee oder positive Reaktionen in einer schwierigen Situation: „Ich wurde einmal von Lehrern in Schutz genommen, die Eltern mussten den Raum verlassen“ und „Verbesserungsvorschläge von unserer Seite werden angenommen“. Andererseits empfinden die ElternlotsInnen die hohen quantitativen Erwartungen der Lehrkräfte an sie manchmal auch als Überforderung: „Ich möchte mich nicht ausgenutzt fühlen, weil ich zu viel auf einmal machen soll, etwas übersetzen soll, etwas mitbringen soll usw., bitte eins nach dem anderen!“ „Die Lehrkräfte sollen nicht denken, dass wir Roboter sind oder bezahlte Anwälte, Vermittler, wir sind eine Brücke zwischen Lehrkräften und Eltern.“ „Ich wünsche mir auch nicht so viel Druck von den
Lehrkräften. Das bedeutet nicht so kurzfristig anrufen für ein Gespräch oder einen Elternabend.“
Einige ElternlotsInnen erhoffen sich eine Anerkennung ihrer Arbeit durch strukturelle Veränderungen ihrer Position an der Schule, durch einen eigenen Raum/bzw. Arbeitsplatz mit Sprechstunde, oder von mehr Lehrkräften einbezogen zu werden, insgesamt mehr Kontakt zu den LehrerInnen zu haben, eine intensivere Beziehung zum Elternbeirat aufbauen zu können, der Aktivitäten wie Bastelabende, Basare, Sommerfeste usw. organisiert. Und sie möchten, dass die LehrerInnen sie einmal um ihre Meinung fragen, wenn es zum Beispiel um die Förderung eines Kindes oder die Frage einer weiterführenden Schule geht. Eine ElternlotsIn möchte NEST als festen Bestandteil des Schulkonzepts verankert wissen; sie versteht darunter, dass NEST nicht nur bei Problemen, „wenn es brennt“, eingeschaltet wird, sondern beispielsweise über regelmäßige Sprechstunden und Anwesenheiten an der Schule im normalen Schulalltag Einfluss nehmen können. Der Konrektor des Förderzentrums lädt zum Beispiel ElternlotsInnen ein, dass sie am Unterricht im Förderzentrum hospitieren, den Unterricht kennenlernen und damit die Eltern besser beraten können. Gleichzeitig soll dies auch die Wertschätzung der Arbeit der ElternlotsInnen ausdrücken.
Ehrenamtlichkeit muss sich aus dem Sinn der Arbeit und dem persönlichen Gewinn begründen
Eine ehrenamtliche Tätigkeit muss an sich gewinnbringend sein, Spaß machen, Bedürfnisse befriedigen. Wir haben dazu in der Gruppenbefragung die ElternlotsInnen gefragt: Was motiviert Sie momentan bei NEST weiterzuarbeiten? Die Antworten belegen, dass sowohl die Arbeitstätigkeiten als auch die Organisation NEST für die ElternlotsInnen viele Befriedigungen vermittelt. Häufig wird genannt, dass die Hilfe für Familien, für Eltern und Kinder, viel Zufriedenheit vermittelt und dass bei ihrer Arbeit unmittelbare Erfolge sichtbar werden: Die Arbeit macht Sinn. Einige ElternlotsInnen heben hervor, dass gerade die Situation, als Migrantin anderen Migrantenfamilien helfen zu können, viel Freude vermittelt:
„Den Familien aus meinem Heimatland bei sprachlichen und schulischen Problemen behilflich zu sein – es macht auch selbst glücklich, jemanden geholfen zu haben.“ „Weil ich eine Ausländerin bin: Ich habe einen Migrationshintergrund und will allen Leuten mit Migrationshintergrund helfen.“ „Ich will anderen Migranten helfen und die Freundlichkeit der Menschen ist eine schöne Anerkennung meiner Arbeit“. „Was mich auch am Anfang motiviert hat, Migranteneltern zu unterstützen um das deutsche Schulsystem zu verstehen. Damit sie ihre Kinder unterstützen können und die Kinder Erfolg haben.“
„Dass anderen so geholfen wird wie ich es selbst leider nicht erlebt habe.“
Gerade der letzte Satz lässt ahnen, wie stark die Motivation der ElternlotsInnen ist, wenn sie nicht nur die schwierigen Stationen der eigenen Migrationsgeschichte weitgehend alleine, ohne große Unterstützung bewältigt haben, und diese Erfahrungen jetzt anderen Familien, zumal Familien aus dem Heimatland, zu Gute kommen. Für andere ElternlotsInnen ist die Schule ein attraktiver Handlungsort: Das durch die Ausbildung und die langjährige Tätigkeit erworbene Wissen und die immer deutlicher werdenden eigenen Kompetenzen an diesem Handlungsort vermitteln viel Befriedigung. Eine nicht zu unterschätzende Quelle für Sinn und Zufriedenheit ist das gute Arbeitsklima bei NEST. Die Koordinatorin wird sehr gelobt, die Teamarbeit, der Austausch zwischen Frauen mit anderen Migrationsgeschichten machen den meisten Freude, manchmal sind aus Kolleginnen bei NEST Freundinnen geworden.
Die Abhängigkeit des persönlichen Einsatzes von veränderten Bedingungen bei NEST
In den Befragungen der ElternlotsInnen fiel uns auf, wie überraschend viele von ihnen bereit wären, mehr Zeit für NEST aufzuwenden. Wir haben insgesamt 30 Antworten bekommen zu der Frage, ob die ElternlotsInnen sich vorstellen könnten weiter bei NEST zu arbeiten und sogar mehr Zeit als jetzt dafür aufzuwenden. Knapp die meisten Antworten (9) sagten ja, sie würden gerne bleiben und noch mehr Stunden investieren, wenn die finanzielle Bezahlung sich verbessern würde. Acht Antworten klangen nach einem bedingungslosen „ja“: sie würden einfach gerne bei NEST bleiben und bei entsprechender Nachfrage auch noch mehr Zeit aufwenden. Fünf Ja-Antworten wurden unter dem Vorbehalt gegeben, dass die von den Schulen angefragten Termine gut zur eigenen Zeit passen würden – vormittags scheint das bevorzugte Zeitfenster zu sein. Vier ElternlotsInnen haben spezielle inhaltliche Wünsche, welche Tätigkeiten sie gerne ausweiten würden (z.B. Elterncafé) oder neu aufbauen würden (intensivere Arbeit mit den Familien oder einzelnen Kindern). Drei Frauen waren noch unsicher in ihrer Entscheidung, nur eine einzige Antwort lautete „nein, ich bin beruflich zu stark eingespannt.“ Die aktuell aktiven ElternlotsInnen zeigen also eine hohe Einsatzbereitschaft für NEST, allerdings keine bedingungslose. Einige Frauen müssen für ihre aktuelle und spätere finanzielle und soziale Sicherheit sorgen:
„Ich wäre bereit mehr bei NEST zu machen, wenn ich mehr Geld bekommen würde. Ich brauche finanzielle Sicherheit.“
„Ich möchte mehr Zeit für NEST mitbringen für Einzelgespräche, Elternabende, Elterncafé usw., Nachhilfe. Aber die Fahrkarten müssen übernommen werden und mehr Einsätze.“ „Wenn auch die Anfahrtszeiten als Stunden angerechnet werden könnten und die Mobicard umsonst.“ „Ich werde mit NEST weitermachen, wenn ich mehr Geld bekomme oder fest angestellt wäre, ich brauche zumindest eine Sicherung und Sicherheit zu leben und zu überleben.“ „Falls ich bessere Angebote bekommen sollte in Richtung Migranten- und Kinderarbeit bin ich nicht mehr bei NEST. Ich denke wir werden manchmal ausgenutzt, nicht einmal „Fahrgeld“ wird bezahlt.“
Das Missverhältnis zwischen Zeitaufwand und finanzieller Entschädigung wird an einem Beispiel deutlich: Eine Elternlotsin erzählte:
„Wenn ich zu einer weit entlegenen Schule fahren muss, bin ich hin und zurück zwei Stunden unterwegs. Das Eltern-Lehrer-Gespräch, das ich begleite, dauert mit Nachbereitung genau eine halbe Stunde, so dass ich dafür 5 € bekomme. Das deckt nicht einmal die Fahrtkosten.“
In den RektorInnen-Interviews hatte sich schon einer der „betroffenen“ Schulleiter dazu geäußert. Seine Schule liegt am Stadtrand und alle, Lehrkräfte und SchülerInnen, haben lange Anfahrtswege. Gleichzeitig hat diese Schule eine hohe Zahl an Flüchtlingskindern aufgenommen, mit dem Nachteil, dass für sie auch noch eine mögliche Stadtteilanbindung über die Schule entfällt. Der Rektor sagte, dass er ein richtig schlechtes Gewissen hat, wenn er die ElternlotsInnen für einzelne Termine immer mit den langen Anfahrtszeiten belastet, dabei bräuchte er sie so dringend! Die Antworten in den Interviews signalisieren für NEST einen großen Handlungsbedarf, was das „Taschengeld“ für die ElternlotsInnen und die bisher praktizierten Abrechnungsmodalitäten angeht.
