Beilage 2.1
zur Sitzung des Jugendhilfeausschusses vom 24.09.2026
Sachverhalt
Angebote der Jugendhilfe für queere junge Menschen und ihre Familien in Nürnberg -
Umsetzung des Aktionsplans Queeres Nürnberg
Hinführung
Mit der Verabschiedung des ersten „Aktionsplans Queeres Nürnberg“ im Jahr 2022 hat die Stadt Nürnberg ihren Willen bekräftigt, die Sichtbarkeit queeren Lebens zu stärken, gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe zu gewährleisten, Unterstützungs- und Beratungsstrukturen weiterzuentwickeln sowie die Zusammenarbeit von Verwaltung, Politik, Queerer Community und Zivilgesellschaft auszubauen. Zu diesem Zweck umfasst der Aktionsplan Maßnahmen der Stadtverwaltung zur Förderung von Vielfalt und Gleichstellung in den Handlungsfeldern Kultur, Bildung, Sport, Familie, Jugend, Soziales, Umwelt und Gesundheit.
Auch die Kinder- und Jugendhilfe ist aufgefordert, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt als selbstverständlichen Bestandteil einer vielfältigen Stadtgesellschaft zu berücksichtigen. Die Gewährleistung und Förderung von Chancengerechtigkeit, Partizipation und einer diskriminierungsfreien Entwicklung junger Menschen gehören dabei zu ihren zentralen Aufgaben.
Im Zuge der Fortschreibung des Aktionsplans „Queeres Nürnberg – Stark durch Vielfalt“ 2026 https://www.nuernberg.de/internet/menschenrechte/aktionsplan_2025.html hat das Jugendamt in Abstimmung mit Aktiven aus der Queeren Community, mit dem Menschenrechtsbüro und freien Trägern eigene Handlungsbedarfe festgelegt. In Folge wurden entsprechende Ziele und Maßnahmen formuliert. Diese beinhalten insbesondere zielgruppengerechte Information, Beratung und Unterstützung junger Menschen und ihrer Familien, die Qualifizierung von Fachkräften sowie die Weiterentwicklung bedarfsgerechter Angebote und Strukturen.
Zur Nachvollziehbarkeit dieser Planungen und ihrer Umsetzung werden in diesem Bericht zunächst aktuelle Lebenslagen und Herausforderungen queerer junger Menschen im Alltag dargestellt. Darauf aufbauend wird über die vom Jugendamt formulierten Maßnahmen sowie über den aktuellen Stand ihrer Umsetzung berichtet. Ergänzend folgen Zielsetzungen, die die Jugendhilfe über den Aktionsplan hinaus umsetzen möchte. Über die Arbeit mit queeren Jugendlichen und ihren Familien hinaus unterstützt die Jugendhilfe auch queere Eltern und Regenbogenfamilien (z. B. lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und nicht‑binäre Eltern; Adoptiv‑/Pflegefamilien) zum Beispiel in der Erziehungsberatung oder bei Adoptionsverfahren. Diese Aspekte werden in diesem Bericht nicht näher dargestellt.
Lebenslagen junger queerer Menschen
Geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung gehören zur Lebensrealität vieler Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener. Wissenschaftliche Untersuchungen sprechen von 15 bis 20 Prozent junger Menschen, die sich nicht ausschließlich als heterosexuell (und somit als lesbisch, schwul, bisexuell, queer oder einer anderen nicht-heterosexuellen Orientierung zugehörig) beschreiben. Die fachliche Auseinandersetzung und Beachtung dieser Themen und die Berücksichtigung ihrer Lebenslagen und Bedarfe stellen damit ein relevantes Handlungsfeld einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe dar.
Trotz einer insgesamt gestiegenen gesellschaftlichen Akzeptanz geschlechtlicher und sexueller Vielfalt erleben queere junge Menschen weiterhin Benachteiligungen und Belastungen. Unverständnis, Ablehnung, Ausgrenzung oder Anfeindungen können in unterschiedlichen Lebensbereichen auftreten, etwa in Schule und Ausbildung, im Freizeitbereich, im Gesundheitswesen, im familiären Umfeld oder im öffentlichen Raum. Gleichzeitig ist bundesweit eine Zunahme queerfeindlicher Äußerungen und Übergriffe zu beobachten. Der Anschlag in Berlin hat deutschlandweit große Betroffenheit ausgelöst, aber auch die an sich schon hohe Verunsicherung in der Szene nochmals erhöht.