8. Ergebnisse, Folgerungen, Perspektiven
8.1 Die gelungene Verankerung von NEST in der Nürnberger Schullandschaft
Dem Nürnberger Elternbüro Schulerfolg und Teilhabe (NEST) ist es in den wenigen Jahren seit seiner Gründung Ende 2009 gelungen sich nicht nur als neues Projekt zu behaupten, sondern sich in mehrfacher Weise weiterzuentwickeln und einen festen Platz in der Nürnberger Schullandschaft einzunehmen. Die Anzahl der Partnerschulen, die eine Vereinbarung mit NEST über ständige Zusammenarbeit geschlossen haben, ist in 6 Jahren von anfangs 11 auf 26 Schulen angewachsen, darunter 15 Grundschulen, 5 Mittelschulen, drei Realschulen, 2 Gymnasien und ein Förderzentrum. Und über diese Partnerschulen hinaus nehmen noch mehr Schulen zumindest gelegentlich die Hilfe von NEST in Anspruch. Zurzeit sind 28 ElternlotsInnen kontinuierlich bei NEST beschäftigt, ein neuer
Ausbildungskurs ist bereits abgeschlossen und in die Tätigkeit steigen langsam, nach der absolvierten Hospitation, weitere 12 Lotsinnen ein. Es liegen bereits auch Anmeldungen für einen nächsten Qualifizierungskurs vor. Die LotsInnen weisen Sprachkenntnisse in 28 Sprachen auf, wobei etliche mehrmals vertreten sind. Ab Januar 2015 erweitern im Rahmen von Xenos KOMM Projekt weitere ausgebildete LotsInnen das Angebot von NEST. Diese Gruppe von ElternlotsInnen hatte die Qualifizierung mit dem Schwerpunkt „Übergang in den Beruf“ durchlaufen und war im letzten Schuljahr sowohl an Nürnberger Schulen als auch in Vereinen im Einsatz. Und dieser neue Schwerpunkt wird von einigen SchulleiterInnen auch explizit als notwendig gewünscht. Seit Januar 2013 ist die Unterstützung von NEST ElternlotsInnen für schulische Bildung ein dauerhaftes Angebot des Instituts für Pädagogik und Schulpsychologie der Stadt Nürnberg (IPSN).
Mit der vorliegenden Evaluation wurden erstmals die Schulleitungen und einige Lehrkräfte nach ihren Erfahrungen mit NEST befragt. Allein dass schon die RektorInnen aller bis auf 3 Partnerschulen einem Interview zugestimmt hatten (die fehlenden waren entweder neu in ihrer Position oder gerade zeitlich überbelastet), ist ein erstaunliches Ergebnis.
Die Ergebnisse der Interviews weisen in allen Fragenbereichen NEST als ein hoch positiv bewertetes Unterstützungsangebot für Schulen mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund aus. Neben den Leistungen, die anfänglich vor allem nachgefragt wurden, nämlich Übersetzungs- und Vermittlungsleistungen bei Elternabenden und vor allem bei Lehrer-Eltern-Gesprächen, werden heute die ElternlotsInnen auch bei den Schulanmeldungen nachgefragt, die Zusammenarbeit mit dem Elternbeirat hat sich eingespielt und etliche Schulen haben mit der Hilfe von ElternlotsInnen ein Elterncafé an ihrer Schule eingerichtet. Die Schulen sind erfreut, dass ihnen je nach Bedarf ein bis drei ElternlotsInnen fest zugeordnet sind, so dass sich ein Vertrauensverhältnis von beiden Seiten entwickeln konnte. Die einzelnen Leistungen der ElternlotsInnen werden nahezu durchgehend als wichtig und positiv bewertet und viele Schulleitungen und LehrerInnen hätten die ElternlotsInnen gerne noch häufiger, am liebsten regelmäßig als feste AnsprechpartnerInnen an ihrer Schule. Gerade mit den hohen Zahlen von Flüchtlingskindern aus Kriegsgebieten, die in den letzten zwei Jahren nach Deutschland kamen, ist die Unterstützung durch die ElternlotsInnen nahezu unverzichtbar geworden. Eine Rektorin erzählte im Interview:
„Als ich nach Nürnberg kam und diese Schule mit den vielen Kindern aus Migrantenfamilien übernahm, sagte man mir, dass ich mir vier Buchstaben fest merken sollte, ein N, ein E, ein S
und ein T. Diese würden mir helfen. Die Ratgeber hatten Recht: NEST ist für mich ein fester Stützpfeiler unserer Arbeit geworden.“
Und andere RektorInnen haben ganz überrascht beobachtet, dass ihre Lehrkräfte Elterngespräche lieber auf einen neuen Termin verschieben bis die ElternlotsIn dabei sein kann.
8.2 Gestiegene und erweiterte Bedarfe
Der Unterstützungsbedarf der Schulen ist in den letzten zwei Jahren erheblich gestiegen, die Zuwanderung eines hohen Anteils an Flüchtlingsfamilien aus den Kriegsgebieten von Syrien, dem Irak, Libyen und Afghanistan nach Bayern hat die Situation an den Schulen erheblich verändert. An einigen Schulen wurden Übergangsklassen für die Flüchtlingskinder eingerichtet, in nahezu allen Schulen muss eine unterschiedlich hohe Anzahl von Flüchtlingskindern in die Regelklassen integriert werden. Für NEST bedeutet das einmal einen quantitativen Anstieg der Nachfrage nach Übersetzungs- und Vermittlungsleistungen, zum zweiten speziell einen hohen Bedarf an arabisch sprechenden ElternlotsInnen. Auch inhaltlich verändern sich die Bedarfe: In den Schulen finden sich von Kriegs- und Fluchterfahrungen traumatisierte Kinder, für die kompetente fachliche Hilfen in der Region erst entdeckt und eingeworben werden müssen. Die Eltern sind mit dem europäischen Schulsystem nicht vertraut und können ihre Kinder bei den schulischen Anforderungen nur schwer unterstützen, die Wohnbedingungen für die Familien sind lange Zeit sehr prekär, erschweren Konzentration und Ordnung. Die Bemühungen um einen gesicherten rechtlichen Status, die Sorge und Unsicherheit um die in der umkämpften Heimat zurückgebliebenen Verwandten und Freunde und die Orientierung im Alltag stehen für die Eltern an erster Stelle. Damit sind Überforderungen sowohl auf der Seite der Eltern wie bei den Schulen häufig, der Unterstützungsbedarf hoch. ElternlotsInnen mit arabischen Sprachkenntnissen werden von den Eltern nach den offiziell anberaumten Lehrer-Eltern-Gesprächen oder bei den Elternabenden mit vielen Fragen und Problemen angesprochen, die über Schulthemen weit hinausreichen. Auch die Bitten der Schulen um Übersetzungsleistungen der ElternlotsInnen bei den vielen, für die Eltern unverständlichen schriftlichen Mitteilungen der Lehrkräfte an die Eltern (z.B. Anmeldung zum Mittagessen der Kinder in der Schule) zählten bisher nicht zum Leistungskatalog von NEST.