Vor diesem Hintergrund kommt niedrigschwelligen Beratungs-, Bildungs- und Unterstützungsangeboten besondere Bedeutung zu. Queere junge Menschen benötigen verlässliche Ansprechpersonen und Angebote, die ihre Lebenslagen anerkennen und sie bei Fragen der Identitätsentwicklung, der sozialen Teilhabe sowie der Bewältigung von Konflikt- und Krisensituationen begleiten. Auch Eltern und weitere Familienangehörige haben häufig Bedarf an Information, Orientierung und Beratung. Für die Kinderund Jugendhilfe ergibt sich daraus der Auftrag, Angebote und Strukturen diskriminierungssensibel auszugestalten und die Teilhabe aller jungen Menschen zu fördern.
Zur Beschreibung der Lebenslagen queerer junger Menschen werden nachfolgend ausgewählte Aussagen des 17. Kinder- und Jugendberichts 2024 des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend/ BMFSFJ verwendet sowie Ergebnisse des Sozialberichts der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb 2024, der sich auch auf die bundesweite, bevölkerungsrepräsentative Befragung „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID:A) des Deutschen Jugendinstituts e. V. (DJI) aus dem Jahr 2019 beruft:
Die Lebenswelten queerer junger Menschen unterscheiden sich deutlich von denen cis-heterosexueller Jugendlicher und junger Erwachsener, die mit dem ihnen per Geburt zugewiesenen Geschlecht im Reinen sind. Der gesellschaftliche Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt prägt ihr Heranwachsen und ihre Entwicklung in völlig anderer Weise, als es queere junge Menschen erleben. Diese sind zusätzlich zu den alterstypischen Herausforderungen damit konfrontiert, dass ihre sexuelle Orientierung und / oder geschlechtliche Identität nicht der vorherrschenden gesellschaftlichen Norm entspricht. Hierbei ist das Erleben der jungen Menschen sehr heterogen und immer individuell. Lesbische oder schwule junge Menschen machen zum Beispiel andere Erfahrungen als trans oder nicht-binäre Jugendliche und junge Erwachsene, die sich mit ihrer spezifischen abweichenden Identität auseinandersetzen. Eltern stellen für queere junge Menschen neben Gleichaltrigen wichtige Bezugspersonen dar, stehen ihnen oft unterstützend und stärkend zur Seite. Andererseits fällt es Erziehenden manchmal schwer, die sexuelle Orientierung und/ oder geschlechtliche Identität ihrer Kinder zu akzeptieren. Auffällig ist, dass queere junge Menschen die Beziehung insbesondere zu Vätern und Großeltern häufig weniger positiv bewerten als cis-heterosexuelle Gleichaltrige. Damit übereinstimmend wird eine stärkere emotionale Distanz zu Familienangehörigen allgemein genannt, etwas weniger positiv das Familienklima und von mehr Reibereinen und Konflikten im familiären Alltag berichtet. Queere junge Menschen sind mit ihrer jeweils aktuellen Situation in Schule, Ausbildung, oder Studium und Arbeit mehrheitlich zufrieden. Dennoch wurden im Jahr 2023 Beratungsangebote und Hilfeleistungen der Berufsberatung, beziehungsweise die Nutzung von Arbeitsagentur oder Berufsinformationszentren mehr (33 %) als von cis-heterosexuellen jungen Menschen (20 %) in Anspruch genommen. In der Zufriedenheit mit der eigenen Wohnsituation liegen queere junge Menschen sichtbar hinter cis-Gleichaltrigen. Gründe sind z.T. das Unwohlsein in den elterlichen Räumen. Ziehen sie aus, erhalten sie teilweise weniger finanzielle Unterstützung aus dem Elternhaus. Zudem ist Wohnungssuche für sichtbar queere Personen noch schwieriger als angesichts der prekären Vermietungslage für junge Menschen allgemein.
Queere junge Menschen erfahren auf Grund ihrer Identität in ihrem Alltag oftmals Mobbing, Anfeindungen, Ausgrenzung, Bedrohung und körperliche Gewalt. Diese zum Teil regelmäßigen Erlebnisse können Traumata verursachen, die allein kaum zu bewältigen sind. Sie haben sich mit Themen auseinander zu setzen, die auf Grund ihrer sexuellen und geschlechtlichen Präferenzen gegeben und sehr belastend sein können, z.B. Fragen der Transition, von Personenstandsbekundungen etc. Die deutlich stärkere psychische Bürde queerer junger Menschen aufgrund ihrer Identität zeigt sich in ihrem erhöhten Beratungs- und Unterstützungsbedarf gegenüber cis-heterosexuellen Gleichaltrigen. Im Jahr 2023 liegt die Quote bei Kinder- und Jugendpsychotherapien bei 22 % versus 8 %. Offensichtlich wird die Disposition auch durch die Frage nach dem Gedanken an Selbstmord, den 47% der queeren jungen Menschen mit ja beantworten, vs. 17% der cis-heterosexuellen Gleichaltrige. Über die unterschiedlichen Aspekte der Lebenswelten junger Menschen hinweg teilen queere Jugendliche und junge Erwachsene viele jugendspezifische Themen und Interessen mit cis-heterosexuellen Gleichaltrigen. Beispiele sind der hohe Stellenwert von belastbaren Freundschaften und die große Bedeutung von digitalen Medien im Alltag. Spezifische Problemlagen ergeben sich für trans- und intergeschlechtliche Kinder und Jugendliche, die eine rechtliche und medizinische Angleichung ihres Geschlechtes vornehmen lassen wollen. Sie stehen gemeinsam mit ihren Personensorgeberechtigten vor größeren Herausforderungen, für die sie dringend medizinische, psychologische und juristische Fachkräfte finden müssen und begleitender Unterstützung bedürfen.
Diese Gegebenheiten können im Kontext der Jugendhilfe nicht ignoriert werden. § 1 des KJSG garantiert: „Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ und soll „…in der individuellen und sozialen Entwicklung gefördert, sowie Benachteiligungen vermieden oder abgebaut werden“.
Vor diesem Hintergrund hat das Jugendamt im Rahmen der Fortschreibung des Aktionsplans Queeres Nürnberg eigene Schwerpunkte und Maßnahmen formuliert, mit denen die gesetzlichen Anforderungen der Kinder- und Jugendhilfe konkret umgesetzt werden. Die Mitwirkung an der Weiterentwicklung des Aktionsplans war für das Jugendamt selbstverständlich. Die Förderung von Chancengerechtigkeit, Teilhabe und einer diskriminierungsfreien Entwicklung aller jungen Menschen ist ein zentrales Anliegen der Kinder- und Jugendhilfe. Das Jugendamt unterstützt daher die Zielsetzungen des Aktionsplans ausdrücklich und bringt die fachliche Expertise aktiv in dessen Umsetzung ein. Die im Folgenden dargestellten Maßnahmen verstehen sich als Beitrag zu einer bedarfsgerechten Jugendhilfe, die die Vielfalt junger Menschen anerkennt und stärkt.
Maßnahmen der Jugendhilfe im Aktionsplan Queeres Nürnberg - Planung und Umsetzung
Der Maßnahmenkatalog des Aktionsplans Queeres Nürnberg umfasst insgesamt neun zentrale Handlungsfelder. Für den Bereich „Kindheit, Jugend und Familie“ wurden aus Sicht der Jugendhilfe insbesondere Maßnahmen zur Sensibilisierung pädagogischer Fachkräfte, zur stärkeren Sichtbarkeit queerer Lebensrealitäten in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen sowie zur Förderung von Akzeptanz und Teilhabe junger queerer Menschen vorgesehen. Ziel ist es, Diskriminierungen entgegenzuwirken und Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein sicheres, unterstützendes und diskriminierungsfreies Aufwachsen zu ermöglichen.
Im Folgenden werden die für das Handlungsfeld „Kindheit, Jugend und Familie“ vorgesehenen Maßnahmen sowie deren bisheriger Umsetzungsstand dargestellt.
Maßnahme „Aufklärungsangebote für Eltern zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt durch Fach-
kräfte aus der queeren Arbeit“ - Aufklärung von Eltern über Informationsveranstaltungen in Familien-
bildungsstätten in Kooperation mit Kindertageseinrichtungen und ggf. in weiteren Bildungseinrichtun-
gen.