Gerade der Gesprächsbedarf bei Elternabenden steigt erheblich an. In vielen Regelklassen hat sich zudem die Stimmung von Eltern mit Migrationshintergrund
verschlechtert. Zum Beispiel klagen Eltern aus osteuropäischen Ländern, dass ihre Erwartungen, ihre Kinder würden in der Schule schnell und wirksam in die deutsche Kultur und Gesellschaft integriert, enttäuscht werden, weil immer weniger deutsche Kinder sich in den Klassen befänden und immer mehr eine international gemischte Zusammensetzung der Klassengemeinschaft entsteht. Auch hier werden ElternlotsInnen mit den passenden Sprachkenntnissen mit einem neuen Problem konfrontiert.
NEST muss sich auf diese veränderten Bedarfe einstellen: Es werden mehr ElternlotsInnen mit arabischen Sprachen nachgefragt, die Themen erweitern sich, die kulturelle Vermittlung von NEST zwischen Eltern und Schule muss beiden Seiten neue Perspektiven eröffnen und Missverständnisse, z.B. zu den Erwartungen der Lehrkräfte an die Eltern in Deutschland, auflösen. NEST muss seinen Sprachenpool erweitern, für die erhofften längeren Anwesenheitszeiten an den Schulen eine organisatorische Lösung aushandeln, sich auf mehr „Springereinsätze“ einstellen und eine Regelung für kleinere schriftliche Übersetzungsarbeiten für Schulen treffen.
8.3. Die beiderseitigen Grenzen von Schulen und NEST: Ergebnisse und
Möglichkeiten
Die allermeisten Schulen, mit denen NEST kooperiert, sind Partnerschulen und haben für die Zusammenarbeit die Einhaltung von „Gelingensbedingungen“ vereinbart. Dieses Konzept der Partnerschulen hat sich in mehreren Punkten bewährt. Das Angebot von NEST gestaltet sich für die Schulen sehr niederschwellig. Sie haben viele Optionen zur Verfügung, sind aber nicht in der Pflicht Angebote zu nutzen oder sich mit NEST ständig über die Zusammenarbeit auszutauschen. Die zweimal jährlich angedachten Treffen mit den Schulen für die Planung und Auswertung der Ziele mit NEST sind lediglich eine Empfehlung. Ein Großteil der Partnerschulen nimmt seine Rolle als fester Kooperationspartner ernst und Abläufe, wie beispielsweise die rechtzeitige Informationsweitergabe, haben sich gut eingespielt.
Insgesamt überwiegt die „Bringschuld“ von NEST. Für viele Schulen bleibt NEST eine Hilfe von außen, die gelegentlich dankbar in Anspruch genommen wird. In unseren Interviews wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass bitte NEST sich immer wieder „offensiver“ in Erinnerung rufen und bestimmte vereinbarte Leistungen der Schulen „einklagen“ sollte, wie zum Beispiel am Schuljahresanfang die Vorstellung der ElternlotsInnen im Lehrerkollegium, das sich ja oft neu formiert, im Elternbeirat und
natürlich vor allem beim ersten Elternabend, um das Potential der ElternlotsInnen in Erinnerung zu rufen und zu nutzen. Die ElternlotsInnen wurden in den Interviews mit den Lehrerinnen auch aufgefordert, ein Engagement der Lehrkräfte für ein Elterncafé nachdrücklich „einzuwerben“. Nur in wenigen Schulen laufen alle diese Kooperationen wie selbstverständlich, gehören die ElternlotsInnen zur „Schulfamilie“. Im turbulenten Schuljahresbeginn kann schon einmal NEST bzw. können die ElternlotsInnen in den Hintergrund rücken. Deshalb muss im Elternbüro überlegt werden, welche „Erinnerungen“ und „Empfehlungen“ rechtzeitig vor Beginn eines neuen Schuljahres an die Partnerschulen geschickt werden sollten und wie die Schulen stärker „in die Pflicht“ genommen werden können. Die strukturellen Unterschiede zwischen der staatlich legitimierten Schule mit ihrem hoch professionalisierten Personal und gesetzlich geregelten Aufgaben, Pflichten und Rechten einerseits und NEST als freiwilliger Leistung eines städtischen Instituts, das schulartübergreifend für Qualifizierung und Beratung zuständig ist, mit ehrenamtlich tätigen LotsInnen und unverbindlichen Angeboten andererseits, sind enorm. NEST ist es bisher gelungen, sich in erstaunlich vielen Schulen schon über Jahre erfolgreich zu platzieren – aber als Gast, ohne Raum- und Sachausstattung, und immer nur dann anwesend, wenn speziell für eine bestimmte Situation von der Schule „eingeladen“. Die fehlende strukturelle Gegenleistung der Schulen wird durch freundliche und dankbare persönliche Gesten der Lehrkräfte und SchulleiterInnen gegenüber den ElternlotsInnen auszugleichen versucht.
Die gegenseitigen Grenzen werden zum Beispiel auch an der schwierigen Abstimmung von Terminen deutlich. An manchen Schulen ist die Erwartungshaltung, beispielsweise die sehr kurzfristige Anforderung von Lotsen zu einem Termin, höher, als die Bereitschaft des Entgegenkommens. ElternlotsInnen brauchen häufig einen längeren zeitlichen Vorlauf, um einen neuen Termin in ihre anderen beruflichen oder familiären Pflichten und Zeitfenster einzupassen. Das Elternbüro sollte deshalb von jeder Lotsin/jedem Lotsen eine Liste bekommen, an welchem Wochentag sie oder er auch einmal am Nachmittag für Eltern-Lehrer-Gespräche oder ähnliches bereitstehen würde. Diese Zeitfenster sollten dann auch die Partnerschulen der jeweiligen LotsInnen kennen und sich hierin in ihren Terminvorschlägen bewegen. In der Regel ist es klüger, nach einem akuten Konflikt (hier zwischen Lehrkraft und Eltern) eine gewisse Zeit zur Beruhigung beider Seiten verstreichen zu lassen, um gelassener sich um Lösungen bemühen zu können. Schnelle Reaktionen sind in den seltensten Fällen notwendig und hilfreich.