Umsetzungsstand im Bereich Kindertagesstätten
Im Bereich der Kindertageseinrichtungen laufen die Abstimmungen zur stärkeren Zusammenarbeit von Kitas und Familienbildung bei Fragen geschlechtlicher und sexueller Vielfalt. Zudem werden in Kooperation mit Fliederlich e. V. Fortbildungsangebote für pädagogische Fachkräfte vorbereitet. Damit werden die Voraussetzungen geschaffen, um künftig auch Informations- und Aufklärungsangebote für Eltern zu queeren Themen in Zusammenarbeit mit Familienbildungsstätten und Kindertageseinrichtungen umzusetzen.
Maßnahme „Richtlinien für Unterbringung in Not-/Unterkünften der Kinder- und Jugendhilfe“ - Klärung
von Umgang und Unterbringung von trans*, inter* und nicht binären Personen in Not-/ Unterkünften
der Kinder- und Jugendhilfe.
Umsetzungsstand in den Sozialen Diensten, Erzieherischen und Wirtschaftlichen Jugendhilfen Richtlinien für Unterbringung in Not-/Unterkünften der Kinder- und Jugendhilfe - Queere, Transgender Jugendliche, homosexuelle Jugendliche, die einen Bedarf an stationärer Hilfe zur Erziehung haben, kommen bereits regelmäßig in den Nürnberger Einrichtungen unter und erhalten eine passgenaue und kompetente Unterstützung in ihrer Entwicklung. In der Arbeitsgemeinschaft des Jugendamtes mit den freien Trägern in Nürnberg (AG § 78 SGB VIII HzE) wurde bereits vor einigen Jahren dazu der Austausch gesucht und trägerübergreifend Schulungs- und Unterstützungsangebote verabredet.
Maßnahme „Aufklärung von Kindern und Jugendlichen zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt
durch Fachkräfte aus der queeren Arbeit.“ Workshops zu sexueller & geschlechtlicher Vielfalt in Bil-
dungs- und Jugendeinrichtungen
Umsetzungsstand in der Offene Kinder- und Jugendarbeit
profamilia ermöglicht im Rahmen von geschlechtssensibler Prävention in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit Informationsveranstaltungen für Jugendliche zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt.
Darüber hinaus finden einzelne Angebote in Einrichtungen oder bei Veranstaltungen statt, zuletzt im Rahmen der Veranstaltung N – Joy im Kontext der Pride Weeks.
Maßnahme: „Eigenes Informationsmaterial der Stadt Nürnberg zum Thema geschlechtliche und sexu-
elle Vielfalt“ - Erstellung einer Broschüre für junge Menschen, in Kooperation mit Fliederlich e.V.
Umsetzungsstand
Aktuell entsteht in Zusammenarbeit der Offenen Kinder- und Jugendarbeit mit Fliederlich e.V. eine eigene Informationsbroschüre zum Thema geschlechtliche und sexuelle Vielfalt „Infos & Praxistipps für Queers & Freund*innen“. Die primäre Zielgruppe sind junge Menschen. Eltern, Fachkräfte und andere Interessierte sollen ebenso angesprochen werden. Die Veröffentlichung ist für Ende 2026 geplant.
Maßnahme: „Zur Verfügung stellen von Materialien zur Aufklärung zu geschlechtlicher und sexueller
Vielfalt“ - Bücher und Materialien, die Vielfalt in der Gesellschaft abbilden, für Kitas, Schulen und öf-
fentliche Einrichtungen zur Verfügung stellen.
Umsetzungsstand: Offene Kinder- und Jugendarbeit
Die Umsetzung der Maßnahme wird zunächst im Arbeitsfeld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit begonnen. In Zusammenarbeit mit Fliederlich werden geeignete Bücher und Materialien, die geschlechtliche und sexuelle Vielfalt sichtbar machen, zusammengestellt und mit Einrichtungen der Jugendarbeit auf ihre Praxistauglichkeit geprüft. Aufbauend auf diesen Erfahrungen sollen mittelfristig ausleihbare Materialkisten sowie Materiallisten entwickelt werden. Die in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit gewonnenen Erkenntnisse und erprobten Materialien können anschließend schrittweise auch in weiteren Einrichtungen und Arbeitsfeldern, insbesondere in Kitas, Schulen und anderen pädagogischen Kontexten, eingesetzt werden.