In dieser Evaluation wurden die Grenzen der Schule gegenüber NEST am deutlichsten
sichtbar an den Antworten der Lehrkräfte zur Frage nach den Funktionen und Wirkungen und einigen Kommentaren zur Übersetzungsleistung der ElternlotsInnen. Auch die Lehrkräfte, die sich begeistert über NEST äußerten, hatten „sensible“ Punkte, wo sie Ihre Deutungshoheit gegenüber den Vermittlungsleistungen der ElternlotsInnen betonen. Das beste Beispiel dafür ist der Nachdruck einiger Lehrerinnen, mit dem sie in Lehrer-Eltern-Gesprächen wörtliche Übersetzungen wünschen. ElternlotsInnen verstehen sich aber nicht als rein sprachliche ÜbersetzerInnen. Sie passen ihre Ausdrucksweise den in der Situation angebrachten und kulturell bedingten Gegebenheiten an. Zum anderen sehen es viele Lotsen als ihre Aufgabe an, das bestmögliche Ergebnis für das Kind zu erzielen. Durch ihre zahlreichen Einsätze in interkulturellen Fragen oder die eigene Rolle als Mutter oder Vater haben LotsInnen oft verschiedene Lösungswege kennengelernt und können dadurch bei den beschriebenen Problemen von Kindern Hilfestellung und Orientierung geben. Diese Unterstützung gestaltet sich beim Thema des geeigneten Schulzweiges für das Kind besonders problematisch. In den Bewertungen der Rektoren und Lehrer ist deutlich zu erkennen, dass das Engagement von Lotsen bei sensiblen Themen wie der Eignung für einen weiterführenden Schulzweig oder einer Versetzung in die Förderschule häufiger als negativ und als Einmischung bewertet wird. LotsInnen fürchten aus ihrer Erfahrung, dass die Bildungsziele für Migrantenkinder von den Lehrkräften als niedriger eingestuft werden als die für einheimische Kinder. Dass diese Annahme sich in zahlreichen internationalen empirischen Untersuchungen immer wieder als empirisch bewiesen herausgestellt hat, passt nicht zum Selbstverständnis der Lehrkräfte. Dabei ist wieder einmal in einer neuen Studie nachgewiesen worden, dass Lehrkräfte an deutschen Schulen z.B. von SchülerInnen aus türkischstämmigen Familien geringere Leistungen als von deutschstämmigen Kindern erwarten und dass diese Verzerrung zwar etwas gemildert wird, aber grundsätzlich erhalten bleibt, wenn die tatsächlichen Leistungen der Kinder als Kontrollvariablen eingeführt werden.5 Die Unterstützung der LotsInnen soll bei den Lehrern und Eltern als Hilfestellung ankommen und sich positiv für die Kinder auswirken. Ein möglicher Eindruck der Lehrkraft, in ihrer Entscheidungsfähigkeit übergangen zu werden, ist hierfür kontraproduktiv. Erst recht ist eine konkurrierende Gesprächsführung zwischen Lehrkraft und LotsIn deplatziert. Dennoch können die Ideen der LotsInnen für die Lehrkraft oder ein Tipp an die Eltern sehr hilfreich sein, da sie meist relevante Erfahrungen einbringen können. Grundsätzlich sollte weiterhin gelten: Der Auftrag der Lotsen, “das Brückenbauen zwischen Eltern und Schule“, muss die kulturelle Komponente und die Besonderheit
5 vgl. BIM (Berliner Institut für Integrations- und Bildungsforschung, Vielfalt im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte gute Leistung fördern können, SVR Forschungsbereich 2017, S. 24-37.)
der Migrationssituation einschließen. Vielmehr ist diese der Hauptbestandteil, das Arbeitswerkzeug der Lotsen. Die Aussagen werden von den LotsInnen in die geeignet erscheinende Ausdrucksweise übertragen und diese kann von den Vorstellungen der Lehrkraft abweichen. Eine ausschließlich wortgetreue Übersetzung ist nicht der Auftrag von NEST. Eine klare Kommunikation über diese Grundsätze ist von großer Bedeutung für das gegenseitige Vertrauensverhältnis und eine gelingende Zusammenarbeit. Die Aufnahme dieser Grundregel in die Gelingensbedingungen ist zu empfehlen. Das Angebot der Begleitung bei Eltern-Lehrer-Gesprächen muss um die Komponente der gemeinsamen Vorbereitung erweitert werden, was einige Lehrerinnen im Interview auch vorgeschlagen haben. Dafür sollte vor dem Termin mit den Eltern ein Gespräch zwischen Lehrer und LotsIn, in Form eines Telefonats oder persönlichen Treffens, stattfinden. Es soll eine klare Absprache darüber getroffen werden, was kommuniziert werden soll und in welcher Form. Zugleich kann vereinbart werden, zu welchem Zeitpunkt Ideen und Vorschläge des Lotsen einfließen können. Die Vor- und eventuell Nachbereitungszeiten sollten zur vergüteten Zeit der LotsInnen gerechnet werden.
Grenzen auf der Seite von NEST sind das Ausmaß der zur Verfügung gestellten Zeitressourcen der ElternlotsInnen für Einsätze an den Schulen. Aus den Interviews hat man den Eindruck gewonnen, dass die Schulen von grundsätzlich recht begrenzten zeitlichen Ressourcen ausgehen und manchmal auf eine Anfrage an NEST verzichten um nicht unnötigen Druck zu erzeugen. Hier hat unsere Erhebung gezeigt, dass die Leistungsbereitschaft der ElternlotsInnen deutlich höher liegt als angenommen. Die meisten ElternlotsInnen würden ihr Engagement von NEST ausweiten, wenn sich die Bedingungen dafür verändern würden, wenn einmal die zeitliche Passung von Terminen besser für sie organisiert werden könnte und zweitens, wenn die Entlohnung deutlich höher und für sie einigermaßen attraktiv wäre. Es ist für die weitere Planung zur Umsetzung des Programms wichtig zu wissen, dass auch bei den zurzeit aktiven ElternlotsInnen noch Ressourcen genutzt werden können.
8.4 NEST als integraler Bestandteil der Schule oder als Dienstleister für
Übersetzungsaufgaben/Sprachvermittlung
Grundsätzlich muss die Unterschiedlichkeit der Schulen in ihrem Bedarf und in ihrer Offenheit gegenüber NEST akzeptiert werden. Die Schulen, die sich von außen Unterstützung holen, finden manchmal im Stadtteil passende Angebote, haben zusätzliche Kooperationen, andere wiederum würden gerne NEST stärker an ihre Schule binden.
Eigene Sprechstunden der ElternlotsInnen an der Schule
Wie könnte eine engere Kooperation zwischen Schule und NEST aussehen? Es gibt zwar zurzeit nur zwei Schulen, die eine eigene Sprechstunde für den Elternlosen bzw. die Elternlotsin eingerichtet haben, aber beide Schulen sind höchst zufrieden mit diesem zusätzlichen Angebot. Die stärkere räumliche und zeitliche Anbindung von NEST an die Schule ermöglicht präventive Arbeit sowohl mit den Lehrern wie mit den Eltern. Der Ausbau von eigenen Sprechstunden würde die Zugänglichkeit und Niederschwelligkeit für Elternberatung erhöhen. Hier könnten Fragen und Probleme der Eltern zum Schulbesuch ihres Kindes jeweils aktuell besprochen und damit vielleicht Missverständnisse frühzeitig geklärt werden. Und auch LehrerInnen hätten die Möglichkeit mit den ElternlotsInnen verschiedene Fragen, die interkulturelle Themen betreffen, zu besprechen und Anregungen, und vielleicht auch Sicherheit, zu gewinnen. Aus den beiden Schulen, die schon eine eigene Sprechstunde für ihre ElternlotsInnen eingerichtet haben, haben die Lehrerinnen eindrucksvoll berichtet, wie hilfreich ein kurzes spontanes Gespräch „quasi nebenbei“ ohne große terminliche Vereinbarung für sie sein kann. Mehr Präsenz, häufigerer Kontakt in unterschiedlichen Situationen, kleine Hilfestellungen, die gelegentliche Übernahme von Aufgaben würden ElternlotsInnen eine neue Position verschaffen, Vertrauen aufbauen und die Basis schaffen für neue Formen der Zusammenarbeit. Es könnte gemeinsam geklärt werden, was jeweils beide Seiten, Schule und NEST voneinander erwarten und erwarten können. Sie könnten typische Situationen interkultureller Herausforderungen im Klassenzimmer beschreiben, analysieren und Ideen für ihre Bearbeitung entwickeln. Beide könnten einen Perspektivwechsel versuchen und Deutungen und Interpretationen des Verhaltens von Kindern, Eltern und LehrerInnen offener betrachten. Zum Beispiel könnten die von den Lehrkräften definierten Probleme mit dem geringen Engagement von Eltern für ein Mittagessen ihrer Kinder in der Schule genutzt werden um gemeinsam zu erforschen, welche Bedeutung das Essen in der jeweiligen Herkunftskultur der Familien hat, wie der Stellenwert des gemeinsamen Essens in der Familie ist usw. Damit wäre auch ein Wandel der Wirkungsweise von NEST verbunden, eine schon lange angestrebte Erweiterung der überwiegend einzelfallorientierten Arbeit zu einer zielgruppen- und letztlich strukturorientierten Arbeit. Aus dem Interview mit den Projektverantwortlichen stammt zum Beispiel diese Idee:
„[...] es müsste vielleicht eine Gruppe entstehen, vielleicht vier, fünf Lehrkräfte aus den
Partnerschulen und fünf Lotsinnen, jemand von den Hauptamtlichen und sich überlegen: „Okay, wir erstellen jetzt so eine generelle Handreichung zu bestimmten Themen.“ Ja? Und dann können wir das erst mal in dieser Gruppe aussprechen, sich austauschen zu diesem bestimmten Thema und dann was konzipieren, was allgemeingeltend wäre für alle Schulen, die sich bedienen können.“
Mehr Elterncafés Neben dem Ausbau eigener Sprechstunden (und Räume für diese Zeit) für ElternlotsInnen würde auch ein Ausbau der Elterncafés diese Ziele unterstützen. Schon heute werden die Elterncafés genutzt um spezielle Themen, die Eltern interessieren, gemeinsam zu behandeln, sei es die Rolle der Eltern in der Schule (die Erwartungen der Lehrer, die Rechte der Eltern), der Umgang mit Hausaufgaben, Fördermöglichkeiten für das Kind durch Spiele und Lesen, die Zweisprachigkeit der Kinder, Übergänge zwischen den Schulformen, der Umgang mit Konflikten, und Erziehungsfragen usw. Die Erfahrungen mit den im Elterncafé angesprochenen Themen und Fragen könnten wieder im späteren Gespräch mit LehrerInnen genutzt werden um zu gemeinsamen Aussagen, Regeln, Hilfen und Unterstützungsstrategien für die Eltern (und Kinder) zu kommen.