Maßnahme: „Freizeitangebote für queere Jugendliche“ – Einrichtungen gezielt für queere junge Men-
schen öffnen, bewerben, niedrigschwellige Zugänge und offenes Setting für queere Personen schaf-
fen, freizeitpädagogische, jugendkulturelle, medienpädagogische, schulbezogene, Bildungs- und
Sportangebote für queere Personen konzipieren und gewährleisten. Gezielt gemeinsam Programm
und Projekte für und mit queeren und nicht queeren jungen Menschen planen und umsetzen
Die Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit stehen grundsätzlich allen jungen Menschen offen. Ziel ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich auch queere Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene willkommen fühlen, Unterstützung und Beratung erhalten können sowie Diskriminierungen und Ausgrenzungen aktiv thematisiert und entgegengewirkt wird. Die Förderung von Akzeptanz und Vielfalt ist dabei Querschnittsaufgabe aller Einrichtungen.
Darüber hinaus haben sich vier Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit mit besonderen Angeboten und Schwerpunkten für queere junge Menschen etabliert. Hier finden regelmäßig thematische Angebote statt. Ende Juli 2026 wurde ein Aktionstag zu queeren Themen im Kontext der Pride Week für queere junge Menschen & Freund*innen und Interessierte gefeiert, vorbereitet von Mitarbeiter*innen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zusammen mit Fliederlich. Am Umzug des CSD 2026 war ein Wagen eines Jugendtreffs, begleitet von Mitarbeiter*innen verschiedener Einrichtungen dabei; Angebote wie DJing fanden im Vorfeld statt. Im Rahmen des MädchenSportProjektes FLOW sind ein Schwimmkurs und weitere Angebote für queere, weiblich-gelesene Personen angedacht, u.a. ein Sport- Aktionstag.
Auch freie Träger, wie der Kreisjugendring Nürnberg-Stadt bieten Angebote für queere junge Menschen an, z.B. Musikveranstaltungen oder Skatekurse der LUISE.
Weitere Zielsetzungen der Jugendhilfe
Die im Aktionsplan verankerten Maßnahmen greifen bereits bestehende und weitere geplante fachliche Zielsetzungen der Jugendhilfe auf. Ergänzend hierzu werden Angebote und Maßnahmen umgesetzt, die zur Förderung von Akzeptanz und Teilhabe beitragen, Diskriminierungen abbauen sowie Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und ihre Familien unterstützen.
Maßnahme: Sensibilisierung von Fachkräften der Jugendhilfe zu den spezifischen Lebenslagen quee-
rer Menschen sowie Stärkung der Handlungssicherheit im Umgang mit Fragen geschlechtlicher und
sexueller Vielfalt.
Umsetzungsstand: Die Sensibilisierung von Fachkräften für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt ist eine Querschnittsaufgabe der Jugendhilfe. Ziel ist es, Fachkräfte bei der Begleitung queerer Kinder, Jugendlicher, junger Erwachsener und ihrer Familien zu unterstützen sowie diskriminierungssensibles Handeln in den Angeboten der Jugendhilfe zu stärken. Im Rahmen der finanziellen und personellen Möglichkeiten werden hierzu möglichst passgenaue Fortbildungsangebote umgesetzt. Entsprechende Inhalte wurden bereits von der Fachstelle PEF:SB/ Personalentwicklung und Fortbildung für soziale Berufe des Sozialreferats aufgegriffen. Darüber hinaus sind weitere Fortbildungs- und Sensibilisierungsangebote für Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit geplant.
Maßnahme: Qualifizierte Beratungs- und Anlaufstellen für queere junge Menschen sowie deren Fami-
lien bereitstellen
Umsetzungsstand: Erziehungs- und Familienberatungsstellen
Erziehungs- und Familienberatungsstellen bieten niedrigschwellige Anlaufstellen für alle Nürnberger Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern, und möchten mit ihren Angeboten auch ein Ort sein, an dem sich Familien, in deren Alltag queere Themen eine Rolle spielen, gut aufgehoben und kompetent beraten fühlen können. Fortlaufend vertiefen die Fachkräfte der Erziehungs- und Familienberatungsstellen durch spezifische Fortbildungen zu Themen von LSBTIQ* ihr Wissen. So nahmen die Fachkräfte an diversen Veranstaltungen zum Thema Queeres Leben, Selbstbestimmungsgesetz (SBGG), sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, sowie Intersexualität teil.
Eine Fachkraft der städtischen Erziehungs- und Familienberatung ist seit November 2025 in einer intensiven Zusammenarbeit mit der Queer-Beratung bei „Fliederlich e.V.“. Die Kooperation findet auf verschiedenen Ebenen statt: Kollegiale Beratung, Fachaustausch über die neuesten Entwicklungen, gemeinsame Beratung von queeren Sorgeberechtigten (z.B. Veränderungen in der Elternrolle nach Transition, Unterstützung bei der kindgerechten Begleitung und Gestaltung der neuen Familienkonstellation u.a.); Beratung im Co-Beratungssetting in den Räumen von „Fliederlich e.V.“, wenn die Sorgeberechtigten in der Queer-Beratung angebunden sind.
Umsetzungsstand: Soziale Dienste, Erzieherische und Wirtschaftliche Jugendhilfe
Kontaktpersonen beim ASD für Fliederlich e.V. und ggf. andere Vereine bzw. Personen sind auch die Mitarbeitenden in der Jugendberufsagentur bzw. im Projekt careleaver. Fliederlich e.V. wurde entsprechend informiert. Die Mitarbeitenden im ASD und der Jugendberufsagentur stehen dem Verein sowohl einzelfallbezogen wie auch für grundsätzliche Fragen der Zusammenarbeit zur Verfügung. Letzteres kann beispielsweise die Anwesenheit bei Gruppenveranstaltungen des Vereins der Fall sein, wenn es darum geht über Angebote und Leistungen Jugendhilfe zu informieren. Durch die niedrigschwellige Einbindung der Jugendberufsagentur (als Teilorganisation des ASD) soll auch Bedenken begegnet werden, die Einbindung des ASD könne in Beratungsprozessen im Zusammenhang mit dem staatlichen Wächteramt kontraproduktiv sein. Wie sich diese neu vereinbarte Zusammenarbeit zwischen Verein und der Jugendberufsagentur in der Praxis mit Leben füllen wird bleibt abzuwarten, um ggf. auch die Unterstützung des Vereins und seiner Beratungsklientel noch weiter zu entwickeln.
Umsetzungsstand: Jugendberufshilfe
Positiv hervorzuheben ist die zunehmende Sensibilisierung von Fachkräften sowie die stärkere Sichtbarkeit queerer Themen in der Jugendberufshilfe. Das Projekt KIT-Keep in Touch, durchgeführt von der Noris-Arbeit (NOA) gGmbH und koordiniert von der Jugendberufshilfe beim Jugendamt Nürnberg, befasst sich in der Beratungs- und Fallarbeit kontinuierlich auch mit den Bedarfen queerer junger Menschen. Durch eine fortlaufende Vernetzung mit genderspezifisch arbeitenden Beratungsstellen in Nürnberg erwerben Fachkräfte Grundkompetenzen zu Genderwissen und Gendersensibilität. Zudem wird die Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen gestärkt, um gezielt an passende Fachstellen zu vermitteln und junge Menschen auf ihrem Weg der Identitätsfindung zu beraten und zu begleiten. Im Forum Jugendberufshilfe im Herbst 2026 widmen sich zwei Workshops gezielt den Themen queersensibles Arbeiten sowie den Belastungen und Unterstützungsmöglichkeiten für queere Menschen im Arbeitsleben. Darüber hinaus steht die gendersensible Beratung im Fokus. Fachkräfte aus unterschiedlichen Institutionen im Übergang-Schule Beruf erhalten dadurch die Möglichkeit, ihre Beratungskompetenzen praxisnah zu vertiefen und weiterzuentwickeln.
Maßnahme: Vernetzung, fachlicher Austausch und Weiterentwicklung queersensibler Angebote in
der Kinder- und Jugendarbeit fördern.