Intensive Zusammenarbeit mit einer Schule als Pilotprojekt Um zu erproben, wie eine intensive Zusammenarbeit mit einer Partnerschule aussehen kann und wie sich das auswirkt, wäre ein Pilotprojekt denkbar. Die gesammelten Erfahrungen könnten nach der Projektphase in die allgemeingültige Zusammenarbeit mit Partnerschulen umgelegt werden: „[...] vielleicht wirklich sich intensiv ein Jahr mit einer Schule, nur mit einer Schule befassen und mit einem Team an der Schule, um eben Ideen zu entwickeln, um zu zeigen „Was ist möglich, wie ist es möglich“ und vielleicht das als Modell dann für die nächsten Jahre nehmen.“ (aus dem Interview mit den Projektverantwortlichen)
Voraussetzung dafür wäre das Finden einer geeigneten Schule, die bereit ist Zeit und Arbeit in das Vorhaben zu investieren. Denkbar wäre dies im Rahmen eines aktuellen Schulentwicklungsprozesses, in dem eine bestehende Steuerungsgruppe diese Mitarbeit übernehmen könnte. Auf der anderen Seite müsste sich innerhalb von NEST ein Team aus mindestens einer Fachkraft und erfahrenen ElternlotsInnen zusammenfinden, die bereit sind sich intensiver mit Thematiken auseinanderzusetzen und ihr Aufgabengebiet zu erweitern. Besonders in aktiven Partnerschulen, die mehrere Angebote von NEST nutzen, wäre die Einführung dieses Angebots deshalb denkbar und vorteilhaft. Dafür müssten die Vorzüge einer regelmäßigen Anwesenheit der ElternlotsInnen konkret vorgestellt und mit der Schule gemeinsam überlegt
werden, in welchen Abständen, zu welcher Tageszeit und in welchen Räumlichkeiten die Umsetzung praktikabel wäre. Diese Überlegungen haben große Auswirkungen auf die schulische Organisationsentwicklung. Deshalb wäre es für solch ein Pilotprojekt besonders wichtig, eine Schule auszuwählen, die sich bewusst für einen Schulentwicklungsprozess entschieden hat. Aber auch für die Nachhaltigkeit von Personalentwicklungsprozessen wäre es wichtig, die interkulturellen Kompetenzen aller Schulakteure durch schulinterne Fortbildungen (Schilfs) zu erhöhen.
8.5 Erweiterungen der Einsatzorte von NEST auf Elterngruppen, z.B. in
Flüchtlingsunterkünften und Migrantentreffs
Das Programm NEST richtet sich durch seine Verortung am IPSN zunächst an den Bedarfen der Schulen als den direkten „Programmabnehmern“ aus. Die gleichwertige Behandlung der Elterninteressen ist für das Programm aber von großer Bedeutung. Das Angebot der Beratung im Elternbüro am IPSN ist für viele Eltern nicht niederschwellig genug, die Eltern werden von den Elternlotsen bisher fast ausschließlich über die Schulen erreicht. Die Anfragen an das Elternbüro mit der Bitte um sprachliche und interkulturelle Unterstützung gehen am häufigsten von Lehrern aus. Die Eltern kennen erst einmal keine anderen Zugangswege und sind von „Bring“- Adressierungen abhängig. Deshalb muss NEST sich überlegen, wie ihr Beratungs- und Unterstützungsangebot für die schulischen Belange der Kinder effizient zu Eltern mit Migrationshintergrund kommt. Auch hier wäre es sinnvoll, neben der bisherigen Einzelfallorientierung zusätzlich eine zielgruppenspezifische aufzubauen und damit die Wirkung zu vervielfachen. Die Erweiterung des Handlungsorts bedeutet, die Berührungspunkte mit der Zielgruppe „zugewanderte Eltern“ auch außerhalb der Schule zu suchen und sie in ihrer lebensweltlichen Umgebung anzusprechen. Aktuell ist bereits eine Gruppe bei NEST mit Besuchen in Nürnberger Flüchtlingsunterkünften gestartet, um dort Kontakte zu knüpfen und Informationen zur Schulsituation ihrer Kinder in Deutschland zu vermitteln. Die bereits gebildete Gruppe, bestehend aus fünf LotsInnen und einer professionellen interkulturellen Beraterin von IPSN hat bereits 12 Veranstaltungen durchgeführt und dabei 101 Eltern und 86 Kinder und Jugendliche erreicht (Stand April 2017). Ein Ausschnitt aus einem internen Bericht zu diesen Veranstaltungen kann die Bedeutung dieses neuen Wegs von NEST verdeutlichen:
Die Veranstaltungen vermittelten vor allem Kenntnisse im Bildungssystem und gingen dann
insbesondere auf die Besonderheiten der Beschulung von Geflüchteten ( Ü-Klassen, SI-Klassen
an den beruflichen Schulen, Möglichkeiten des Wechsels an Gymnasien und Realschulen u.a.).
Außerdem wurden Informationen zu problematischen Themen wie
Schullandheimaufenthalte, Schwimmunterricht, Sexualerziehung an den Schulen gegeben.
Auch die Fragen der Teilnehmenden wurden stets aufgegriffen und bei Bedarf weitere
Veranstaltungen zur Vertiefung der Themen geplant bzw. durchgeführt.
Die Veranstaltungen fanden immer unter der Teilnahme von mehreren Lots/innen statt und
in mehreren Sprachen (Deutsch, Englisch, Türkisch, Arabisch, Persisch, Kurdisch, Russisch
u.a.).
Im Nachgang zu den Veranstaltungen fanden zusätzlich immer noch Einzelgespräche zur
Beratung auf die konkrete Situation der Betroffenen statt.
Es entstanden viele Fragen der Teilnehmenden zur gewaltfreien Erziehung, zum gesunden
Frühstück und zum Pausenbrot für die Schule, wie entschuldige ich mein Kind, wenn es krank
ist (dabei ist den Lotsinnen aufgefallen, dass viele Eltern die Schule der Kinder nicht kennen –
Empfehlung an die Unterkünfte, eine Liste mit Schulen und den Telefonnummern der
Sekretariate auszuhängen). Es gab viele Fragen zu den BuT-Gutscheinen, die aber meist schnell
geklärt werden konnten. Der Kontakt über den Helferkreis erwies sich als sehr zielführend.6
Für NEST heißt das, die Zielgruppe Eltern besser erreichen zu können und nicht nur auf die Herstellung des Kontaktes durch den Begegnungsort Schule angewiesen zu sein. Des Weiteren lenkt diese Art der Vorstellung den Fokus auf die Bedeutung der Schule und bietet Eltern eine niederschwellige Plattform zur Befassung mit schulrelevanten Themen an. Dieser Kontakt macht es sehr wahrscheinlich, dass anschließend verstärkt auch Eltern von sich aus die Möglichkeit nutzen, die Vermittlungsarbeit der ElternlotsInnen über die Schulen zu erbitten. Für die zurzeit Bedürftigsten im Raum Nürnberg, geflüchtete Familien aus Kriegsregionen, sind sicherlich die Unterkünfte die am leichtesten zu erreichenden Orte, aber auch Räume in den Gemeinden, Kulturläden usw. könnten sich anbieten.
„Ich würde es auch wirklich vielleicht in der Zukunft ausbauen, weil die Idee auch in die Vereine zu kommen oder in die Orte, wo sich die Migranten treffen, ist eigentlich ganz gut. Ich war jetzt die letzte Zeit, das war jetzt mein persönliches Erlebnis, ein bisschen intensiver in der polnischen Gemeinde, letztes Jahr, und obwohl es eine kirchliche Angelegenheit war, wurde aber dieses Treffen ein Austausch über all die Themen, die die Leute hier rumtreiben, das war wie ein Basar: Schulische Sachen, Berufssachen, Ärzte“. (aus dem Interview mit den Projektverantwortlichen)
6 Liberova, Diana, IPSN, Kurzdokumentation „Elternlotsen“, unveröff., Nürnberg 2017
Die ElternlotsInnen selbst sind in der Regel gut informiert, wo sich Migranten ihrer Herkunftskultur häufig treffen und können dort ihre Informationen, ihre Beratung, ihre Übersetzungsleistungen anbieten. Und die ElternlotsInnen würden einerseits gleichzeitig eine höhere Anzahl von Eltern erreichen, die Eltern würden von den Fragen der anderen profitieren, das Thema Schule könnte im alltäglichen Lebensbereich der Familien angemessen verankert werden und die LotsInnen könnten mehr Autonomie gewinnen.
8.6 Weitere Professionalisierung der Elternlotsen
Bedingungen für die Wertschätzung und Anerkennung durch die Schulen
ElternlotsInnen wenden freiwillig ihre private Zeit auf, um die Funktion als Vermittler zwischen Schulen und Eltern zu erfüllen. Dafür verdienen sie Anerkennung und Wertschätzung, zumal keine angemessene Entlohnung für dieses Engagement gezahlt werden kann. Besonders die Einsatzstellen der LotsInnen müssen eine wertschätzende Haltung ausdrücken – in der Gestaltung der Einsatzbedingungen (z.B. rechtzeitig Termine vorschlagen, Vorgespräch zum anschließenden Lehrer-Eltern-Gespräch führen, über die Planungen der Schule informieren, häufig einbeziehen usw.), an dankbaren Worten und Gesten der Lehrkräfte und Schulleitungen scheint es nur selten zu mangeln. Als Voraussetzung müssen die Schulen über die Position, die Funktionen der LotsInnen, ihre fachlichen Qualifikationen, ihre Berufserfahrung und ihre individuellen Kompetenzen aufgeklärt werden.
Ein Weg dahin könnten neben schriftlichen Informationen über die Rolle der ElternlotsInnen (kleine) Seminarangebote von den hauptamtlichen NEST- Mitarbeiterinnen für Lehrkräfte sein. Das würde die Bedeutung von NEST unterstreichen, für mehr Transparenz des Programms sorgen und die Kooperation vertiefen. Im Interview mit den Programmverantwortlichen wurden sowohl Erfahrungen wie Ideen dazu geliefert:
„Das war jetzt bei dieser Vorstellung der Übergangsklassen, [...] das war wirklich Schritt für Schritt aufgeschrieben. Wenn die Lehrkraft Erwartung hat, dass die Lotsin kommt, dann müssen solche und solche Punkte berücksichtigt werden.“ „Das da Erklärung stattfinden wird, wie der Umgang mit Elternlotsinnen sein sollte. [...] Und dann kann man noch weiter einen ganzen pädagogischen Tag oder einen pädagogischen Vormittag zusammenstricken, was würde da noch alles in dieses Angebot mit reinkommen.“
Die von NEST-Verantwortlichen für die Lehrkräfte erarbeiteten Vorträge könnten beispielsweise folgende Themen beinhalten: „Zusammenarbeit mit den ElternlotsInnen: Was ist dafür notwendig?“, „Angebote von NEST: Was braucht unsere Schule?“, „Gewinn durch Kooperation: Vernetzung im Stadtteil“ usw.
Insgesamt sollte die Transparenz der Angebote von NEST immer wieder sichergestellt und verbessert werden. Die Bedarfe der Schulen sind nicht gleichbleibend, weshalb sich die Angebotsnutzung individuell verändern kann. Es ist von Vorteil, eine Übersicht mit allen Optionen der Angebote und Leistungen in die Beschreibung von NEST aufzunehmen. Diese Informationen sind auch für interessierte Schulen relevant. Umgesetzt kann das in die Form einer Angebotsliste werden, die in die Broschüre von NEST sowie auf die Homepage aufgenommen wird.
Weiterhin muss ständig daran gearbeitet werden, dass die Qualifikationen und individuellen Kompetenzen der ElternlotsInnen ihren KooperationspartnerInnen in den Schulen bekannt sind und ggfs. immer wieder einmal in Erinnerung gerufen werden. Der ehrenamtliche Einsatz ist die eine Seite, die andere ist die Ausbildung und fachliche und lebensweltliche Qualifikation der Frauen und Männer, die sich für diese Arbeit zur Verfügung stellen. NEST könnte für seine LotsInnen schriftliche Nachweise erstellen, in denen sowohl die Ausbildungsinhalte aus der Nest-Schulung als auch individuelle Berufserfahrungen, Fort- und Weiterbildungen, Einsätze in unterschiedlichen sozialen und pädagogischen Bereichen aufgelistet sind. Selbstverständlich gehören die jeweiligen Sprachkenntnisse der Lotsin oder des Lotsen dabei zu den zentralen Informationen. Diese individuellen Qualifikationsnachweise müssen mit den ElternlotsInnen erarbeitet und ausgehandelt werden, könnten den Schulleitungen für die ihrer Schule fest zugeteilten LotsInnen in schriftlicher Form zur Verfügung gestellt werden. Bei „Springer“-Einsätzen könnten die in der Schule weniger bekannten Frauen und Männer den jeweiligen Lehrkräften diese schriftlichen Informationen über sich anbieten.