Umsetzungsstand: Offene Kinder- und Jugendarbeit
Zur fachlichen Weiterentwicklung queersensibler Angebote besteht innerhalb der Offenen Kinderund Jugendarbeit eine eigene Arbeitsgruppe „Queere Angebote“. Diese befasst sich mit aktuellen fachlichen Fragestellungen und entwickelt Ansätze für deren praxistaugliche Umsetzung in den Einrichtungen. Die Arbeitsgruppe wird durch die hauptamtliche Fachkraft von Fliederlich e. V. fachlich begleitet und beraten.
Darüber hinaus engagiert sich die Offene Kinder- und Jugendarbeit in regionalen Vernetzungsstrukturen. Auf Initiative von Fliederlich e. V. wurde ein Arbeitskreis für Fachkräfte aus der Region Nürnberg, Fürth, Erlangen, Schwabach und weiteren Kommunen eingerichtet. Dieser dient der Qualifizierung, dem fachlichen Austausch, der Weitergabe von Informationen, der gegenseitigen Unterstützung sowie der gemeinsamen Entwicklung und Nutzung von Ressourcen und Angeboten.
Perspektiven für die nachhaltige Umsetzung und Weiterentwicklung des Aktionsplans
Angesichts gesellschaftlicher Herausforderungen gewinnt die Stärkung bestehender Strukturen und Regelangebote für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und ihre Familien zunehmend an Bedeutung. Ziel ist es, vorhandene Angebote der Jugendhilfe so weiterzuentwickeln, dass sie niedrigschwellig, bedarfsgerecht und für unterschiedliche Lebenslagen zugänglich sind. Dabei stehen die Förderung von Teilhabe, die Prävention von Benachteiligungen, der Schutz vor Diskriminierung sowie die Unterstützung eines gelingenden Aufwachsens im Mittelpunkt. (vgl. 17. Kinder- und Jugendbericht des BMFSFJ 2024).
Die Verwaltung sieht hierin eine wichtige Zukunftsaufgabe der Kinder- und Jugendhilfe. Um gesellschaftlichen Gegebenheiten und sich verändernden Bedarfslagen gerecht zu werden, wird es auch künftig erforderlich sein, fachliche Kompetenzen weiterzuentwickeln, bestehende Angebote zu überprüfen und bedarfsgerecht fortzuschreiben. Dies gilt insbesondere für die zielgruppengerechte Ausgestaltung von Angeboten für junge Menschen in ihrer Vielfalt sowie für die kontinuierliche Bemühungen für eine diskriminierungssensible und inklusive Jugendhilfe.
Die bisherigen Erfahrungen in der Umsetzung des Aktionsplans Queeres Nürnberg sowie die kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen dem Jugendamt Nürnberg und Fliederlich e.V. zeigen, dass die bestehenden Angebote einen wichtigen Beitrag zur bedarfsgerechten Unterstützung queerer junger Menschen und zur fachlichen Weiterentwicklung der Jugendhilfe leisten. Gleichzeitig lässt sich beobachten, wie die Nachfrage nach Beratungs-, Unterstützungs- und Vernetzungsangeboten für queere junge Menschen sowie nach fachlicher Begleitung von Einrichtungen und Fachkräften weiterhin hoch ist und in einzelnen Bereichen zunimmt.
Vor diesem Hintergrund wird die Verwaltung die weitere Entwicklung der Bedürfnisse junger Menschen und die Inanspruchnahme bestehender Angebote fortlaufend beobachten. Dabei wird insbesondere zu prüfen sein, ob die vorhandenen personellen und strukturellen Ressourcen künftig ausreichen, um die Ziele des Aktionsplans sowie die bedarfsgerechte Unterstützung queerer junger Menschen nachhaltig sicherzustellen. Ebenso werden bei Bedarf neue Angebote zu entwickeln sein bzw. bestehende Angebote angepasst werden.
Die Kooperation der kommunalen Jugendhilfe mit der Queeren Community und freien Träger stellt hierfür weiterhin eine wichtige Grundlage dar. Sie ermöglicht fachliche Expertise, kurze Abstimmungswege und einen niedrigschwelligen Zugang zu Unterstützungsangeboten.
Die Verwaltung wird die Entwicklungen im Rahmen der weiteren Umsetzung des Aktionsplans begleiten und den Ausschuss bei Bedarf über sich abzeichnende fachliche, strukturelle oder ressourcenbezogene Handlungsbedarfe informieren.