Professionalisierung der ElternlotsInnen
Mit der multikulturellen Zusammensetzung der SchülerInnen und ihrer Eltern wächst bei den Lehrkräften auch das Interesse am Umgang mit unterschiedlichen Kulturen, am kulturellen Wissen und den notwendigen Strategien für interkulturelle Beziehungen. ElternlotsInnen und die NEST-Verantwortlichen gelten als ExpertInnen in interkulturellen Fragen, insbesondere in Bezug auf die eigenen Herkunftsländer und Kulturen. Des Weiteren wurden diese durch ihre Qualifizierung konkret auf Themen
und Herausforderungen der Schulen vorbereitet. Sie wären in der Lage, dieses Wissen an interessierte Lehrkräfte weiterzugeben und ihnen damit neue Perspektiven für bestimmte Situationen, mit denen sie zu tun haben, zu vermitteln. LotsInnen könnten Informations- und Übungsabende zu den eigenen Herkunftsländern für interessierte Gruppen von Lehrern anbieten. Beispielsweise mit dem Thema: „Schulkultur in anderen Ländern“ oder „Interkultureller Übungsabend“. Dies könnte als Fortbildungsveranstaltungen für interkulturelle Kompetenzen ausgearbeitet und im Rahmen von SchILf, Schulinterne Lehrerfortbildung, angeboten werden. „Wir haben bestimmt Themen, die angeboten werden und wo die Schulen dann drauf zugreifen können, wenn sie eine schulinterne Lehrerfortbildung haben oder einen pädagogischen Tag oder einen Vortrag, Lehrerkonferenz oder irgend so was. Die haben auch Gelder dafür und da könnten wir einige der, wo wir denken, die wären soweit, also einige Elternlotsinnen als Referentinnen anbieten, auf unserer Website.“ (aus dem Interview mit den Programmverantwortlichen)
Eine Erweiterung des Leistungskatalogs von NEST in Richtung Angebote für Elterngruppen würde zu der gewünschten Zielgruppenorientierung beitragen und NEST breiter aufstellen. LotsInnen würden eine weitere Kompetenz, selbst ein Thema zu referieren, erwerben. Sie könnten dafür Qualifizierungskurse in Rhetorik vor größeren Gruppen und Seminarführung besuchen, ihre Rolle in den Schulen würde durch die zusätzliche Qualifikation professioneller, ihre Position gestärkt werden. Die Information über die genannten Möglichkeiten müsste den Schulen bekannt gemacht werden, ratsam wäre hierfür die Aufnahme in die Angebotsliste. Die Erweiterung von Handlungsorten und Aufgabengebieten von Elternlotsen können zur Professionalisierung von NEST und den LotsInnen beitragen. Eine eigene Sprechstunde der LotsInnen würden deren selbständige Handlungsmöglichkeiten erhöhen und Erfahrungen vertiefen. Eine weitere Chance für Qualifizierungsgewinne liegen in der Anbindung von NEST an das IPSN. Hier könnte immer wieder überlegt werden, welche aktuellen für Lehrkräfte gedachte Angebote im Haus auch für (einige) ElternlotsInnen interessant sein könnten. Mit den wechselseitigen Perspektiven kompetent und souverän umgehen zu lernen, gehört zu den Basiskompetenzen für interkulturelle Kommunikation.
8.7 Ressourcen: Auslastung und Bedarfe
Ressourcen im Elternbüro
Entscheidend für den weiteren Erfolg von NEST wird es sein, dass das Elternbüro die Qualität seiner Arbeit halten und zusätzliche Aufgaben übernehmen kann. Das
Elternbüro ist zurzeit mit einer 19.5 Stunden-Stelle ausgestattet, die mit einer pädagogischen, in interkulturellen Themen erfahrenen Fachkraft besetzt ist. Diese aktuelle Ausstattung bietet keine ausreichende quantitative Basis für die bedarfsgerechte Umsetzung der NEST-Angebote oder gar eine Erweiterung des Aufgabengebietes. Das Elternbüro ist für die Organisation des Einsatzes von ElternlotsInnen an 26 Nürnberger Schulen unterschiedlichster Schulformen zuständig, muss die Partnerschulen betreuen, mit Informationen versehen, auf die speziellen Wünsche der einzelnen Schulen eingehen und mit den veränderten Bedingungen der Schulen (z.B. einer höheren Anzahl von Übergangsklassen gegenüber dem Vorjahr) mit zusätzlichen oder neuen angepassten Angeboten reagieren. Die Bedarfe vieler Partnerschulen sind in den letzten zwei Jahren durch die steigenden Zahlen von Kindern aus Flüchtlingsfamilien enorm gewachsen und werden weiterhin zunehmen. Eine für die Qualitätssicherung notwendige intensivere Betreuung und Zusammenarbeit mit den Partnerschulen ist aktuell nicht leistbar, immer mehr und anspruchsvollere Leistungen einer steigenden Zahl von ElternlotsInnen müssen vorbereitet, organisiert und nachbereitet werden. Folglich müsste die Anzahl der Partnerschulen reduziert werden. Dies würde den aktuellen Entwicklungen und dem gestiegenen Bedarf an Unterstützung in den Schulen widersprechen und NEST in seinem Aufbau von Kooperationsbeziehungen zurückwerfen. Somit ist die Aufstockung des hauptamtlichen NEST-Personals als Voraussetzung für den Erhalt der bisherigen Qualität und für eine inhaltlich wie strukturell gebotene Möglichkeit der Weiterentwicklung und Erweiterung des Programms zu sehen.
Die Aufgaben der Fachkraft im Elternbüro können aufgelistet werden:
Individuelle Beratung von Eltern (meistens mit Migrationshintergrund) im Elternbüro. Themen in der Häufigkeit ihres Auftretens: Fragen zur Schullaufbahn ihrer Kinder, Rolle der Eltern gegenüber der Schule, Möglichkeit von Deutsch- Sprachkursen für die Eltern, Betreuung der Kinder, Erziehungsproblemen. Bei der Beratung der Familien werden vom Elternbüro Kontakte mit Schulen, Schulpsychologen, der Migrationsberatung und vielen anderen Fachstellen aufgenommen. Bei geringen Deutsch-Kenntnissen werden die Familien an die ElternlotsInnen mit einschlägigen Sprachkenntnissen zur Beratung weiter vermittelt.
Kontakte zu Schulen Im Schuljahr müssen mehrere Hundert Anfragen bearbeitet werden, die zur Hälfte von Lehrkräften, zu ca. 30 % von Schulleitungen und 20 % von
SchulsozialarbeiterInnen gestellt werden. Inhalte: Vorstellung der ElternlotsInnen, Modi der Zusammenarbeit, Bedarfsanmeldung für bestimmte Angebote oder für bestimmte ElternlotsInnen, Fragen zu einzelnen SchülerInnen und Familien, Anfragen zu Sprachkursen für Eltern, Planungsgespräche mit RektorInnen der Partnerschulen, Feedback- Gespräche mit Partnerschulen gegen Schuljahrsende
Organisation, Coachen und Begleiten Im Elternbüro müssen Ausbildung, Einsatz, fachliche Begleitung und Abrechnung der Tätigkeiten der ElternlotsInnen organisiert und durchgeführt werden. Dazu zählen: Werbung für das Programm an Schulen und bei Eltern, Herstellung und Organisation von Infomaterial für die ElternlotsInnen, Zeitplanung für alle Schulkontakte und -kooperationen, Organisation ihres Einsatzes, Abrechnung der Einsätze, Weitervermittlung von Eltern/Familien/ Kindern/Jugendlichen nach Anfragen im Elternbüro an ElternlotsInnen, Besprechungen mit den verschiedenen Schulteams der ElternlotsInnenteams, Organisation von Fallbesprechungen und Themensitzungen, Organisation von Fortbildungen für die ElternlotsInnen Maßnahmen zur Teamentwicklung
Sonstige Kontakte Anfragen und Kooperationen mit den verschiedensten lokalen Institutionen in der Migrationsarbeit, Kontakte zu Flüchtlingsunterkünften und Helferkreisen, Kontakte zu Migrantenvereinen und -gemeinden, Kontakte zu Stadtteilarbeitskreisen usw., Durchführung von Workshops zum Thema „Interkulturelle Elternarbeit“, Anfragen aus anderen Städten zum Aufbau ähnlicher Strukturen wie NEST.
Die Breite und der Umfang der anliegenden Aufgaben können bei der gestiegenen und wahrscheinlich sich noch weiter entwickelnden Nachfrage nicht mehr bewältigt werden.
Dabei werden sich die Aufgaben der steuernden Position bei dem angestrebten Ausbau der NEST-Angebote noch einmal drastisch erhöhen:
- Organisation und inhaltliche Vorbereitung von ElternlotsInnen-Einsätzen in
möglichst vielen Unterkünften für Flüchtlingsfamilien Nürnbergs,
- Themenabende „Schule“ in Migrantenvereinen, -gemeinden und sonstigen
Treffs (Vorbereitung und Organisation),
- Seminareinheiten erstellen für Lehrkräfte/Schulleitungen zur Kooperation mit
ElternlotsInnen,
- Ausarbeitung von länderspezifischen Modulen zum Thema „Schule und Familie
im Herkunftsland“, die von ElternlotsInnen in der Arbeit mit Lehrkräften zum Einsatz kommen können,
- Unterstützung der Schulen und der ElternlotsInnen bei der Einrichtung von
eigenen Sprechstunden für ElternlotsInnen und für längere Präsenzzeiten an der Schule,
- Vorbereitung und Organisation eines Pilotprojekts zur interkulturellen
Schulentwicklung in enger Kooperation mit NEST,
- Erarbeitung von individuellen Qualifikationsnachweisen für die einzelnen
LotsInnen, usw.
ElternlotsInnen Der zweite Pfeiler der Personalentwicklung sind die ElternlotsInnen. Durch ihren Einsatz konnten sie bereits etliche Schulen von sich, ihren Fähigkeiten und somit von NEST überzeugen. Sie haben sich eine geachtete Position in den Schulen verschafft und werden von vielen Lehrkräften sehr geschätzt. Gerne hätten Lehrer und Rektoren LotsInnen als feste AnsprechpartnerInnen an ihrer Schule. Durch die Ausführung der Tätigkeit als Ehrenamt lässt sich eine Fluktuation von ElternlotsInnen aber nur schwer vermeiden. Jedoch können Anreize geschaffen werden, die NEST als Stelle für LotsInnen interessant und rentabel machen und ihr Engagement würdigen. Gemeint sind hier sowohl materielle, als auch immaterielle, auf die persönliche Entwicklung ausgerichtete, Anreize:
- Übernahme von Wegezeiten oder Fahrtkosten
Aktuell liegt die Aufwandsentschädigung für die Elternlotsen bei 10 € pro Stunde. Die Vergütung bezieht sich lediglich auf die Zeit der Umsetzung der NEST-Angebote oder die Teilnahme an IPSN-Veranstaltungen im Rahmen von NEST. Anfragen von Schulen,
die mit einer langen Anfahrtszeit für die LotsInnen verbunden sind, tragen immer das Risiko, dass sie von den LotsInnen aufgrund der geringen Rentabilität abgesagt werden. Um zu verhindern, dass die Wege-Zeit ein Ausschlusskriterium für Aufträge darstellt, wäre die Anrechnung der Anfahrtszeiten zur Vergütung nötig. Alternativ könnten die Fahrtkosten in Form einer monatlichen Fahrkarte oder einer Jahreskarte übernommen werden.
- Versorgung mit Arbeitsmaterialien
Für die Umsetzungen der NEST-Angebote und die Planung der Termine könnten Materialien wie Schreibutensilien und Terminkalender zur Verfügung gestellt werden. Denkbar wäre dies beispielsweise in Form eines „Startpakets“ für den Schuljahresbeginn.
- Ressourcen für Fortbildung
Im Moment sind ausschließlich interne Fortbildungen möglich. Äußerst wünschenswert wären finanzielle Spielräume für die Einladung von ReferentInnen von außen, die präzis die aktuellen Themen und Fragen zur Arbeit der LotsInnen abdecken.
- Anerkennung durch kleine Aufmerksamkeiten
Das Engagement, welches die LotsInnen in ihrer Freizeit, teils neben Berufstätigkeit, leisten, hat einen hohen Wert. Die Entlohnung dieser Arbeit muss unbedingt durch Anerkennung und Wertschätzung unterstützt werden. Kleine Aufmerksamkeiten können dies gut transportieren und die Lotsen motivieren: „[...]vielleicht eine Eintrittskarte ins Theater oder ins Schwimmbad oder… Vielleicht kann die Stadt Nürnberg so was anbieten.“ (aus dem Interview mit den Programmverantwortlichen) Einmal jährlich sollten Lotsen für ihren Einsatz eine Aufmerksamkeit, in Form eines Geschenks, erhalten. Denkbar sind neben Theater, Schwimmbad und Kino auch Zoound Museumsbesuche. Welche Töpfe oder andere Finanzierungsmöglichkeiten, beispielsweise Spenden von Firmen, dafür in Frage kommen, ist zu überlegen.
- Ressourcen zur Teamentwicklung
Die Elternlotsen sind ein Team. Jede von ihnen macht in ihrer Tätigkeit zahlreiche Erfahrungen, lernt viele neue Personen kennen und knüpft Kontakte. Der Austausch darüber kann für alle Lotsen profitabel sein. Durch individuelle Termine und verschiedene Einsatzorte kann dieser nur selten und unter wenigen von ihnen stattfinden. Einige der LotsInnen wünschen sich daher einen intensiveren Kontakt
untereinander. Daneben können gelegentliche gemeinsame Freizeitaktivitäten das Team stärken, das Zusammengehörigkeitsgefühl fördern und die Identifikation mit NEST erhöhen: „Naja, vielleicht müssten wir private Aktivitäten, ein, zwei Mal im Jahr anbieten, für die, die eher diesen Zusammenhalt schätzen. Es ist auch ein Grundbedürfnis für Migrantinnen die Zusammengehörigkeit suchen, und besonders wahrscheinlich für diejenigen, die nicht so eine große Community haben.“ (aus dem Interview mit den Programmverantwortlichen)
Die gemeinsamen Aktivitäten sollten von NEST, unter Berücksichtigung der Ideen der Lotsen, organisiert werden. Denkbar wären z.B. Ausflüge oder die Planung eines gemeinsamen Festes. Dabei kann erfragt werden, ob erwünscht ist, dass auch Familienmitglieder einbezogen werden können.
- Individuelle Qualifikationsnachweise
Der Status der LotsInnen in der Schule kann zusätzlich durch NEST gesteigert werden. Dies kann dadurch erfolgen, dass individuelle „Nachweise“ ausgestellt werden, die bescheinigen, über welche Fähigkeiten die Lotsen verfügen. Darin würden die Ausbildungsinhalte sowie individuelle Qualifikationen, wie Berufsausbildung, Berufserfahrung, Einsatzgebiete während der NEST-Zeit und Sprachkenntnisse Platz finden. Eine solche Bescheinigung wäre besonders im Hinblick auf künftige Berufsverläufe der Lotsen als Qualifikationsnachweis wichtig.
- Strukturelle Überlegungen
Die Zweigleisigkeit von NEST mit der Koordination seitens des Elternbüros und den Elternlotsen als zweitem Pfeiler soll erhalten und gestärkt werden. Mit einer Aufstockung des Personals im Elternbüro können Handlungsspielräume entstehen. Die Elternlotsen gewinnen dadurch auch die Möglichkeit ihre Tätigkeiten in bestimmten Bereichen zu intensivieren.
Diese Bedarfe zur längerfristigen Absicherung einer qualitativ hochwertigen, aber auch für Frauen und Männer mit Migrationshintergrund attraktiven Arbeit von ElternlotsInnen verlangt dringend neue Finanzierungswege für diesen entscheidenden Pfeiler der NEST-Arbeit.
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Zukunftsagentur für Schulen (o.D.): Projektskizze NEST (Nürnberger Elternbüro Schulerfolg und Teilhabe) – Initiative zur Verbesserung der Partizipation in der Schule. Nürnberg. (unveröff. Dokument)
Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen im Text: Seite
Tabelle 1: Datenerhebung für die Evaluation 10 Tabelle2: Schultypen in der Evaluation 11 Tabelle 3: Kombination von NEST-Angeboten an den Schulen 24 Tabelle 4: Gewichtung der einzelnen NEST-Leistungen durch die Schulen 28 Tabelle 5: Beurteilung der Funktionen der ElternlotsInnen durch RektorInnen und Lehrerinnen 31 Tabelle 6: Nutzung und Bewertung von NEST durch Schulen, die seit der Flüchtlingszuwanderung deutliche Veränderungen merken 34
Abbildung 1: Schüler im Schuljahr 2014/15 insgesamt 14 Abbildung 2: Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund 15 Abbildung 3: Bestand an Übergangsklassen 15 Abbildung 4: Nutzung von NEST- Angeboten 22 Abbildung 5: Bewertung der genutzten Angebote von NEST 27